Kapitel 37

Die Zeit hatte ihren Sinn verloren.
Skye wusste nicht mehr, wie viele Stunden vergangen waren, seit man sie aus ihrem Traum gerissen hatte. Die Halle war noch immer dieselbe — kalt, feucht, unbarmherzig — doch etwas in der Luft hatte sich verändert. Es war eine Spannung, die man nicht sehen konnte, die aber in den Knochen vibrierte. Als würde die Welt selbst den Atem anhalten.
Sie saß auf dem Steinboden, zusammengekauert wie ein zusammengebrochener Vogel, die Fesseln scheuerten an ihren Handgelenken. Der Rauchgeruch klebte an ihrer Haut, süßlich, metallisch, wie etwas, das nicht von dieser Erde sein sollte. Ihre eigenen Atemzüge dampften vor ihrem Gesicht, so kalt war die Luft geworden.
Und dann begann es.
Zuerst nahm sie nur wahr, wie das Licht sich veränderte. Es sickerte durch die hohen Fenster — dünne, goldene Streifen, die langsam länger wurden, dann brachen, dann schwanden. Die Sonne sank. Von Minute zu Minute. Und die Hexen in der Halle wurden unruhiger, als wären sie Tiere, die den ersten Hauch einer Jagd witterten.
Dann erreichte der letzte Sonnenstrahl das Fenster.
Für den Bruchteil eines Herzschlags war alles schwarz.
Nicht die Dunkelheit der Nacht — sondern eine Schwärze, als hätte etwas den Himmel verschluckt.
Dann schoss ein Licht auf, rot und unnatürlich — und der Mond stieg auf. Nicht blass, nicht silbern, sondern blutrot, dick wie geronnenes Blut, krankhaft verzerrt, viel zu groß für den Himmel. Skye schluckte hart. Ihr Herz trommelte gegen ihre Rippen, als wolle es ausbrechen.
„Es beginnt.“
Die Stimme kam von Maeve. Leise und man könnte sagen das sie zärtlich wirkte. Und genau das machte sie so grauenvoll.
Zwei der Hexen öffneten mit einem metallischen Quietschen den Käfig. Hände griffen nach ihr — eiskalt und fest. Skye versuchte nicht einmal zu strampeln; ihre Beine waren schwach, ihre Muskeln zu erschöpft. Sie stolperte, wurde halb gezogen, halb geschoben, über den Steinboden hinweg, vorbei an flackernden Fackeln, vorbei an den anderen Hexen, bis in den Mittelpunkt des gigantischen Ritualkreises.
Genau unter den blutroten Mond.
Dort stand ein grob behauener Altar aus dunklem Stein, bedeckt mit Runen, die wie frische Wunden wirkten. Die Hexen zogen sie darauf hinauf, ihre Knie schrammten über die Kanten, dann fesselten sie ihre Handgelenke mit groben Seilen an die Steine. Die Fasern schnitten sofort in die Haut, und Skye keuchte — vor Schmerz, vor Schock und vor Demütigung.




Ihre Finger wurden schnell taub, so kalt war der Stein. Die Kälte kroch über ihre Arme, ihre Beine, ihren Rücken. Sie spürte jeden Tropfen Schweiß wie Eis auf ihrer Haut.
Die Symbole unter ihr begannen zu glimmen — erst rötlich, dann dunkler, bis sie fast schwarz waren. Es war, als hätte jemand unter den Stein glühende Kohlen gelegt. Rauch quoll daraus hervor, zäh und langsam, wie die Ausdünstung eines alten Grabes.
Der Boden vibrierte.
Nicht so stark, dass er bebte — sondern als würden tausend winzige Herzen darin schlagen. Von tausend Opfern. Ihr Koven? Ihre Familie? Bald sie? Die Seelen forderten Freilassung. Skye spürte es. Die Luft zitterte.
Maeve trat vor sie, die Arme erhoben, die Lippen bebend. Ihr Gesicht war durch das rote Licht verzerrt, die Schatten warfen verzerrte Linien über ihre Wangen.
„Schwestern!“, rief sie mit klarer Stimme.
Und sofort antworteten Dutzende Kehlen:
„Schwestern!“
Es klang wie ein einziger, hell schneidender Aufschrei. Die Stimmen der Hexen waren schrill, chaotisch, disharmonisch — und dennoch in ihrem Wahnsinn vereint.
„Der Blutmond ist gekommen!“ Maeves Stimme hallte von den Wänden wider. „Die Zeit des Opfers ist da!“
Der Chor folgte, lauter, verzerrter, völlig entgrenzt. Einige Hexen lachten, andere wippten im Takt eines unsichtbaren Rhythmus, mehrere zuckten mit ihren Körpern wie Marionetten, deren Fäden verrutscht waren.
Skye schloss für einen Moment die Augen.
Nicht, weil sie Angst hatte — sondern aus Trotz. Lüge!
Ich habe keine Angst, dachte sie.
Sie wusste, dass es gelogen war. Aber sie brauchte den Gedanken, als wäre er eine Waffe.
Als sie die Augen wieder öffnete, war Maeve näher gekommen. Ihr Blick war weich — zu weich für diesen Ort. In ihren Händen hielt sie etwas Glänzendes.
Ein Dolch.
Dieser war alt und schlicht gehalten. Ein Relikt aus vergangener Zeit.
Die Klinge war fein wie Glas, von Runen überzogen, die sich in einem silbrigen Licht wanden. Der Griff war aus hellem, poliertem Knochen, kunstvoll verziert, als hätte jemand Jahrzehnte darauf verwendet, ihn zu vollenden.
Skye wandte den Blick ab, als die Hexen begannen zu singen. Nein — singen war das falsche Wort. Es war ein Kreischen, ein Wimmern, ein Lachen, ein Flehen. Es waren Geräusche, die sich gegenseitig bekämpften und doch in einem Rhythmus verschmolzen.




Ihre Stimmen schnitten die Luft wie Messerklingen.
Ich werde sterben, dachte Skye.
Ich werde wirklich sterben.
Sie hatte noch so vieles vor. Cain aufwachsen sehen. Asher fühlen. Ein Leben führen, das nicht von Angst und Flucht bestimmt war.
Doch das Härteste war der Gedanke:
Ich werde sie alle zurücklassen.
Der Himmel über ihnen veränderte sich weiter. Der Blutmond breitete sich über den Himmel aus, als wolle er ihn vollständig verschlingen. Schatten krochen über die Wände, glitten entlang der Säulen, formten sich in den Ritualsymbolen.
Der Rauch veränderte sich — er wurde dunkler, schwerer, und darunter leuchteten die Runen in einem giftigen Grün, als wären sie mit Säure gefüllt.
„Die Schleier öffnen sich…“, hauchte eine Hexe und fing an zu kichern.
„Die Tore entbrennen…“, flüsterte eine andere und weinte dabei.
„Astaroth erwacht…“, seufzte eine dritte, ihre Augen glasig vor Verzückung.
Skye sog die Luft ein — und hustete sofort. Der Rauch war kein Rauch. Er war schwer und kalt. Er hatte Gewicht, drückte sie nieder. Als er ihre Haut berührte, zuckte sie zusammen, als wäre sie von Elektrizität getroffen worden.
Dann trat Maeve wieder ins Blickfeld.
Sie strich Skye sanft über die Wange, als wäre es ein liebevoller Moment und nicht der Vorabend eines Mordes.
„Weißt du noch“, flüsterte sie, „als wir zusammen gelernt haben? Du warst immer die Mutige von uns beiden. Du bist immer voran gegangen.“ Ihre Stimme zitterte. „Und jetzt… führst du uns zuletzt.“
Skye schnaubte, erschöpft und wütend zugleich. „Das ist kein Mut“, presste sie hervor. „Das ist Wahnsinn. Wehr dich dagegen. Du bist immer noch—“
Maeves Lächeln wurde zart. Irgendwie Traurig. Und völlig verdorben.
„Wahnsinn ist nur die veraltete Bezeichnung für größere Erkenntnis.“
Dann hob sie den Dolch.
Die Hexen um sie wurden lauter. Ihre Stimmen überlappten, gellten, schnitten durch die Luft. Maeve erhob die Klinge über Skyes Brust, direkt über ihrem Herzen.
„Mit diesem Opfer öffnen wir den Weg!“ rief sie.
„Mit diesem Blut entflammt der König!“ schrie der Chor zurück.
Etwas antwortete. Nicht menschlich. Ein Schrei, der uralt war, tief und verzerrt, als würde die Welt selbst reagieren.
Der Rauch ballte sich über Skye, dick wie Pech, und senkte sich dann plötzlich weiter auf sie herab.




Er drang nicht durch Haut oder Nase oder Mund.
Er versuchte, in sie hineinzukriechen — durch etwas, das man nicht greifen konnte.
Skye keuchte, ihr Rücken krampfte, ihre Finger krallten sich in die Seile, bis das Blut austrat. Es war kein Schmerz, sondern erdrückende Vereinnahmung. Ein kalter Griff tief in der Seele.
„Er braucht einen Körper“, flüsterte Maeve. „Und dafür musst du sterben. Nur der Tod trennt die Seele vom Fleisch.“ Die Erkenntnis traf sie. Sie sollte seine Hülle werde. Ihre Seele sollte mit seiner getauscht werden.
Skye wollte schreien. Aber ihre Stimme war weg.
Dann holte Maeve aus.
Die Klinge senkte sich.
Und genau in diesem Augenblick zerbarst die Welt.
Mit krachender Gewalt.
Ein ohrenbetäubender Knall riss das massive Tor am Ende der Halle aus den Angeln. Eisen splitterte, Holz flog, Stein zerbarst.
Die Hexen erstarrten.
Maeve stockte mitten in der Bewegung, der Dolch war nur noch eine Fingerbreite von Skyes Haut entfernt.
Und dann hörte Skye es.
Ein tiefes, wütendes, unmenschliches Knurren.
Es hallte durch die Halle wie Donner.
Drei. Vier. Fünf— nein, noch mehr.
Große Wölfe drangen durch die zerborstene Öffnung. Fell, Zähne, Muskeln, rohe Kraft. Sie bremsten nicht. Sie warfen sich vorwärts wie ein Sturm aus Fleisch und Schatten.
Grau. Schwarz. Silber. Braun.
Krieger.
Hexen kreischten, stolperten zurück, einige fielen zu Boden, andere versuchten zu zaubern — zu spät.
Skye konnte nur einen einzigen Namen denken.
Asher.
Er war gekommen.
Und er war nicht allein.
Sie riss den Blick an Maeve vorbei — und sah ihn.
Einen gewaltigen, pechschwarzen Wolf, dessen Fell im blutroten Mondlicht glänzte. Seine Augen waren wie flüssiges Gold. Brennend und Wütend zugleich. Unverkennbar der Ihre.
Skye hätte ihn unter tausend erkannt.
Er hatte sie gefunden.

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