Kapitel 21

Die Heimfahrt verlief nicht in Ruhe, sondern in einem Schweigen, das sich wie dichter Nebel in jeden Winkel des Autos legte. Ein Schweigen, das nicht leer war, sondern voll – voll von unausgesprochenen Fragen, Begierden, Verletzungen und Gedanken, die keiner der beiden aussprach, obwohl sie wie scharfe Kanten im Raum standen.
Cade fuhr, als hinge an der Geschwindigkeit sein Nervensystem. Seine Hände umklammerten das Lenkrad fest, die Adern am Handrücken traten hervor, und sein Kiefer arbeitete unmerklich. Er fuhr nicht gefährlich; er fuhr zielstrebig, mit einem Tempo, das eindeutig nicht nur der Straße galt. Es war, als wollte er die Distanz zwischen sich und Sebastian vergrößern, obwohl dieser längst nicht einmal mehr im gleichen Gebäude war.
Er hatte nicht eifersüchtig sein müssen – rational betrachtet nicht. Belle war klar gewesen, hatte Sebastian keine einzige Sekunde Raum gegeben, und jeder in diesem Konferenzraum hatte es gesehen. Sie war kühl geblieben, scharf, professionell und unangreifbar. Aber es hatte ihn trotzdem getroffen. Nicht wegen Belle selbst, sondern wegen seines Wolfes und wegen der Art, wie Sebastian sie angesehen hatte – als hätte er einen Anspruch, der ihm nie gehört hatte. Als er ging blieb sein Blick viel zu lange an Belle hängen. Er würde etwas versuchen. Er würde das Gespräch mit ihr suchen um wieder an sie heranzukommen. Cade kannte solche Blicke. Er wusste was in Sebastian vorging.
Je länger Cade über diesen Blick nachdachte, desto mehr verdichtete sich die Wut in seinem Brustkorb. Eine unterdrückte Hitze, die jeder Atemzug nährte. Seine Gedanken liefen kreisförmig: Was, wenn sie trotzdem noch etwas für ihn empfand? Was, wenn Sebastian tatsächlich glaubte, sie zurückholen zu können? Warum regte ihn das überhaupt derart auf, obwohl er wusste, dass Belle ihn abgewiesen hatte?
Neben ihm saß Belle gerade und aufgerichtet, die Arme verschränkt, den Blick fest auf die Straße gerichtet. Ihre Haltung wirkte ruhig, aber Cade sah die Spannung in ihrem Nacken, den festen Zug um ihren Mund. Sie war ebenso geladen wie er – aber aus anderen Gründen. Wegen ihrer Vergangenheit.
Und dann war da ihr Geruch. Kein künstliches Parfum, kein Blumenaroma, keine Designernote – Belle roch nach Belle. Ein Geruch aus kühlem Wasser, Metall, warmer Haut und etwas, das nur schwer zu definieren war: Widerspruch. Feuer. Wille. Und heute: Frustration. Cade roch es, sein Wolf roch es, und es machte ihn wahnsinnig.




Dann sprach sie ihn an. Nichts ahnend von seinen inneren Aufruhr. Und wohin seine Gedanken kreisten.
„Bist du wütend?“
Er antwortete nicht sofort. Worte waren gefährlich heute. „Ich bin nicht wütend.“
„Doch,“ sagte sie, ohne ihn anzusehen, „du atmest wie ein Drache kurz vorm Feuerstoß. Warum?“
Er presste den Kiefer zusammen. „Ich atme.“
Belle schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ist es wegen Sebastian? Er und ich sind vorbei. Seit über einem Jahr. Er hat mich betrogen. Damals dachte ich, es war mit Aria, aber heute weiß ich, dass es Marek war. Mit Arias Gesicht.“
Diese Worte trafen ihn nicht überraschend – er hatte Teile davon schon gewusst – aber die Klarheit, mit der sie es aussprach, saß. Cade spürte nicht Zorn über Belle, sondern über den Mann, den sie einmal geliebt hatte. Nicht weil Belle schwach gewesen wäre, sondern weil Sebastian glaubte, er hätte noch irgendein Recht, sie auch nur anzusehen.
Sein Wolf knurrte in seinem Brustkorb.
„Der Mann hat dich angesehen, als hätte er dich noch in der Tasche,“ presste Cade hervor.
Belle blinzelte träge, fast genervt. „Du glaubst, jeder, der mich ansieht, will mich besitzen.“
Cade wandte den Blick nicht von der Straße ab, aber seine Stimme senkte sich um einen gefährlichen Ton. „Sebastian hat es versucht.“
Sie schwieg kurz, dann leiser: „Ich habe einem Treffen nicht zugestimmt. Es war ein Geschäftstermin. Er hat keine Bedeutung mehr.“
Dann hob sie leicht das Kinn. „Außerdem: Was ist mit dir? Was ist mit Seraphina?“ Jetzt schien sie zurückschlagen zu wollen. Und das verwischte die innere Grenze in ihm. Nicht schmerzhaft – eher wie ein Skalpell.
Er wich nicht zurück, aber sein Blick wurde noch schärfer. „Seraphina hat nichts mit dir und mir zu tun.“
„Dann erklär mir,“ sagte Belle ruhig, aber in der Stimme lag eine gezügelte Kraft, „warum ich erst im Büro erfahre, dass sie existiert.“
Er atmete hart aus. „Weil sie politisch war. Nie persönlich.“
„Sie kam in dein Büro,“ erwiderte Belle, „in High Heels und mit einer Ausstrahlung, als hätte sie das Recht, dir vorzuschreiben, was gut für dich ist.“
„Das stimmt nicht.“
„Doch,“ konterte Belle, „und sie hat es getan.“
Er parkte vor dem Herrenhaus, Schneeflocken tanzten im Licht der Scheinwerfer, und der Motor verstummte. Die Luft vibrierte weiter. Cade stieg aus, ging zur Beifahrertür, öffnete sie. Nicht als freundliche Geste – es war ein Ritual seines Schutzes.




Belle stieg aus, blieb vor ihm stehen, Arme verschränkt, Atem sichtbar in der Kälte.
„Sag es einfach,“ forderte sie, „was war sie für dich?“
Cade trat dichter heran. Das Licht der Veranda fiel auf sie beide wie auf eine Szene, deren Ausgang bereits feststand.
„Sie war Politik.“
Belle hob das Kinn. „Und das war alles?“
„Ja.“
Sie suchte seinen Blick, als würde sie den Rest herausziehen müssen. „Und warum hast du mir das nicht gesagt?“
Er brauchte zwei Herzschläge.
Dann sprach zuerst der Wolf in ihm. „Weil es mich nicht interessiert hat.“
Belle lachte einmal – scharf, trocken, schneidend. „Das ist kein Grund. Das ist Ausweichen.“
Er fasste ihr Handgelenk, nicht hart, sondern so, dass sie nicht ausweichen konnte, und sagte ruhig: „Ich habe Seraphina nicht verheimlicht. Ich habe sie gestrichen. Aus meinem Alltag. Aus meinem Leben. Es war vorbei, bevor du überhaupt hier warst. Ich hatte nie vor, eine Beziehung mit ihr einzugehen. Nur geschäftlich. Mit ihrem Vater und niemals privat.“
Belle hielt seinen Blick – dunkel, fordernd, unerschrocken. „Ich will keine Lücken füllen, Cade.“
Seine Augen verengten sich. „Du bist keine Lücke. Du bist die Konstante in meinem Leben.“
Das Wort fiel wie ein Schwur.
Belle atmete ein, und in diesem Atemzug lag alles: Frust, Stolz und ein uralter Instinkt, der sich nicht definieren ließ.
„Du bist eifersüchtig,“ sagte sie leise.
Er trat näher, bis ihr Rücken die kalte Autotür berührte. Seine Stimme war rau. „Ich bin territorial.“
Sie hob minimal das Kinn. „Das macht es nicht besser.“
„Doch,“ sagte er ruhig. „Weil es wahr ist.“
Und dann brach die Distanz zwischen ihnen.
Er beugte sich vor und küsste sie. Verschlang ihren Mund mit dem seinen. Kein vorsichtiges Herantasten, kein abfragender Moment – es war ein Kuss, der Besitz ansah, der zeigte wer ihre Bestimmung war. Seine Hand glitt in ihren Nacken, seine andere an ihre Hüfte, und Belle antwortete mit derselben Intensität. Nicht weich, sondern wahr. Wütend, atemlos, voller Worte, die sie nicht sagen konnten. Cade presste sich an sie. Ließ sie sein Verlangen nach ihr spüren. Er konnte einfach nicht mehr warten.
Als sie sich lösten, lehnte Belle den Hinterkopf an die Tür, die Lippen leicht geöffnet, Atem stoßweise.




„Du nutzt das als Ablenkung,“ murmelte sie, die Stimme heiser.
„Nein,“ sagte er rau, „ich nutze es, weil ich es will.“
„Du willst immer.“ oh … und wie er immer wollte. Wie er immer sie wollte.
Sein Mund streifte ihren Hals, seine Stimme warm gegen ihre Haut. Ließ seine Lippen blieben auf einer bestimmten Stelle liegen. Dort würde er sie beißen. „Nur dich.“
Sie schluckte. „Wir sind noch nicht fertig.“
„Ich weiß.“
Er sah sie an, und es war keine Drohung, sondern ein Versprechen.
„Komm.“
Er löste seinen Griff nicht komplett, sondern nahm ihre Hand, führte sie ins Haus. Türen blieben geschlossen, das Herrenhaus war gedämpft und warm, kein Rudelmitglied tauchte im Flur auf.
Im Schlafzimmer schloss er die Tür mit der Schulter und ließ Belle erst los, als sie vor ihm stand, beide noch außer Atem.
„Sag es,“ forderte sie.
„Was?“
„Dass du eifersüchtig bist.“
Sein Blick wurde dunkel. „Ich bin eifersüchtig.“
„Und warum?“
„Weil er dich ansieht, als hätte er ein Recht auf dich. Und weil er keins hat. Nicht mehr.“
Belle atmete aus, ihr Atem bebte kaum merklich. „Und Seraphina?“
Er senkte seine Stirn an ihre. „Seraphina war Vergangenheit. Du bist Gegenwart. Und Zukunft. Ob dir das gefällt oder nicht.“
Belle schloss kurz die Augen, zentrierte sich. „Ich bin noch wütend.“
Er nickte nur. „Gut. Dann küss mich wütend.“
Sie tat es, und diesmal war es kein Widerspruch, sondern ein Schlagabtausch aus Lippen, Atem und Händen, der mehr erklärte, als Worte hätten je leisten können. Und ja, er führte sie rückwärts, Schritt für Schritt, bis das Bett sie sanft stoppte.
Und egal, was später noch gesprochen werden musste – das hier war kein Ende des Streits.
Es war nur Phase Zwei.

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