Kapitel 18

Belle stellte schnell fest, dass NovaTech und das Rudelhaus zwei völlig verschiedene Universen waren. Morgens saß sie mit Cade am langen Küchentisch. Nora plapperte über Kräuter und Schulprojekte, Elias studierte schweigend ein Tablet, Connor und Reed diskutierten hitzig über irgendein Trainingsmatch, und Malia tauchte regelmäßig auf, stellte Belle ungefragt eine Kräutermischung hin und erklärte nüchtern: „Gegen innere Unruhe. Menschen speichern zu viel im Kopf.“
Abends saßen sie im Kaminzimmer, während Mae unermüdlich darauf bestand, Belle „gesund zu mästen“, wie sie es nannte. Belle hatte aufgehört zu protestieren — die Frau gewann jede Schlacht.
Tagsüber war Belle Anwältin in einem völlig anderen Biotop — unter Neonlicht, Kaffeeduft und Tastaturgeräuschen. Merle und David wurden zu ihrem kleinen, effizienten Dreieck:
Merle — analytisch, lakonisch, immer einen Schritt voraus.
David — chaotisch, genial, koffeinbetrieben.
Der Weg zur Arbeit verlief meistens in angenehmem Schweigen. Cade öffnete ihr Türen, legte ihr manchmal kommentarlos den Mantel um die Schultern („Draußen ist es kälter als du denkst“), stellte ihr im Auto Kaffee hin („Du wirst nervös, wenn du nichts trinkst“), und fuhr dann los, ohne aus alltäglichen Gesten große Erklärungen zu machen.
Im Büro übernahm Belle schnell die Rolle der strukturellen Ordnungsmacht. Sie prüfte Verträge bis ins Kleingedruckte, korrigierte Formulierungen, verhandelte mit Partnerkanzleien und räumte Missverständnisse mit chirurgischer Präzision aus dem Weg. David kommentierte eines Tages beim fünften Kaffee:
„Du bist der Endgegner aller Vertragsverletzungen. Wenn ich mal Mist baue, werde ich dich niemals als Gegenpartei akzeptieren.“
Belle nahm es als Kompliment, und genau so war es gemeint.
Mit Merle führte sie jene Gespräche, die im Büro erlaubt waren: persönlich, aber nicht privat. Am Kopierer fragte Merle eines Morgens beiläufig, ohne vom Ausdruck aufzusehen:
„Wohnen du und der Chef… im selben Gebäude oder im selben Zimmer?“
Belle hielt inne. „Im selben Zimmer.“
Merle verschluckte beinahe den Kaffee, aber setzte nur die Brille gerade. „Und schläfst du mit dem Chef?“
„Ich schlafe im selben Bett wie mein Chef,“ antwortete Belle nüchtern.




David musste sich kurz abwenden und atmete in den Ärmel, um nicht laut zu lachen. Belle blieb äußerlich ruhig — sie hatte gelernt, dass Wahrheit oft die effizienteste Antwort war.
Zwischen ihr und Cade entwickelte sich indessen ein stilles, unausgesprochenes Ritual. Abends im Schlafzimmer küssten sie sich — manchmal langsam, manchmal impulsiv — und danach legte er sich hinter sie, eine Hand an ihrer Hüfte, sein Atem warm an ihrem Nacken. Es war keine offene Körperlichkeit, sondern eine Nähe, die sprach, ohne Worte zu benutzen. Und Belle spürte den fein dosierten Druck seiner Selbstbeherrschung, wenn er sich nach einem Moment löste und zur Ruhe kam. Sie wusste, dass ihre eigene Fassade bröckelte. Sie wusste auch, dass er es wusste.
Am Wochenende wurde das Rudelhaus langsamer. Nora zeigte Belle, wie man Kräuter sortiert und trocknet, Malia erklärte die medizinische Pflanzenkunde ohne übernatürlichen Kontext, und Belle erklärte Nora juristische Grundbegriffe. Nach fünf Minuten stöhnte Nora:
„Belle, das sind zu viele Wörter. Zu viele. Wenn ich das alles lernen müsste, würde ich mich absichtlich verletzen, damit Malia mich exempt.“
Belle lachte, und Cade, der am Türrahmen stand und zusah, lächelte kaum sichtbar. Er hörte mehr, als er sagte — besonders wenn es um Belle ging.
In diesen Tagen kam Belle jedoch an einen Punkt, an dem etwas anderes drängender wurde als Arbeitsalltag, Rudelhaus und Kussrituale: Livia.
Es begann während einer Autofahrt nach Hause. Cade fuhr die Auffahrt hinauf, die Reifen knirschten im Schnee, das Herrenhaus glänzte warm zwischen den Bäumen. Belle sah aus dem Fenster, dann sagte sie ruhig, aber nicht vorsichtig:
„Ich möchte Livia sehen.“
Cade antwortete nicht sofort. Er parkte, ließ den Motor laufen und drehte sich dann halb zu ihr, die Hand am Lenkrad.
„Nicht jetzt.“
„Das ist keine Antwort,“ sagte Belle. „Sie ist nicht… irgendwer. Sie ist meine beste Freundin. Ich weiß nicht mal, ob es ihr gut geht.“
„Ihr geht es gut,“ antwortete Cade. „Kael kümmert sich um sie.“
Belle musterte ihn. „Das weiß ich nicht. Ich habe ihre Stimme nicht gehört.“
„Das Rudel hat eigene Regeln.“
„Ich bin nicht in ihrem Rudel,“ sagte Belle. „Ich bin nicht einmal in deinem. Ich bin einfach hier — ohne meine Leute, ohne Livia. Ich verlange nicht, dass du mich gehen lässt. Ich verlange nur einen Anruf.“




Cade schwieg einen Moment. Es war kein Schweigen aus Trotz — eher aus Überprüfung.
„Und wenn sie dich bittet zu kommen?“ fragte er schließlich. „Wenn sie sagt: ‚Belle, komm her‘? Was dann?“
Belle hielt seinem Blick stand. „Dann atme ich durch und denke nach. Und wenn ich entscheide, dass ich bleiben will, dann bleibe ich — und nicht, weil du gesagt hast, dass ich muss.“
Das traf. Nicht hart. Aber präzise.
„Ich könnte sie sehen,“ fügte Belle leiser hinzu. „Oder nur hören. Nur zwei Minuten. Ich will wissen, dass sie wirklich frei ist.“
Cade sah wieder nach vorn, atmete lange durch. Er war knapp davor nachzugeben. Sie sah es an der Art, wie seine Hand sich verspannte, an der Linie seines Kiefers, an dem leichten Ausatmen, das er nicht kontrollierte.
„Ich überlege es,“ sagte er schließlich.
Es war keine Zustimmung. Aber Cade Bennetts „Ich überlege“ war näher an einer Zusage als das „Ja“ anderer Männer. Belle akzeptierte es — nicht weil sie zufrieden war, sondern weil sie wusste, dass Drängen den Gegeneffekt erzeugen würde.
Die neue Normalität setzte ein. Belle arbeitete weiter im Büro, und Cade erschien zwischendurch ohne Ankündigung — stellte einen Tee ab, kontrollierte beiläufig ihre Haltung, ignorierte das Getuschel der Belegschaft vollständig.
Bis an einem Dienstag um 10:47 Uhr die Vergangenheit nicht anrief, sondern einfach durch die Tür kam.
Belle arbeitete über einer Klauselanalyse, Merle schrieb demütigende Mails an einen sturen Investor, David suchte seinen sechsten Kaffee, als plötzlich Stimmen im Flur auftauchten — Stimmen, die Belle überall erkannt hätte.
„Evelyn, bitte, benimm dich—“ „Ich benehme mich, wie ich will.“ „Das ist NovaTech… beeindruckend.“ „Halt den Mund, Aria, bitte.“
Sebastians Stimme war dazwischen — kontrolliert, höflich. Belle fror innerlich für einen Sekundenbruchteil.
Merle sah auf. David auch. Und dann sahen sie Belle.
Sebastian trat als Erster in Sicht — Anzug, Aktenmappe, teures Auftreten. Dahinter ihr Vater, steif und korrekt. Evelyn in Designerpanzerung, Aria am Schluss mit einem schüchternen, vorsichtigen Lächeln.
Sebastian erstarrte, als er Belle sah. Sein Gesicht veränderte sich deutlich, als hätte ihn die Vergangenheit am Kragen gepackt.




„Belle?“
Seine Stimme war weich. Zu weich.
Belle sah ihn an. Kühl. Gelassen. „Sebastian.“
Merle flüsterte, ungeniert: „Nein… nein… oh mein Gott, das ist pures Drama.“
Evelyn trat sofort vor. „Isabella—“
„Belle,“ korrigierte sie. „Isabella nennt man Menschen, die man beleidigen oder beerdigen möchte.“
David verschluckte sich am Kaffee.
Aria hingegen strahlte vorsichtig. „Belle… ich—“
Belle sah sie an — und fühlte etwas Warmes. Aria sah gesund aus. Und Belle wusste diesmal mit völliger Klarheit, dass Aria niemals mit Sebastian geschlafen hatte. Nun wusste sie auch das es ein kranker Gestanldwandler gewesen war. Hätte Aria es getan, könnte sie Belle nicht so ansehen. Und Belle war erleichtert — und dankbar.
Ihre Vergangenheit stand vor ihr — formell, korrekt, unangekündigt.
Und Belle war nicht das Mädchen, das damals gegangen war.
Nicht mehr.

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