Kapitel 28

Asher riss die Augen auf.
Sein Atem ging stoßweise, hart und unregelmäßig, als hätte ihn etwas gejagt und erst im letzten Augenblick losgelassen. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen, viel zu schnell, viel zu laut. Kalter Schweiß lag auf seiner Haut, ließ ihn frösteln, obwohl der Raum warm war. Für einen Moment wusste er nicht, wo er sich befand. Da war nur Dunkelheit. Und dieses Lachen. Schrill. Verzogen. Verrückt. Es hing ihm noch immer in den Ohren, als wäre es nie verklungen.
Nicht hier, sagte er sich. Nicht jetzt.
Doch der Traum klebte an ihm wie Schlamm.
Er hatte wieder den Geruch in der Nase: feuchte Erde, aufgerissen und schwer, verbrannte Kräuter, bitter und beißend, und darunter dieser metallische Hauch von altem Blut. Der Wald war derselbe gewesen wie damals – vertraut und doch fremd. Dicht. Schwer. Als hätte er ein eigenes Bewusstsein entwickelt und würde zuschauen, während sich alles wiederholte.
Er war jung gewesen. Zu jung. Kein Beta. Noch nicht einmal nah dran. Nur ein Grenzpatrouilleur, ehrgeizig, aufmerksam, überzeugt davon, dass er die Welt verstand und seinen Platz darin kannte. Er hatte geglaubt, Stärke bedeute Kontrolle. Wissen. Disziplin.
Und dann hatte er sie gefunden.
Die Hexe.
Weit außerhalb seines Territoriums. Zu weit. Er erinnerte sich daran, wie er ihren Geruch wahrgenommen hatte – fremd, süßlich, leicht metallisch. Er hätte es melden müssen. Hätte seinen Posten nicht verlassen dürfen. Stattdessen war er ihr gefolgt. Allein. Getrieben von Neugier, von einem inneren Ziehen, das er damals noch nicht einordnen konnte.
Sie war nicht wie die anderen gewesen. Nicht wie die Geschichten, mit denen man junge Wölfe warnte. Kein dunkler Schleier, keine kalten, berechnenden Augen. Sie hatte gelächelt, offen und einladend, als hätte sie nichts zu verbergen. Ihre Stimme war weich gewesen, fast beruhigend. Ihre Augen warm, aufmerksam. Sie hatte ihn angesehen, als wäre er etwas Besonderes.
Und er hatte es geglaubt.
Später hatte er die Wahrheit erkannt. Zu spät.
Im Traum stand er wieder auf der Lichtung, hörte ihre Schritte hinter sich, spürte, wie etwas in ihm nachgab, als sie näherkam. Sie hatte ihn berührt – nicht körperlich, sondern tiefer. Bis in seine Seele hinein. Ein Flüstern in seinem Kopf, sanft und überzeugend. Ein Gefühl von Vertrautheit, das zu schnell kam, zu leicht. Er wusste jetzt, dass es ein Zauber gewesen war. Damals hatte er geglaubt, es sei Vertrauen.




Er hatte sie gemocht.
Vielleicht war genau das das Schlimmste.
Sie hatten sich öfter getroffen. Heimlich. Immer an demselben Ort, tief im Wald, weit genug von der Grenze entfernt, sodass kein Erwachsener, kein erfahrener Krieger ihn bemerken würde. Sie hatte ihm zugehört. Ihn gelobt. Ihm das Gefühl gegeben, gesehen zu werden. Wichtig zu sein. Und er hatte nichts gemerkt. Oder nichts merken wollen.
Bis zu diesem einen Tag.
Im Traum sah er sich wieder zwischen den Bäumen stehen, unangekündigt, aus einem instinktiven Drang heraus gekommen. Etwas hatte nicht gestimmt. Sein Wolf hatte gedrängt, unruhig und aggressiv. Eine Warnung. Etwas war falsch.
Und dann hatte er es gesehen.
Der Kreis aus Runen, tief und sorgfältig in den Boden geritzt. Symbole, die selbst er als gefährlich erkannte. Schwarze und rote Kerzen, deren Flammen unruhig flackerten. Und die Körper. Noch lebendig. Gefesselt. Menschliche Opfer. Verängstigte Augen, geknebelte Schreie, die sich dumpf durch den Wald trugen und ihm bis heute im Traum verfolgten.
Und sie stand mittendrin.
Sie hatte gelacht. Gelacht und getanzt, barfuß im Kreis, die Arme erhoben, verzückt, die Augen glasig vor Ekstase. Ihre Stimme hatte sich überschlagen, hatte Worte geflüstert, die sich falsch anfühlten, verdreht, krank. Keine Spur mehr von der Frau, die ihm zugehört hatte. Nur Wahnsinn.
Als sie ihn gesehen hatte, war sie nicht erschrocken.
Sie hatte gelächelt.
Ein grausames, verzerrtes Lächeln.
Im Traum hörte er wieder ihr Lachen, sah, wie sie ihm entgegenschritt, als wäre nichts geschehen, als hätte er sie nicht bei einem schwarzen Ritual ertappt – bei etwas, das selbst die ältesten Gesetze brach. Er hatte damals nicht genau gewusst, was dieses Ritual bewirken sollte. Aber er wusste eines: Wo Opfer nötig waren, folgte Tod. Nicht nur für die Menschen. Für alles.
Er erinnerte sich an den Moment, in dem etwas in ihm zerbrochen war. Nicht laut. Nicht dramatisch. Still. Endgültig.
Der Traum ließ ihn den Rest nicht vergessen.
Er hatte sie getötet.
Sie hatte sich gewehrt. Hatte Zauber auf ihn geschleudert, roh und tödlich, voller Hass darüber, dass er sich ihrem Einfluss entzogen hatte. Doch sein Wolf und sein Instinkt hatten die Kontrolle übernommen. Er war schnell gewesen. Stärker, als sie erwartet hatte. Er war der zukünftige Beta gewesen, auch wenn er es damals noch nicht offiziell war.




Es hatte keinen anderen Weg gegeben. Entweder sie – oder er. Und die Menschen. Und vielleicht eines Tages sein Rudel.
Als Asher wieder vollständig im Jetzt ankam, lag er reglos da, der Atem langsam wieder unter Kontrolle. Sein Herz schlug ruhiger, wenn auch schwer. Er wandte den Kopf zur Seite.
Skye.
Seine Skye. Seine Überraschung. Seine Verwirrung.
Sie lag neben ihm, zusammengerollt im Schlaf, ihr Gesicht ruhig und entspannt. Kein Schatten von Dunkelheit lag auf ihren Zügen. Keine Spur von Verderbnis. Sie wirkte friedlich. Echt. Unverstellt. Und etwas in ihm fragte sich erneut, wie befleckt sie sein konnte, wenn sie noch unberührt gewesen war – an Körper und offenbar auch an Seele.
Asher schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Ihr Duft war da, klar und warm, erdend. Er legte vorsichtig eine Hand auf ihren Rücken, nur um sicherzugehen, dass sie real war. Dass dies kein weiterer Trug war. Kein Traum.
Langsam ließ die Anspannung nach.
Die andere Hexe hatte er tief in sich vergraben. Die Erinnerung. Den Verrat. Die Schwäche. Niemand wusste davon. Niemand wusste, wie nahe er damals daran gewesen war, alles zu verlieren. Später hatte er herausgefunden, dass im ganzen Land solche Rituale vollzogen worden waren. Sein Rudel hätte das nächste sein können.
Er schauderte.
Er hatte danach nie wieder gezögert. Nie wieder vertraut. Nie wieder etwas zugelassen, das ihn verwundbar machte.
Bis jetzt.
Asher sah Skye lange an und spürte etwas, das er sich jahrelang verboten hatte: Hoffnung – und Angst davor. Er zog sie ein wenig näher an sich, senkte die Stirn an ihr Haar und flüsterte kaum hörbar:
„Du bist nicht sie.“
Und zum ersten Mal seit langer Zeit glaubte er es fast selbst.

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