Kapitel 11
11
München, April 2008
»Wahnsinn, wie schnell die sechs Monate vorbei waren.« Nachdenklich rührte Rick in seiner Tasse. Früher hatte er nie Kaffee getrunken, ihn nicht einmal gemocht, aber Ilse Schramm servierte nach dem Essen immer einen guten Cappuccino und inzwischen wollte er ihn nicht mehr missen.
Ilse lachte. »Dabei hattest du zu Beginn eine solche Panik.«
»Zu Recht. Was wusste ich denn von Kindererziehung? Schon der Gedanke, plötzlich Vater zu sein, hat meinen Blutdruck auf zweihundert hochgejagt.«
»Aber es hat doch ganz gut funktioniert.«
»Ja. Das war allerdings zum großen Teil dein Verdienst. Ohne dich wäre ich aufgeschmissen gewesen.« Liebevoll warf Rick einen Blick durch die offenstehenden Türen ins Wohnzimmer, wo Marijke vor dem Fernseher saß. Unglaublich, wie schnell dieses halbe Jahr, vor dem er sich so gefürchtet hatte, nun vergangen war. Sie verstanden sich nun richtig gut, er und seine Kleine. Sie sprach mittlerweile fast perfekt Deutsch, war gut in der Schule und generell ein braves Mädchen. Natürlich gab es auch Unstimmigkeiten und so ganz nahm sie ihm den Erziehungsberechtigten immer noch nicht ab, sondern betrachtete ihn eher als guten Kumpel, was mitunter zu Machtkämpfen führte, aber er liebte sie von ganzem Herzen. Und wieder wusste er nicht, was auf ihn wartete.
Ilse schien seine Gedanken zu erraten. »Hast du Angst vor morgen?«
Er zögerte. »Ich freue mich, Kim wiederzusehen. Aber ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen wird.«
»Ihr telefoniert doch regelmäßig. Hat sie nie etwas gesagt? Oder du nie gefragt?«
»Natürlich. Genauso, wie ich wissen wollte, was sie eigentlich dort drüben treibt. Aber sie sagte immer, das wäre eine längere Geschichte, die sie mir in Ruhe erzählen möchte. Ebenso wie ihre weiteren Pläne. Ich weiß nicht, warum sie so ein großes Geheimnis daraus macht. Es ist ziemlich klar, dass sie Marijke wieder mit nach Hause nehmen wird.«
»Und du? Wirst du einfach da weitermachen, wo du vor einem halben Jahr aufgehört hast?«
»Partys und Saufgelage?« Rick schnitt eine Grimasse. »Der Kerl bin ich nicht mehr. Marijke hat mich verändert.«
»Zum Guten, wie ich anmerken möchte.«
»Danke.«
»Ich meine es ernst. Du hast dich zu einem verantwortungsvollen jungen Mann entwickelt. Du hast deinen BWL-Master in der Tasche und ausgezeichnete Berufsaussichten. Hast du dir schon überlegt, was du damit anfangen willst?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich studiere die Stellenanzeigen. Aber im Moment will ich einfach nur eine Pause.«
»Ich wüsste vielleicht etwas für dich. Linda hat mir heute eine E-Mail geschrieben. Ihre Firma in St. Gallen sucht händeringend gute Leute. Ich hab es dir mal ausgedruckt.« Sie legte ein Blatt Papier vor ihn hin.
Rick lächelte, als er an Ilses Tochter Belinda dachte, die zu Weihnachten einige Tage mit ihrer Familie zu Besuch gewesen war. Sie hatten sich großartig verstanden und Marijke hatte sofort Freundschaft mit ihren beiden Kindern geschlossen. »In der Schweiz?«, murmelte er zweifelnd, sah sich die Stellenbeschreibung aber dennoch an.
»Warum nicht? Es ist ein interessanter Job und gut bezahlt. Außerdem mit hervorragenden Aufstiegschancen. Linda sagte, sie könnte dich problemlos reinbringen.«
»So gut kennt sie mich nicht.«
»Gut genug, um dich zu empfehlen. Dazu hat sich ihre Nachbarin verliebt und geht mit ihrem Freund nach Kanada. Kannst du dir das vorstellen?« Ilse schnaubte.
»Dass man der Liebe wegen in ein anderes Land zieht?« Rick grinste anzüglich. »Doch, ja, kann ich mir vorstellen.«
»Holland und Deutschland sind nicht so weit entfernt«, wies sie ihn zurecht. »Kanada ist eine ganz andere Hausnummer.«
»Ist bestimmt schön dort. Und ein Abenteuer. Aber was hat das mit dem Job zu tun?«
»Die Freundin hat ein Haus, das dann zur Verfügung stünde. Gleich neben Belindas. Wäre doch perfekt, oder?«
»Und wo ist der Haken?«
»Wieso muss überall ein Haken sein?«
Rick lachte, als er Ilses übertrieben unschuldige Miene musterte. »Also schieß los.«
»Lindas Freundin möchte ihre Brücken nicht komplett abbrechen, deshalb will sie das Haus nicht verkaufen, sondern nur vermieten. Und das nur auf Jahresbasis, damit sie jederzeit zurückkommen kann.«
»So ganz sicher scheint sie sich der Liebe in Kanada nicht zu sein«, schmunzelte er.
»Ich kann sie gut verstehen. Mir war auch mulmig, als ich nach Deutschland gezogen bin, und es war eine große Beruhigung zu wissen, dass ich jederzeit zurückgehen konnte. Es schreckt natürlich viele Interessenten ab, wenn sie hören, dass sie das Haus nur jahresweise mieten können und immer Gefahr laufen, wieder ausziehen zu müssen. Außerdem ist es nicht direkt in St. Gallen, sondern in einem kleinen Dorf etwas außerhalb. Dafür ist die Miete bezahlbar und für den Anfang wäre es doch ganz okay.«
»Sicher«, nickte Rick. »Darauf könnte man aufbauen. Aber das kommt ziemlich plötzlich.«
»Du musst dich ja nicht sofort entscheiden. Die Bewerbungsfrist für den Job läuft noch ein paar Wochen. Und die Freundin zieht erst in zwei Monaten um.«
»Und was machst du dann mit der Wohnung?«
»Neu vermieten.« Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht finde ich ja wieder jemanden, über den ich mich aufregen kann. Das hält mich lebendig.«
Rick musste husten. »Meine Eltern bringen mich um, wenn ich in die Schweiz ziehe. Sie hoffen, dass ich nach Hause komme.«
»Und du willst das nicht?«
»Ich weiß nicht. Augsburg hat tolle Firmen. Aber mir gefällt es in München.«
»In den Niederlanden sucht man auch immer gut ausgebildete Leute.«
»Du meinst, ich soll mit Kim gehen?« Rick schüttelte den Kopf. »Das funktioniert nicht.«
»Warum nicht? Du willst den Kontakt zu Marijke doch bestimmt nicht verlieren.«
»Nein, auf keinen Fall.« Nachdenklich blies er die Luft aus seinen Lungen. »Aber in ein Land zu ziehen, wo ich die Sprache nicht kann …«
»Das könnte in der Schweiz auch ein Problem werden.«
Er lachte. »Ich bin mir sicher, dass ich mich da zumindest verständigen kann.« Mit einem Seufzer wurde er wieder ernst. »Ich war sehr verliebt in Kim, nur ist das ewig her. Meine Gefühle haben sich verändert. Ich mag sie immer noch, aber ich glaube nicht, dass es für eine Beziehung reicht. Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass sie danach sucht. Eine heile Familie werden wir sicher nicht und nach Holland zu ziehen, um Marijke nahe zu sein, wird auf Dauer nicht klappen.«
»Ihr habt sehr viel Gesprächsstoff, wenn Kim wieder da ist.«
»Das haben wir definitiv. Und ich habe keinen blassen Schimmer, was dabei herauskommen wird.«
»Komm endlich, Pa, warum trödelst du denn so? Das Flugzeug ist schon gelandet.«
Lächelnd beobachtete Rick das Mädchen, das vor Aufregung von einem Fuß auf den anderen tanzte. In wenigen Minuten würde Kim ihre Tochter in die Arme schließen können und sie dann vermutlich in den nächsten Tagen mit nach Hause in die Niederlande nehmen. Er schluckte den dicken Kloß hinunter, der sich ungewollt in seiner Kehle bildete. Er war nicht bereit, seine Tochter wieder herzugeben. Er dachte an sein Gespräch mit Ilse zurück. Er könnte mitgehen. Konnte es so einfach sein?
»Wo bleibt sie denn, Pa? Kommt sie vielleicht gar nicht?«
»Natürlich kommt sie, keine Bange. Sie muss nur erst durch die Zollkontrolle und ihr Gepäck holen. Das dauert eine Weile. Du musst Geduld haben.«
»Hab ich aber nicht.«
»Ich auch nicht, Kleines. Ich freue mich auch auf deine Ma.«
Sie hatten mindestens zweimal die Woche telefoniert und Rick vermutete, dass Kim ein Vermögen dafür ausgegeben hatte. In der letzten Zeit hatte ihre Stimme müde geklungen. Wahrscheinlich war sie froh, endlich wieder in Europa zu sein.
Und da kam sie. Mit zwei großen Koffern und einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Aber Rick erschrak, wie schlecht sie aussah. Die Freude über das Wiedersehen konnte die eingesunkenen Wangen, die unnatürliche Blässe und den unsicheren Gang nicht kaschieren. Marijke bemerkte es nicht. Mit einem Freudenschrei warf sie sich ihrer Mutter in die Arme und Kim drückte sie weinend an sich. Langsam kam Rick näher, um das Wiedersehen nicht vorzeitig zu unterbrechen, doch Kim schien ihre Tochter überhaupt nicht mehr loslassen zu wollen. Schließlich legte er ihr die Hand auf die Schulter.
Tränenüberströmt sah sie hoch, raffte sich dann auf und umarmte ihn. »Es ist schön, dich zu sehen, Rick«, murmelte sie. »Und schön, wieder hier zu sein.«
»Das glaube ich dir. Sollen wir gehen?« Er nahm ihre Koffer. Er musterte sie. »Du hast abgenommen«, sagte er zögernd.
»Ja, etwas.« Kim lächelte. »Ich habe mir nicht viel Zeit zum Kochen genommen.«
»Amerika hat eine Menge Fast Food.«
»Nicht so mein Ding.« Sie stolperte und Rick ließ einen Koffer fallen, um sie zu stützen.
»Sorry«, murmelte sie und lehnte sich kurz an ihn.
»Kein Problem. Du bist bestimmt ziemlich müde.«
»Der Flug war tatsächlich anstrengend. Ich dachte, ich könnte vielleicht schlafen, aber das war nichts.«
»Du kannst dich etwas hinlegen, während ich dir was Vernünftiges zu Essen mache.«
»Ich dachte, Kochen gehört nicht zu deinen Talenten.«
»Im letzten halben Jahr hat sich einiges geändert, wie du weißt.«
Sie nickte und hielt sich leicht an seinem Arm fest, gerade so viel, dass es ihn mit den Koffern nicht behinderte.
Rick machte sich Sorgen. Das war nicht die Kim, die vor sechs Monaten hoffnungsvoll in die USA aufgebrochen war. Sie wirkte mutlos und frustriert. Und krank, durchfuhr es ihn. Sie sah krank aus. Aber natürlich wollte sie sich vor Marijke nichts anmerken lassen und deshalb verschob Rick seine Fragen auf später.
Es war zehn Uhr abends, als sie Marijke endlich ins Bett brachten. Weil Freitag war, hatte Rick ein Auge zugedrückt. Es war auch unmöglich gewesen, das Mädchen zu bremsen, das seiner Mutter eine Menge zu erzählen hatte. Es gab so vieles, das in zehnminütigen Telefonaten nicht gesagt werden konnte und zu umständlich für E-Mails war. Kim wurde nicht müde, ihr zuzuhören, und Rick betrachtete die beiden mit einem Lächeln. Er verstand so gut wie nichts, doch die strahlenden Kinderaugen wärmten sein Herz.
Schließlich stellte er zwei Gläser Rotwein auf den Couchtisch und musterte Kim prüfend. Ihre Haare waren um einige Zentimeter gewachsen und rahmten nun ein schmales Gesicht ein, dem die Erschöpfung anzusehen war. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete schwer.
»Dir geht es nicht gut«, stellte er fest.
»Ich bin nur müde.« Sie lächelte ihn an. »Setz dich zu mir.« Sie nahm ihr Glas. »Ich trinke keinen Alkohol mehr«, bekannte sie, »aber heute ist eine Ausnahme.«
»Was ist los, Kim?« Er strich ihr über die Schulter.
Sie lächelte wehmütig. »Du weißt so vieles von mir nicht.« Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn. Er nahm ihr das Glas aus der Hand, stellte es ab und umarmte sie fest. Kim begann zu weinen, als sie sich an ihn kuschelte. Rick hielt sie einfach in seinen Armen und wartete, doch in ihm baute sich eine undefinierbare Angst auf. Er wollte sie drängen, ihm endlich zu erzählen, was Sache war, aber er spürte, dass sie Zeit brauchte.
Schließlich löste sie sich von ihm, wischte sich über die Augen und schnäuzte sich. Sie seufzte und lächelte ihn zittrig an. »Ich weiß gar nicht, warum ich heute so sentimental bin. Entschuldige bitte.«
»Kein Problem, du musst dich für nichts entschuldigen.«
Kim griff nach ihrem Glas und drehte es in den Händen. Dann nahm sie einen kleinen Schluck und atmete tief durch.
»Mein Großvater hat in der Hauptstadt von Noord-Brabant, ’s-Hertogenbosch, auch Den Bosch genannt, eine Bekleidungsfabrik gegründet. Er war sehr stolz auf die handgefertigte Kleidung, die wirklich von hervorragender Qualität gewesen sein muss. Als mein Vater alt genug war, stieg er in die Firma mit ein. Das Geschäft florierte viele Jahre lang, doch dann wurde die Konkurrenz zu groß. Die Leute kauften lieber billige, in Asien gefertigte Kleidung, als zu ihrer Markenware zu greifen. Mein Großvater zog immer wieder ein Ass aus dem Ärmel, um die Firma vor dem Ruin zu retten, doch dann kamen er und meine Oma bei einem Unfall ums Leben. Mein Pa stand allein mit der Firma da. Er machte es gut, aber er schaffte es auf Dauer nicht ohne Hilfe. Also nahm er sich einen Partner. Es war ein wohlhabender Geschäftsmann, der viel Geld in das Unternehmen pumpte und auch neue Ideen hatte. Bald schlug er den Einsatz von bestimmten Chemikalien vor, die den Herstellungsprozess vereinfachten. Pa wollte das nicht und es gab immer öfter Streit. Schließlich fügte er sich zähneknirschend, weil er erkannte, dass die alte Fertigungsweise nicht länger Gewinn erwirtschaftete, aber er war nicht glücklich dabei. Er konnte sich mit seinem Betrieb nicht mehr identifizieren. Ich bin damals oft aufgewacht, weil meine Eltern in der Küche diskutierten und nach Lösungen suchten.« Kim nippte an ihrem Wein. Geduldig wartete Rick, bis sie weitersprach.
»Schließlich fassten sie den Entschluss, nochmal von vorn anzufangen. Eine Schwester meiner Mutter ist in Neuseeland verheiratet und sie hat meine Eltern eingeladen, sich dort etwas aufzubauen. Pa hat seine Anteile an seinen Partner verkauft und wir haben uns auf unser neues Leben vorbereitet. Er ist sofort aus der Firma ausgestiegen, aber Ma, die auch dort arbeitete, hatte einige Wochen Kündigungsfrist. An ihrem letzten Tag haben Pa und ich sie abgeholt. Und dann brach ein Feuer aus.«
»Nein.« Rick erinnerte sich vage, dass Kim den Tod ihrer Eltern erwähnt hatte. Er hatte es schlichtweg verdrängt und nie genauer nachgefragt. Er wusste, worauf ihre Geschichte hinauslief. »Wie alt warst du da?«
»Acht.«
»Du erinnerst dich also daran?«
Sie nickte. »An jede Einzelheit. Wir hatten es fast geschafft, Pa hatte mich auf den Arm genommen und meine Mutter hielt sich an ihm fest. Doch dann verlor sie ihn. Pa blieb stehen und rief nach ihr. Er konnte sie nicht mehr sehen, der Rauch wurde immer dichter. Wir begannen beide zu husten. Da entschied er sich, zuerst mich hinaus zu bringen. Unsere Nachbarin Antje, die auch dort arbeitete, war noch da. Er ließ mich bei ihr und rannte zurück, um meine Ma zu holen.«
»Aber sie haben es beide nicht geschafft«, schlussfolgerte Rick leise und biss sich auf die Lippe.
Tränen liefen über Kims Wangen, als sie den Kopf schüttelte. »Sie waren zusammen, als die Feuerwehr sie fand. Sie hielten sich fest umschlungen. Ma war tot, aber Pa lebte noch. Lange genug, um Maarten, das ist Antjes Mann und unser Rechtsanwalt, sein Testament diktieren zu können.« Kim schluckte und ihre Augen bekamen einen abwesenden Ausdruck. »Er setzte mich als Alleinerbin ein und Maarten als Vermögensverwalter bis zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag.«
Rick sah sie groß an. »Wie jetzt? Du bist eine reiche Erbin?«
Sie lächelte traurig. »Ja. Ziemlich reich sogar. Die Firma war viel wert und Pa hat sich seine Anteile gut bezahlen lassen. Maarten hat das Geld vortrefflich angelegt, weshalb ich tatsächlich vermögend bin.«
»Das hätte ich wissen müssen«, murmelte Rick in einem Versuch, die Stimmung aufzuheitern. »Dann hätte ich dich nicht so leicht aufgegeben.«
Kim grinste und lehnte sich an ihn. »Ich glaube nicht, dass es funktioniert hätte. Wir waren beide noch viel zu jung.«
»Wahrscheinlich.« Er streichelte ihre Wange.
Sie nahm seine Hand und küsste sie. »Pa hat auch verfügt, dass Maarten zu meinem Vormund erklärt wird«, fuhr sie fort. »Er und Antje haben sich sofort angeboten, mich zu sich zu nehmen. Wir mochten uns wirklich gern und ich hätte mit ihrer Tochter Aukje zusammen aufwachsen können.«
»Trotzdem bist du irgendwie in Amsterdam bei Tante und Onkel gelandet.«
»Sie waren ziemlich angepisst, dass sie in Pas Testament nicht bedacht wurden. Aber Tante Gerarda war die Schwester meiner Mutter, sie hatte überhaupt kein Anrecht auf das Erbe aus der Firma.«
»Mir schwant Übles.«
»Meine Verwandten dachten, sie könnten mein Geld verwalten und haben deshalb die Vormundschaft eingeklagt. Im Endeffekt war Blut dicker als Wasser und das Gericht hat ihnen den Zuschlag erteilt, wenn man es so sagen kann. Sie haben sich schon ins Fäustchen gelacht, dass sie plötzlich Millionäre sind, aber ein wenig verrechnet hatten sie sich doch, denn Maarten blieb mein Vermögensverwalter. Er hatte die deutlich besseren Qualifikationen dafür als mein Onkel und das Gericht sah keinen Anlass, das zu ändern. Allerdings hatte Pa darauf bestanden, dass mein Vormund jedes Jahr einhunderttausend Gulden Unterhalt für mich bekommt. Das waren etwa fünfundvierzigtausend Euro und damals eine Riesenmenge Geld. Maarten hat mir erzählt, dass er sich dagegen gesträubt hat, weil es für ihn und Antje eine Selbstverständlichkeit war, mich zu sich zu nehmen, aber Pa wollte es so. Dieses Geld bekamen dann Tante und Onkel, das hat er nicht kommen sehen.«
»Hätten sie sonst auch die Vormundschaft eingeklagt?«
Kim zuckte mit den Schultern. »Ich glaube nicht.«
»Dabei wollte dein Vater nur dein Bestes. Hätte er das nicht voraussehen können? Gerade beim Erben sind manche Verwandte ziemlich gierig.«
»Vielleicht, unter normalen Umständen. Er lag im Sterben, stand unter heftigen Schmerzmitteln und wollte einfach meine Zukunft absichern. Es ist mir ja gut gegangen. Es fehlte mir an nichts, außer ein paar Freunde und Zuneigung von meinen Verwandten. Ich bin sicher, dass es bei Antje und Maarten lustiger gewesen wäre, aber ich habe keine schlechte Erziehung genossen.«
»Das kann ich bestätigen.« Rick schüttelte den Kopf. »Wer hätte gedacht, dass hinter dir so eine tragische Geschichte steckt. Wobei …« Er biss sich auf die Lippe.
»Wobei was?«
»Als ich dich in der Bar zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, dass dich eine Art Traurigkeit umweht. Das hat mich unglaublich angezogen.«
»Du dachtest, ich bin ein Trauerkloß?«
Er lachte. »Nein, das nicht. Aber diese Tragödie hat dich irgendwie gezeichnet. Es ist etwas in deinen Augen. Ich fand das sehr interessant.«
»Na, da bin ich ja beruhigt.« Kim streichelte seine Wange. »Ich mag dich, Rick.«
»Wirklich?« Er schnaubte. »Ich bin der Vater deiner Tochter, ich hoffe sehr, dass du mich magst.«
»Ja.« Kim schloss die Augen. »Dazu muss ich dir etwas gestehen.«
»Ach ja? Bist du dir deswegen doch nicht so sicher?«
Sie verzog das Gesicht zu einer kläglichen Grimasse, die Ricks Herzschlag abrupt beschleunigte. »Ein paar Tage, nachdem wir miteinander geschlafen haben, kam Vincent zu mir. Ich wusste nicht, dass er es ist, also habe ich arglos die Tür geöffnet.«
Ricks Augen verengten sich. »Und dann?«
»Er hat auf mich eingeredet, dass seine Ehe doch kein Hinderungsgrund wäre, eine schöne Beziehung zu führen. Ich war fassungslos, wie du dir vielleicht vorstellen kannst. Es kam zum Streit. Als ich ihn hinauswerfen wollte, hat er mich gepackt und geküsst. Ich habe mich gewehrt, aber er war viel stärker als ich.«
Eine eiskalte Hand griff nach Ricks Herzen, als ihm aufging, worauf ihre Erzählung hinauslief. Seine Kopfhaut begann zu kribbeln. »Hat er dich …?« Er schluckte.
»Ja.«
Es war nur dieses eine Wort, doch es erschütterte ihn bis ins Mark. Er wollte Kim trösten, aber ihm fiel nichts ein. »Dieses Schwein«, murmelte er nur. »Dieses verdammte Schwein. Hast du ihn wenigstens angezeigt?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das hätte nichts gebracht. Er war mein Ex-Freund, wie hätte ich denn beweisen sollen, dass es nicht einvernehmlich war? Vince kann sehr charmant sein, er erweckt bei jedem den Eindruck, ein netter Kerl zu sein. Da hätte mir vermutlich keiner geglaubt.«
Er nahm sie in die Arme. »Es tut mir so leid. Bin ich vielleicht daran schuld? Ich meine, wenn du ihm nicht so offen eine Abfuhr erteilt hättest …«
»Die hätte er auf jeden Fall bekommen, das lag nicht an dir. Mir war nur nicht klar, dass er so brutal sein kann.«
Wortlos drückte Rick sie an sich. Für einen Moment hingen sie ihren Gedanken nach.
»Willst du es nicht endlich sagen?«, fragte sie schließlich.
»Was? Dass du nicht sicher bist, wer Marijkes Vater ist? Muss ich das extra sagen?«
»Ich bin sicher. Sie hat so viel von dir.«
»Das weißt du nicht. So gut kennst du mich nicht.«
»Stimmt.« Kim seufzte tief. »Vermutlich ist es nur Wunschdenken.«
»Hast du keinen Vaterschaftstest gemacht?«
»Wie denn? Ich hatte überhaupt nichts von dir und von Vince auch nicht. Ich hätte ihn um seine DNA fragen müssen und so genau wollte ich ihn nicht darauf stoßen, dass ich schwanger bin.«
»Er weiß es gar nicht?«
»Doch. Inzwischen schon. Sobald ich einundzwanzig war und über mein Geld verfügen konnte, bin ich zurück nach Den Bosch gezogen, in mein Elternhaus, das Maarten bis dahin vermietet hatte. Es war immer klar, dass ich zurückkomme. Zu dem Zeitpunkt war ich im dritten Monat und dachte, Vince endgültig hinter mir gelassen zu haben.«
»Dem war aber anscheinend nicht so?«
»Vor etwa zwei Jahren tauchte er in meiner Gegend auf. Ein paar Straßen weiter war ein Haus zu vermieten und plötzlich wohnte Vincent da. Seine Frau war gestorben und er wollte mit Femke, seiner Tochter, nicht in Amsterdam bleiben.«
»Aber warum ausgerechnet Den Bosch?«
»Er kennt meine Geschichte. Ich habe auch öfter gesagt, dass ich dorthin zurückkehren möchte, wenn ich über mich selbst bestimmen kann.«
»Glaubst du, du warst der Grund, warum er dorthin gezogen ist?«
»Was sonst?« Kim klang genervt. »Ich habe ihm dummerweise verraten, dass ich zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag ein paar Millionen bekommen werde. Ich vermute schwer, dass er ein Auge darauf geworfen hat.«
»Stellt er dir nach?«
»Nicht direkt. Aber er hat durchaus sein Interesse an mir bekundet. Nachdem er jetzt Witwer ist und ich ungebunden, stünde einer Beziehung ja nichts mehr im Weg. So ungefähr hat er es ausgedrückt.« Sie schnaubte verächtlich.
»Was sagt er denn zu Marijke?«
»Er glaubt natürlich, dass sie seine Tochter ist, und bedrängt mich, einen Vaterschaftstest zu machen. Ich habe ihm klipp und klar gesagt, dass du der Vater bist, aber ich weiß nicht, ob er mir das abnimmt.«
»Nachdem du keine Beweise vorlegen kannst.«
»Genau.« Kim sah Rick unsicher an. »Willst du einen Test machen lassen?«
»Ich weiß nicht.« Er zuckte mit den Schultern. Er wusste es wirklich nicht. Wenn Marijke nun gar nicht seine Tochter war? Was würde das für das vergangene halbe Jahr bedeuten, das sie zusammen verbracht hatten? Wie würde es seine Gefühle beeinflussen?
»Glaub mir, ich verstehe dich. Wir müssen das auch nicht jetzt entscheiden.« Nachdenklich zupfte Kim an ihrem T-Shirt. »Diese Chemikalien, die Pa’s Geschäftspartner in die Firma eingebracht hat«, kam sie auf den Ausgangspunkt ihres Gesprächs zurück, »stehen inzwischen im Verdacht, stark krebserregend zu sein.«
»Was?« Rick zuckte zusammen, als plötzlich alles einen Sinn zu ergeben schien. »Hast du …?«
»Ich habe als Kind oft in der Firma gespielt. Meine Eltern haben mich ständig mitgenommen. Pa liebte es, mit mir durch die Firma zu gehen, mir alles zu erklären und zu sagen, dass alles einmal mir gehören würde. Ich war auch oft im Büro meiner Ma, sogar öfter, nachdem Pa’s Partner eingestiegen war. Er sah es nicht gern, wenn ich in den Produktionsräumen herumlief.«
»Und du vermutest …?« Wieder konnte Rick seine Gedanken, seine Befürchtung, nicht aussprechen.
»Bei mir wurde eine seltene Form von Leukämie diagnostiziert.« Kim sah ihm in die Augen. »Zuerst schien die Prognose ganz gut zu sein, aber dann verschlechterte sich mein Zustand trotz Chemo und Bestrahlungen und tausend unterschiedlicher Medikamente immer weiter.«
»Weiß Ricky davon?«
»Sie hat natürlich gemerkt, dass es mir nicht so gut ging. Aber wenn ich Chemo hatte, durfte sie bei Maarten und Antje übernachten. Sie fand das immer super.«
»Und dein USA-Trip?«
»Ich bekam die Gelegenheit, an einer Studie teilzunehmen, die genau meine Art von Leukämie untersucht und einige völlig neuartige Lösungsansätze bietet. Ich setzte meine ganzen Hoffnungen darauf. Ich kann doch mein Mädchen nicht allein lassen, sie braucht mich.« Unvermittelt brach Kim in Tränen aus. Rick nahm sie wieder in die Arme und streichelte ihr beruhigend über den Rücken.
»Es hat überhaupt nichts gebracht, gar nichts«, schluchzte sie. »Es geht mir sogar noch schlechter als vorher. Ich habe ein halbes Jahr vergeudet, das ich mit meiner Tochter hätte verbringen können. Zeit, die mir niemand zurückgibt.«
»Wie schlimm ist es?«, brachte Rick erstickt hervor. Er hatte Angst vor der Antwort.
Kim löste sich von ihm und sah ihn an. »Ich sterbe«, flüsterte sie. »Und vermutlich bald. Und ich weiß, dass ich das Unmögliche von dir verlange, schon wieder, aber bitte kümmere dich um unsere Tochter.«
Rick war wie vor den Kopf gestoßen. Seine Gedanken wirbelten so schnell durcheinander, dass er keinen fassen konnte. Es war einfach zu viel für ihn.
»Was? Nein, du stirbst nicht«, stammelte er. »Sag das doch nicht. Wir haben in Deutschland auch großartige Ärzte, besonders hier in München. Gleich morgen …«
»Nein, Rick.« Kim legte ihre Hand auf seinen Arm. »Ich bin fertig mit den Ärzten. Es kann mir doch keiner helfen. Ich will einfach die Zeit, die mir bleibt, mit meiner Tochter genießen. Und mit dir. Wenn du willst.«
Er schluckte und wehrte sich gegen das Brennen in seinen Augen. »Und wie lange ist das?«
»Wochen, Monate.«
Er wartete darauf, dass sie ein »Jahre« hinterherschicken würde, doch das blieb aus. »Nur Monate?«, flüsterte er heiser.
»Vermutlich nicht mal das«, entgegnete sie leise.
»Nein.« Einen Augenblick lang fühlte Rick sich wie schwerelos, nur um im nächsten in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen. Die ganze Welt drehte sich um ihn und ihm wurde schwindlig. »Nein«, wiederholte er. »Du darfst nicht einfach aufgeben, Kim. Du musst kämpfen. Das bist du Ricky schuldig.«
Sie schüttelte den Kopf. »Es hat keinen Sinn mehr, zu kämpfen. Ich bin so müde, Rick, ich kann nicht mehr.«
Er nahm sie in die Arme und sie drückte ihren Kopf an seine Schulter. »Ich will nicht gehen«, murmelte sie unter Tränen. »Ich will Ricky nicht allein lassen, natürlich nicht. Aber mir bleibt keine Wahl. Diesen Kampf habe ich verloren, bevor er überhaupt begonnen hat.«
»Was für ein Kampf, Ma?«
Alarmiert sah Rick hoch. Marijke stand in der Tür und hielt ihren Elefanten Ollie fest im Arm. Große blaue Kinderaugen sahen erschreckt auf ihre Mutter, die sich aufrichtete und die Tränen von den Wangen wischte. »Es ist alles gut, schatje«, sagte sie mit zittriger Stimme.
Rick stand auf. »Komm, ich bringe dich wieder ins Bett.« Er lächelte Kim zu, die dankbar nickte. Sie sah so verletzlich aus, so dünn und blass. Er konnte den Gedanken nicht wirklich fassen. Es konnte doch nicht sein, dass sie starb. Sie war gerade mal dreißig, in der Blüte des Lebens, und hatte noch so viel vor sich.
Eine kleine Hand schob sich in seine. Mühsam schluckte Rick den Kloß hinunter, der seine Stimmbänder blockierte. »Na komm«, sagte er heiser, »du solltest schon längst schlafen.«
»Warum? Morgen ist Samstag.« Sie sah ihn an. »Da habe ich keine Schule«, erklärte sie unmissverständlich.
»Trotzdem brauchst du deinen Schlaf.«
»Ich will aber noch mit Ma reden.«
»Morgen wieder, Kleines. Da hast du den ganzen Tag Zeit dafür.«
Zeit. Etwas, das Kim nicht mehr hatte. Schon wieder musste er gegen das Brennen in seinen Augen ankämpfen. Wie sollte er es schaffen, sich vor Marijke nichts anmerken zu lassen? Es war unmöglich.
Sie schlüpfte ins Bett und er deckte sie fürsorglich zu.
»Ist Ma krank?«, fragte sie plötzlich.
Rick hielt mitten in der Bewegung inne. »Wie kommst du darauf?«
»Sie sieht krank aus. Das war auch daheim oft so. Sie hat mich dann immer zu Antje und Maarten geschickt, damit ich es nicht merke. Aber die haben auch immer so traurig ausgesehen. Warum will mir niemand sagen, was los ist?« Ihre Stimme wurde trotzig und wütend und mit einem Schlag erkannte Rick, dass der Zug, sich nichts anmerken zu lassen, längst abgefahren war. Marijke wusste mehr, als Kim ahnte. Und sie hatte Angst um ihre Mutter. Das Schlimmste war, dass er ihr diese Angst nicht nehmen konnte.
»Wir werden dir morgen alles erklären, Kleines. Jetzt schlaf erst mal.«
»Wo schläft Ma?«
»In meinem Bett.«
»Und du?«
»Auf der Couch.«
»Warum?« Marijke gähnte und Rick musste unwillkürlich lächeln. Ja, warum eigentlich?
Er küsste sie auf die Stirn. »Schlaf jetzt. Gute Nacht.«
»Welterusten, Pa.«
Er lächelte, doch sein Herz wog eine Tonne, als er langsam zu Kim zurück schlurfte. Es blutete für seine Tochter und für Kim. Es blutete auch für ihn selbst. Gestern war seine Welt noch in Ordnung gewesen, heute lag sie in Trümmern. Trümmer, die er nicht mehr zusammensetzen konnte.
Kim hatte sich frisch gemacht und trug jetzt einen Pyjama in einem fröhlichen Pastellorange. Irgendwie fand Rick die Farbe völlig fehl am Platz, wo doch gerade die Schwärze sein Herz zu übermannen drohte.
»Soll ich bei Ricky schlafen?«, fragte sie.
»Nein«, schüttelte er den Kopf. »Du kriegst mein Bett. Du brauchst Ruhe.«
»Und du?«
»Ich nehme die Couch.«
Kim sah ihn lange an. »Okay, danke«, sagte sie dann. »Das ist lieb von dir. Ich gehe noch kurz zu ihr.«
»Sie weiß es, Kim.«
»Was weiß sie?«
»Dass du krank bist. Sie hat es mir auf den Kopf zugesagt. Sie merkt es schon seit langem.«
Sie verzog schmerzlich das Gesicht. »Ich hatte so gehofft, es vor ihr verbergen zu können. Was soll ich ihr denn jetzt sagen?«
»Die Wahrheit.«
»Nein. Das kann ich nicht. Und ich will es nicht.«
»Kim …«
»Nein, Rick. Ich will ihr nicht das Herz brechen. Die Zeit, die mir bleibt, will ich mit einem fröhlichen Kind verbringen. Sie soll nicht jetzt schon um mich trauern. Noch bin ich da.«
»Ich habe sie bisher nicht ein einziges Mal angelogen«, zweifelte er. »Verlangst du von mir, es jetzt zu tun?«
»Bitte, Rick. Tu es für mich. Tu es für sie. Es wird schwer genug für sie, ich will, dass sie wenigstens noch für eine Weile ein unbeschwertes Kind sein kann.«
»Und was sollen wir ihr sagen? Sie ahnt es doch schon.«
»Dass ich krank bin, ja. Nicht, dass ich todkrank bin.« Sie drückte seinen Arm. »Ich werde ihr erzählen, dass ich sehr krank bin, aber ich nehme ihr nicht die Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Bitte versteh das.«
Während sie im Kinderzimmer verschwand, richtete sich Rick ein Lager auf der Couch. Natürlich verstand er sie. Ihm graute selbst davor, Marijke sagen zu müssen, dass ihre Mutter starb. Aber war es richtig, ihr diese Information vorzuenthalten? Nahmen sie ihr damit nicht die Möglichkeit, die verbleibende Zeit intensiver zu erleben und sich mit dem Unvermeidlichen anzufreunden?
Er hörte die Tür leise zuklappen und dann schlangen sich zwei Arme um seine Brust. Kim schmiegte sich an seinen Rücken. »Lass mich heute Nacht nicht allein.«
»Mein Bett ist nicht breit genug für uns beide.«
»Doch, ist es. Ich will nicht allein sein. Die Nächte in New York waren so einsam, das kannst du dir nicht vorstellen. Ich habe Ricky so sehr vermisst. Und dich auch.«
»Mich?« Er drehte sich um. Ein heftiger Stich durchfuhr sein Herz, als er ihren traurigen Ausdruck sah.
»Ja, dich. Du bist tatsächlich das Beste, das mir passiert ist. Dir habe ich meine Tochter zu verdanken.«
»Das weißt du nicht, du hast selbst gesagt, dass sie auch von Vincent sein kann.«
»Diesen Gedanken lasse ich nicht zu. Ich brauche euch nur anzusehen, um zu wissen, dass du ihr Vater bist.« Ihre Augen wurden groß. »Du wirst sie doch jetzt nicht fallen lassen, nur weil es Zweifel gibt? Rick, das kannst du nicht tun. Sie braucht dich. Ich muss mich darauf verlassen können, dass es ihr gut geht. Ich muss …« Kim hustete heftig.
»Reg dich nicht auf.« Er drückte sie an sich. »Natürlich lasse ich sie nicht im Stich.«
»Ich weiß, was ich von dir verlange.«
Wusste sie das wirklich? Aus einem halben Jahr war plötzlich ein ganzes Leben geworden. Rick war völlig überfordert mit der Situation. Er brauchte dringend jemanden, der ihm einen Rat geben konnte.
»Komm, ich bringe dich ins Bett.«
»Legst du dich zu mir?« Sie klang wie Marijke, wenn sie schlecht geträumt hatte und zu Rick ins Bett kroch.
»Ja, gleich, ich muss nur noch etwas erledigen.« Er küsste sie auf die Wange. »Es dauert nur ein paar Minuten.«
Erschöpft schloss Kim die Augen. Tränen sammelten sich unter ihren Lidern. Zärtlich wischte Rick sie mit dem Daumen fort. Er wollte sie trösten, doch es fiel ihm nichts ein. Was sollte er sagen? Dass alles gut werden würde? Dass sie sich keine Sorgen machen sollte? Es klang alles so hohl und vor allem war es nicht wahr.
Er schloss die Wohnzimmertür und zog sich mit seinem Handy in die Küche zurück. Er verzog das Gesicht, als er auf die Uhr sah und wollte schon wieder auflegen, als es klickte.
»Hey Alter, was gibt’s? Erst meldest du dich wochenlang gar nicht und jetzt zu nachtschlafender Zeit. Hast du Sehnsucht?«
Joes fröhliche Stimme tat ihm gut. Er fühlte sich sofort besser. »Tut mir leid, ich kann auch morgen …«
»Quatsch. Wir sitzen noch vor der Glotze, kein Thema. Ist was passiert? Du klingst nicht so toll.«
»Kim ist wieder da.«
»Stimmt.« Joe dehnte das Wort in die Länge. »Wahnsinn, wie schnell das halbe Jahr vorbei war. Aber sollte das nicht für dich ein Anlass zur Freude sein?«
»Nicht wirklich.« Rick erzählte seinem Freund die Neuigkeiten. Es blieb eine ganze Weile still am anderen Ende.
»Wahnsinn«, wiederholte Joe dann leise. »Und was machst du jetzt?«
»Das wollte ich eigentlich dich fragen.«
»Mich? Dein Therapeut in allen Seelenlagen, was?«
»Du weißt immer einen Rat.«
»Na ja, wie ich das sehe, hast du zwei Möglichkeiten. Du kannst dich von allem distanzieren und sagen, dass es dich nichts angeht, besonders, da es nicht mal sicher ist, ob Marijke wirklich deine Tochter ist. Du hast dein Versprechen gehalten und dich ein halbes Jahr um sie gekümmert. Mehr kann Kim nicht verlangen. Du kannst sie und das Kind also morgen in den Zug nach Hause setzen, die letzten sechs Monate als erledigt abhaken und mit deinem Leben fortfahren.«
»Ist das dein Ernst?«
»Du wolltest wissen, was du tun sollst. Ich sage dir, was du tun kannst. Die andere Möglichkeit ist, dass du so weitermachst wie bisher. Es ändert sich nichts. Du erkennst Marijke als deine Tochter an und kümmerst dich weiter um sie. Alles wie gehabt. Das halbe Jahr geht einfach in die Verlängerung.«
»Und Kim?«
»Unterstütze sie, soweit möglich, und steh ihr bei.«
»Bis zum Ende?«
»Bis zum Ende.«
Rick dachte nach. »Danke, Joe«, sagte er dann. »Du hast mir sehr geholfen. Grüß Jasmin von mir.«
»Mach ich. Alles Gute, Kumpel, halt mich auf dem Laufenden, ja?«
Zehn Minuten später schlüpfte Rick neben Kim ins Bett. Er kuschelte sich an ihren Rücken und legte den Arm um sie. Sie streichelte seinen Handrücken und er drückte einen Kuss auf ihren Halsansatz. Worte waren nicht nötig.
Rick hatte sich entschieden. Es war so einfach, nachdem Joe ihm die Fakten dargelegt hatte. Er konnte unmöglich das letzte halbe Jahr vergessen und Kim und Marijke den Rücken zudrehen. Er liebte das Mädchen und konnte sich sein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Es war doch völlig egal, ob sie sein Blut hatte oder nicht. Sie war seine Tochter. Und was er früher nie für möglich gehalten hatte, er war sehr gerne Vater. Er war nicht mehr der gleiche junge Kerl, der er vorher gewesen war, der sich vor Verantwortung und Entscheidungen gedrückt hatte und lieber Party gemacht hatte, anstatt sich um sein Studium zu kümmern. Marijke hatte ihm gezeigt, worauf es im Leben ankam, und der Mann, der er jetzt war, gefiel ihm deutlich besser als sein früheres Ich. Sie waren ein super Team, er und seine Tochter. Natürlich gab es Streit, Missstimmung und Machtkämpfe, aber das war völlig normal. Er hatte auch gelernt, sich zu behaupten, ohne autoritär zu sein und konnte von sich sagen, ein guter Vater zu sein. Der Gedanke, dass all dies morgen zu Ende sein konnte, hinterließ eine große Leere in ihm. Natürlich hatte er im Vorfeld von Kims Rückkehr über die Zukunft nachgedacht, aber in allen Szenarien war Marijke immer Teil seines Lebens gewesen. Irgendwie hätte er es geschafft, ihr Vater zu bleiben. Mit vielen Fahrten in die Niederlande oder Besuchen in den Ferien hätte es Möglichkeiten gegeben. Kein einziges Mal war er auf die Idee gekommen, dass er Kim aus seinen Plänen streichen müsste. In seinen Augen war sie immer die Haupterziehungsberechtigte gewesen. Doch nun ging es darum, Marijke eine gute Zukunft zu bieten. Was blieb dem Mädchen, wenn seine Mutter nicht mehr da war? Könnten Maarten und Antje sie zu sich nehmen? Sie waren beide schon Mitte bis Ende fünfzig und der Aufgabe auf Dauer vermutlich nicht gewachsen. Würde seine Tochter schlussendlich in einem Heim landen? Ricks Herz krampfte sich beim bloßen Gedanken daran heftig zusammen. Das durfte er auf keinen Fall zulassen. Und damit war die Entscheidung gefallen.






























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