Kapitel 4

Asher stand im Wald neben Livia, Mira und Bennett, der Belle noch immer fest in den Armen hielt. Sein Blick war auf den Kampf gerichtet, der sich nur wenige Meter entfernt entlud. Kael bewegte sich wie eine Naturgewalt – präzise, dominant, unerbittlich. Asher kannte seinen Alpha. Kael würde diesen Kampf beenden. Sein Alpha. Sein Bruder im Geist. Sein bester Freund.
Und ihm gegenüber: Marek. Der Gestaltwandler. Der Mann, der Livia entführt, verletzt und beinahe getötet hatte.
Marek.
Der Gestaltwandler. Der Mann, der Livia entführt hatte. Der sie gejagt, verletzt und beinahe zerstört hatte.
Asher hielt sich angespannt, bereit einzugreifen, falls Kael es verlangte. Doch dann spürte er eine Bewegung neben sich.
„Asher.“
Livias Stimme war ruhig und klar. Sie richtete sich Direkt an ihn.
Er wandte den Kopf zu ihr. Ihr Gesicht war blass, die Augen wachsam, voller Sorge – nicht nur um Kael.
„Die Hexe. Bitte … hol sie.“ sagte Liv leise an ihn gewandt.
Asher erstarrte.
Für einen Moment wollte er widersprechen. Alles in ihm wehrte sich gegen diesen Gedanken. Eine Hexe. Nach allem, was geschehen war. Nach allem, was er begraben hatte.
„Liv—“, setzte er an.
Sie hob die Hand, unterbrach ihn, sah ihm fest in die Augen. „Sie ist verletzt. Und sie hat mir geholfen. Sie wurde eröresst.“
„Sie wollte dich das glauben machen.“ Wie konnte Livia nachdem erlebten so naiv sein. Hexen waren trügerisch.
Benett drehte sich zu Liv um und nickte ihr zu. Er wollte auch das er sie holte. Was erdreistete er sich. Doch was er daraufhin sagte, stimmte. Sie war seine Luna.
Ihre Stimme zitterte nicht als sie ihn angesprochen hatte. Sie flehte oder befahl auch nicht.
Aber sie bat ihn. Sie bat als Luna ihren Beta.
Asher presste die Zähne aufeinander.
Sie war seine Luna.
Und egal, was er dachte, fühlte oder hasste – ihr Wort hatte Gewicht.
Er nickte knapp. „Zeig mir, wo.“
Ohne ein weiteres Wort löste er sich aus der Gruppe und folgte dem Pfad, den Livia ihm zeigte, tiefer zwischen die Bäume hinein, weg vom Kampf, weg vom Licht. Der Boden war feucht, aufgewühlt von Magie und Gewalt. Blutgeruch hing schwer in der Luft, vermischt mit Angst, Adrenalin und dem Nachhall der Hexerei.
Zu viele Spuren. Zu viel Chaos.




Er erreichte die Hütte.
Asher trat ein, ließ den Blick ruhig durch den Raum gleiten. Zersplittertes Glas lag auf dem Boden, Möbel waren verrückt, tiefe Schleifspuren zogen sich über die Dielen. Ein Ort, an dem Gewalt geherrscht hatte.
Und doch fehlte etwas.
Oder jemand.
Er blieb stehen und atmete tief ein.
Da war es.
Ein Hauch nur. Kaum mehr als eine verblassende Erinnerung. Aber eindeutig.
Hexe. Sie war bis vor kurzem noch hier gewesen.
Sein Kiefer spannte sich. Das kann doch nicht … Er atmete noch einmal ein.
„Natürlich“, murmelte er leise. „Natürlich.“
Die Mondgöttin hatte Humor. Einen grausamen, verdrehten Sinn für Ironie. Ausgerechnet ihm. Eine Hexe. Nach allem, was er gesehen und verdrängt hatte. Eine Hexe hatte ihm schon einmal übel mitgespielt. Und nun sollte so eine, seine Gefährtin sein.
Wut flackerte in ihm auf – heiß und scharf. Doch darunter lag etwas anderes. Etwas, das ihn weitergehen ließ, statt umzukehren.
Er folgte dem Duft.
Er war schwach, bereits im Vergehen begriffen, und doch lag er noch in der Luft – überlagert von einer Verschleierungsmagie, so fein und präzise gewoben, dass sie beinahe unsichtbar war. Fast hätte Asher sie übersehen.
Aber nur Fast.
Er kniete sich hin, fuhr mit den Fingern über den Boden.
Blut. Ein dunkler Fleck war auf den Boden ausgebreitet. Er war noch nicht ganz getrocknet. Doch er wusste mit Sicherheit das es ihr Blut gewesen war.
„Verdammt“, knurrte er leise.
Sie war verletzt. Schwerer, als sie hätte sein dürfen. Und sie war gegangen. Allein. Mitten in der Nacht. Mit diesen Verletzungen. Er schluckte.
Warum war sie geflohen?
Er wusste die Antwort längst.
Weil sie wusste, was sie war.
Weil sie wusste, was er war.
Und weil sie wusste, was sie getan hatte.
Sie hatte Marek geholfen. Ob gezwungen oder nicht – sie hatte geholfen, die Gefährtin eines Alphas zu entführen. In der Welt der Wölfe war das ein Verbrechen, das nur ein Urteil kannte. Den Tot.
Asher war seinem Alpha treu ergeben. War es immer gewesen.
Und dennoch wusste er in diesem Moment, als er diesen Duft einatmete, dass er ihr niemals hätte etwas antun können.
Nicht jetzt.
Nicht jemals.
Er zwang sich weiter, folgte der Spur, bis sie abrupt endete.




Als hätte jemand sie ausgelöscht.
Die Verschleierung wirkte hier vollkommen. Keine Ausläufer. Kein Nachhall. Die Hexerei war makellos.
Asher fluchte leise.
Dann sah er es.
Ein Stück Stoff, zwischen dicken Baumwurzeln hängen geblieben. Dunkel. Zerfetzt. Er trat näher, hob es auf und presste es instinktiv an die Brust.
Ein Teil ihres Umhangs.
Ihr Duft explodierte in seinen Sinnen.
Warm und Erdig. Ein Hauch von Vanille lag darin, unerwartet sanft und doch so betörend. Für einen flüchtigen Moment löste dieser Geruch etwas in ihm aus, das er nicht benennen konnte oder wollte.
Dann kamen Schmerz und Angst.
Sein Zorn schoss in ungeahnte Höhen. Sie hatte Angst. Vor Ihm. Vor seinem Rudel. Und das zu Recht.
Doch darunter war auch noch etwas anderes: Entschlossenheit. Schutz.
Nicht für sich selbst.
Für jemand anderen. Wie passte das zusammen?
Seine Gefährtin.
Die Erkenntnis traf ihn mit brutaler Klarheit. Wurde ihm erst jetzt richtig bewusst.
Asher stand reglos da, den Stoff fest in den Händen, während sein Herz schwer und unregelmäßig schlug. Sein Atem ging flach, als würde er ertrinken.
„Du verdammte Idiotin“, murmelte er rau. „Du hättest bleiben sollen. Hättest dich von mir versorgen lassen lassen. So wie es mei Recht ist.“ Das hatte sie ihm genommen. Ein weiterer Grund sauer auf sie zu sein.
Und doch wusste er, warum sie es nicht getan hatte.
Sie hatte Angst. Vor ihm. Vor seinem Rudel. Und sie hatte jedes Recht dazu.
Er wsr sauer auf sie dafür, dass sie geflohen war.
Er war sauer auf die Mondgöttin dafür, dass sie ihm ausgerechnet eine Hexe gegeben hatte.
Und er war sauer auf sich selbst dafür, dass er jetzt schon wusste:
Egal, wie weit sie gelaufen war.
Egal, wie gut sie sich verborgen hatte.
Er würde sie finden.
Nicht heute.
Nicht morgen vielleicht.
Aber irgendwann.
Und dann würde sie ihm erklären müssen, warum sie geglaubt hatte, allein besser geschützt zu sein.

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