Kapitel 39

Der Sprung endete hart.
Die Schatten lösten sich, und plötzlich standen sie auf kaltem Waldboden — in Menschengestalt, jeder von ihnen. Asher spürte den Druck in seinen Knien, den feuchten Boden unter den mit Stiefeln bedeckten Füßen, die schneidende Waldluft in der Lunge. Cassian stand ein paar Schritte entfernt, als hätte ihn die Dunkelheit selbst ausgespuckt.
„Scheiße…,“ murmelte Ronan und rieb sich die Schläfen. „Das war kein sauberer Sprung.“
Cassian hob den Kopf, blickte in die Baumkronen und atmete ein. „Das liegt nicht an mir.“ Seine Stimme war kalt, nüchtern. „Eine Barriere liegt über dem Ziel. Eine Hexische Barriere hat uns rausgeworfen, bevor ich den Ort erreichen konnte.“
Kael kniff die Augen zusammen. „Wie weit?“
Cassian zeigte mit einer präzisen Bewegung tiefer in den Wald.
„Zwölf, vielleicht dreizehn Meilen Richtung Nordost. Ein Kloster im Fels. Und die Barriere verstärkt sich mit jedem Meter.“
Asher sagte nichts. Er war vollkommen still – äußerlich. Doch in ihm tobte ein Sturm. Er stand unter Druck. Seine Hände zitterten leicht, nicht vor Schwäche – vor Tempo. Innerer Drang. Gefährteninstinkt. Sie braucht mich.
Cassian drehte den Kopf zu ihm. „Wir müssen laufen. Jetzt.“
Asher wartete keinen weiteren Atemzug.
Seine Stimme war ein Befehl: „Verwandeln.“
Innerhalb eines Moments brach das Rudel in Bewegung. Verwandlungsschmerz war für einen Wolf kein Schmerz, eher eine Welle von Hitze: Knochen streckten sich, Haut zog, Fell brach durch, Sehnen verdichteten sich. Und dann stand Asher da — als Wolf, schwarz wie geölter Onyx, Muskeln unter zitterndem Fell, die Augen glühend vor Fokus.
Ein murmeln ging durch die Wölfe — ein stummes Abklären: Wir sind bereit.
Cassian hatte keine Wolfsgestalt, aber er nickte ihnen zu und verschwand in die Schatten, so lautlos wie die Nacht selbst.
Dann rannten sie.
Der Wald flog an ihnen vorbei. Die Welt wurde zu Pfaden, Geruchsspuren, kalter Luft und brennenden Lungen. Asher führte, der Rest folgte, jeder im Rhythmus. Der Schnee war dünn, aber reichte, um ihre Schritte gedämpft zu halten. Zweige peitschten über fliehendes Fell, doch kein Wolf verlangsamte.
Skye war dort draußen.
Und der Blutmond würde jeden Moment aufgehen.




Der Weg war steil und zog sich über Geröllfelder und gefrorene Bachläufe. Nach etwa einer Stunde wurde die Luft plötzlich dichter — wie vor einem Gewitter. Magie. Sie schmeckte wie Eisen und verbranntes Salz auf der Zunge.
Cassian tauchte wieder aus dem Schatten auf, wie ein Phantom.
„Hier,“ sagte er knapp. „Beginnt die Barriere.“
Asher und Kael hielten an. Ein Rudel Wolfskörper kam zum Stillstand, zitternd, atmend, mit heftig schlagenden Herzen.
„Zurückverwandeln,“ befahl Kael durch den Mindlink.
Ein Raunen ging durch den Kreis — kein Laut, nur ein gemeinsamer Entschluss — und noch einmal brach Transformation durch die Gruppe, diesmal zurück in Menschen, mächtig und schwer atmend, der Schnee unter nackten Füßen zischte, als Hitze von Körpern abfiel.
Cassian zeigte auf die Festung, deren Türme zwischen Felsen und Geröll sichtbar wurden. Schwarzer Stein, kalte Geometrie, keine Fenster die Leben zeigten. Darüber hing der Blutmond wie ein pulsierendes Auge.
„Das ist unser Ziel,“ sagte Cassian.
Kael sah zu Asher. „Wir sollten warten. Eine Stunde. Einen Plan ausarbeiten und die Umgebung Auskundschaften.“
Asher fuhr herum, seine Stimme ein tiefes, fast schon gebrochenes Grollen: „Warten?!“
Er schüttelte den Kopf. „Sie ist allein da drin.“
Ronan hob abwehrend die Hände. „Asher, wir können nicht blind—“
„Ich WARTE NICHT,“ fuhr Asher ihn an. Seine Augen glänzten gefährlich. „Jede Sekunde, die wir hier stehen, könnte sie—“
Sein Kehlkopf spannte sich. Er brachte den letzten Teil nicht über die Lippen.
Kael sah ihn lange an — wirklich lange. Und dann nickte er.
„Gut,“ sagte Kael leise. „Dann gehen wir alle.“
Diese vier Worte reichten.
Asher knurrte zustimmend, sein Blut kochte. Er drehte sich um und sagte scharf:
„Verwandeln! Jetzt!“
Der dritte Wandel war schnell vollzogen.
Knochen splitteten, Fell brach heraus, Klauen streckten sich. Asher stieß sich ab — jetzt als Wolf — und der Rest folgte. Wolfsleiber warfen sich durch Unterholz und Felsen. Cassian verschwand wieder in die Schattenlinie neben ihnen, als gehörte er dorthin.
Die Festung näherte sich. Der Geruch von kaltem Stein, altem Blut und schwarzer Magie kroch ihnen entgegen.
Und dann war das Tor da.




Groß. Eisenverzahnt. Und überzogen mit Runen.
Kael brüllte telepathisch über den Rudelbund: JETZT!
Asher war zuerst.
Sein Körper traf das Tor wie ein lebendiger Rammbock — Muskeln, Wut, Liebe, ganz Wolf der zu einem bestimmten Ziel wollte.
Das Tor krachte auf, Holz splitterte, Eisen bog sich weg, Runen flackerten und implodierten.
Und dann brach die Nacht über sie herein.
Hexen schrien. Der Boden leuchtete rot. Asher roch Blut. Er roch Angst. Er roch…
Skye.
Das war alles, was er brauchte.
Er stürmte nach vorne — der Rest des Rudels im Nacken — bereit, alles niederzureißen, was zwischen ihm und seiner Gefährtin stand.
Hexen schrien. Einige rannten, andere warfen sofort Hände nach oben — Zauber peitschten, Lichtbögen schlugen in den Boden, Schatten griffen nach Fellen. Aber Wölfe sind schneller als Symbole. Und Er und seine Gefährten waren vorbereitet.
Ronan riss einer Hexe die Kehle auf, zwei weitere Krieger stürzten sich auf eine dritte, die gerade einen Bann wirkte. Dieser schlig ins nichts durch die Magieblocker. Cassian glitt über den Boden wie Rauch, packte eine Hexe am Hals, drehte sie, und sie knickte zusammen wie ein leeres Kleidungsstück. Tot.
Aber Asher sah nur eines.
Skye.
Sie war gefesselt an einen Altar, direkt unter dem Blutmond. Rauch kroch über ihre Brust, zog sich in ihre Kehle. Und die Hexe stand über ihr — der Dolch erhoben.
Asher heulte. Und das Echo war nicht von dieser Welt.
Er sprintete über den Stein, rutschte, fing sich wieder, Krallen kratzten über blutige Felsen. Doch der Rauch war schneller. Er verlor entscheidende Sekunden, als seine Pfoten auf dem rutschigen Boden wegzogen.
Der Rauch senkte sich auf Skye wie flüssige Tinte, lebendig und bösartig, und Asher erkannte mit einem Schlag, dass er nicht durch Haut drang — sondern durch die Seele.
Skye krampfte, ihr Rücken bog sich unnatürlich durch, doch kein Ton verließ ihre Lippen.
Und Maeve stieß zu.
Der Dolch traf knapp unterhalb des Schlüsselbeins — nicht direkt ins Herz, aber tief. Blut schoss heraus, warm und scharf riechend.
Asher erreichte sie zwei Herzschläge zu spät.
Er sprang Maeve an, rammte sie mit voller Wucht vom Altar. Sie lachte, verzückt und triumphierend, Blut und Wahnsinn in der Stimme.




„Er ist drin! ER IST—“
Asher biss zu.
Keine Zeit für Zauber, keinen Reflex mehr — nur noch Wölfe und Zähne und das Ende eines Rituals, das sie fast vollendet hätte.
Maeves Stimme brach ab. Blut spritzte. Asher spuckte sie aus und wandte sich schon wieder ab, während ihr Körper zusammenbrach.
Noch im Lauf verwandelte er sich zurück — Knochen schoben sich, Fell wich Haut, bis er wieder Mensch war. Und dann war er bei Skye, bevor jemand blinzeln konnte.
Cassian tauchte aus den Schatten daneben auf, als hätte ihn der dunkle Rauch selbst ausgespuckt.
„Das ist schlecht,“ sagte er knapp.
Kael erreichte in Menschengestalt den Altar, Blut im Haar, Wut im Blick. „Asher—“
„Sie stirbt,“ presste Asher hervor.
Er riss die Fesseln mit bloßen Händen auf, Skye kippte in seine Arme. Ihr Blut klebte an seiner Haut, Rauch kroch aus ihrem Mund, ihre Augen flackerten zwischen klar und pechschwarz. Sie keuchte nicht — sie brannte von innen.
Asher hielt ihren Kopf, seine Stirn gegen ihre Wange gedrückt, seine Stimme gebrochen:
„Skye… Skye, bleib… bleib bei mir…“
Cassian legte zwei Finger an ihren Puls, verzog das Gesicht. „Er ist drin. Der Dämon stößt ihre Seele raus. Sie soll das Gefäß werden.“
„Dann hol ihn raus!“ fauchte Asher.
„Das geht nicht,“ antwortete Cassian ruhig, aber hart. „Ich weiß nicht wie.“
Kael sah vom Blut zu dem Rauch, dann zu seinem Beta. Seine Stimme war tief und endgültig:
„Du musst sie binden.“
Asher erstarrte. „Nein.“
Kael trat näher. „Asher, wenn du nichts tust, stirbt sie.“
Cassian nickte knapp. „Oder schlimmer — er übernimmt.“
Skye krümmte sich heftig, dunkler Rauch riss aus ihrem Mund, als hätte er Klauen. Ihre Augen wurden pechschwarz — dann klar — dann wieder schwarz. Ein stummer Kampf.
Asher fühlte seine Welt brechen.
Er wollte nie Macht über sie erzwingen. Nie. Sie sollte ihn freiwillig wählen. Sie sollte wissen, was Gefährten bedeuten. Was diese Bindung bedeutet. Er wollte ihr Zeit geben. Er wollte, dass sie entscheidet.
Aber Liebe ohne Leben war keine Option.
Kael hielt seinem Blick stand. Keine Gnade. Keine Ausweichbewegung.
„Du stabilisierst ihre Seele,“ sagte er rau. „Mit einem Biss. Am Hals. Du hältst sie hier.“
Das Rudel war mittlerweile um sie herum — in Menschengestalt, schwer atmend, blutverschmiert, aber wach. Und keiner verurteilte ihn.




Kael legte eine Hand auf Ashers Schulter. „Ich bin dein Alpha und dein Freund. Du tust das Richtige.“
Asher sah wieder auf Skye.
Sie war blass wie Mondlicht. Blut lief aus der Wunde am Schlüsselbein. Rauch kroch weiter aus ihren Lippen. Ihre Finger krampften sich in seine Haut, als würde sie irgendwo festhalten wollen.
Er senkte den Kopf, so dicht an sie, dass seine Stimme nur für sie existierte.
„Es tut mir leid,“ flüsterte er. „Es tut mir so leid.“
Dann öffnete er die Kiefer und setzte sie an ihren Hals — an den Punkt über dem Puls, wo Blut und Seele am dünnsten liegen.
Er biss.
Nicht um zu töten.
Nicht um zu beanspruchen.
Sondern um zu binden.
Blut füllte seinen Mund. Warm. Echt. Sein. Ihres.
Skye zuckte, ein Laut entkam ihr — halb Keuchen, halb Stöhnen — und tief in ihrem Inneren heulte etwas auf. Nicht Wolf. Nicht Dämon. Sie.
Für einen Herzschlag stoppte der Rauch.
Cassian flüsterte: „Halte sie.“
Asher hielt.
Und in diesem Moment wusste er — mit schmerzhafter, unerschütterlicher Klarheit — wie sehr er sie liebte.

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