Kapitel 10
10
Als Arjen beim Kongresszentrum nach einem Parkplatz suchte, beschlich Marijke ein Verdacht. »Wir gehen in den Wittelsbacher Park«, rief sie aus.
Er lächelte. »Ich dachte mir, das Wetter ist ideal für ein Picknick. Ich hoffe, du hast Hunger.«
»Immer. Leider.« Sie klopfte sich auf den Bauch. »Ich muss ein bisschen aufpassen, damit ich nicht zu sehr zulege.«
»Du hast eine tolle Figur.«
»Danke. Und genau deshalb sollte ich nicht wahllos Essen in mich hineinschaufeln. Der ständige Latte mit Lea ist auch nicht gerade kalorienarm.« Marijke musterte Arjen von der Seite. »Du hast damit keine Probleme, wie ich sehe.«
»Nein. Aber ich trainiere sehr viel. Zumindest daheim. Hier habe ich mich noch nicht aufraffen können, mir ein Fitness-Studio zu suchen.« Gekonnt stieß er seinen Tesla rückwärts in eine Parklücke.
Marijke studierte das gelbe Nummernschild, während Arjen einen Picknickkorb aus dem Kofferraum holte. »Ist es nicht schwierig, mit einem Elektroauto von Holland bis nach Bayern zu fahren?«, erkundigte sie sich. »Die haben doch keine so große Reichweite, oder?«
»Es gibt Unterschiede. Natürlich kommt man mit einem Benziner deutlich weiter. Aber ich habe mir beim Herfahren Zeit gelassen und zwei längere Zwischenstopps eingelegt. Deutschland ist zu schön, um einfach nur durchzurasen.«
»Da hast du recht. Ich kenne leider auch noch viel zu wenig davon.« Marijke hängte sich bei ihm ein und gemeinsam schlenderten sie das kurze Stück zum Park.
»Dann sollten wir das unbedingt ändern. Wir könnten zusammen alle interessanten Ecken Deutschlands entdecken. Und natürlich auch die niederländischen.«
Der Gedanke hatte durchaus etwas Reizvolles. »Lass uns nach meinem Abschluss darüber reden, ja?«
»Klar. Wie sehen denn deine Pläne für hinterher aus? Welchen Beruf willst du ergreifen?«
»Ich habe mich noch nicht so ganz entschieden. Jugendhilfe würde mir gefallen. Oder die Arbeit mit Flüchtlingen. Das würde mir auch Spaß machen.«
»Du kannst ja an mir üben.«
Sie lachte laut. »Du bist definitiv weder ein Jugendlicher noch ein Flüchtling.«
»Aber ein Ausländer im fremden Land, dessen Sprache er nur unzureichend spricht.«
»Jetzt machst du Fishing For Compliments. Dein Deutsch ist doch wirklich okay.«
»Okay schon, aber ich wünschte, ich könnte mich besser ausdrücken.«
»Dann sollten wir Deutsch sprechen.«
Arjen seufzte. »Das ist für mich harte Arbeit. Und wenn ich mit dir zusammen bin, will ich nicht arbeiten. Da will ich nicht ständig nachdenken müssen, ob ich die Wörter kenne, die ich brauche, um zu sagen, was ich sagen will. Schau, wie wäre es da vorne auf der Wiese? Das ist ein schönes Plätzchen.«
Er breitete eine große Decke aus und Marijke setzte sich, während sie beobachtete, was er auspackte. Sandwiches, verschiedene Salate, Obst und Getränke.
»Wer soll das denn alles essen?«
»Der Tag ist noch lang«, erwiderte Arjen ungerührt, als er Pappteller aus dem Korb holte. »Sag mal, hab ich eigentlich einen schlimmen Akzent?«
»Nein, du sprichst Niederländisch völlig akzentfrei. Es ist höchstens ein kleines bisschen Bossenaars dabei, falls ich das überhaupt noch beurteilen kann.«
Er sah sie strafend an. »Du weißt, was ich meine. Ich habe das Gefühl, mein Deutsch ist ganz furchtbar. Die Verkäuferin beim Bäcker meinte vorhin auch, dass ich wohl nicht von hier sei.«
Marijke kicherte ausgelassen. »Was hast du denn verlangt? Brötchen oder Semmel?«
»Brötchen natürlich. Was soll das andere sein?«
»Das bayerische Wort heißt Semmel. Brötchen sind hier verpönt. Wobei Augsburg eine Stadt von Welt ist, du kriegst hier mit Sicherheit auch deine Brötchen.«
»Du nimmst mich auf den Arm.«
»Ja. Und es macht Spaß.« Tatsächlich hatte sich Marijke schon lange nicht mehr so gut gefühlt. Sie beobachtete das Treiben im Park, hörte das Kinderlachen vom nahen Spielplatz, sah einem Jogger nach, der so keuchte, dass sie es aus fünfzig Metern Entfernung hören konnte, und verfolgte das Ballspiel einiger Jugendlicher. Die Sonne schien, aber gleichzeitig wehte eine leichte Brise, die den Junitag angenehm machte. Es war perfekt. Zwei junge Frauen gingen untergehakt auf dem nahen Weg vorbei und warfen Arjen verstohlene Blicke zu.
»Was möchtest du?«, fragte er.
Marijke sah wieder auf das Angebot. »Ist das ein Geflügelsalat? Den will ich unbedingt probieren. Und den Eiersalat. Und ein Sandwich.«
»Na dann, bedien dich.«
»Danke dir.« Sie strahlte ihn an. »Das war eine tolle Idee.«
»Erzähl mir von deinem Freund.«
»Von Dominik? Warum?«
»Es ist nie verkehrt, seine Vorgänger zu kennen.«
Vorgänger? Waren sie schon so weit? Es widerstrebte ihr, Arjen von Dominik zu erzählen. »Ich mag nicht über ihn reden«, wehrte sie ab.
»Verstehe ich. Dann von deiner Freundin. Wie kommt es, dass ihr seit der Grundschule befreundet seid, obwohl du in der Schweiz aufgewachsen bist? Ist sie auch von dort?«
Marijke nahm einen großen Bissen von ihrem Sandwich und kaute genüsslich, um ihre Gedanken zu sammeln. Sie musste vorsichtig sein, was sie verriet. »Nein, aber wir sind immer in Kontakt geblieben. Wir wohnten in München. Ich war erst seit drei Tagen in der Schule und konnte kaum ein Wort Deutsch. Lea saß neben mir. Ich mochte sie, weil sie ein fröhliches Mädchen war. Wir haben uns mit den Händen und mithilfe von Zeichnungen unterhalten und hatten dabei viel Spaß. Und sie hat ständig mit mir geredet, egal, ob ich sie verstand oder nicht. Mein Pa holte mich mittags immer ab, aber an dem Tag kam er zu spät. Lea hat eine Weile mit mir gewartet, da kam ihr großer Bruder Paul und fragte, was los ist. Er nahm meine Hand und zeigte die Straße entlang. Ich dachte, er bringt mich heim.«
»Hat er aber nicht?«
»Nein. Er ging mit uns zur S-Bahn-Haltestelle und bedeutete mir, dass ich fünf Stationen fahren müsste. Ich habe ihm geglaubt. Erst in der Bahn habe ich mich an Leas entsetztes Gesicht erinnert und wie sie mit Paul diskutiert hat. Dann fuhren wir in den Untergrund und mir war klar, dass irgendetwas kräftig falsch lief. Als ich ausstieg, befand ich mich mitten in einer Unmenge Menschen, die von einer Seite zur anderen rannten. Ständig kamen Bahnen an, spuckten neue Reisende aus und verschluckten diejenigen, die da waren.«
»Das muss beängstigend gewesen sein.«
»Ich hatte Panik. Ich lief hin und her und begann zu weinen. Aber keiner hat mich beachtet. Wie sich herausstellte, hat Paul mich zum Hauptbahnhof geschickt.«
»Ach du je.« Arjen verschluckte sich an seiner Cola und hustete.
»Genau.« Marijke grinste schief. »Auf einmal erschien der Gedanke an die kleine Wohnung mit dem fremden Mann, der mein Pa war, gar nicht mehr so angsteinflößend.«
»Das musst du mir genauer erklären. Du hast deinen Vater gar nicht gekannt?«
»Nein. Ich bin das Ergebnis eines Barflirts.«
»Im Ernst?«
»Ein bisschen mehr war es schon. Aber geplant war ich nicht. Mein Vater war damals erst achtzehn und auf Klassenfahrt, als er Ma kennenlernte und sich verliebt hat.«
»Wow. Das nenne ich mal eine Romanze.«
»Die nach wenigen Tagen schon beendet war. Sie blieben zwar in Kontakt, haben sich aber nicht wiedergesehen. Und Ma hat ihm verschwiegen, dass sie schwanger geworden ist.«
»Also wusste er nichts von dir?«
»Nein, bis wir vor seiner Tür standen. Ma musste für ein halbes Jahr nach Amerika und ich sollte bei lieben Freunden bleiben. Das hat sich aber einen Tag vor ihrem Abflug zerschlagen und sie musste ganz schnell eine neue Lösung für mich finden.«
»Und sie hat dich bei deinem Vater abgeladen?«
»Abgeladen würde ich nicht sagen.«
»Aber warum bist du immer noch hier, wenn es nur ein halbes Jahr sein sollte?«
»Das ist eine andere Geschichte, du wolltest doch eigentlich von Lea hören.«
»Zuerst will ich wissen, wie du nach Hause gekommen bist. Denn das hat anscheinend geklappt. Was hast du getan?«
»Ich wollte mit der Gegenbahn wieder zurückfahren.«
»Guter Plan. Sehr schlau.«
»Nur habe ich die Falsche erwischt, die ganz woanders hinfuhr. Das war zwar nicht mehr unter der Erde, aber genauso fremd.« Marijke lächelte. »Ich war völlig eingeschüchtert und saß heulend auf einer Bank. Ich habe mich noch nie so einsam und verlassen gefühlt. Ich hatte Angst, dass ich nie wieder heimfinden würde. Zu meinem Vater, der mir plötzlich wie ein Fels in der Brandung erschien, und der, wie ich mir eingestehen musste, nicht so schlimm war, wie ich zu Beginn befürchtet hatte.«
»Schlimm?«, unterbrach Arjen sie neugierig.
»Unser erstes Zusammentreffen war, wie soll ich sagen, etwas furchteinflößend. Meine Mutter hatte mir zwar immer wieder die Situation erklärt und versucht, mir die Angst zu nehmen. Sie sagte, dass es mir bestimmt in Deutschland gefallen würde. Trotzdem wurde ich von einem Tag auf den anderen von zu Hause weggebracht und sollte mich in einer fremden Umgebung, in einem fremden Land, zurechtfinden. Ich hatte einfach Angst. Und mein Vater wusste gar nicht, dass wir kommen.« Auf Arjens fragenden Blick zuckte sie mit den Schultern. »Meine Mutter konnte ihn nicht erreichen und musste überhastet eine Entscheidung treffen. Wir saßen stundenlang auf der Treppe vor seiner Wohnung, bis seine Vermieterin uns reingelassen hat. Am nächsten Vormittag kam er dann an. Von einer Party, ungewaschen, zerzaust und vermutlich auch mit einigem an Restalkohol. Er sah überhaupt nicht so aus, wie Ma ihn mir beschrieben hatte, und bei dem Gedanken, dass ich ein halbes Jahr bei ihm bleiben sollte, geriet ich in Panik. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum ich meine Mutter nicht nach Amerika begleiten konnte und wieso sie mich bei diesem großen, wilden Kerl lassen wollte.«
Arjen lächelte. »Wie es aussieht, habt ihr euch arrangiert.«
»Ich war sehr vorsichtig. Und er hat sich wirklich alle Mühe gegeben.« Marijke schmunzelte. »Er hat es geschafft, mir die Angst zu nehmen, aber ich wollte nicht bleiben. Ich hatte Sehnsucht nach meiner Mutter und Heimweh nach zuhause. Und es war niemand da, dem ich mich anvertrauen konnte, weil mich keiner verstand. Ich fühlte mich so unendlich einsam.«
»Das verstehe ich. Es muss wirklich schlimm für dich gewesen sein. Und wie bist du damals wieder heimgekommen?«
»Ich dachte, ich würde einfach an Ort und Stelle sitzen bleiben, bis ich sterbe. Ich traute mich nicht mehr vom Fleck. Ich hatte ja keine Ahnung, wo ich war, und wollte mich nicht noch mehr verirren. Alles erschien mir so groß und fremd. Die Häuser schienen immer weiter auf mich zuzukommen und mich zu erdrücken. Menschen liefen an mir vorbei, einige blieben auch stehen und redeten mit mir. Vermutlich fragten sie, was los ist, aber als ich nicht antwortete, gingen sie schulterzuckend weiter. Nur eine Frau machte sich die Mühe, mir zu helfen. Als sie merkte, dass ich sie nicht verstand, hat sie sich meinen Schulranzen angesehen und das Sichtfenster entdeckt, hinter dem ein Kärtchen mit meiner Adresse steckte. Da hat sie meine Hand genommen und mich heimgebracht.«
»Du bist einfach so mitgegangen?«
»Was hätte ich tun sollen? Mein Vater hätte mich dort niemals gefunden. Ich hatte schon Angst, aber sie sah nett aus, also habe ich ihr vertraut. Und als ich meinen Pa gesehen habe, bin ich einfach nur auf ihn zugerannt und habe ihn umarmt. Er war so erleichtert, dass er mich gar nicht mehr loslassen wollte. Da merkte ich, dass ich gar nicht so allein bin, wie ich gedacht habe. Das hat für ein völlig neues Verhältnis zwischen uns gesorgt.«
»Eine tolle Geschichte. Aber wieso bist du denn immer noch mit dieser Lea befreundet? Ich hätte sie und ihren Bruder zum Teufel gejagt.«
»Lea hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Und Paul bekam daheim ordentlich Ärger für seinen Streich. Ich hatte befürchtet, dass er seinen Frust an mir auslässt, aber er spielte sich von da an als mein Beschützer auf. Wer auch immer anfing zu lachen, weil ich nichts verstand, bekam es mit ihm zu tun. Paul ist eigentlich ein netter Kerl. Er war einfach nur ein übermütiger Zehnjähriger, der die Konsequenzen seines Tuns nicht abschätzen konnte. Mittlerweile ist er treusorgender Familienvater mit Zwillingen.« Marijke streckte sich. »Aber das Ganze hatte auch was Gutes. Wir haben entdeckt, dass unsere Vermieterin gebürtige Niederländerin ist.«
»Ist nicht wahr.«
»Doch. Das machte es so viel leichter. Ich durfte nach der Schule zu ihr kommen, sie half mir bei den Hausaufgaben und brachte mir Deutsch bei. Und wenn Pa und ich uns mal wieder nicht verstanden, nahm er mich einfach bei der Hand und wir gingen zu Ilse, damit sie für uns dolmetschte.«
Arjen schüttelte lächelnd den Kopf. »Wahnsinn.« Er sah sie liebevoll an. »Dann hat sich am Ende alles zum Guten gefügt. Und deine Mutter? Kam sie zurück?«
»Natürlich.« Marijke bemühte sich, ihr Lächeln beizubehalten, auch wenn sie merkte, wie gekünstelt es wirken musste. Doch Arjen schien es nicht zu bemerken. »Nach einem halben Jahr, wie ausgemacht. Wir gingen zurück in die Niederlande und Pa kam mit. Für eine Weile wenigstens.«
»Und wie seid ihr dann in der Schweiz gelandet?«
Sie nahm sich eine Banane und schälte sie sorgfältig. »Ich kann dir doch nicht meine ganze Lebensgeschichte an einem Nachmittag verraten. Jetzt bist erst mal du dran. Erzähl mir von dir.«
Arjen zuckte mit den Schultern. »Meine Geschichte ist bei weitem nicht so aufregend wie deine. Meine Eltern sind geschieden und ich habe noch eine jüngere Schwester. Wir sehen uns allerdings nicht so oft.«
»Versteht ihr euch gut?«
»Manchmal. Meistens aber eher nicht. Als wir Teenager waren, haben wir sehr viel gestritten. Inzwischen ist es besser, aber ich habe nicht das Bedürfnis, sie ständig anzurufen.«
»Ich hätte gerne Geschwister gehabt«, murmelte Marijke. »Ich durfte zwar jederzeit Freunde mit nach Hause bringen, ein Ersatz war das aber nicht.«
»Ach, ich weiß nicht. Freunde kann man sich aussuchen, Geschwister nicht.«
»Freunde gehen auch wieder. Familie bleibt.«
»Leider.« Arjen lachte. »Nein, das hört sich falsch an. Ich bin zufrieden mit meiner Familie. Aber manchmal war es nicht einfach.«
»Kann ich mir vorstellen. Eine Scheidung geht an den Kindern nicht spurlos vorbei. Du hast aber schon noch Kontakt zu beiden Elternteilen, oder?«
Arjen zuckte mit den Schultern. »Mit meiner Mutter ist es schwierig. Sie versucht ständig, mich zu bevormunden und mir zu sagen, dass ich meinen Vater meiden soll.«
»Das ist aber nicht richtig. Ihr habt doch ein Recht auf eine gute Beziehung.«
»So sehe ich das auch. Ich bin froh, dass ich erwachsen bin und meine eigenen Entscheidungen treffen kann. Du verstehst vielleicht, dass es mir gar nicht so viel ausmachen würde, dem Drama daheim zu entfliehen und genügend Abstand zwischen mich und die Familie zu bringen.«
»Du überlegst also wirklich, hierzubleiben?« Marijke war sich nicht sicher, was der Gedanke in ihr auslöste. Da war dieses Flattern in der Magengegend, das sie bisher nur bei Dominik erlebt hatte. War sie tatsächlich auf dem Weg, sich wieder zu verlieben? Sie mochte Arjen. Seine ungezwungene Art gefiel ihr und wenn er sie mit diesem zärtlichen Blick ansah, wurde ihr warm.
»Ich könnte dich vom Fleck weg heiraten.«
Sie zuckte zusammen. So weit war sie mit Sicherheit noch nicht.
Arjen biss sich auf die Lippe. »Zu früh?«
»Tut mir leid.«
»Ich verstehe schon.« Er nahm sie in den Arm und sie lehnte sich an seine Schulter. Es war ein gutes Gefühl. Sie fühlte sich geborgen. Aber bisher hatte sie immer Dominik als die Liebe ihres Lebens gesehen. Was sagte es über die Tiefe ihrer Emotionen aus, wenn sie ihren langjährigen Freund sofort ersetzen konnte? »Es ist alles noch so frisch«, entschuldigte sie sich.
»Ich hätte das nicht sagen sollen. Aber es stimmt. Was meinst du, warum ich ständig in dem Café aufgetaucht bin? Manchmal saß ich den halben Nachmittag dort, nur, um einen Blick auf dich zu erhaschen.«
Marijke sah zu Boden. Sie wusste nicht, wie sie auf seine Worte reagieren sollte. »Musst du nicht arbeiten?«, lenkte sie ab. »Wie kannst du halbe Nachmittage in einem Café abhängen?«
Er lachte. »Ich habe keinen strikten Achtstundentag. Außerdem bin ich ein Frühaufsteher. Meistens bin ich um sieben Uhr schon an der Arbeit, dann bin ich relativ früh fertig und kann mich den schönen Dingen des Lebens widmen. Zum Beispiel einer hübschen jungen Dame, die mir das Schicksal vor die Füße geweht hat.«
»Du spinnst ja.« Marijke lachte laut.
»Gar nicht.« Gespielt entrüstet schob er die Unterlippe vor. »Wie hoch sind die Chancen, dass das Mädchen, in das ich mich beim ersten Blick verliebt habe, ausgerechnet Niederländerin ist?«
»Davon gibt es in Deutschland mehr, als man denkt.«
»Trotzdem ist es ein ziemlicher Zufall. Ich nehme das als Wink des Schicksals, denn auf Deutsch hätte ich mich niemals so gut verständigen können. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte, aber so ist es doch viel einfacher. Und ich habe das Gefühl, dass du es auch genießt, dich in deiner Muttersprache zu unterhalten.«
»Das stimmt schon. Außer mit Ilse und in ein paar Foren im Internet habe ich nicht viel Gelegenheit, Niederländisch zu sprechen.«
»Na siehst du«, rief Arjen triumphierend. »Win-win für uns beide.«
»Absolut.« Marijke streckte sich auf der Decke aus und ließ es zu, dass er dicht an sie heranrückte. Er spielte mit ihren Haaren und als er sich über sie beugte, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Aufgeregt leckte sie sich die Lippen, was er als Aufforderung nahm, sie zu küssen. Ihr Puls wandelte sich zu einem Galopp, als er in ihren Mund eindrang und ihre Zungenspitzen sich berührten. Es fühlte sich gut an, richtig gut. Mit Dominik war es aus, sie hatte es selbst so entschieden. Sie wollte ihn endlich hinter sich lassen und vorausschauen.
Arjen fuhr an ihrem Bein entlang unter ihren weiten Sommerrock. Marijke hielt den Atem an. Ihr Plan, vorauszuschauen, hörte sich theoretisch so gut an, aber als es jetzt daran ging, ihn umzusetzen, zögerte sie. Als seine Hand ihren Oberschenkel erreichte, fing sie sie ab. »Noch nicht«, murmelte sie an seinem Mund. »Nicht hier.«
Genauso langsam zog er seine Hand zurück, verweilte kurz auf der Innenseite ihres Schenkels und fuhr über ihr Schienbein, so weit es ging, ohne den Kontakt zu ihrem Mund zu verlieren. Als er den Kuss beendete, sah Marijke ihn schuldbewusst an. Sie glaubte nicht, dass er hier, mitten im Park, mit ihr hatte schlafen wollen, doch er hatte sich eindeutig etwas mehr erhofft.
»Ich weiß, dass du noch Zeit brauchst«, entschuldigte er sich, »und das verstehe ich vollkommen. Aber ich kann auch nichts für meine Gefühle, und die sind ziemlich heftig.«
»Du bist nicht böse?«
»Nein, natürlich nicht. Ganz im Gegenteil, ich finde es gut, dass du es langsam angehen lassen willst. Ich muss mich nur besser im Zaum halten, dann wird es hinterher umso wunderbarer. Vorfreude ist schließlich die schönste Freude.«
Dankbar lächelte Marijke ihn an und strich über seine Wange. »Ich mag dich sehr«, gab sie zu.
Seine Augen verengten sich. »Mehr ist es nicht?«
»Wir kennen uns doch noch gar nicht.«
Er seufzte. »Ich vergesse ständig, dass ich dir gegenüber einen gewissen Vorsprung habe. Ich habe mich schon vor zwei Wochen in dein Lachen verliebt. Ich war immer fasziniert, wenn du mit deiner Freundin gekichert und herumgealbert hast. Ich wollte dich jedes Mal ansprechen, habe mich aber nicht getraut. Auch wegen meiner kümmerlichen Sprachkenntnisse. Ich habe ständig in der Kaffeetasse nach der Courage gesucht, einfach zu dir zu gehen und mich vorzustellen, aber der Kaffee war wohl nicht stark genug.« Er grinste breit und zeigte seine ebenmäßigen Zähne. »Hätte ich gewusst, dass ich mir gar keinen deutschen Anmachspruch zurechtlegen muss, hätte ich es vielleicht doch getan. Aber ich bin sehr froh, dass du die Initiative ergriffen hast.«
»Ja, ich auch«, gab Marijke zu. Und sie meinte es genau so.
Eine knappe Stunde später gingen sie zurück. Sie hatten noch einige Zärtlichkeiten ausgetauscht und sich mehrmals geküsst, aber Arjen hatte nicht versucht, mehr einzufordern, wofür Marijke ihm dankbar war. Er erzählte ihr lustige Begebenheiten aus seinem täglichen Leben und schwärmte von Augsburg und wie gut es ihm generell in Deutschland gefiel. Er hatte eine angenehme Stimme und sie hörte ihm gerne zu.
»Ich biege kurz ab, um mir Zigaretten zu besorgen. Du kannst schon zum Auto gehen, ich hole dich ein.«
Doch nicht so perfekt? »Du rauchst?«, fragte sie ungläubig. Er roch eher nach Pfefferminz als nach Rauch, aber vielleicht hatte er seinen Atem damit übertünchen wollen.
»Ab und zu. Ist das ein Problem?«
Was sollte sie jetzt sagen? Ehrlich sein oder höflich abwinken?
»Ich mag Raucher nicht so gern«, entschied sie sich für die Wahrheit. »Ist nicht so mein Ding.«
»Dann höre ich damit auf.«
»Echt? Einfach so?«
Arjen zuckte mit den Schultern. »Eine Packung reicht mir locker zwei Wochen. Ich bin nur Gelegenheitsraucher. Kein Problem, aufzuhören. Sobald du dich entscheidest, mit mir zusammen zu sein.« Er zwinkerte ihr zu. »Bin gleich wieder da.«
Marijke sah ihm nach, wie er um die Ecke lief, und schlenderte langsam weiter. Würde er tatsächlich für sie das Rauchen aufgeben? Das war doch wirklich ein Liebesbeweis. Damit hätte sie dann gar nichts mehr an ihm auszusetzen. Sie musste nur noch die ständigen Gedanken an Dominik loswerden, die nach wie vor eine brennende Furche durch ihr Herz zogen.
Doch genau, als sie sich bemühte, nicht an ihn zu denken, sah sie sein Firmenauto vor einem Gebäude stehen. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie wollte ihn nicht sehen und auf gar keinen Fall sollte er mit Arjen zusammentreffen. Vielleicht fuhr ja heute ein Kollege den Kastenwagen mit dem Logo der Sanitär- und Heizungstechnik-Firma, die Dominiks Vater gehörte. Und sogar, wenn er es selbst war, mussten sie sich ja nicht unbedingt über den Weg laufen. Wo war Arjen nur so lange?
Natürlich kam Dominik ausgerechnet jetzt mit seinem Handwerkskoffer aus dem Haus. Und natürlich sah er sie sofort. Abrupt blieb er stehen. »Ricky«, stammelte er. »Ich meine, äh, Marijke.« Unsicher fuhr er sich durch die Haare.
»Hallo.« Sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Am liebsten wäre sie zu ihm gelaufen, um ihm um den Hals zu fallen. Oder ihn zu schlagen, da war sie sich absolut nicht sicher.
Aber er nahm ihr die Entscheidung ab. Er stellte seinen Koffer am Auto ab und kam mit einem zaghaften Lächeln auf sie zu. »Können wir miteinander reden?«, bat er sie, doch sie schüttelte den Kopf.
»Nicht schon wieder. Ich habe dir nichts mehr zu sagen. Du hast dich für eine Andere entschieden.«
»Nein, habe ich nicht. Es gibt keine Andere für mich.«
»Das hättest du dir überlegen müssen, bevor du mit dieser Schwarzhaarigen ins Bett gestiegen bist.« Ein heftiger Stich fuhr ihr ins Herz, als sie an das Bild dachte, das er ihr geschickt hatte. Sie durfte nicht schwach werden. Eine Liebe, die auf einem solchen Verrat aufbaute, hatte keine Zukunft.
Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Komm schon, gib mir wenigstens eine Chance.«
»Nein.« Marijke wich einen Schritt zurück, doch er hielt sie immer noch fest.
»He, lass meine Freundin los.« Grob packte Arjen Dominiks Hand und zerrte sie von ihrer Schulter herunter. Mit einem kräftigen Stoß beförderte er ihn einen Meter zurück. »Belästigt dich der Kerl?«, fragte er Marijke. »Soll ich die Polizei rufen?«
»Nein, lass gut sein. Es ist alles in Ordnung.« Sie wechselte wieder die Sprache. »Hör auf, damit, Dominik. Es ist aus, akzeptiere das endlich.«
»Komm schon, Ri…« Er stockte und biss sich auf die Lippe. »Das ist doch nicht dein Ernst.« Sein Blick irrte zwischen ihr und Arjen hin und her und seine Augen verengten sich misstrauisch. »Ist das dein Neuer? Hast ja nicht lange gewartet. Und anscheinend auch noch einer, der Niederländisch spricht. Glückwunsch.«
Sein verächtlicher Ton schnitt ihr ins Herz. Sie wollte doch, dass Schluss war, warum tat es dann so weh? »Danke«, sagte sie sarkastisch und wandte sich an Arjen. »Können wir bitte fahren?«
Er nickte, ließ Dominik jedoch nicht aus den Augen. Sie sah ihm an, dass er gerne eine Prügelei angefangen hätte und auch ihr Ex-Freund schien einem Kampf nicht abgeneigt zu sein, wenn sie seine geballten Fäuste richtig interpretierte. Das hätte noch gefehlt, zwei Männer, die sich auf offener Straße um sie schlugen.
»Jetzt, bitte!«
Nach einigen weiteren ewig langen Sekunden wandte Arjen sich ab und öffnete ihr die Autotür. »Lass sie in Ruhe«, rief er über die Schulter zurück, bevor er ebenfalls einstieg und startete. Während er in den fließenden Verkehr einfädelte, fühlte Marijke immer noch Dominiks Blick in ihrem Rücken.
»War das dein Freund?«, fragte Arjen.
»Mein Ex-Freund«, betonte sie.
»Das freut mich zu hören.« Er lächelte, wurde aber schnell wieder ernst. »Ich wollte ihn nicht so grob anfassen, das tut mir leid. Ich dachte nur, es wäre irgendein Kerl, der zudringlich wird.«
»Schon okay. Er wird es überleben.«
»Das hoffe ich doch.« Arjen lachte. »Kommst du noch mit zu mir?«
Sie überlegte. Sie könnte die Zeit durchaus erübrigen, aber sie war noch nicht so weit, mit ihm in seine Wohnung zu gehen. Wer wusste denn schon, wohin das führen würde? Sie musste sich zuerst emotional von Dominik lösen, bevor sie sich komplett auf Arjen einlassen konnte.
»Ich muss noch lernen«, wandte sie ein und hörte selbst, wie fade ihre Ausrede klang.
»Das kannst du doch auch hinterher.«
Hinterher? Nach was denn?
»Das habe ich mir schon gesagt, als du mich für heute Nachmittag eingeladen hast. Jetzt ist hinterher und ich muss wirklich was tun.«
»Na gut.« Arjen klang enttäuscht. »Dann bringe ich dich wenigstens nach Hause.«
»Das Angebot nehme ich gerne an.« Versöhnlich strich Marijke über seine Schulter. »Demnächst mal, okay?«, vertröstete sie ihn.
»Klar.« Er warf ihr ein flüchtiges Lächeln zu und konzentrierte sich wieder auf die Straße.
In der Küche fand sie ihren Vater vor. Ungläubig sah sie auf die Uhr. »Was tust du denn schon daheim?«
»Rasen mähen. War längst überfällig.« Rick grinste.
»Ach, ich dachte, das war für Samstag geplant.«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich hatte keine Lust mehr. Die kommen den Rest des Tages auch ohne mich klar. Irgendwann muss ich meine fünfhundertsiebenunddreißig Überstunden ja abfeiern.«
»Ich dachte, du schreibst keine Überstunden.«
»Eben.« Rick grinste schief. »Vertrauensarbeitszeit ist eine feine Sache, aber ich zahl dabei regelmäßig drauf.«
»Ach du Armer.« Marijkes Stimme troff vor Sarkasmus, als sie ihren Vater umarmte. »Du solltest dich bei deinem Vorgesetzten beschweren. Ach, wie dumm, geht ja nicht, das bist du ja selbst. Ist schon irgendwie blöd, wenn der Finanzchef draufzahlt, da läuft irgendwas verkehrt.«
Rick lachte. »Verdien du erst mal dein eigenes Geld, dann sprechen wir weiter.« Er drückte ihr einen Kuss auf den blonden Scheitel. »Was hast du für heute noch geplant?«
Marijke seufzte tief. »Lernen. Und du?«
Rick sah aus dem Fenster.
»Denkst du an Daniela?«
Er wandte sich wieder ihr zu. »Ist das nicht bescheuert? Ich krieg sie nicht mehr aus dem Kopf. Es war völlig unmöglich, mich auf so etwas Profanes wie Arbeit zu konzentrieren. Mensch, ich bin doch kein Teenager mehr.«
»Du hast einfach zu viel verpasst. Warum gestehst du dir diese Gefühle nicht zu? Ruf sie an.«
»Weiß nicht.« Rick zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. »Ist das nicht aufdringlich?«
»Das wirst du an ihrer Reaktion merken. Aber wenn du es nicht versuchst, entgeht dir vielleicht eine großartige Gelegenheit.«
Er warf ihr einen sinnierenden Blick zu. »Wann bist du nur so vernünftig und erwachsen geworden? Wie läuft es eigentlich mit deinem Arjen?«
Marijke setzte sich ebenfalls. »Er hat mich zu einem Picknick im Park eingeladen.«
»Ein Picknick? Wie romantisch.«
»Es war ganz nett. Er sagte, er würde mich sofort heiraten. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich darauf reagieren soll. Ich habe nicht das ständige Bedürfnis, ihn anzurufen, und ich kann durchaus arbeiten, ohne immer an ihn denken zu müssen.«
»Ja, ich weiß, du bist die Vernünftigere von uns beiden«, konterte Rick.
»Ich habe einfach nicht diese Gefühle für ihn. Aber ich habe Dominik getroffen und wäre ihm am liebsten in die Arme gefallen.«
»Also bist du ihm nicht mehr böse?«
»Das ist nicht das Problem.«
»Ich weiß. Ich denke, deine Gefühle für Dominik stehen dir im Weg. Wie sollst du dich in Arjen verlieben, wenn du in Gedanken ständig bei deinem Ex bist?«
»Bin ich ja gar nicht mehr.«
Rick sah sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Ja, schon. Aber das hat keine Zukunft. Ich hätte nie die Gewissheit, ob er mich nicht wieder betrügt. Mein Vertrauen zu ihm ist fort und eine Beziehung ohne Vertrauen ist für die Tonne.«
»Da hast du recht. Es würde immer ein schaler Geschmack zurückbleiben, sogar, wenn du ihm verzeihst. Aber du musst Geduld mit dir selbst haben. Du magst Arjen doch, oder?« Als seine Tochter nickte, fuhr Rick fort: »Dann verbringe Zeit mit ihm und warte einfach, was passiert. Du brauchst ihn ja nicht nächste Woche zu heiraten, er wartet bestimmt noch ein wenig länger. Gefühle können wachsen, und je mehr du Dominik vergisst, umso mehr passt es vielleicht mit Arjen. Die Liebe auf den ersten Blick ist selten.«
»So wie bei dir und Ma?«
Er lachte. »Ich bezweifle, dass sich deine Ma auf den ersten Blick in mich verliebt hat. Sie fragte sich eher, was sie mit diesem deutschen Jungen mit den schmachtenden Kuhaugen anfangen soll.«
»Bestimmt nicht.«
»Oh doch. Wenn ich mich nicht mit Vincent geprügelt hätte, wäre ich ziemlich rasch verabschiedet worden. Sie fühlte sich einfach nur verantwortlich.«
»Dann hätte sie dich verarztet und fortgeschickt.«
Rick lächelte wehmütig, als er an Kim dachte. »Es war schon was zwischen uns«, gab er zu.
»Na also. Und zwischen dir und Daniela ist auch was. Ruf sie an. Ich gehe jetzt zu meinen Büchern.« Marijke drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ließ ihn allein.
Rick drehte sein Smartphone in den Händen. Sobald er an Daniela dachte, begann sein Herz schneller zu schlagen. Konnte er sie tatsächlich schon wieder um ein Treffen bitten? Und wenn sie es ausschlug? Ihn mit der Begründung hinhielt, dass sie sich ja erst gestern gesehen hatten? Es war ein sehr angenehmer Abend gewesen und es hatte ihm gutgetan, über die Vergangenheit zu sprechen, aber hatte sie das gleiche Herzklopfen gespürt wie er? Oder war er für sie nur eine nette Bekanntschaft, mit der man einen Abend verbrachte und das war es dann? Er konnte sich nicht dazu durchringen, sie anzurufen. Was sollte er auch tun? Sie schon wieder zum Essen einladen? Wie langweilig. Ein Spaziergang im Park? Noch langweiliger. Ein Picknick? Das war etwas für junge Leute. Genauso wie Kino. Ging man überhaupt noch ins Kino? Rick fühlte sich plötzlich unsagbar alt. Seufzend legte er das Handy weg, als er klingelte. Es war Daniela.
Er musste sich einen Moment sammeln. Dann hatte er Angst, dass er mit dem Telefon vor der Nase den Anruf verpassen würde, und nahm ihn schnell an. Sein Finger, mit dem er auf die Lautsprechertaste drückte, zitterte. Reiß dich zusammen, schalt er sich selbst und schaffte es gerade noch, sich mit belegter Stimme zu melden.
»Hallo Rick.« Sein Herz verdoppelte seinen Schlagrhythmus, als er ihre Begrüßung hörte. »Magst du Schaschlik?«
»Ich, ja, klar, ich meine, sehr gern sogar.« Er schloss die Augen. Was für ein furchtbares Gestammel.
Daniela lachte. Lachte sie ihn aus? »Ich habe versehentlich zu viel gekocht und dachte mir, du könntest mir beim Aufessen helfen.«
»Zuviel? Bei Schaschlik?« Er hatte sich wieder im Griff, gut.
»Ja, erwischt. Ich gebe zu, ich habe mit voller Absicht eins mehr gekauft. Du schuldest mir die Fortsetzung deiner Geschichte. Ich bin wirklich gespannt. Kommst du?«
»Mit Vergnügen.«
»Prima. Meine Adresse hast du ja. In einer halben Stunde?«
»Gern. Vielen Dank. Bis gleich.«
Rick stand vor seinem Schrank, als Marijke anklopfte und hereinkam. »Hab ich das richtig gehört, dass Daniela dich zum Essen eingeladen hat?«
»Du hast gelauscht?«
»Nein, ich wollte mir eine Flasche Wasser holen, habe mich aber zurückgehalten, als ich deine geistreichen Antworten hörte. Ich hoffe, du kannst dich nachher etwas kohärenter ausdrücken.«
»Und ich hoffe, du wirst irgendwann mal lernen, dass man seinen Vater respektvoll zu behandeln hat.«
»Der Zug ist längst abgefahren, meinst du nicht?« Marijke stellte sich neben ihn und starrte genauso in den Schrank wie er. »Was glaubst du, darin zu finden? Die letzten Ostereier?«
Rick schmunzelte. »Ich weiß nicht, was ich anziehen soll.«
Marijke musterte das Sakko, das auf dem Bett lag. »Nee«, schüttelte sie den Kopf. »Es reicht, dass du in der Firma so schnieke auftrittst. Geh einfach, wie du bist.«
»Jeans und T-Shirt?« Rick zog eine Grimasse.
»Ja. Vielleicht ein sauberes T-Shirt.« Sie rieb an einem Grasfleck, den er sich wohl beim Mähen zugezogen hatte.
»Ich weiß nicht.«
»Doch, sauber sollte es unbedingt sein.«
Er stieß sie mit dem Ellenbogen leicht in die Seite. »Du weißt, was ich meine.«
Sie grinste. »Verstell dich nicht. Wenn sie dich nicht so nimmt, wie du bist, hat es sowieso keinen Zweck.«
»Sie ist Innenarchitektin. Da hat sie doch gewiss einen gehobenen Anspruch.«
»Mit Sicherheit. Sonst würde sie dich nicht einladen.« Marijke lachte über Ricks verdattertes Gesicht und zog ein altes T-Shirt aus dem Schrank, auf dem groß der Aufdruck »World’s Greatest Daddy« prangte. »Wow. Das hast du noch?«
»Klar.« Er nahm es ihr aus der Hand und studierte es. »Es beinhaltet schöne Erinnerungen. Auch wenn ich leider nicht mehr reinpasse.«
»Ach komm, so viel hast du nicht zugelegt.« Marijke tätschelte ihm den Bauch. »Du bist immer noch ein sehr attraktiver Mann, trotz deines fortgeschrittenen Alters.«
»Sag mal, ich glaube fast, der Nachmittag mit Arjen hat dir besser gefallen, als du dir selbst eingestehen willst. So guter Laune warst du schon lange nicht mehr.«
Sie hielt inne. »Du hast recht. Ich habe seit zehn Minuten nicht mehr an Dominik gedacht. Ein positives Zeichen.« Sie nahm das T-Shirt und legte es ordentlich zusammen. »Da fällt mir ein, in den Semesterferien würde ich gern mal wieder Joe und Jasmin besuchen. Der Kleine ist schon ein halbes Jahr alt und wir haben ihn noch nicht mal gesehen.«
Rick nickte nachdenklich. Joe war kürzlich zum vierten Mal Vater geworden und sie hatten sich seit Ewigkeiten nicht mehr besucht. »Man könnte meinen, München ist weiter weg als Amsterdam«, murmelte er halblaut.
»Also abgemacht. Und jetzt muss ich wieder was tun. Viel Spaß heute Abend.«
Bereits seit fünf Minuten stand Rick vor dem Appartementhaus und suchte nach dem Mut, zu klingeln. Er gab sich selbst gegenüber offen zu, dass es ihn heftig erwischt hatte und er nicht wusste, wie er mit diesen ungewohnten Gefühlen umgehen sollte. Seit Kim hatte er kein solches Herzklopfen mehr gehabt.
Oben im zweiten Stock ging eine Balkontür auf und Daniela lehnte sich über das Geländer. »Kommst du noch rauf, oder soll ich dir das Essen runterbringen?«
Am liebsten wäre Rick im Erdboden versunken. Sie hatte ihn also gesehen. Hieß das etwa, dass sie am Fenster gestanden und auf ihn gewartet hatte?
Der Türsummer ging. Hastig drückte er die Eingangstür auf und lief über die Treppen hinauf in den zweiten Stock. Daniela lehnte im Türrahmen. »Wir haben auch einen Aufzug«, kommentierte sie trocken.
»Nicht so mein Ding«, wehrte er schulterzuckend ab und reichte ihr die Blumen. Im buchstäblich allerletzten Moment war ihm eingefallen, dass er nicht mit leeren Händen auftauchen sollte. Sie waren nur aus dem Supermarkt, aber immerhin hatte er den besten noch verfügbaren Strauß ausgesucht.
»Vielen Dank«, freute sie sich. »Komm rein.«
Rick sah sich in der geschmackvoll eingerichteten Wohnung um. »Schön hast du es hier«, stellte er fest.
»Danke. Ich bin für den Moment ganz zufrieden.« Daniela arrangierte die Blumen in eine Vase. »Auf längere Sicht hätte ich lieber was mit Garten.«
»Oh, da kann ich dir gerne meinen überlassen.« Rick merkte, wie seine Nervosität nachließ, und war dankbar dafür. »Wir hatten in der Schweiz einen großen Garten, allerdings auch einen guten Geist, der sich darum kümmerte. Hier wollten wir beide ebenfalls einen, haben aber die Konsequenzen nicht richtig eingeschätzt.«
»Du meinst, dass ein schöner Garten Pflege braucht?«
»Stimmt. Wir haben ein Gemüsebeet, auf das wir ungemein stolz sind, aber mit Blumen haben wir kein Glück. Also, wenn du dich in einem Garten betätigen willst, stelle ich dir sehr gerne einen Teil davon zur Verfügung.«
»Ein tolles Angebot, danke.« Daniela stellte die Vase auf die Anrichte. »Nimm bitte Platz, das Essen ist fertig. Warum bist du denn so lange vor der Haustür gestanden? Hast du den Klingelknopf nicht gefunden?«
»Doch. Sagen wir mal, ich war plötzlich etwas aufgeregt. Meine letzte Verabredung ist eine ganze Weile her.«
»Warum?« Sie runzelte die Stirn. »Ein attraktiver Mann wie du sollte damit doch keine Probleme haben.«
Rick lachte, während sich sein Herzschlag schon wieder abrupt beschleunigte. Sie hatte ihn attraktiv genannt.
»Sagen wir mal, gewisse Faktoren sprachen gegen eine längere Beziehung.«
»Sprachen? Jetzt nicht mehr?«
»Nicht unbedingt. Aber inzwischen bin ich aus dem Alter für junge Liebe heraus.«
»Für junge Liebe ist man nie zu alt.« Daniela deutete auf die Töpfe. »Bitte, bediene dich.«
»Danke.« Das Essen roch herrlich. »Und wie ist es mit dir? Wie lange bist du schon geschieden?«
»Seit vier Jahren. Wir wollten es beide nicht wahrhaben, aber zum Schluss ging es nicht mehr. Die Unstimmigkeiten waren einfach zu groß.«
»Das tut mir leid.«
»Muss es nicht. Es war gut so.« Daniela musterte ihn. »Warum bis du so plötzlich vom Erdboden verschwunden, Rick? Du sagtest, du meldest dich, wenn die Situation mit Marijkes Mutter geklärt ist.«
Er seufzte und legte das Besteck zur Seite. »Das wollte ich auch. Aber das Leben hatte andere Pläne. Völlig andere.«
»Und du konntest mir das nicht erzählen?«
»Nein, zu dem Zeitpunkt nicht.«
»Ich habe ein ganzes Jahr lang auf deinen Anruf gewartet«, bekannte Daniela leise.
»Echt jetzt?« Rick riss die Augen auf. Das hätte er niemals erwartet.
»Als ich dich damals sah, dachte ich, der Blitz schlägt ein. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der mir vom ersten Moment an so sympathisch war. Aber ich hatte einen Freund und habe nicht weiter darüber nachgedacht. Als meine Beziehung in die Brüche ging, wollte ich die Bekanntschaft mit dir erneuern, doch du warst mit Kim zusammen. Ich war mir nicht sicher, ob ich dir glauben soll, dass es vorübergehend ist, ich konnte mir absolut keinen Reim darauf machen. Trotzdem habe ich gewartet. Ich kam mir ganz schön blöd vor, als plötzlich völlig andere Leute in dem Haus wohnten.«
»Der Umzug war auch nicht wirklich geplant.« Rick hielt inne. »Du warst bei meiner Wohnung?«
»Ja, einige Monate später. Aber du warst nicht mehr da. Und die Leute, die dort wohnten, wussten nichts von ihrem Vormieter. Sie boten an, mir die Adresse ihrer Vermieterin zu geben, doch darin sah ich keinen Sinn.«
Er lächelte wehmütig. »Das hätte tatsächlich geklappt, sie ist nämlich als unsere Haushälterin mitgegangen. Ihre Adresse war auch meine.«
»Das hätte ich wissen müssen. Vielleicht hätte ich dich tatsächlich kontaktiert.«
Rick starrte auf die Tischplatte. »Mir war nicht klar, wie ernst es dir war. Ich meine, wir haben uns doch nur zweimal gesehen, wie hätte ich denn ahnen sollen …« Seine Stimme versagte.
Daniela legte ihre Hand auf seine. »Ist schon gut. Vielleicht haben wir eine neue Chance bekommen. Aber ich würde gerne verstehen, was passiert ist. Du hast Marijke also für ein halbes Jahr bei dir aufgenommen. Es muss eine enorme Umstellung gewesen sein. Für euch beide.«
»Stimmt.« Rick lächelte bei der Erinnerung. Er nahm sein Besteck wieder auf und gönnte sich einen weiteren Bissen des ausgezeichneten Schaschliks. »Es war alles noch ganz neu für uns. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich von einem Tag auf den anderen mit einem achtjährigen Kind dastehen würde.«
»Was sagten denn deine Eltern dazu?«
»Das kannst du dir doch denken, oder? Ich habe es lange hinausgezögert, mit Marijke zu ihnen zu fahren, immer wieder fand ich Ausreden, bis es einfach nicht mehr ging. Meine Eltern dachten, dass ich ihnen eine neue Freundin vorstellen möchte, als ich sagte, dass ich nicht allein komme. Sie fielen aus allen Wolken, als ich ihnen eröffnete, dass das Mädchen ihre Enkelin ist.«
»Kann ich mir vorstellen.«
»Sie waren erst mal sprachlos. Dafür sparte Bernd, mein älterer Bruder, nicht mit ätzenden Kommentaren, bis meine Schwägerin die Initiative ergriff. Sie schickte Marijke mit ihrer Tochter zum Spielen und versammelte uns um den Tisch, wo wir es tatsächlich schafften, vernünftig miteinander zu reden. Am Schluss war es Marijke, die die ganze Familie mit ihrem Charme um den Finger wickelte. Sie konnte da schon ein bisschen Deutsch, sie hat es wahnsinnig schnell gelernt.«
»Das hat die Sache bestimmt erleichtert.«
»Ja. Wie sich herausgestellt hat, ist meine damalige Vermieterin Niederländerin und sie hat sich sehr um Marijke gekümmert. Ihr ist es zu verdanken, dass sie so schnell Deutsch gelernt hat. Trotzdem war sie ein uneheliches Kind, das ich mit achtzehn Jahren während einer Klassenfahrt gezeugt habe. Diese Tatsache allein brachte meinen Vater auf die Palme. Meine Mutter war sehr still, dann stand sie auf, um den Kindern beim Spielen zuzusehen. Nach einigen Minuten kam sie zurück, sagte meinem Vater, dass die Keiferei nichts nütze, und meinem Bruder, dass er sich zurücknehmen solle, und dass es darum ginge, eine Lösung zu finden.«
»Aber du hattest die Lösung doch schon. Du hast Kim anscheinend nicht nach zwei Wochen zurückkommen lassen.«
»Nein, dabei war ich am Anfang entschlossen, es zu tun. In den ersten Nächten bin ich ständig mit Herzrasen aufgewacht. Ich dachte schon, diese Panikattacken bleiben mir erhalten. Ich hatte schlichtweg keine Ahnung, was ich mit einem Kind anfangen sollte. Was es brauchte, wie ich mich mit ihm beschäftigen sollte. Aber mein Kumpel Joe hat mir einen guten Tipp gegeben. Einfach das Nötige zu tun und einen Tag nach dem anderen. Und bereits nach der ersten Woche wurde es deutlich leichter. Und auch Marijke gewöhnte sich besser ein.«
»Also Friede, Freude, Eierkuchen?«
»Irgendwie, ja. Aber meinen Eltern ging es nicht um dieses halbe Jahr, sondern um die Zukunft. Sie sagten, meine Verantwortung würde nicht danach enden, denn ich hätte jetzt für den Rest meines Lebens eine Tochter. So hatte ich es noch gar nicht gesehen. Aber sie hatten recht. Zu Beginn dachte ich, Kim nimmt sie einfach wieder mit und ich mache weiter wie vorher. Also Studium, Job, irgendwann mal Heirat und eine Familie. Was ich nicht einkalkuliert hatte und am Anfang für ausgeschlossen hielt, war, wie sehr ich Marijke schon nach kurzer Zeit liebte. Ich wollte sie gar nicht mehr hergeben. Wir waren ein gutes Team.« Rick biss sich auf die Unterlippe und schob den leeren Teller zur Seite. »Und dann kam Kim zurück.«








































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