Kapitel 13
13
Haunstetten, Juli 2024
Die ganze Woche hatten sie sich nicht sehen können, doch am Freitagnachmittag hatte Rick Daniela zum Baden eingeladen. Das Haunstettener Naturfreibad bot sich dafür geradezu an, er hatte allerdings Bedenken, ob es die richtige Art von Date war. Zusammen zu baden war etwas Intimes. Marijke hatte ihn ausgelacht, als sie von seinen Zweifeln hörte. »Ich weiß nicht, was ihr in der Nacht gemacht habt, als du bei ihr warst, aber ich vermute mal, dass du von ihr schon sehr viel mehr nackte Haut gesehen hast, als es beim Baden üblich ist.« Darauf konnte Rick nichts erwidern, doch seine Erleichterung war groß, als Daniela sofort und begeistert zugestimmt hatte. Obwohl das Wetter in letzter Zeit unbeständig gewesen war, war es an diesem Tag sehr warm. Gerade waren sie aus dem Wasser gekommen und er schwitzte schon wieder. Sie hatten ein schattiges Plätzchen unter einigen Bäumen gefunden und es sich auf einer großen Decke gemütlich gemacht. Daniela hatte sich auf die Ellenbogen gestützt und hielt ihr Gesicht in die Sonne, die zwischen den dicht belaubten Ästen hindurchblinzelte. Rick betrachtete sie verstohlen. Ihre schulterlangen blonden Haare wirkten durch die Nässe dunkel und sie schien nicht zu bemerken, dass eine Strähne an ihrer Wange klebte. Der blau-grüne Bikini betonte ihre Figur. Sie hatte am Bauch ein oder zwei Pölsterchen zu viel, aber sie war schließlich kein junges Mädchen mehr. Rick wusste aus eigener leidiger Erfahrung, dass es mit zunehmendem Alter immer schwieriger wurde, sein Gewicht zu halten. Vor allem, wenn man sein Feierabendbierchen liebte und ab und zu einem Stück Schokolade nicht abgeneigt war. Sein Blick ging weiter auf Wanderschaft. Daniela hatte schmale Hüften und lange, wohlgeformte Beine, die sonnengebräunt waren. Ricks Haut begann zu prickeln, als er an die gemeinsame Nacht dachte.
»Gefalle ich dir?«, fragte sie und wischte sich die Haare aus dem Gesicht.
Mist. Sie hatte ihn schon wieder ertappt. Verlegen wandte er den Blick ab.
»Hey.« Sie drehte sich zu ihm um. »Das ist keine Antwort auf meine Frage.« Sie rückte näher an ihn heran. »Wenn sie mir zusagt, kriegst du einen Kuss.«
Rick lachte. »Natürlich gefällst du mir. Das solltest du inzwischen gemerkt haben.«
»Gute Antwort.« Daniela beugte sich über ihn. Ihre nassen Haare kitzelten seine Wange, als sie ihn küsste. Er schlang die Arme um sie und drückte sie an sich. Sachte strich er über ihren Rücken und ließ seine Hand tiefer gleiten, bis sie auf ihrer Hüfte lag.
»Gehst du mit mir ins Wasser?«, murmelte er.
Sie unterbrach den Kuss. »Was? Wir sind doch gerade erst raus.«
»Ja, aber ich brauche eine Abkühlung, bevor man zu deutlich sieht, was ich stattdessen viel lieber machen würde.«
Sie lachte hell auf und musterte ihn unverhohlen. Ihre Augen blitzten fröhlich auf. »Dann mach schnell.«
Er nahm ihre Hand. Wie übermütige Kinder sprangen sie in den See, der wetterbedingt noch etwas kühl war. Das trübte ihren Spaß jedoch nicht im Mindesten. Daniela spritzte ihm einen Schwall Wasser ins Gesicht.
»Na warte.« Er hechtete ihr nach, doch sie brachte sich mit einer geschickten Drehung aus seinem Einzugsbereich. Rick tauchte ab und schwamm zwischen ihre Beine. Sie quietschte, als er sie hochhob und dann von seinen Schultern ins Wasser fallen ließ. Ein älteres Ehepaar, das einige Meter entfernt vorbeischwamm, musterte sie beide missbilligend.
»Wir sind wirklich zu alt für so einen Quatsch«, seufzte Rick.
»Du vielleicht. Ich nicht.« Wieder traf ihn eine Ladung Wasser.
»Das wirst du mir büßen.« Dieses Mal entkam sie ihm nicht. Er packte Daniela und zog sie an sich. Als er sie küsste, versank die Welt um ihn. Er blendete das Ehepaar aus, das einen abfälligen Kommentar in ihre Richtung schickte, ebenso die tobenden und schreienden Kinder und alle Menschen um ihn herum. Es gab nur noch ihn und Daniela. Sie legte sich in seinen Kuss und schob im Schutz des Wassers ganz ungeniert die Hand zwischen seine Beine. Rick wurde heiß. Er hatte keinen Zweifel daran, wie dieser Tag enden würde.
Auch wenn die meisten Leute das Pärchen nicht beachteten, hatten sie doch eine heimliche Beobachterin. Marijke saß auf ihrem Handtuch und grinste in sich hinein.
»Was ist los?«, fragte Arjen, als er in ihr Blickfeld trat und ihr eine Flasche Spezi reichte.
»Mein Pa«, sagte sie nur und wies auf den See hinaus. Er folgte ihrem Blick und verzog das Gesicht.
»Was denn?« Marijke kämpfte mit dem Schraubverschluss der Flasche, der ihren verschwitzten Händen immer entglitt. »Hat er nicht das Recht, jemanden zu küssen?«
»Aber so öffentlich«, mokierte sich Arjen.
»Du bist ganz schön verklemmt, weißt du das?« Mithilfe eines Zipfels ihres Handtuchs bekam sie schließlich die Flasche auf und nahm einen tiefen Schluck. »Jetzt setz dich endlich her.«
»Hast du mich zum Baden eingeladen, um deinem Vater nachzuspionieren?«, sagte er ihr auf den Kopf zu.
»Nein, er hat mich nur auf die Idee gebracht und ich finde sie hervorragend.«
»Ich ebenso.« Bewundernd musterte Arjen sie. Und auch Marijke musste zugeben, dass er eine gute Figur machte. Er war durchtrainiert, aber nicht übertrieben muskulös. Seine Arme waren gebräunt, der Rest seines Körpers allerdings im Gegensatz dazu recht blass.
»Wir sollten das öfter machen«, meinte sie. »Du kannst definitiv noch etwas Farbe gebrauchen.«
Arjen zuckte mit den Schultern. »Ich bin kein so großer Badefan.«
»Nicht? Warum hast du das nicht gesagt?«
»Weil es mir völlig gleichgültig ist, was wir machen, Hauptsache, wir sind zusammen.« Er küsste sie.
»Vorsicht, die Leute«, kicherte sie. »Das ist viel zu öffentlich.«
»Ist mir egal«, murmelte er und vertiefte den Kuss. Marijke ließ sich in ihre Gefühle fallen. Sie schloss die Augen und genoss das Kribbeln im Bauch. Doch unvermittelt schob sich Dominiks Gesicht in ihre Gedanken. Sie zuckte zurück.
»Was ist los?«, fragte Arjen erstaunt.
»Sorry, ich weiß auch nicht.« Sie rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Wie sollte sie sich neu verlieben, wenn sie ständig nur an Dominik dachte? Das musste endlich aufhören. Aber wie?
Arjen strich über ihren nackten Arm. »Willst du es dir nicht nochmal überlegen, ob du nächste Woche mit mir fährst?«
»Nach Holland?«
»Hmm. Es sind nur ein paar Tage. Es kann doch nicht so schlimm sein, einige Vorlesungen zu versäumen.«
Nein. Das war auch nicht wirklich der Grund. Es kam nur so plötzlich. Sie war zutiefst verunsichert. Sie wollte zurück nach Den Bosch, den Ort ihrer Kindheit wiedersehen und Maarten besuchen. Aber war Arjen die richtige Begleitung? In ihrer Vorstellung war dabei Rick an ihrer Seite. Oder Dominik, mit dem sie geplant hatte, ihre Heimat neu zu erkunden. Möglicherweise sollte sie die alten Wünsche und Träume über Bord werfen. Wollte sie nicht aufhören, an Dominik zu denken? Vielleicht wäre der richtige Weg dazu, mehr Zeit mit Arjen zu verbringen. Aber schon nächste Woche? Zögernd sah sie ihn an. Ihr Freund hatte sich auf seine Ellenbogen gestützt und sah sie geduldig und abwartend an.
»Kannst du deinen Besuch nicht verschieben, bis das Semester zu Ende ist?« Ein bisschen mehr Bedenkzeit käme ihr durchaus recht.
»Leider nicht. Der Hauptgrund für meine Rückkehr ist die Hochzeit meiner Cousine, zu der ich eingeladen bin. Mit Begleitung übrigens.« Er zwinkerte ihr vielsagend zu.
»Eine Hochzeit? Ich weiß nicht. Ich kenne da doch niemanden.«
»Du kennst mich und du brauchst sowieso für keinen anderen Augen zu haben. Ich freue mich darauf, mit dir zu tanzen, zu essen und einen richtig schönen Tag zu verbringen. Das kannst du mir doch nicht abschlagen.« Er bedachte sie mit einem so treuen Dackelblick, dass sie laut lachte.
»Ich weiß gar nicht, ob ich die passende Garderobe für eine Hochzeit habe.«
»Es ist eine etwas förmlichere Angelegenheit. Ich kaufe dir mit Freuden ein Kleid dafür.«
Marijke verzog das Gesicht. Sie trug nicht mehr gerne Kleider.
Arjen deutete ihre Miene richtig. »Na komm schon. Du wirst wunderschön aussehen.«
»Ich weiß nicht«, wiederholte sie. »Lass mir bitte etwas Bedenkzeit.«
»Die Hochzeit ist am Dienstag, das heißt, ich fahre am Montagmorgen. Wenn wir noch einkaufen wollen, ist morgen der letzte mögliche Tag.«
Das ging jetzt aber sehr holterdiepolter. Sollte sie wirklich schon in drei Tagen nach Holland fahren? Nicht, ohne vorher mit Rick zu sprechen. Als sie den Blick zu ihrem Vater gleiten ließ, bezweifelte sie allerdings, dass er dieses Wochenende überhaupt nach Hause kommen würde.
»Du bist mir noch den Rest deiner Geschichte schuldig«, sagte Daniela, als sie ihre Sachen zusammenpackten.
»Ich weiß«, meinte er nur knapp.
Sie zog die Augenbrauen hoch. »Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst. Ich dachte nur …«
»Doch, ich will es dir erzählen. Der Tag war nur so schön und meine Story …«
»Ist es nicht?«
Rick blies die Luft aus den Backen.
»Wie wäre es damit? Wir halten beim Italiener, nehmen uns eine Pizza mit und machen es uns bei mir daheim gemütlich. Wenn du in der richtigen Stimmung bist, verrätst du mir, wie es weiterging, und wenn nicht, tun wir was anderes.«
Rick lachte. »Und was wäre das?«
Sie fuhr mit der Hand über seine Brust. »Etwas, das wir sowieso machen werden.«
»Und warum sollte ich dir dann vorher meine ganzen Geheimnisse erzählen?«
»Weil ich gerne wissen will, wer hinter dieser attraktiven Fassade steckt.«
»Du hältst mich für attraktiv?«
»Mhm«, machte sie nur. »Und das schon seit fast siebzehn Jahren.«
»Oh, du zählst mit.« Rick klemmte sich die Decke unter den Arm, in die er seine Badehose und das Handtuch eingewickelt hatte. »Ich fühle mich geehrt.« Trotz der flapsigen Worte wurde ihm warm ums Herz. War es möglich, dass er auf seine alten Tage noch die große Liebe fand? Eine Liebe, die erwidert wurde? Er wagte es nicht zu hoffen, doch er würde dieses Gefühl auskosten, so lange es dauerte.
Daniela deckte den Tisch, während Rick Wein einschenkte und die Tüte auspackte. Quattro Stagioni für ihn und Pizza Prosciutto für Daniela, dazu für beide einen gemischten Salat. Rick, der über die Mittagszeit in einem Meeting gewesen war und deshalb seit dem Morgen nichts gegessen hatte, lief das Wasser im Mund zusammen. Sein Magen rumpelte vernehmlich, was Daniela kichern ließ. Im Hintergrund dudelte ein Oldie-Sender aus dem Internet-Radio, das auf der Anrichte stand.
»Passt dir die Musik?«, fragte sie, als Rick einen kurzen Blick darauf warf. »Ich kann auch was anderes einstellen.«
»Schon okay.« Er zuckte mit den Schultern. »Oldies sind immer gut.«
»Hast du Kim geliebt?«, fragte Daniela aus heiterem Himmel.
Er hielt inne. »Ich war zuerst total verknallt in sie«, gab er zu, »aber das hat sich schnell wieder gelegt. Ich hatte immer Gefühle für sie, aber die große Liebe war es nie wirklich. Eher eine verdammt gute Freundschaft. Sie lag mir sehr am Herzen.«
»Das ist mir klar. Es muss schlimm gewesen sein, als sie dir erzählte, dass sie stirbt.«
»Absolut.« Rick setzte sich und trank einen Schluck von dem halbtrockenen Riesling. Bier war ihm deutlich lieber, aber zu einem guten italienischen Essen griff er durchaus auch mal zu einem Glas Wein. »Es war keine leichte Zeit.«
»Deshalb sprichst du nicht so gerne darüber?«
»Deshalb und wegen allem, was danach kam.«
»Jetzt machst du mich aber neugierig. Wie lange ist Kim hiergeblieben?«
»Etwa eine Woche. Ich habe sie meiner Familie vorgestellt und ihr München und Augsburg und die Umgebung gezeigt. Wir waren sogar in Neuschwanstein, aber das hat sie sehr angestrengt. Es hat ihr bei uns gefallen, doch schließlich wollte sie nach Hause. Also habe ich sie und Ricky ins Auto gepackt und dann sind wir los.«
»Konntest du so einfach alles hinter dir lassen?«
Rick schob sich ein Stück Pizza in den Mund und kaute genüsslich, bevor er antwortete. »Das Timing war ganz gut. Ich hatte meinen Master in der Tasche und war auf Jobsuche. Ich hatte schon einige Bewerbungen geschrieben, aber noch von keiner Firma eine Rückmeldung bekommen. Ilse, meine Vermieterin, hat mir den Mund wässrig gemacht mit einem Angebot aus der Schweiz, das spukte mir ständig im Kopf herum. Also habe ich mich einfach da mal beworben, nach dem Motto, absagen kann ich immer noch. Das war alles in der Schwebe, deshalb konnte ich locker für ein paar Wochen fort.«
»Nur ein paar Wochen? Ich hätte gedacht, eher Monate.«
Rick biss sich auf die Unterlippe. »Vier Wochen. Und dann haben sich die Ereignisse überschlagen.«
Daniela legte ihm die Hand auf den Arm. »Du musst wirklich nicht alles erzählen. Ich sehe doch, dass es dich quält.«
»Ich habe eine ziemlich schwere Entscheidung treffen müssen. Eine, für die sich die Polizei vermutlich brennend interessieren würde.« Er seufzte tief.
Ihre Hand rutschte ab. »Wie meinst du das?«, fragte sie misstrauisch. »Du hast doch kein Verbrechen begangen, oder?«
»Das ist Definitionssache. Ich bin nach wie vor sicher, das Richtige getan zu haben, aber ich habe das Gesetz gebrochen.«
Daniela sah ihn zweifelnd an und für einen Moment bereute Rick seine Worte. Hatte er zu viel gesagt? Wenn sie sein Vertrauen nun missbrauchte und ihn anzeigte? So viele Jahre hatte er sein Geheimnis gehütet, hatte er jetzt in einem unachtsamen Augenblick alles verspielt? Unsicher drehte er sein Weinglas in der Hand.
Sie schenkte nach. »Ich bin ziemlich sicher, dass du übertreibst.«
»Du glaubst nicht, dass du mit einem Schwerverbrecher am Tisch sitzt?« Rick gönnte sich ein Lächeln, das sie erwiderte.
»Du hast ein schönes Haus. Hast du eine Bank ausgeraubt?«
»Nein, ich verdiene nur ganz ordentlich.«
»Also eine gute Partie, gut zu wissen. Hast du jemanden umgebracht?«
Rick zögerte. »Ich habe durchaus daran gedacht.«
»Ich wollte meinem Ex auch schon mehr als einmal den Hals umdrehen. Nur daran zu denken gilt zum Glück nicht als Straftat. Aber jetzt hast du mich wirklich neugierig gemacht.« Daniela stockte. »Egal, was dein großes Verbrechen ist, ich werde dich nicht verraten, versprochen. Ich weiß dein Vertrauen durchaus zu schätzen.«
’s-Hertogenbosch, Niederlande, April 2008
Besorgt sah Rick zu Kim, die neben ihm döste. Die Fahrt strengte sie ziemlich an. Das Theater, das Marijke zuvor gemacht hatte, hatte die Lage auch nicht verbessert. Zuerst hatte sie darauf bestanden, an der Schule vorbeizufahren, um sich nochmal von Lea zu verabschieden. Erst, als Rick demonstrativ den alten Zettel mit ihrer Telefonnummer einsteckte und ihr versprach, dass sie Lea jederzeit anrufen durfte, gab sie nach. Dann waren sie auf der A8 kurz vor Augsburg gewesen, als Marijke festgestellt hatte, dass sie ihren Plüschelefanten Ollie vergessen hatte, und lautstark verlangte, dass sie umdrehten, um ihn zu holen. Einen Moment lang hatte Rick sogar darüber nachgedacht, aber es hätte sie fast zwei Stunden Zeit gekostet, die sie einfach nicht hatten. Vernünftige Argumente trafen allerdings auf taube Ohren, Marijke wollte ihren Elefanten und steigerte sich von einer lauten Diskussion in einen Tobsuchtsanfall. Sogar Kim war schließlich nur noch genervt. Als Rick ein Machtwort sprach, schmollte das Mädchen für eine ganze Stunde. Erst während einer langen Pause an einer Raststätte mit einem schönen Spielplatz hatte sie sich wieder eingekriegt und verstanden, warum sie nicht umdrehen konnten, um ein Plüschtier zu holen, auch wenn es ihr Lieblingsplüschtier war.
Rick warf einen weiteren besorgten Blick auf Kim. Vor knapp zwei Stunden hatte sie den Kampf gegen die Erschöpfung verloren und die Augen geschlossen. Sie hatte nicht einmal gemerkt, wie sie die Grenze zu den Niederlanden passiert hatten. Marijke dagegen hatte sich so sehr gefreut, dass es Rick einen Stich ins Herz gegeben hatte. Aber er konnte sie verstehen. Sie war aufgeregt, ihre Freundinnen wiederzusehen und ihr altes, gewohntes Leben wieder aufzunehmen.
Er setzte den Blinker, um von der Autobahn abzufahren, und strich Kim sanft über den Arm. »Es tut mir leid, dich wecken zu müssen, aber du musst mir sagen, wie ich fahren soll.«
Verwirrt öffnete sie die Augen und sah sich um. »Wir sind ja schon da.«
»Gleich. Aber ich weiß nicht mehr weiter.«
»An der Ampel rechts und dann ein ganzes Stück geradeaus.« Kim setzte sich auf und trank einen Schluck Wasser. Anschließend leitete sie Rick treffsicher durch ’s-Hertogenbosch.
»Wir sind Provinzhauptstadt von Noord-Brabant«, erklärte Marijke stolz von der Rückbank. »Und wir haben über hunderttausend Einwohner.«
»Sehr beeindruckend«, erwiderte Rick, der gerade durch eine enge Straße manövrierte. Er war erleichtert, als Kim schließlich ein Haus anwies und sagte: »Hier wohne ich. Der linke Eingang. Rechts geht es zu Maarten und Antje.«
Rick parkte in einer Ausbuchtung der Straße neben einem Baum. Es war eine lange Fahrt gewesen. Sie hatten Kim zuliebe mehrere Pausen eingelegt und dann war ihnen noch ein Stau bei Koblenz in die Quere gekommen. Er stieg aus und streckte sich. Über neun Stunden waren auch für ihn kein Pappenstiel. Neugierig musterte er das Haus. Es war eine typisch niederländische Doorzonwoning, wie er inzwischen wusste. Eine Wohnung, durch die die Sonne hindurchscheinen konnte. Der Hauptraum, üblicherweise das Wohnzimmer, zog sich durch die ganze Tiefe des Hauses, mit zwei großen Fenstern auf der Vorder- und Rückseite, sodass man bis zum Garten hindurchschauen konnte. Normalerweise, denn bei Kim waren die Gardinen zugezogen. Anders als im Nebenhaus, wo Rick durch die Scheibe ein Ehepaar beobachten konnte, das im Wohnzimmer stand und diskutierte.
Schnell lief er um sein Auto herum, um Kim zu helfen, die Schwierigkeiten hatte, auszusteigen. Sie zog die Augenbrauen hoch, als sie durch das Fenster ihrer Freunde sah und ging ein paar Schritte, um zu klopfen. Sofort beendeten beide ihr Gespräch und kamen mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht nach draußen. Marijke fiel ihnen freudestrahlend um den Hals. Kim folgte langsamer und Rick hielt sich im Hintergrund.
Schließlich kam der Mann auf ihn zu und streckte ihm mit einem offenen Lächeln die Hand entgegen. »Ich bin Maarten«, sagte er in gutem Deutsch. »Endlich lernen wir uns persönlich kennen. Ich freue mich sehr.«
Auch Antje begrüßte ihn, allerdings auf Holländisch. »Ik spreek helaas geen Duits«, entschuldigte sie sich.
Maarten legte ihr den Arm um die Schultern. »Aber sie versteht einiges«, erklärte er. »Ich bin sicher, wir werden gut miteinander auskommen.«
Rick nickte. Das Ehepaar war ihm auf Anhieb sympathisch. Maarten war groß und an seinen Schläfen zeigten seine dunklen Haare leichte graue Schatten. Antje war ein wenig stämmiger und hatte den blonden Schopf zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie sagte etwas und deutete auf den Eingang.
»Richtig.« Maarten nickte. »Kommt erst einmal herein, dann trinken wir Kaffee und besprechen alles Weitere. Anschließend könnt ihr Kims Haus beziehen.« Er warf Kim, die inzwischen mit Marijke an der Hand zu ihnen getreten war, einen liebevollen Blick zu. »Antje hat die letzten Tage mit Hilfe von Esmee komplett durchgeputzt.«
»Das wäre doch nicht nötig gewesen«, rief Kim aus und sprach gleich darauf mit Antje auf Niederländisch.
Maarten zwinkerte Rick zu. »Kim hat eine Putzfrau, die sie trotz ihrer Abwesenheit weiter bezahlt hat. Da kann sie ruhig etwas für ihr Geld tun.«
»Sie hat versprochen, zweimal wöchentlich nach dem Rechten zu sehen«, widersprach Kim. »Sollte sie das etwa ohne Bezahlung machen?«
Maarten lachte. »Nein, aber du bist unbestritten sehr großzügig. Jetzt kommt endlich herein.« Er nahm Marijke an der Hand und lief mit ihr voraus.
Rick hatte kaum Zeit, sich umzusehen, als er schon auf der gemütlichen Couch neben Kim saß und eine Tasse Kaffee vor sich stehen hatte. Wie die Biergläser aus seiner Erinnerung waren auch die Kaffeetassen eher zierlich und Rick, der seinen Kaffee am liebsten aus großen Bechern trank, befürchtete schon, sie zu zerbrechen. Antje servierte ihm auf einem kleinen Teller etwas, das auf den ersten Blick wie ein dicker Mohrenkopf aussah.
»Das ist eine Bossche Bol«, erklärte Kim ihm. »Im Prinzip ein großer Windbeutel mit dunkler Schokoladenglasur. Das habe ich wirklich vermisst.« Sie nahm das Gebäck in die Hand und biss herzhaft hinein. Besteck gab es dazu anscheinend nicht, also folgte Rick ihrem Beispiel. Marijke war mit ihrem Teil schon fertig und grinste ihn mit schokoladeverschmiertem Mund an.
»Mag ik nog een?«, fragte sie an Antje gewandt, die jedoch resolut den Kopf schüttelte. »Een is genoeg, schatje.«
Rick pflichtete ihr bei. Das Gebäck war ausgezeichnet, aber sehr mächtig, und er wollte gar nicht wissen, wie viel Sahne in dem Teil steckte. Eins war definitiv mehr als genug, auch wenn Marijke eine enttäuschte Schnute zog.
»Worüber habt ihr vorhin, als wir ankamen, gesprochen?«, wollte Kim wissen. »Es sah aus, als würdet ihr streiten.«
Maarten seufzte. »Das kommt bei uns tatsächlich sehr selten vor. Antje hat bemerkt, dass ich gestern Abend wieder mal die Hintertür nicht abgeschlossen hatte.« Er zuckte mit den Schultern und wandte sich an Rick. »Ich sehe den Sinn darin nicht. Die Tür führt nur in unseren Garten und der ist durch einen hohen Bretterzaun geschützt. Die eine Tür darin geht zu Kims Grundstück und die andere zum Weg zwischen den Häusern. Die ist aber immer abgeschlossen, es kommt also niemand herein. Warum soll ich zusätzlich jedes Mal den Schlüssel an der Hintertür umdrehen? Ich laufe ständig in den Schuppen, um irgendetwas zu holen, das ist mir einfach zu viel Aufwand. Aber Antje mag das nicht einsehen. Sie befürchtet, dass jemand über den Bretterzaun klettert und bei uns einbricht.«
Kim grinste Rick an. »Ich bin schon oft Zeuge dieser ewigen Auseinandersetzung geworden. Antje weiß, dass sie Maarten in dieser Hinsicht nicht ändern kann, aber sie versucht es immer wieder.«
Antje hatte sich inzwischen in die Küche begeben und Kim folgte ihr, um bei der Vorbereitung des Abendessens zu helfen. Rick plauderte unterdessen weiter mit Maarten, der sich lachend über einige von Antjes Eigenheiten beschwerte. Seine Fälle waren nicht immer hundertprozentig richtig und manchmal verwechselte er die Pronomen, aber Rick fand es sehr angenehm, sich mit ihm zu unterhalten. Dann fragte Maarten nach dem letzten halben Jahr.
»Es tat uns furchtbar leid«, sagte er mit einem Blick auf Marijke, die beim Tischdecken half. »Wir hätten sie so gerne bei uns gehabt. Aber Antje hatte, wie du weißt, einen Tag vor Kims Abreise einen Unfall und ich war damit bereits überfordert. Ich habe es mir einfach nicht zugetraut, auch noch für eine Achtjährige zu sorgen. Meine Tage als aktiver Vater sind schon zu lange her.«
»Ich war zu Beginn ziemlich erschrocken«, gestand Rick. »Bei mir passte ein Kind absolut nicht in die Planung. Aber wir haben uns gut zusammengerauft und ich muss gestehen, dass sie mir geholfen hat, aus einem Tief herauszukommen.«
»Kim hat uns erzählt, dass sie Marijke am liebsten sofort wieder mitgenommen hätte«, vertraute Maarten ihm an.
»Kann ich ihr nicht verdenken. Ich kam gerade von einer Party, hatte einen ziemlichen Kater, war seit Tagen nicht rasiert und muss auf sie den Eindruck des letzten Penners gemacht haben.«
Maarten lachte. »Ganz so schlimm war es nicht, aber sie bekam tatsächlich Zweifel.«
»Ich habe mich sehr gewundert, dass sie Ricky bei mir gelassen hat. Im Prinzip kannte sie mich doch gar nicht.«
»Aber sie hat von Anfang an gemerkt, dass du ein guter Kerl bist. Und dieses Vertrauen in dich ist unerschütterlich. Ich gebe zu, dass ich große Bedenken hatte und sehr froh war, dass du es nicht enttäuscht hast.«
Rick schluckte. Maartens Worte versetzten ihm einen Stich in die Herzgegend, aber sie waren nachvollziehbar. Er selbst hatte sich öfter gefragt, was Kim dazu bewogen hatte, ihr Kind einem Mann zu überlassen, den sie seit neun Jahren nicht mehr gesehen hatte.
»Weißt du denn schon, wie es weitergeht?«, unterbrach Maarten seine Gedanken.
Er schüttelte den Kopf. »Nein, keine Ahnung. Ich mag nicht daran denken, dass Kim …« Er stockte.
Der ältere Mann legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich verstehe dich gut. Das ist auch kein Thema für heute Abend. Jetzt feiern wir, dass ihr hier seid.«
Zwei Stunden später, nachdem sie einen hervorragenden Braten mit Kartoffeln und Soße genossen hatten, holte Rick ihre Sachen aus dem Auto und ließ sich von Kim ihre Wohnung zeigen. Sie war spiegelverkehrt zu Maartens, mit dem gleichen durchgehenden Wohnzimmer und der kleinen Küche im Erdgeschoss und drei Zimmern und einem Badezimmer im Obergeschoss.
»Warum hast du dir kein größeres Haus gekauft?«, fragte er sie, als er die Koffer nach oben schleppte. »Das Geld hättest du doch gehabt.«
»Stimmt.« Schwer atmend öffnete Kim die Tür zu ihrem Schlafzimmer und ließ sich auf ihr Bett sinken. »Aber hier bin ich aufgewachsen. Hier habe ich mit meinen Eltern die glücklichste Zeit meines Lebens verbracht. Und ich habe gute Freunde gleich nebenan. Das war mir wichtiger, als in einem anderen Stadtteil ein tolles Haus zu haben.«
»Verstehe.« Rick setzte sich neben sie und umarmte sie. »Maarten und Antje sind sehr nett.«
Kim lehnte sich an ihn und verbarg ihr Gesicht in seiner Halsgrube. »Ich weiß nicht, was ich ohne sie getan hätte. Sie waren einfach immer da für mich. Ihre Tochter Aukje ist meine beste Freundin, obwohl wir uns kaum noch sehen. Maarten und Antje haben mich aufgenommen, als meine Eltern starben, und haben versucht, das Sorgerecht für mich zu bekommen. Auch, als ich schwanger war und später, als Ricky klein war, konnte ich immer auf sie zählen.«
Rick küsste sie sanft. Gemeinsam ließen sie sich nach hinten aufs Bett fallen. »Wie geht es dir?«, fragte er.
Sie zuckte mit den Schultern. »Ganz okay.«
»Du hast gegessen wie ein Spatz. Antje hat dich ständig besorgt angesehen.«
»Ich weiß. Das habe ich manchmal, dass ich einfach nichts hinunterbringe, ohne dass mir übel wird.«
»Dir war übel?«, wiederholte Rick alarmiert.
»Ja, während der ganzen Fahrt, aber jetzt geht es wieder. Ist nicht so schlimm.«
Er drückte sie an sich. »Wenn ich nur etwas tun könnte, um dir zu helfen«, murmelte er.
»Aber das tust du doch«, rief sie aus. »Schon deine Anwesenheit hilft mir.«
»Wirklich?«
»Wirklich.« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Nasenspitze.
Rick schob gerade seine Hand streichelnd unter ihr T-Shirt, als Marijke nach ihnen rief. »Das war es wohl mit unserem Schäferstündchen.« Lachend half er ihr beim Aufstehen. Sein Herz war immer noch schwer, vor allem, wenn er die dunklen Ringe unter ihren Augen und die erschöpfte Miene betrachtete, aber das wollte er sich nicht anmerken lassen. Gemäß Kims Wunsch bemühte er sich um so viel Normalität wie möglich.
Sie waren gerade fertig, Marijke beim Einräumen ihrer Kleidung zu helfen, als es an der Haustür klingelte. Erstaunt sah Kim Rick an. »Es weiß eigentlich noch niemand, dass ich wieder da bin«, meinte sie.
»Vielleicht haben uns deine Nachbarn gesehen und wollen dich begrüßen. Ich mache auf.«
Er setzte ein freundliches Lächeln auf, das jedoch gefror, als er Vincent erkannte. Der blonde Mann stutzte ebenfalls, doch dann schien ihm einzufallen, wer Rick war.
»Jij?«, rief er überrascht aus. Er wechselte ins Deutsche. »Was willst du hier?«, fragte er mit schwerem Akzent.
»Und du?«, gab Rick angriffslustig zurück. Das war der Mann, der Kim vergewaltigt hatte. Er hatte nicht übel Lust, ihm auf der Stelle den Hals umzudrehen.
»Ich hörte, dass Kim wieder hier ist. Ich will sie begrüßen.«
»So, hörtest du. Von wem?«
»Das ist nicht wichtig. Hol Kim.«
Verächtlich zog Rick einen Mundwinkel hoch. »Ich glaube nicht, dass sie mit dir sprechen will.«
»Das ist nicht deine Entscheidung.« Vincent versuchte, ihn beiseitezuschieben, aber Rick war kein unsicherer Teenager mehr, der sich herumschubsen ließ. Mühelos hielt er dem etwas größeren Mann stand.
»Du solltest jetzt gehen.« Er wollte die Tür schließen, doch Vincent hatte seinen Fuß über die Schwelle geschoben und noch war Rick zu höflich, um ihm die Tür einfach ins Gesicht zu knallen.
»Wer ist es?«, fragte Kim, die gerade die Treppe herunterkam.
»Kim«, rief Vincent laut und versuchte noch einmal, hereinzukommen.
»Vince?« Kim sah ihren Ex-Freund entgeistert an.
Vincent redete auf Holländisch auf Kim ein und wie Rick es verstand, wollte er sie überreden, mit ihm auszugehen, um zu reden. Kim schüttelte nur den Kopf. »Laat mij met rust, Vincent«, bat sie, bevor sie sich umdrehte und die Stufen hinauflief.
»Du hast sie gehört«, sagte Rick. »Lass sie in Ruhe. Du hast hier nichts zu suchen.«
»Oh doch. Ich habe ein Recht, meine Tochter zu sehen.«
»Du hast gar kein Recht, weil sie nämlich nicht deine Tochter ist. Sondern meine.«
»Ach ja? Und das weißt du so genau?«
»Natürlich.« Rick sah ihm fest in die Augen. »Und jetzt geh bitte.«
Vincent erwiderte seinen Blick eine Weile, bevor er nachdenklich zur Treppe sah. »Sie sieht nicht gut aus. Ist sie krank?«
Das war etwas, das den Mann nun überhaupt nichts anging. »Die Fahrt war lang und anstrengend«, erklärte Rick mit einem Achselzucken. »Sie ist müde.«
Sein Gegenüber nickte. »Du hast sie hergebracht? War sie die ganze Zeit bei dir in Deutschland?«
Rick stoppte sich gerade noch rechtzeitig, bevor ihm ein »Nein« entwischte. Vincent hatte keine Ahnung von Kims Krankheit und auch nicht, wo sie das vergangene halbe Jahr verbracht hatte. Rick würde der Letzte sein, der ihm diese vertrauliche Information verriet. »Das wüsstest du wohl gern«, sagte er nur.
»Nein, ich glaube nicht.« Vincent lächelte arrogant. »Bei einem wie dir würde sie es nicht so lange aushalten. Sie braucht einen richtigen Mann.«
»Einen wie dich?«
»Ich passe besser zu Kim als du. Sie wird das sehr schnell einsehen. Ich nehme an, du bist morgen von hier verschwunden?«
»Du kannst annehmen, was du willst. Aber hör auf, Kim zu belästigen.« Energisch schob Rick ihn zurück und schloss die Tür. Der unterdrückte Schmerzenslaut, als sie gegen Vincents Fuß knallte, zauberte ein breites Lächeln auf sein Gesicht.
Rick lebte sich schnell ein. Kim war in der Nachbarschaft sehr beliebt und ihre Freunde begegneten ihm offen und interessiert. Die meisten sprachen leidliches bis gutes Deutsch oder Englisch, sodass es zu keinen Verständigungsproblemen kam. Nur mit Kims Haushaltshilfe Esmee kam Rick absolut nicht klar. Als sie am Tag nach ihrer Rückkehr kurz zur Begrüßung gekommen war, hatte sie ihn völlig ignoriert. Die Hand, die er ihr lächelnd hingehalten hatte, hatte sie übersehen und stattdessen Marijke umarmt und sich mit ihr unterhalten. Auch, als sie zum Putzen gekommen war, hatte sie ihm die kalte Schulter gezeigt und sich abgewandt, sobald er in ihr Sichtfeld trat. Als er es Kim gegenüber ansprach, zog sie verwundert die Augenbrauen hoch.
»Das kann gar nicht sein, Esmee ist eine so warme und herzliche Person.«
»Nicht bei mir.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist sie unsicher. Sie ist schon Mitte sechzig und kann kein Deutsch. Möglicherweise weiß sie nicht, wie sie sich dir gegenüber verhalten soll.«
»Sich umzudrehen, wenn sie mich sieht, ist aber nicht die netteste Lösung.«
»Soll ich mal mit ihr reden?«
»Nein.« Rick umarmte sie. »Ich komme schon klar.« Kim musste sich wirklich nicht auch noch mit seinen Problemen befassen.
Er versuchte, mit Esmee zu sprechen, doch sie zuckte nur desinteressiert die Schultern und warf ihm einen feindseligen Blick zu. Dachte sie, er würde Kim und Marijke nach Deutschland entführen? War sie eifersüchtig? Sie benahm sich durchaus, als würde sie zur Familie gehören und nicht nur eine Putzfrau sein. Ungefragt hatte sie gleich am dritten Tag seines Aufenthalts alle Zahnbürsten ausgetauscht, was er als Angriff auf seine Persönlichkeit wertete.
Kim lachte, als er es ihr erzählte. »Sie macht das regelmäßig und ich bin froh, dass ich mich nicht darum kümmern muss. Und ganz ehrlich, deine Zahnbürste hat schon bessere Tage gesehen.«
»Es ist meine Reisezahnbürste, die kam in den letzten Jahren nicht mehr so oft aus dem Kulturbeutel.«
»Also war eine neue dringend nötig. Warum regst du dich so auf?«
Das wusste Rick selbst nicht so wirklich. »Sie hätte zumindest fragen können. Marijkes Bürste war fast neu, weil wir daheim eine elektrische haben.« Er verstummte. Plötzlich kam er sich dämlich vor, wegen einer Zahnbürste so einen Aufstand zu machen. Esmee war einfach eine gute Haushaltshilfe, die auf kleine Dinge achtete. Er sollte das würdigen, anstatt zu verurteilen.
Aber die Putzfrau war die einzige Person, die es ihm schwer machte. In der Nachbarschaft wurde er schnell akzeptiert. Stillschweigend wurde angenommen, dass er Marijkes Vater war und es vielleicht bald eine große Feier geben würde. Kim lächelte auf derartige Fragen nur geheimnisvoll und zuckte mit den Schultern. Sie hatte bisher noch niemandem von ihrer Krankheit erzählt und ebenso wie Vincent vermuteten ihre Freunde, dass sie das letzte halbe Jahr bei Rick in Deutschland verbracht hatte. Es wurde jedoch immer schwieriger, Fragen über diese Zeit zu umschiffen und nach der ersten Runde von Kaffeeeinladungen, um das Wiedersehen zu feiern, zog Kim sich etwas zurück. Rick sah ihr an, dass sie schnell ermüdete und das Zusammensein mit ihren Freunden zunehmend anstrengender wurde.
»Du solltest es ihnen sagen«, meinte er eines Abends, als sie von einem kleinen Umtrunk zurückkamen, zu dem ein Bekannter zwei Häuser weiter anlässlich seines Geburtstages eingeladen hatte.
»Ich weiß.« Kim seufzte erschöpft. »Ich befürchte nur, dass sie mich dann nicht mehr wie eine Freundin und Nachbarin behandeln, sondern wie eine Kranke.«
»Das ist doch Quatsch. Aber du könntest von deiner Zeit in Amerika erzählen und ihnen die Gelegenheit bieten, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass du irgendwann gehst.«
»Ich könnte auch behaupten, mit dir nach Deutschland zu ziehen.«
Lächelnd schüttelte Rick den Kopf. »Du willst sie aber nicht anlügen. Ich habe noch nie so einen guten Zusammenhalt unter Nachbarn gesehen. In München weiß ich nicht mal, wer neben mir wohnt. Und in Augsburg, wo meine Eltern leben, war die Nachbarschaft zwar gut, aber ich kann mich nicht erinnern, mal zum Geburtstag oder zum Kaffee eingeladen worden zu sein.«
Kim nickte zustimmend. »Die ganze Straße hat einen guten Zusammenhalt. Das war schon so, als meine Eltern noch lebten, obwohl die Nachbarn damals andere waren. Aber du hast recht. Ich sollte ihnen sagen, was mit mir los ist, es lässt sich sowieso nicht mehr lange verbergen.« Kim streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. »Suzanne hat heute gefragt, ob es mir gut geht, weil ich so erledigt aussehe.«
»Und was hast du gesagt?«
»Ihre Kinder haben lauthals begonnen zu streiten, das hat mich einer Antwort enthoben.« Kim lächelte, doch ihr Kinn zitterte dabei. »Ich mag einfach nicht darüber reden, dass ich bald sterbe.«
Rick zuckte zusammen. Das konnte er nur zu gut verstehen, auch er schob diesen Gedanken jeden Tag aufs Neue kilometerweit von sich. Er nahm sie in den Arm. »Du musst ja nicht alles erzählen. Fürs Erste reicht es, zu sagen, dass du Krebs hast und dich in Amerika einer neuartigen Behandlung unterzogen hast.«
»Die absolut nichts gebracht hat«, fügte Kim bitter an.
»Musst du ja nicht jedem auf die Nase binden.«
»Nein.« Sie drückte ihr Gesicht in seine Halsbeuge. »Ich komme mir so dumm vor.«
»Warum?«
»Ich bin Hals über Kopf nach Amerika, weil ich dort eine Wunderheilung erwartet habe.«
»Die Behandlung hätte ja auch die gewünschte Wirkung haben können. Ich finde das nicht dumm. Du wolltest einfach alles Menschenmögliche versuchen.«
Sie schwieg einen Moment, dann nickte sie. »Danke dir.« Sie küsste ihn zärtlich. »Tust du mir einen Gefallen?«
»Natürlich. Jeden.«
»Fährst du mit mir ans Meer?«
»Ans Meer?«
»Ja, nach Zeeland. Dort haben wir in meiner Kindheit ein paar Mal Urlaub gemacht. Ich würde die Gegend gerne noch einmal sehen.«
»Machen wir. Wann?«
»Gleich morgen?«
»Von mir aus. Aber sag mal, müsste Marijke nicht mal langsam wieder zur Schule gehen? Wir sind schon über eine Woche hier und meines Wissens nach herrscht auch in den Niederlanden Schulpflicht.«
Kim seufzte. »Ich hätte sie am liebsten die ganze Zeit bei mir. Schule bringt ihr im Moment gar nichts. In welche Klasse soll sie gehen? Die erste und zweite hat sie hier bereits absolviert und mitten im Schuljahr in die dritte einsteigen kann sie nicht, dafür fehlt ihr schon zu viel. Außerdem nimmst du sie doch wieder mit nach Deutschland, wenn ich, wenn ich …« Kim stockte.
Rick drückte sie an sich. »Wir müssen das nicht jetzt entscheiden. Morgen fahren wir erst mal alle ans Meer und dann sehen wir weiter.«
Der kräftige Wind blies Kim fast um, doch Rick hatte sie noch nie so fröhlich gesehen. Sie hielt ihr Gesicht in die steife Brise und sah verträumt über das Meer, das in leisen Wellen an den Strand plätscherte. Marijke zog sich Schuhe und Socken aus und Rick sah schon fragend zu Kim. Doch anstatt ihre Tochter zu ermahnen, tat sie es ihr gleich. Gemeinsam liefen sie durch den nassen Sand und quiekten auf, wenn das kalte Wasser ihre Füße überspülte. Er schmunzelte. Es schien zwar die Sonne, aber die Wassertemperatur durfte im April noch weit von Badewärme entfernt sein. Also hielt er respektvollen Abstand zu dem kühlen Nass.
»Komm schon Rick, sei keine solche Memme«, rief Kim ihm lachend zu.
Es tat ihm so gut, sie so unbeschwert zu sehen, dass er nicht zögerte, seine Jeans hochkrempelte und mit nackten Füßen zu ihnen lief. »Brr«, schüttelte er sich, als die Nordsee über seine Knöchel schwappte, und sowohl Kim als auch Marijke kicherten amüsiert. Es war ein perfekter Tag, völlig sorgenfrei, wenn man nicht an das drohende Unheil dachte. Er legte Kim den Arm um die Schultern und nahm Marijke an die Hand. Gemeinsam liefen sie den Strand entlang, bis ihre Füße vom einlaufenden Wasser eiskalt waren und sogar die Mädchen fürs Umkehren plädierten. Später saßen Rick und Kim auf einer Decke im Sand und sahen Marijke zu, die nach Muscheln suchte und schon einen ansehnlichen Berg angehäuft hatte.
»Rick?«
»Hmm?« Er blinzelte träge in die Sonne, deren Strahlen seine durchgefrorenen Füße wärmten.
»Willst du mich heiraten?«
»Was?« Fassungslos starrte er sie an.
»Du weißt schon: Standesamt. Ja sagen. Den Rest des Lebens miteinander verbringen. Wobei das in unserem Fall nicht lang sein wird. Du wärst sehr schnell Witwer.« Kim seufzte. »Aber es würde vieles vereinfachen.« Als Rick immer noch schwieg, fuhr sie fort: »Mein Geld bekommt Marijke, schon damit man dir keine Erbschleicherei nachsagen kann. Du könntest es allerdings für sie verwalten und die Zinsen erhalten. Ich kann dir auch einen Anteil vermachen.« Kim suchte nach Worten.
Rick drückte sie fest an sich. »Du musst mich nicht kaufen, ich sollte selbst genug Geld verdienen können, um unserer Tochter ein gutes Leben zu bieten.«
»Das weiß ich. Aber es erscheint mir nur fair. Ich will, dass sie abgesichert ist. Und ich will, dass sie bei dir bleibt. Wenn wir verheiratet sind, ist das deutlich einfacher.«
»Du hast Angst, dass Vincent irgendetwas ausheckt.«
»Sollte er einen Vaterschaftstest verlangen, kann ich das vermutlich nicht abschlagen. Ich weiß nicht, ob er ein Recht darauf hat, zu erfahren, ob er Rickys Vater ist, aber ich befürchte, er wird keine Ruhe geben. Und falls er es tatsächlich ist?« Kim schauderte. »Er liebt sie nicht, er will nur ihr Geld. Ich würde mich im Grab umdrehen, im Wissen, dass sie bei ihm aufwachsen muss. Wenn wir verheiratet sind, kommt er hoffentlich gar nicht erst auf die Idee, und du hättest auf jeden Fall einen besseren Stand. Außerdem möchte ich, dass sie möglichst bald deinen Namen annimmt, sofern dir das nichts ausmacht.«
»Natürlich nicht. Aber will sie das denn auch?«
»Ich denke schon.« Kim sah ihn fragend an. »Du hast mir nicht geantwortet.«
»Klar heirate ich dich. Ich bezweifle nur, dass es so einfach ist. Ich habe nicht die nötigen Papiere dabei.«
»Du brauchst außer deinem Ausweis nur eine Ehefähigkeitsbescheinigung von deinem zuständigen Standesamt und deine Geburtsurkunde.«
»Ehefähigkeitsbescheinigung, interessant. Ich staune immer wieder, was du für Wörter kennst.«
»Kannte ich nicht«, gab Kim zu. »Ich habe mit Maarten darüber gesprochen und dann das deutsche Wort dafür gesucht. Die Bescheinigung besagt, dass du ungebunden bist und nicht in Deutschland bereits eine Ehefrau sitzen hast.«
»Okay, das sollte kein Problem sein. Ich kann meine Eltern damit beauftragen, sich um die Sachen zu kümmern. Machen sie bestimmt. Sie mögen dich.«
»Vielleicht möchten sie ja zur Hochzeit kommen. Wobei das eher eine triste Angelegenheit wird. Ich will nicht groß feiern.«
»Kann ich verstehen«, nickte Rick. Es war ja auch nicht wirklich eine Liebesheirat, sondern mehr eine Zweckehe. Aber er verstand Kims Motive.
»Und wen nehmen wir als Trauzeugen? Vincent?«
Kim schreckte hoch und puffte ihn die Seite. »Kannst du gerne machen«, grinste sie. »Aber du fragst ihn selbst.«
»Ich glaube, ich kann mich beherrschen. Trotzdem, die Frage bleibt.«
»Maarten und Antje würden das bestimmt mit Freuden übernehmen, wenn es dir recht ist.«
»Natürlich. Ich kann mir keine besseren Trauzeugen für unsere Blitzhochzeit denken.«
»Und du bist wirklich einverstanden? Ich könnte mir vorstellen, dass du lieber Daniela heiraten möchtest.«
Ricks Herz zog sich bei der Erwähnung des Namens zusammen. Er hatte ihr versprochen, sich zu melden, aber das war wohl inzwischen hinfällig.
»Ich will dir nicht deine Chancen verbauen.« Konnte Kim seine Gedanken lesen?
»Unwichtig«, winkte er ab und ignorierte den kleinen Stich im Herzen. »Ich heirate dich sehr gerne.«
Marijke kam mit einem großen Eimer voller Muscheln angelaufen. »Schaut mal, wie viele ich schon hab.«
»Toll«, lobte Rick. »Da sind ja richtig schöne dabei.« Er nahm eine in sich gedrehte Muschel heraus. »Die gefällt mir besonders gut. Sag mal, was hältst du von der Idee, dass ich deine Ma heirate?«
Ihre Antwort bekam er nur Sekunden später, als er rücklings im Sand lag, nachdem sich Marijke jubelnd auf ihn geworfen hatte, und sich gegen die feuchten Schmatzer wehren musste, mit denen sie sein Gesicht eindeckte. Für einen Moment war er richtig glücklich.


























































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