Kapitel 9
Cade öffnete die Badezimmertür, ohne dass ein einziges Scharnier knarrte. Er war es gewohnt, sich lautlos zu bewegen – im Wald, in Verhandlungen, in Häusern, in denen niemand merken sollte, dass der Alpha nachts durch die Flure streifte.
Feuchter Dampf hing wie Nebel in der Luft, legte sich auf Fliesen, Spiegel und Haut. Das Licht war gedämpft, warm, die Ränder der Welt verschwommen.
Belle lag in der Wanne, halb im Wasser versunken. Schaum bedeckte ihren Körper wie eine improvisierte Rüstung. Ihr Kopf lehnte am Wannenrand, die Augen geschlossen, die Gesichtszüge weich – nicht, weil sie entspannt war, sondern weil Erschöpfung alles andere überdeckt hatte.
Nora saß am Rand der Wanne, die nackten Füße auf den Fliesen, die Hände in Belles Schultern verankert. Ihre Finger kneteten vorsichtig verspannte Muskeln, als hätte sie das schon hundertmal gemacht.
„…und du musst dich jetzt echt nicht schämen,“ plapperte Nora gerade. „Wir haben alle mal Badewannentage. Sogar der Alpha, aber psst, das bleibt unter uns, sonst—“
„Nora,“ sagte Cade leise.
Sie zuckte heftig zusammen, schaute über die Schulter – und sprang dann so schnell auf, dass fast Wasser über den Wannenrand schwappte.
„Alpha,“ flüsterte sie hastig. „Ich… ich wollte nur—“
Er nickte nur. „Schon gut. Geh.“
Nora verstand. Sie verstand schneller als die meisten Erwachsenen. „Ich… hol Tee. Und frische Kleidung,“ murmelte sie, huschte an ihm vorbei und zog die Tür hinter sich zu.
Belle bemerkte nichts davon. Sie hatte nicht einmal mitbekommen, dass Nora gegangen war. Ihre Schultern sanken wieder tiefer ins Wasser, der Kopf blieb an derselben Stelle am Rand der Wanne.
Für sie war die Welt unverändert.
„Livia hätte mich ausgelacht, weißt du?“ murmelte sie, mit dieser halb schläfrigen, halb ironischen Stimme, die ihm bereits im Jet aufgefallen war. „Sie hätte gesagt, ich sehe aus wie ein nasser Hamster. Aber ein sehr mutiger Hamster.“
Cade trat an den Wannenrand heran und setzte sich genau dort hin, wo eben noch Nora gesessen hatte. Er ließ sich Zeit, Bewegungen ruhig, berechnend. Dann legte er die Hände an dieselbe Stelle an ihrem Nacken, an der Nora eben noch massiert hatte.
Belle reagierte nur mit einem tiefen, leisen Seufzen. Kein Zusammenzucken, kein spürbarer Alarm. Ihr Körper erkannte nur warmen Druck und ließ los.
„Livia war immer… die Größere von uns beiden,“ fuhr sie fort. „Laut, furchtlos, die Drama-Queen vom Dienst. Und ich war… die, die alles geplant hat. Die Checklisten geschrieben hat. Doch irgendwann wurde sie anders. Sie hat Marek kennengelernt. Und dann…“
Sie verstummte kurz, atmete einmal zittrig aus.
„Ein Glück ist sie ihn jetzt los,“ murmelte sie leiser.
Cade glitt mit den Daumen langsam an beiden Seiten ihres Nackens entlang. Die Muskeln darunter fühlten sich an wie Beton. Jahrelange Anspannung, Misstrauen, Überleben. Unter seinen Fingern lag eine Geschichte, die er noch nicht kannte – aber spürte.
Er wusste, sie dachte immer noch, er sei Nora. Ein Teil von ihm war versucht, sich sofort zu verraten. Ein anderer Teil… wollte hören, was sie sagte, wenn sie nicht auf der Hut war.
„Weißt du,“ sagte sie, und ihre Stimme wurde etwas weicher, „es ist… seltsam, wie sicher man sich fühlt, wenn jemand einfach… bleibt.“
Seine Hände hielten kurz inne. Nur einen Sekundenbruchteil. Dann machten sie weiter, jetzt tiefer, entschlossener. Er arbeitete sich entlang der Muskulatur, löste Knoten, die so alt waren, dass man sie fast für Teil ihres Körpers hätte halten können.
„Ich hatte so lange niemanden,“ flüsterte Belle. „So richtig. Ich dachte irgendwann, es ist normal, wenn niemand kommt.“
Cade schloss für einen Moment die Augen. Etwas in seiner Brust reagierte darauf – ein dumpfes, verletzliches Ziehen, das er nicht mochte, aber akzeptieren musste. Sein Wolf knurrte leise, nicht vor Wut, sondern vor etwas, das verdächtig nah an Beschützerinstinkt grenzte.
Sie redete weiter, ohne zu merken, wie sehr jedes ihrer Worte in ihm aufschlug.
„Und dann war da Sebastian.“
Sein Griff erstarrte. Diesmal länger.
„Sebastian?“ fragte er. Es klang mehr wie ein Knurren als wie ein Wort.
Belle riss die Augen auf. Der Name war ihr anscheinend im Halbschlaf entkommen – und jetzt erst schien sie zu realisierte, dass seine Stimme hinter ihr nicht die von Nora war.
Sie drehte den Kopf, so weit sie konnte, und sah ihn. Ihre Pupillen weiteten sich, Schock, Wut, Scham und Trotz mischten sich.
„Was machst du hier? Wo ist Nora?“ zischte sie.
„Wer ist er?“ fragte Cade, die Kiefer angespannt.
„Das geht dich nichts an.“
Die Luft zwischen ihnen wurde ein Grad kälter.
„Antworte mir,“ wiederholte er, tiefer. „Jetzt.“
„Und knurr mich nicht an,“ fauchte sie zurück. „Ich bin keiner deiner Wölfe.“
Er hielt ihrem Blick stand. In seinen Augen lag nichts Sanftes mehr. Das wusste er nur zu gut. Nur eine ruhige, dunkle Entschlossenheit, in der der Wolf knapp unter der Oberfläche lauerte.
„Nein,“ sagte er. „Das bist du nicht.“ Er beugte sich etwas vor. „Aber du gehörst mir. Je eher du das einsiehst, desto leichter wird es für uns alle.“
Empörung flackerte durch ihr Gesicht. Sie versuchte, sich aufzurichten, und merkte im selben Moment, wie wenig Rückhalt ihr Körper hatte. Trotzdem stemmte sie sich hoch – erst dann wurde ihr klar, dass der Schaum nachgegeben hatte und sie mehr zeigte, als sie wollte.
Cades Blick rutschte kurz tiefer, dann wieder hoch zu ihren Augen. Sein Kiefer zog sich noch härter zusammen. Er sah mehr, als gut für seine Selbstbeherrschung war, und drehte den Kopf um einen Hauch, um ihr die Illusion von Privatsphäre zu lassen.
Belle sank wieder unter die Wasseroberfläche, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Du solltest jetzt gehen,“ sagte sie, ihre Stimme schneidend.
Cade ballte unmerklich die Hände. Es war lange her, dass jemand in diesem Ton so mit ihm gesprochen hatte – und nicht im nächsten Moment den Kopf geneigt hatte. Er war nicht gewohnt, dass man ihm Grenzen setzte. Schon gar nicht seine Gefährtin.
Er atmete einmal langsam durch.
„Wie viele Männer waren in deinem Leben?“ fragte er leise.
Belle blinzelte. „Was?“
„Ich will eine Zahl.“
„Dein Ernst?“ Sie lachte trocken. „Auch das geht dich nichts an. Ich frage dich doch auch nicht, wie viele Frauen du hattest.“
Er dachte kurz daran zu antworten: Keine, die zählte. Aber er ließ es.
„Hast du ihn geliebt?“ fragte er stattdessen.
Belle hielt seinem Blick stand. Ihre Augen wurden schmal.
„Vielleicht,“ sagte sie hart. „Vielleicht liebe ich ihn immer noch.“
Etwas in ihm schnappte zu. Ruhig, lautlos. Wie eine Falle.
Er stand nicht einmal ganz bewusst auf. Es war eine Bewegung aus Reflex und Instinkt. Seine Hand fand ihren Arm; mit einem Ruck zog er sie hoch, aus dem Wasser. Sie protestierte, keuchte, wollte sich losreißen.
Er ließ sie keine Sekunde offen stehen, griff nach einem Handtuch, das über einem Stuhl hing, und wickelte es fest um sie. Erst als sie eingehüllt war, zog er sie enger an sich.
„Und trotzdem hat er dich verloren,“ sagte er leise.
Es war keine Frage. Es war ein Urteil, ein Schlusspunkt.
Belle blickte zu ihm hoch, atemlos, verwirrt, wütend. Ihre nassen Haare klebten an ihren Wangen, Wassertropfen perlten an ihrem Hals hinab. Sie sah aus wie jemand, der gerade im Feuer stand und sich weigerte, zu schreien.
Cade hob sie hoch, als wäre sie federleicht. Ihr Körper war schmal, aber er spürte die Kraft, die darunter lag. Kein Opfer. Kein gebrochenes Ding.
Er trug sie ins Schlafzimmer, ohne ein weiteres Wort.
Das Bett nahm sie auf, als er sie absetzte. Sie versuchte sofort, sich aufzusetzen, aber er war schneller. Sanft, aber unnachgiebig legte er ihre Handgelenke neben ihren Kopf auf das Kissen und hielt sie dort.
„Ich stelle Fragen,“ sagte er ruhig. „Du antwortest.“
„Zwing mich,“ schoss sie zurück, das Kinn trotzig gehoben.
Sie wusste wirklich nicht, mit wem sie redete.
Er beugte sich näher. Seine Stirn war nur wenige Zentimeter von ihrer entfernt, sein Atem strich über ihre Wange.
„Du gehst nicht,“ wiederholte er. „Nicht von hier. Nicht von mir.“
„Weil du’s sagst?“ flüsterte sie.
„Weil ich dein Gefährte bin,“ antwortete er. Keine Pose, nur Wahrheit. „Und weil ich dich mit niemandem teile.“
Etwas in ihrem Blick flackerte. Kein Schrecken, kein Unterwerfen. Eher ein Aufblitzen von Das werden wir ja sehen.
„Ich dachte, Männer wie du gibt es nur in schlechten Fantasyromanen,“ murmelte sie.
Ein Mundwinkel von ihm hob sich. „Und ich dachte, Frauen wie dich gibt es nur in Legenden.“
Bevor sie eine Antwort konstruieren konnte, legte er den Mund auf ihren.
Es war kein vorsichtiger, tastender Kuss. Er war eindeutig, fordernd, voller unausgesprochenem Anspruch. Kein Zwang, aber auch kein Zweifel. Und Belle – die Frau, die sich ein Jahr lang nicht brechen ließ – wehrte sich nicht. Sie hielt nicht still, sie zog sich nicht zurück.
Sie küsste zurück. Mit Trotz. Mit Hunger. Mit allem, was man nicht aus jemandem herausprügeln konnte.
Als er sich schließlich löste, war ihr Atem unruhig. Ihre Lippen waren gerötet, ihre Augen glänzten.
„Ich möchte mich anziehen,“ murmelte sie heiser.
„Gut,“ sagte er. Seine Stimme war wieder ruhiger, aber der Wolf vibrierte dicht unter der Haut. „Zieh dich an.“ Er sah sie an, als würde er jedes Detail speichern. „Und wenn du irgendwann noch einmal den Namen Sebastian erwähnst, werde ich ihn vernichten. Nur damit du’s weißt.“
Ihre Augen wurden schmal. „Das ist krankhaft.“
„Das ist Eifersucht,“ sagte Cade. „Und Eifersucht ist nichts anderes als Instinkt, wenn man etwas gefunden hat, das man nicht verlieren will.“
Sie starrte ihn an, als müsste sie neu sortieren, wer hier eigentlich das größere Problem war.
„Du bist unmöglich.“
„Ich bin Wolf,“ korrigierte er. „Und Alpha.“
Er löste seine Hände von ihren Handgelenken, stand auf und trat zurück, gab ihr bewusst Raum.
„Ich gebe dir zehn Minuten zum Anziehen,“ sagte er. „Dann komme ich wieder. Du bist müde. Du isst etwas, dann schläfst du.“
Er drehte sich um, ging zur Tür, öffnete sie.
„Und Belle?“
Sie sah ihn fragend an.
„Du gehst nicht,“ wiederholte er.
Dann verließ er den Raum.
Doch selbst als die Tür ins Schloss fiel, blieb sein Wolf bei ihr – ein unsichtbarer, wacher Schatten, der sie mittelfristig genauso fest hielt wie seine Hände es eben getan hatten




































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