Kapitel 19
Cade war auf dem Weg zum Konferenzraum, als Elias ihm im Flur entgegenkam. Nur ein kurzer Blick wurde gewechselt – aber Elias’ Miene verriet genug, um Cade aufzuschrecken. Elias war sonst unerschütterlich. Wenn sein Ausdruck sich veränderte, bedeutete das etwas.
„Besuch für Legal,“ sagte Elias beiläufig, doch seine Augen sagten: Das wird kein normaler Termin.
Cade nickte, atmete einmal ruhig durch und öffnete die Tür zum Konferenzraum.
Was er vorfand, war zunächst eine rein geschäftliche Szene: Ein langer Konferenztisch aus dunklem Holz, Notebooks, Wasserkaraffen, ein Display im Hintergrund — und vier Menschen auf der einen Seite des Tisches, während Belle auf der anderen stand, Ordner vor sich, Haltung aufrecht, kontrolliert.
Einen Herzschlag lang dachte er, es handele sich um irgendein externes Audit, vielleicht um Partnerverhandlungen oder eine Investorenrunde.
Bis einer der Männer auf Cade zuging, ihm die Hand reichte und sagte:
„Herr Bennett. Sebastian Rowe. Partner der Kanzlei Rowe & Keller, externe juristische Vertretung von Carter Industries.“
Cade erwiderte den Händedruck — ruhig, fest, neutral. Doch Sebastian Rowe hielt den Blickkontakt nicht bei ihm. Stattdessen glitt sein Blick an Cade vorbei, direkt zu Belle. Und in diesem Blick lag etwas, das Cade sofort erkannte: Überraschung. Verlust. Und… Besitzanspruch.
„Das hier sind meine Klienten,“ fuhr Sebastian fort und trat beiseite. „Evelyn Carter, Charles Carter und ihre Tochter Aria Carter. Meine Verlobte.“
Das letzte Wort kam stockend, als würde es ihm körperliche Mühe bereiten. Aria, die junge Frau zwischen Evelyn und Charles, senkte bei diesem Titel sichtbar den Blick. Cade bemerkte das Reflexflackern. Und Belle stand daneben wie eingefroren — konzentriert, aber steinern.
Die drei stellten sich nacheinander vor.
„Charles Carter, CEO Carter Industries.“
„Evelyn Carter, Aufsichtsrat und private Holding.“
„Aria Carter, Forschung & Entwicklung.“
Und dann hörte Cade es — das kaum merkliche Einatmen von Belle, ein glatter, leiser Schnitt durch die Stille. Kein Laut aus Schmerz, kein Schockton — eher das Einziehen von Luft, wenn man sich innerlich auf etwas vorbereitet.
Charles räusperte sich, sah Belle an, als wäre sie eine Mitarbeiterin — nicht seine Tochter — und sagte mit einem Ton aus diplomatischer Kühle:
„Wir freuen uns, die Angelegenheit heute mit… meiner Tochter zu klären.“
Der Satz landete hart im Raum. Er klang nicht familiär. Er klang, als würde man ein Problem deklarieren.
Cade brauchte keinen analytischen Sprung, um zu verstehen, was vor ihm stand. Ihre Körperhaltung, die Anrede, selbst das Schweigen — alles machte plötzlich Sinn. Belle war nicht nur zufällig juristische Gegenseite.
Belle war eine Carter.
Und Cade fühlte, wie in ihm etwas tief und uralt die Krallen ausfuhr.
Belle ließ weder Überraschung noch persönliche Reaktion zu. Stattdessen klappte sie ihren Ordner auf, legte einen Stift bereit und antwortete mit der Professionalität eines Volljuristen:
„Belle Carter. Juristische Vertretung von NovaTech.“
Sebastian Rowe starrte sie an, als hätte er die Fähigkeit verloren, Sprache richtig zu benutzen. Aria dagegen flüsterte — kaum hörbar, brüchig, echt:
„Du lebst… ich habe mir Sorgen—“
Evelyn schnitt ihrer Tochter sofort das Wort ab, mit scharfer Stimme und einem Blick, der keine Widerrede duldete.
„Aria. Das reicht.“
Dann wandte sie sich wieder Belle zu, zog die Lippen zu einem dünnen, falschen Lächeln und sagte:
„Das ist eine… interessante Art, sich wiederzusehen, Isabella.“
Belle hob nur den Kopf. Keine Mimik, keine Schwäche.
„Das hier ist eine geschäftliche Besprechung,“ sagte sie schlicht.
Und genau in diesem Moment war Cade fertig mit der neutralen Distanz.
Er trat näher heran, nicht hastig, nicht gewaltsam, aber mit einer ruhigen Endgültigkeit. Seine Hand glitt an Belles unteren Rücken — nicht zur Zierde, sondern als klare, sichtbare Markierung.
Es war kein zärtliches Streicheln. Es war ein Statement.
Aria sah es. Sebastian sah es. Evelyn erstarrte. Charles’ Mundwinkel zuckte. Und Belle selbst schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen, als müsse sie bei zehn anfangen.
„Cade,“ murmelte sie warnend. „Wir sind hier, um—“
„—zu verhandeln,“ beendete er ruhig. „Ich weiß.“
Doch seine Hand blieb, fest und warm, an ihrem Rücken.
Sebastian versuchte, sich zu sammeln. Sein Ton war immer noch höflich, aber die Stimme war angespannt:
„Rein rechtlich… ist unser Ziel, die Vertragsverletzung zwischen Carter Industries und NovaTech zu klären. Wir gehen davon aus, dass aufgrund familiärer Umstände—“
Belle lachte trocken. Nicht fröhlich. Nicht erleichtert. Sondern wie jemand, der eine Narbe antasten musste, um zu prüfen, ob sie noch brannte.
„Familie?“ fragte sie leise. „Ihr habt mich vor einem Jahr rausgeworfen.“
Aria atmete scharf ein. „Es tut mir leid. Ich—“
„Aria,“ schnitt Evelyn ihr erneut das Wort ab. „Du hast nichts falsch gemacht, mein Schatz. Du kannst nichts dafür, dass sie keinen Mann halten kann.“
Belle zuckte — ganz leicht — unter Cades Hand.
Und das war der Moment, in dem Evelyn eindeutig gewonnen glaubte.
Doch bevor Evelyn weitersprechen konnte, beugte sie sich elegant nach vorn und sagte:
„Wir wollen nun keine schlafenden Hunde wecken. Aria wird sich so lange um sie kümmern, während die Juristen—“
„Cade,“ unterbrach Cade ruhig. „Cade Benett. Und Belles Ehemann.“
Die Stille danach war absolut.
Sebastian blinzelte. Aria riss die Augen auf. Charles schnappte hörbar nach Luft. Evelyns Lächeln zerbrach in der Mitte. Belle selbst erstarrte — komplett.
„Ehemann?“ wiederholte Evelyn, als hätte sie sich verhört. „Wann genau—“
„Spielt keine Rolle,“ sagte Cade. „Relevant ist nur, dass Belle unter meinem Namen und meinem Schutz steht.“
Sebastians Stimme klang, als wäre er durch Glasscherben gegangen.
„Belle… du bist—“
„Ich bin ihre juristische Gegenseite, Sebastian,“ sagte Belle nüchtern. „Und wir beginnen jetzt.“
Sie setzte die Brille auf, blätterte im Ordner und fuhr fort:
„Carter Industries hat gegen Artikel 12.3 und 14.7 der Liefervereinbarung verstoßen. Wir beginnen mit Punkt eins: Lieferverzug und Vertragsstrafe.“
Charles schnaubte abwertend. „NovaTech wird diese Kleinigkeit doch nicht zu ernst nehmen.“
Belle hob den Kopf und sah ihn direkt an.
„Sie haben Lieferketten sabotiert, weil Sie einen besseren Preis von WestRail erzwingen wollten. Das ist kein Versehen. Das ist Vertragsbruch.“
Sebastian hob beschwichtigend die Hände. „Wir möchten einen fairen Lösungsweg—“
„Fair wäre gewesen, den Vertrag nicht zu verletzen,“ entgegnete Belle scharf.
Cade lehnte sich zufrieden in den Stuhl zurück. Er hatte selten etwas so Attraktives gesehen, wie Belle, die ihre Stimme als Waffe nutzte.
Evelyn beugte sich vor.
„Du klingst wie ein Feind, Isabella.“
„Belle,“ sagte Cade, bevor Belle antworten konnte. „Und sie ist keine Feindin. Sie ist korrekt.“
Er sah Evelyn an — lang, ruhig, tödlich still.
„Und Belle gehört zu mir.“
Diesmal war es kein beiläufiger Besitzanspruch.
Es war ein endgültiger.
Belle blies hörbar Luft aus, irritiert — aber nicht zurückweichend.
Sebastian sammelte sich mühsam. „Belle… warum hast du nie—“
„Weil es keine Rolle spielt,“ unterbrach sie.
Ein Treffer.
Aria senkte den Kopf. Evelyn verzog verächtlich die Lippen. Charles sah plötzlich sehr alt aus.
Cade faltete ruhig die Hände.
„Wir können so weitermachen,“ sagte er, „oder Carter Industries stellt eine formelle Entschuldigung und Kompensationszahlung in Aussicht. Entscheiden Sie.“
Charles richtete sich auf. „Wir verhandeln.“
„Gut,“ antwortete Belle. „Dann beginnen wir jetzt.“
Cade sah sie an, sah ihre Schultern gerade, ihren Blick klar, ihre Stimme ungebrochen.
Er sah eine Frau, die einmal alleine gestanden hatte — und jetzt nicht mehr musste.
Und er wusste, ohne Zweifel:
Wenn irgendjemand in diesem Raum heute verlor —
dann nicht Belle.
Nicht mehr.






























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