Kapitel 35
Der Wind hatte aufgehört, Geräusche zu machen.
Das war das Erste, was Cade auffiel.
Seit sie die Schlucht hinter sich gelassen hatten, folgten sie der Verfallszone weiter nach Osten – ein schmaler, toter Korridor, der sich durch den Wald fraß wie eine Schneise aus lautloser Krankheit. Jeder Schritt brachte neue Hinweise, aber keine Antworten.
Und dann kam der Moment, in dem alles kippte.
Elias war der Erste, der es hörte. Oder vielmehr: der bemerkte, dass er nichts mehr hörte.
Er blieb abrupt stehen, die Hand gehoben. Cade hielt an, Asher ging in die Hocke, Skye drehte den Kopf leicht zur Seite, als lausche sie etwas Nicht-Akustischem.
„Stopp,“ sagte Elias leise.
Cade wartete.
Elias senkte den Kopf etwas, schloss die Augen und zog Luft durch die Nase ein. Lang, tief, vorsichtig. Dann öffnete er wieder die Augen.
„Es bewegt sich schneller,“ sagte er.
Asher richtete sich auf. „Was meinst du mit schneller?“
„Die toten Bereiche… vor einer Stunde waren sie vier Kilometer entfernt. Vor einer halben Stunde drei. Jetzt anderthalb.“
Cade fühlte seine Muskeln reagieren, bevor sein Kopf fertig war. Instinkt. Wolf.
„Geschwindigkeit?“ fragte Cade.
Elias schätzte. Seine Augen bewegten sich nicht viel, aber man sah ihn rechnen – Abstände, Muster, Vergleich. Spurenlos, aber messbar.
„Zwischen zwölf und fünfzehn Kilometern pro Stunde,“ sagte Elias. „Vorher waren es vielleicht drei.“
Skye drehte sich zu ihnen, ein Ausdruck auf dem Gesicht, der nicht Angst war, sondern wissenschaftliche Furcht.
„Das ist nicht zufällig,“ sagte sie. „Es ist nicht langsames Wandern. Es hat beschleunigt.“
Asher knurrte. „Warum sollte eine Leiche beschleunigen?“
„Weil es kein Tier ist,“ sagte Skye. „Kein Zombie. Kein Ressort. Es ist ein Wirt. Und etwas in diesem Wirt… navigiert.“
Cade hörte nur noch das Wort navigiert.
Sein Wolf reagierte darauf wie auf ein Schwert durch den Rippenkorb.
„Wohin navigiert es?“ fragte er.
Elias deutete geradeaus. Nicht zurück zu Cades Gebiet. Nicht zur Schlucht.
Sondern weiter.
Asher fluchte, kurz und scharf. „Scheiße.“
„Kaels Territorium,“ sagte Elias.
„Sicher? Vielleicht ist es wirklich nur die selbe Richtung?“
„Es bewegt sich linearer, keine Abweichungen von der Route.“
Skye presste die Lippen zusammen. „Wie weit?“
Elias schätzte erneut. „Wenn es auf diesem Kurs bleibt… unter einer Stunde.“
Cade musste keine Karten im Kopf aufrufen – er kannte jedes Revier, jede Grenze.
Belle war dort.
Belle war in diesem Haus.
Und dieses Ding, egal was es war, bewegte sich direkt darauf zu.
Er fühlte keinen Schock. Kein Drama. Nur ein Anspannen.
Der Wolf zog ihm mit einem Biss das Herz enger. Nicht emotional – instinktiv. Besitz, Schutz, Konsequenz.
Asher sah es ihm sofort an.
„Du willst voraus,“ sagte Asher.
„Ja.“
Elias hob eine Hand. „Warte.“
Cade funkelte ihn an. „Ich warte nicht, während etwas auf mein Rudel zusteuert.“
„Es ist nicht dein Rudel,“ korrigierte Elias. „Nicht dieses. Und wenn du jetzt rennst, rennst du blind. Wir brauchen Daten.“
„Ich brauche Belle,“ sagte Cade ruhig.
Es war keine Erklärung. Es war eine Tatsache.
Skye trat einen halben Schritt näher, etwas in der Haltung, das sachlich war – nicht aufhaltend, sondern ordnend.
„Wir müssen wissen, ob es intelligent navigiert oder ob es einfach einen Kurs hält,“ sagte sie.
„Was ist der Unterschied?“ fragte Asher.
„Der Unterschied ist,“ sagte sie, „ob es ihr Haus sucht. Oder ob es etwas sucht, das zufällig auf diesem Weg liegt.“
Elias nickte kaum sichtbar. „Und im schlimmsten Fall ist Belle am falschen Ort.“
„Im schlimmsten Fall,“ sagte Cade, „ist sie genau am richtigen Ort.“
Stille. Dichte. Scharfkantig.
Dann griff Elias in die Seitentasche seiner Jacke und zog einen kleinen Tracker hervor – kein menschliches Spielzeug, sondern ein Gerät, das mehr zum Militär gehörte, als in ein Rudel.
Er schaltete es an, und ein leises Summen ging durch den winzigen Bildschirm.
„Ich markiere den Wegpunkt hier,“ sagte Elias. „Überlappung der toten Vegetation. Wenn wir alle fünf Minuten messen, sehen wir, ob es beschleunigt, verlangsamt oder die Richtung wechselt.“
Asher verschränkte die Arme. „Und was machen wir in fünf Minuten? Tee trinken?“
„Laufen,“ sagte Elias. „Schnell.“
Skye kniete sich wieder hin. „Die Energie verändert sich.“
„Wie?“ fragte Cade.
„Sie ist… aktiver,“ sagte sie. „Vorhin war es nur Verfall. Jetzt ist da Verdrängung. Es ist, als würde dieses Ding, dieser Wirt, nicht nur sterben – sondern stoßen.“
„Stoßen?“ fragte Asher.
„Alles, was lebt, wird weggedrückt,“ sagte Skye knapp.
Cade hatte genug gehört.
Er sah nach Osten.
Er sah in Richtung Kaels Gebiet.
Er sah – in seinem Kopf – Livia, schwanger. Nora, menschlich. Belle…
Seine.
„Wir gehen,“ sagte er.
Cade führte an. Weil er Alpha war — ein Alpha der zu seiner schwangeren Gefährtin wollte.
Sie bewegten sich schneller.
Nicht sprintend — fließend. Wolf-Geschwindigkeit in menschlicher Form. Schritte, die Schnee in scharfen Bögen zerbrachen. Atem, der kalt aus den Lungen stieg.
Alle fünf Minuten stoppte Elias, markierte, rechnete.
Und jedes Mal kam dieselbe Analyse:
„Schneller.“
Bei der dritten Messung sagte Elias nur:
„18 km/h.“
Skye flüsterte: „Das ist keine zufällige Geschwindigkeit.“
Asher schnaubte. „Das ist ein Marsch.“
Cade spürte, wie der Wolf in ihm die Grenzen sprengte. Jedes Warten fühlte sich falsch an. Jede Sekunde war ein Risiko, das er nicht akzeptieren konnte.
„Was, wenn es nicht in Kaels Gebiet will?“ sagte Skye plötzlich.
Asher drehte sich zu ihr. „Wie meinst du das?“
„Was, wenn es jemandem folgt,“ sagte Skye. „Nicht einem Ort.“
Elias erstarrte.
Asher sah auf.
Cade fühlte, wie sein Atem schwerer wurde.
Folgen.
Nicht navigieren.
Folgen.
Und Belle… war neu in Kaels Revier. Fremd. Ein Geruch, der nicht hierher gehörte. Ein Geruch, den eine Leiche, die einmal ein Gestaltwandler gewesen war, gekannt haben könnte.
„Marek kannte sie,“ sagte Cade leise.
Asher fluchte wieder, diesmal sehr unflätig.
Skye sah ihn an. „Hat Marek je Belle berührt?“
„Ja,“ sagte Cade. „Er hat sie entführt, bevor Kael ihn getötet hat.“
Skye blinzelte. „Dann kennt sein Körper ihren Geruch.“
Elias hob den Kopf. „Und wenn dieser Wirt Gerüche lesen kann, folgt er nicht Revierlinien.“
Cade dachte nur ein Wort:
Belle.
Dann brach etwas in ihm.
Etwas stilles.
Klares.
Er drehte sich nicht um. Er gab keinen Befehl. Er verwandelte sich.
Knochen verschoben sich, Haut zerriss, Fell brach hervor — und innerhalb eines einzigen Herzschlags stand dort kein Mann mehr, sondern ein gewaltiger, schwarzer Wolf, dessen Augen wie geschliffenes Gold brannten.
Elias fluchte. Asher sprang reflexartig zur Seite. Skye stolperte einen halben Schritt zurück und flüsterte: „Heilige Scheiße.“
Und Cade rannte.
Nicht menschlich oder kontrolliert.
Sondern wie ein Wolf, der wusste, dass seine Gefährtin gejagt wurde.
Elias schrie hinterher: „Kaels Gebiet! Wir treffen dich am Rand!“
Aber der Wolf hörte keinen Plan.
Nur den Schnee.
Den Boden.
Und den Puls einer Frau, die seine war.
Und irgendwo hinter ihnen sagte Skye leise:
„Hinterher, los.“






































Kommentare