Kapitel 39
Skye fiel.
Nicht mit dem Körper – der lag blutend in Ashers Armen – sondern mit ihrem Inneren.
Sie stürzte in eine Finsternis, die weder oben noch unten kannte, eine Leere ohne Luft, ohne Licht, ohne Orientierung.
Und doch war sie nicht allein.
Etwas war dort.
Etwas Altes.
Etwas, das auf sie gewartet hatte.
Zuerst spürte sie nur Kälte. Nicht auf ihrer Haut, sondern in ihrem Inneren. Als hätte jemand seine Hand aus schwarzem Rauch durch ihre Brust gesteckt und nach ihrem Kern gegriffen. Nach ihrem Herz, Verstand und ihrer Seele.
Dann kam die Stimme.
Sie war so sanft wie ein schmieriger Ölteppich, auf dem man leicht ausrutschen konnte.
Sanft wie Gift.
So klein bist du, hauchte sie. So zart… und doch so voller Potenzial. Potenzial, das verschwendet wird.
Skye drehte sich – oder glaubte sich zu drehen – in dieser Schwärze, und langsam löste sich ein Umriss aus dem Nichts.
Ein Mann.
Oder etwas, das sich wie ein Mann gab.
Er war groß, schlank, seine Haut wie aus Obsidian mit feinem Schimmer. Die Augen schwarz wie ein Loch im Himmel, darin jedoch ein roter Punkt, wie ein sterbender Stern. Hörner ragten aus seinem Haaransatz, geschwungen wie aus altem Mythos. Sein Mund lächelte – nicht grausam, sondern wissend. In seiner rechten Hand schlängelte sich langsam und zischend eine Schlange, die sie anstarrte, als wolle sie Skye verschlingen. Dämonische Flügel ragten aus seinem Rücken, und mit jedem Schlag wirbelte eine leichte Brise auf. Was absurd war in dieser Dunkelheit.
Skye keuchte. „Astaroth…“
Er lächelte breiter, als hätte sie ein altes Geheimnis ausgesprochen.
Du kennst meinen Namen. Gut. Dann verstehen wir uns schneller.
Er trat einen Schritt näher – oder die Dunkelheit rückte ihn an sie heran. Sie war sich nicht sicher. Sein Blick wanderte langsam über sie, betrachtete nicht ihren Körper, sondern das, was dahinter lag.
Du hast einen schönen Kern, sagte er. Leuchtend. Rein. Kein Wunder, dass sie dich wollten.
Skye wich zurück, doch die Schwärze bot keinen Raum. Sie blieb stehen, gefangen in einem Käfig ohne Wände.
„Verschwinde aus mir“, presste sie hervor. „Du bekommst mich nicht.“
Astaroth lachte nicht. Er wirkte fast… geduldig.
Ich brauche dich nicht. Ich wähle dich. Du darfst dich geehrt fühlen. Zusammen können wir so viel erreichen.
Dann streckte er eine Hand aus – im Traum oder Geist oder seelischem Raum – und sie spürte sofort, wie etwas in ihr zu zittern begann. Etwas, das sie nie berührt hatte: Macht.
Ihre eigene Magie antwortete, flackerte auf wie eine verängstigte Flamme im Sturm. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, mächtig zu sein? Jemanden zu beschützen, der ihr nahestand?
Schau, was ich dir geben kann, flüsterte er.
Macht jenseits deiner lächerlichen Schleier. Keine Fluchtzauber, keine Versteckspiele mehr. Echte Macht, kleine Hexe. Macht, um zu retten und zu herrschen. Um zu leben. Diese Macht steht dir zu. Du musst sie nur nehmen.
Das Wort „leben“ brannte süß.
Skye spürte, wie Zweifel in ihr aufstiegen, heiß und scharf:
Gegen ihn hatte sie keine Chance. Gegen seine Macht keine.
Wenn sie nachgab – nur ein wenig – könnte sie überleben. Vielleicht Cain schützen. Vielleicht Asher. Vielleicht alle. Sie müsste ihm ja nur einen Teil ihres Körpers geben.
Sag es, hauchte Astaroth. Sag: Ich gebe nach. Und ich gebe dir alles.
Bilder zuckten durch Skyes Inneres:
Cain, allein und verloren.
Asher, der um sie weinte.
Das Rudel, brennend unter Hexenflammen.
Und sie – machtlos.
Ein Schmerz schoss durch sie. Verzweiflung ließ sie schwanken.
„Ich…“ flüsterte sie.
Astaroth lächelte langsam.
So ist es gut. Macht beginnt mit Einsicht.
Seine Finger streiften ihre Wange – nicht kalt, sondern warm, wie Lava unter schwarzer Haut. Die Schlange schlängelte über seinen Arm zu ihr herüber, schmiegte sich an sie, verband Astaroth mit ihr.
Du brauchst nur „Ja“ zu sagen.
Skye schloss die Augen.
Und sah andere Bilder.
Nicht die der Zukunft – die der Vergangenheit.
Hexen in weißen Roben, lachend, tanzend. Hebende Hände, heilende Kreise. Blumen in Haaren. Glanz in den Augen.
Und dann dieselben Gesichter – entstellt. Schwarz wie Ruß, Augen blutrot, Münder verzogen. Lachend über Opfer. Weinend vor Ekstase. Zuckend unter dämonischer Macht.
Skye riss die Augen auf. Astaroth war nah, zu nah. Sein Atem streifte ihre Haut wie ein Versprechen. Die Schlange drückte sich fester um ihren Arm.
„Ich habe gesehen, was du aus ihnen gemacht hast“, flüsterte sie.
Ich habe ihnen Macht gegeben, korrigierte er sanft. Und sie haben sie angenommen.
„Nein“, sagte Skye. „Du hast sie zerbrochen.“
Etwas flackerte in seinen Pupillen.
Zerbrechen ist nur eine Form des Wachsens. Sie sind jetzt stark.
„Dann will ich nicht wachsen“, zischte Skye.
Er trat noch näher, ihre Stirn berührte fast seine.
Oh doch, kleine Hexe. Du wirst wachsen. Du wirst nehmen. Und du wirst-
Doch er stockte.
Nicht, weil Skye ihn unterbrochen hatte.
Sondern weil plötzlich Licht in sie drang.
Zuerst schwach. Dann ein Funken.
Dann ein Strahl, der immer heller wurde.
Wie Sonnenlicht unter Wasser, warm und golden – und es kam nicht von außen. Es kam aus ihr.
Astaroth wich einen halben Schritt zurück. Doch die Schlange verband sie noch immer. Sein Gesicht verzog sich minimal – Angst? Überraschung? Sie bezweifelte Ersteres.
Was ist das?
Skye atmete scharf ein, und mit jedem Atemzug wurde das Licht stärker.
Es war kein Zauber.
Es war ein Gefühl, das sie durchdrang. Das sie halten wollte und nicht losließ. Ein Anker.
Ein Herzschlag, der nicht zu ihr gehörte – und doch in ihr schlug.
Asher.
Skye wusste es sofort.
Ihre Eltern hatten recht gehabt.
Sie war nicht allein. Sie musste leben, überleben. Für die, die sie liebte.
Das Licht breitete sich aus, erst in ihren Händen, dann in ihrer Brust, schließlich über ihren ganzen Körper. Als würde ihre Seele sich daran erinnern, woraus sie gemacht war:
Liebe, so frei.
Mut, der sie in der Kälte stärkte.
Reinheit, die alles Finstere umschloss und verbannte.
Sie hob das Kinn, und die Dunkelheit um sie begann zu brennen. Schlug Blasen wie Öl im Feuer. Sie streckte die Hände aus. Die Schlange um ihren Arm zischte vor Todesqual und verbrannte schlussendlich.
Astaroth knurrte – tief und alt.
Dummes Kind. Das reicht nicht. Das wird nie reichen. Er wich dennoch einen weiteren Schritt zurück.
„Es reicht für heute“, sagte Skye ruhig.
Dann riss die Welt.
Ein Schrei – ihrer oder seiner – hallte durch sie hindurch.
Sie öffnete die Augen mit einem Keuchen.
Asher hielt sie in seinen Armen, sein Gesicht blutverschmiert, seine Augen weit vor Angst. Sie fühlte eine Verletzung an ihrem Hals, fühlte eine Wärme so stark, dass sie sie kaum benennen konnte. Es war stärker als zuvor. Denn jetzt konnte sie Ashers Liebe und Hingabe zu ihr wahrnehmen. Und seine Angst, weil er dachte er hätte sie verloren. Dann begann sie wieder zu atmen.
Luft brannte in ihren Lungen.
Doch bevor sie etwas sagen konnte, sah sie es.
Schwarzer Rauch – weniger als zuvor – stieg aus ihrem Mund. Er kräuselte sich, formte Fetzen, Flocken, Fragmente von etwas Großem. Von Astaroth.
Und dann löste er sich.
Kroch über den Boden.
Schoss durch die gebrochenen Fenster hinaus in die Nacht.
Asher sah ihm über die Schulter nach, die Pupillen zu Schlitzen verengt.
„Was war das?“ keuchte er.
Skye hielt sich an ihm fest. Ihre Stimme war dünn, aber klar:
„Nicht alles von ihm in mir wurde verbrannt … ein Teil ist entkommen.“
Sie hob den Blick zum Blutmond, der langsam hinter den Wolken verschwand.
„Astaroths Macht ist jetzt frei.“
Und irgendwo in der Ferne heulte etwas zurück.
Wütend und nach Rache verlangend.
Etwas Altes.
Etwas, das nun auf der Welt wanderte.







































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