Kapitel 14
14
Nach dem anstrengenden Ausflug ans Meer fühlte sich Kim müde und ausgelaugt. Am nächsten Tag lag sie hauptsächlich auf der Couch und schlief oder spielte mit Marijke. Rick nutzte die Zeit, um seine Eltern auf den neuesten Stand zu bringen und sie zu bitten, die nötigen Dokumente zu besorgen. Als sie sich von der anfänglichen Überraschung erholt hatten, bestärkten sie ihn in seinem Beschluss. Sie waren auch durchaus gewillt, zur Hochzeit zu kommen, was Rick sehr freute. Sein Vater erklärte sich sofort bereit, ihm die geforderten Nachweise zu besorgen und schnellstens zu schicken. Rick brauchte nicht zu betonen, dass es eilte. Seine Geburtsurkunde bekam er vorab per E-Mail. Gleich am nächsten Tag bestellten sie zusammen mit Maarten und Antje beim Standesamt das Aufgebot. Rick wurde darauf hingewiesen, dass er bis zur Heirat einen Beweis seiner Ehefähigkeit erbringen musste, der Rest war reine Formsache. Kim war dem Standesbeamten gegenüber sehr offen, was ihre Motive für eine schnellstmögliche Hochzeit anbelangten, und er machte einen Termin nach achtzehn Tagen möglich. Rick wurde es ganz seltsam zumute. Noch achtzehn Tage, dann würde er ein verheirateter Mann sein. Als sie bei einem Juwelier schlichte Eheringe aussuchten, ließ er es sich nicht nehmen, Kim einen Verlobungsring zu kaufen, einen schmalen Reif in Weißgold mit einem kleinen Diamanten.
»So eine Verschwendung«, hauchte sie, als sie ihn ansteckte und ehrfürchtig betrachtete. »Wir sind nur achtzehn Tage lang verlobt.«
»Du musst ihn hinterher ja nicht wegwerfen«, meinte Rick grinsend, doch das Lachen gefror ihm im Gesicht, als er Kims Miene sah.
»Ich werde ihn tragen bis an mein Lebensende«, sagte sie ernst und er musste sich beherrschen, um nicht in Tränen auszubrechen.
»Das ist die richtige Einstellung, junge Frau«, stimmte der Juwelier, der ausgezeichnet Deutsch sprach, begeistert zu. »Ihre Eheringe sind nächste Woche fertig. Ich wünsche Ihnen viel Glück auf Ihrem gemeinsamen Weg.«
»Unser gemeinsamer Weg«, wiederholte Kim, als sie zusammen durch die Straße schlenderten. Marijke war bereits mit Maarten und Antje nach Hause gefahren, so hatten sie etwas Zeit für sich. »Wenn er doch nur länger wäre.«
Rick drückte sie wortlos an sich. Seine Kehle war wie zugeschnürt, er konnte keine Antwort geben. Aber Kim erwartete auch keine. Sie sah ihn nur an und nickte traurig. »Lass uns in ein Café gehen«, schlug sie vor. »Ich muss mich etwas ausruhen.«
»Natürlich.« Rick sah sich kurz um. Hier in der Innenstadt bestand an Cafés kein Mangel. Er führte Kim ins nächste Lokal und stellte sicher, dass sie bequem saß.
»Soll ich dir ein Stück Kuchen holen? Oder eine Bossche Bol?«
»Nein, ich hätte lieber etwas Herzhaftes. Ich glaube, ich nehme Bitterballen.«
»Was?«
»Setz dich her und warte, bis die Bedienung kommt. Bitterballen sind ein Partysnack, den du überall bekommst. Im Prinzip handelt es sich um frittiertes Fleischragout. Es gibt sie bei Hochzeitsempfängen genauso wie bei Beerdigungen.«
»Dann werde ich die auch ausprobieren.«
»Wundert mich, dass sie dir damals in Amsterdam nicht über den Weg gelaufen sind.«
»Wir bekamen unser Essen in der Herberge. Und in der Bar nebenan gab es das nicht.«
»Doch, aber ihr habt nicht danach gefragt.« Kim lachte, dann wurde sie ernst. »Bereust du es, dass du damals mit Joe in diese kleine Eckkneipe gegangen bist?«
»Nein. Und du?«
Sie schüttelte den Kopf und streichelte seine Hand. »Nicht einen Tag lang.«
Sie wurden unterbrochen, als eine junge Frau sie nach ihren Wünschen fragte.
»Sollen wir nachher gleich ein Hochzeitskleid aussuchen?«, erkundigte sich Rick mit gespielter Fröhlichkeit, nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten.
»Das brauche ich doch nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil es nur eine einfache kurze Zeremonie wird. Keine großartige Feier. Höchstens eine kleine Receptie.«
»Was ist das?«
»Ein Empfang, wo Getränke und Snacks gereicht werden. Auch Bitterballen«, grinste sie. »Er dient dazu, dem Hochzeitspaar zu gratulieren und Geschenke zu überreichen.«
»Aber wenigstens mit unseren Familien werden wir doch ein wenig feiern, oder? Ich möchte meinen Bruder und seine Familie und Joe und Jasmin einladen und du bestimmt die Nachbarschaft und deine Freunde.«
»Ich weiß nicht«, meinte Kim mit einem traurigen Lächeln. »Am liebsten wäre es mir, wenn es gar niemand so wirklich mitkriegt. Obwohl ich sehr gerne Aukje dabei hätte.«
»Die Tochter von Maarten und Antje? Weißt du, wo sie ist?«
»Ja, wir haben gestern telefoniert. Sie schreibt gerade eine Reportage über das englische Königshaus.«
»Sie ist in England? Da ist sie doch ganz schnell hier. Lade sie ein. Weiß sie denn Bescheid …«
»Ja, natürlich. Weißt du was, du hast recht. Wir buchen irgendwo ein gemütliches Restaurant und gehen am Abend zusammen essen.«
»Und du wirst eine wunderschöne Braut in einem wunderschönen Kleid sein.«
»Meinst du wirklich, das lohnt sich?«
»Warum denn nicht? Es ist ganz egal, wie groß unsere Hochzeit ist, es ist unsere Hochzeit.«
»Stimmt. Dann trägst du einen Anzug?«
Rick stöhnte. »Vielleicht können meine Eltern das gute Stück mitbringen, das ich mir zur Trauung meines Bruders gekauft habe. Wurde nur einmal getragen und sollte hoffentlich noch passen.«
»Ach ja? Du willst mir ein Hochzeitskleid kaufen, aber du selbst kommst in gebrauchten Sachen?«
»Irgendwo müssen wir ja sparen.«
Kim kicherte und sah lächelnd der Bedienung entgegen, die ihre Getränke und eine Platte mit aromatisch riechenden Fleischbällchen brachte. »Ich werde nicht auf meine alten Tage anfangen zu sparen«, sagte sie leichthin, als sie wieder allein waren, und nahm einen Bitterbal, den sie in ein Schälchen mit Senf tunkte.
»Senf?« Rick verzog das Gesicht.
»Traditionell, ja. Sie schmecken auch mit Mayo gut.«
»Na, dann wollen wir mal.« Er ignorierte Kims Kommentar zu den alten Tagen, er wusste sowieso nicht, was er darauf hätte antworten können. Vorsichtig biss er in eines der frittierten Bällchen und war erstaunt über den herzhaften Geschmack. »Nicht übel«, meinte er.
»Sag ich doch.« Kim war bereits beim nächsten Bitterbal. Rick freute sich, wie gut es ihr schmeckte. In den letzten Tagen hatte sie nur an ihrem Essen gepickt, aber sie schien einen richtig guten Tag zu haben.
»Also gehen wir nachher ein Kleid kaufen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Sei mir nicht böse, das wird mir heute zu viel. Außerdem würde Marijke es uns nie verzeihen, wenn wir sie nicht mitnehmen. Warten wir mal ab, wie es mir morgen geht. Meinetwegen können wir ein Hochzeitskleid für mich kaufen. Und einen Anzug für dich. Dann hast du eben zwei. Kannst du bestimmt mal brauchen.«
»Okay«, lenkte Rick ein und nahm sich einen weiteren Bitterbal.
»Aber ich bräuchte mal deinen Rat.«
»Schieß los.« Er kaute genüsslich.
»Ich bin dabei, mit Maarten mein Testament aufzusetzen.«
Er hielt inne. Ihm lag schon eine Floskel auf der Zunge, dass das noch Zeit hätte, aber er wusste, dass Kim ihre Angelegenheiten bald ordnen sollte.
»Marijke bekommt natürlich mein Vermögen. Ich weiß nur nicht, wann. Sie soll nicht denken, dass sie nur in Ruhe abzuwarten braucht, bis sie Millionärin ist, und nie arbeiten muss.«
»Du meinst also, mit achtzehn ist zu früh?«
»Ich hätte das Geld so dringend brauchen können, als ich achtzehn war.« Kim seufzte. »Tante und Onkel strichen nach wie vor den Unterhalt für mich ein, obwohl ich schon längst ausgezogen war und mir mit Gelegenheitsjobs das Studium finanzierte. Aber es hat mich auch stark gemacht.«
»So etwas wird Marijke nicht passieren«, beruhigte Rick sie.
»Das dachte mein Vater ebenfalls.« Kim nippte an ihrem Wasser.
»Kannst du nicht Maarten die Verfügungsgewalt über das Geld erteilen und es ihn nach Gutdünken entscheiden lassen?«
»Ich weiß nicht.« Kim lächelte. »Da würde ich es mir etwas zu einfach machen. Mein Testament muss hieb- und stichfest sein, sonst steht meine Tante wieder auf der Matte und will ihren Teil. Was würdest du tun?«
»Ganz ehrlich? Einem achtzehnjährigen Mädchen ein Vermögen hinzuschieben, erscheint mir nicht richtig.«
»Du stimmst mir also zu? Da bin ich erleichtert. Ich hielt mich schon für eine Rabenmutter, weil ich mir solche Gedanken mache.«
»Nein, auf gar keinen Fall. Man sollte eine gewisse Reife haben, um mit so viel Geld umgehen zu können.«
»Also einundzwanzig?«
»Finde ich immer noch zu früh. Sie soll erst mal studieren, oder eine vernünftige Lehre machen und Fuß in einem Beruf fassen. Fünfundzwanzig wäre doch ein gutes Alter. Vielleicht ist es ja möglich, eine Klausel einzubringen, die bestimmt, dass sie auch vorher über das Geld verfügen kann, wenn unvorhergesehene Umstände es notwendig machen. Maarten kann dich da sicher besser beraten als ich.«
»Das stimmt schon, aber ich wollte deine Meinung dazu hören. Die Wohnung möchte ich gerne Aukje vermachen, was hältst du davon?«
»Sehr gute Idee.«
»Vielleicht lässt sie sich animieren, etwas weniger in der Weltgeschichte herumzugondeln, wenn sie eine feste Bleibe hat. Und natürlich bekommst du einen Teil.«
»Brauche ich nicht«, wehrte Rick ab.
»Du weißt schon, was es kosten kann, ein Kind aufzuziehen? Und es vielleicht studieren zu lassen?«
»Das ist mir bewusst. Aber ich denke, dass ich demnächst einen guten Job vorweisen kann, der mir das durchaus ermöglicht.«
»Trotzdem will ich, dass du es annimmst. Wenn du es nicht brauchst, kannst du das Geld für Marijke anlegen. Aber ein Notgroschen ist nie verkehrt.«
»Na gut«, lenkte Rick ein, als er sah, dass ihr seine Zustimmung immens wichtig war.
»Willst du dabei sein, wenn wir das Testament aufsetzen? Ich soll heute Abend kommen.«
»Nein, das ist deine Sache, das geht mich nichts an. Ich kümmere mich derweil um die Millionenerbin. Du weißt schon, ich muss mich gut mit ihr stellen, immerhin bezahlt sie mir hoffentlich mal ein gutes Altersheim.«
Kim lachte und machte Anstalten, den letzten Bitterbal nach ihm zu werfen, doch dann besann sie sich anders und steckte ihn in den Mund.
Augsburg, Juli 2024
»Wow! Was für eine Geschichte.« Daniela entkorkte eine weitere Flasche Wein. »Es muss furchtbar für Kim gewesen sein. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wie lebt man überhaupt, wenn man weiß, dass es bald zu Ende geht? Ich meine, sie hatte doch das ganze Leben noch vor sich. Wie alt war sie?«
»Dreißig. Und an irgendeinem Punkt in Amerika hat sie resigniert. Sie hatte alle Hoffnungen in diese neue Therapie gesetzt und als die sich komplett zerschlagen hatten, hat sie aufgegeben. Sie wollte nicht mehr kämpfen, sondern einfach die restliche Zeit mit Marijke genießen. Und das hat sie getan.«
»Wieso habe ich das Gefühl, dass das noch nicht das Ende war?«
»Weil es das nicht ist. Noch lange nicht. Aber lass uns den Rest auf morgen verschieben und den Abend genießen.«
»Was schwebt dir denn da vor?« Sie sah ihn über den Rand ihres Glases erwartungsvoll an. Rick wollte ihr schon darlegen, wie er sich die kommenden Stunden vorstellte, als ihm auffiel, welches Lied gerade aus dem Radio erklang. Es war der alte Instrumentalhit Afrikaan Beat von Bert Kaempfert und prompt blieben ihm die nächsten Worte im Hals stecken.
»Was ist los?« Alarmiert sah Daniela auf.
»Nichts. Nur ein paar alte Erinnerungen.« Er lauschte dem flotten Rhythmus und wie aus dem Nichts krampfte sich sein Herz zusammen.
Sie streichelte seinen Handrücken. »Woran?«
Er grinste schief. »An indische Seerosen.«
»An was?« Danielas Miene war ein einziges Fragezeichen.
Er lachte und der wehmütige Moment war so schnell vorüber wie er gekommen war. »Erzähle ich dir morgen. Jetzt habe ich was anderes vor.«
»Ach Lea, was soll ich nur tun?«, klagte Marijke ihrer Freundin ihr Leid. Sie hatte es sich mit ihrem Smartphone auf der Couch gemütlich gemacht und nippte an einer Cola, während sie auf Antwort wartete.
»Du weißt doch, was ich dir raten werde, oder?«
»Dass ich es tun soll.«
»Natürlich sollst du es tun. Lass Dominik endlich hinter dir. Ich weiß, es ist schwer, zuzugeben, dass man sich in einem Mann getäuscht hat, aber das kommt öfter vor, als du denkst.«
»Schon, aber gleich so schnell wieder eine neue Beziehung …«
»Habt ihr denn schon miteinander geschlafen?«
»Was?« Fast wäre Marijke das Glas aus der Hand gerutscht. Wieso wollte das neuerdings jeder wissen? »Nein«, rief sie aus.
Lea blieb völlig ruhig. »Warum nicht?«
»Weil ich noch nicht so weit bin.«
»Und wann bist du so weit? Nächsten Monat, nächstes Jahr, in zehn Jahren, wenn du Dominik endlich ad acta legen kannst?«
»Du bist unmöglich.« Marijke grinste.
»Nur realistisch. Ich finde sowieso, dass dein Arjen eine Engelsgeduld mit dir hat. So mancher andere wäre schon auf und davon, wenn seine Angebetete ständig so spröde ist.«
»Ich bin nicht spröde, meiner Meinung nach muss man nur nicht sofort mit dem nächstbesten Mann in die Kiste springen.«
»Ja, okay, guter Punkt, aber ihr seid doch jetzt bereits eine Weile zusammen, hat er nicht wenigstens mal einen Annäherungsversuch gestartet?«
»Schon.« Verlegen dachte Marijke an den Nachmittag im Wittelsbacher Park.
»Und du hast ihn abblitzen lassen? Meine Güte, was ist nur mit dir los? So ein Schnittchen muss man sich festhalten.«
»Schnittchen?«
»Du weißt doch, was ich meine.« Lea lachte. »Komm schon, trau dich. Ruf ihn an und sag ihm, dass du mitfährst. Oder noch besser, fahr zu ihm und mach dir einen tollen Abend. Mit offenem Ausgang.«
»Du meinst, er ist der Richtige für mich?«
»Absolut. Der ist total verknallt in dich. In seinen Augen tanzten schon Herzchen, als er dich im Café noch von weitem angehimmelt hat.«
»Er will mich zur Hochzeit seiner Cousine mitnehmen.«
»Umso besser. Ein Glas Sekt, oder drei, vier und du bist nicht mehr so verklemmt.«
»Sag mal, warum bin ich eigentlich mit dir befreundet?«
»Weil ich dir immer die besten Ratschläge gebe.« Lea kicherte noch einmal, dann wurde sie ernst. »Wieso hast du so ein Problem mit ihm?«, hakte sie nach. »Wegen Dominik?«
»Ich weiß selbst nicht. Ich versuche wirklich, Dominik abzuhaken, aber ich habe irgendwie das Gefühl, mich selbst zu verraten, wenn ich mich sofort neu verliebe. Als wären die Jahre mit ihm überhaupt nichts wert gewesen und somit auch meine eigenen Empfindungen wertlos. Macht das einen Sinn?«
»Ja, schon. Du erwartest vielleicht, dich wieder Hals über Kopf zu verlieben, und bist unsicher, weil es bei Arjen nicht sofort wie ein Vulkan funkt.«
»Richtig.«
»Manche Liebe muss einfach wachsen. Du musst ja nicht sofort mit ihm schlafen, aber fahr mit ihm mit. Gönn dir die paar Tage. Hinterher wirst du um einiges klarer sehen, glaub mir.«
»Hoffentlich.« Marijke seufzte. »Und da ist natürlich auch noch diese andere Sache.«
»Ich weiß. Aber das ist sechzehn Jahre her. Danach kräht doch kein Hahn mehr.«
»Ich bin mir da nicht so sicher.«
»Ich schon. Du wirst bestimmt nicht beim Grenzübertritt verhaftet.«
Marijke lächelte verhalten. »Es gibt keine Grenzkontrollen mehr.«
»Ich weiß«, stöhnte Lea theatralisch. »Also, wovor fürchtest du dich?«
Das wusste Marijke selbst nicht. Aber das Gespräch mit Lea gab ihr zumindest Klarheit. Sie würde Arjen in die Niederlande begleiten und die Stadt ihrer Kindheit besuchen. Die Hochzeit seiner Cousine lag ihr allerdings noch im Magen. Sie war ein geselliger Mensch, aber wenn sie unter lauter fremden Leuten war, konnte das schnell in Schüchternheit umschlagen. Immerhin würden Arjen und seine Familie dort sein und sie hoffte, sich mit dieser gut zu verstehen.
Sie öffnete die Sommerseite ihres Kleiderschranks und spähte hinein. Es musste doch etwas geben, das sie anziehen konnte. Sie zog das Kleid heraus, das sie für ihren Abschlussball gekauft hatte, und verzog das Gesicht. Sie hatte es nur einmal getragen, trotzdem hatte es schon einige Jahre auf dem Buckel. Seufzend hängte sie es wieder in den Schrank, als es an der Tür klingelte. Wer wollte denn zu dieser Zeit noch etwas von ihnen? Rick war eh nicht da und so hoffte sie, den späten Gast schnell abwimmeln zu können.
»Arjen, du? Was machst du denn hier?«
»Ich hatte Sehnsucht nach dir.«
»Wir waren den ganzen Nachmittag zusammen.«
»Eben.« Er lachte. »Ich bin auf den Geschmack gekommen und möchte mehr von dir. Was machst du gerade?«
»Ich durchwühle meinen Kleiderschrank.«
»Wieso das denn?«
»Um etwas zu finden, das ich zu der Hochzeit anziehen kann.«
Arjen blieb wie angewurzelt stehen und starrte sie mit offenem Mund an. »Du kommst mit?«
Sie nickte nur.
Mit einem Freudenschrei stürmte er auf sie zu und umarmte sie. »Super. Du, ich freu mich riesig. Und mein Angebot steht noch. Wir können dir gerne morgen ein neues Kleid kaufen.«
»Ich weiß und das ist lieb von dir. Aber …«
»Ich bezahle es dir natürlich. Studenten sind doch generell knapp bei Kasse und ich kann es mir wirklich leisten. Ich möchte, dass du die Hübscheste auf der Party bist.«
»Das geht schon mal gar nicht«, schnaubte Marijke lachend. »Die Hübscheste muss immer die Braut sein. Aber am Geld liegt es gar nicht mal. Ein Kleid würde hinterher nur im Schrank hängen und Staub ansammeln.«
»Dann lass uns doch mal in den besagten Schrank abtauchen und sehen, ob wir etwas Passendes finden«, schlug Arjen gut gelaunt vor und Marijke führte ihn in ihr Schlafzimmer. Interessiert sah er sich um.
»Mach das nicht«, wehrte sie ab. »Ich hab hier drin schon seit zwei Wochen nicht mehr geputzt.«
»Stört mich nicht. Ich schaue sowieso viel lieber dich an.« Er machte Anstalten, sie zu küssen und nach einem kurzen Zögern kam Marijke ihm entgegen. Der Kuss löste ein warmes Kribbeln in ihrem Inneren aus und ihre Bauchmuskeln zogen sich unwillkürlich zusammen. Sie schmiegte sich enger an ihn. Wenn sie noch gezweifelt hatte, ob es richtig war, mit ihm zu fahren, war sie sich jetzt sicher.
»Na, dann schauen wir doch mal deine Garderobe an.« Arjen löste sich mit einem Augenzwinkern von ihr und sah interessiert in den noch offenen Schrank.
Marijke war enttäuscht. Sie hätte den Kuss gerne verlängert, aber sie konnte ja später selbst die Initiative übernehmen. »Das einzig passable Kleid für eine Hochzeit wäre das hier.« Sie nahm ihr Abschlussball-Outfit heraus. »Ganz glücklich bin ich damit allerdings nicht.«
»Würde zur Not gehen. Aber ich glaube, dass wir etwas Schickeres finden können.« Sein Blick wanderte zur rechten, noch geschlossenen Seite des Doppelschranks. »Und was ist hier drin?« Schwungvoll öffnete er die Türen.
»Das sind nur meine Wintersachen. Da werden wir garantiert nicht fündig.«
»Okay.« Arjen wollte die beiden Türen bereits wieder schließen, da stutzte er. »Hey, was ist denn das?« Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm er ein weißes Kleid heraus, das am linken Rand neben ihren Winterjacken hing. »Gibt es vielleicht etwas, das du mir erzählen willst?«
Sie lächelte, als ihr Blick auf die glatte Seide fiel. »Das Hochzeitskleid meiner Mutter«, erklärte sie ihm.
»Deiner Mutter? Nicht deines? Könnte ja sein, dass ich etwas verpasst habe.«
»Nein, hast du nicht.« Sanft strich Marijke über den schimmernden Stoff. Immer, wenn sie es ansah, wurde sie wehmütig. Sie erinnerte sich noch so gut an den Tag, als sie und Rick Kim zu diesem Kleid überredet hatten. Sie hatte nicht so viel Geld ausgeben wollen, doch sie hatte einfach fantastisch darin ausgesehen.
»Es ist wirklich sehr schön. Wirst du es auch bei deiner Hochzeit tragen?«
Sie zuckte mit den Schultern. So weit hatte sie noch nie gedacht. »Ist es nicht ein wenig altmodisch?«
»Finde ich gar nicht. Und wenn, dann nennt man es einfach Vintage und es passt wieder.« Arjen lachte. »Ziehst du es mal an?«
Sie schüttelte den Kopf. »Warum?«
»Ich möchte sehen, wie du darin aussiehst.«
»Ich weiß nicht.« Marijke hatte das Kleid einmal anprobiert, als sie etwa vierzehn gewesen war. Es hatte ihr weder gestanden, noch gepasst, noch gefallen. Aber sie war keine vierzehn mehr.
»Komm schon, ich helfe dir.«
Arjen öffnete den Reißverschluss und hielt es ihr entgegen.
»Du machst das nur, damit ich mich ausziehe«, murmelte sie.
Er grinste verschmitzt und seine Augen strahlten dabei. Sie fühlte sich plötzlich ungemein von ihm angezogen und wunderte sich, warum ihr auf einmal so warm war.
»Natürlich«, stimmte er ihr zu, »aber ich würde dich wirklich gerne in diesem Kleid sehen. Wenn du willst, kann ich auch vor der Tür warten.«
»Nein, musst du nicht.« Marijke zog sich ihr T-Shirt über den Kopf und streifte die Bermuda-Jeans ab. Dann ließ sie sich von Arjen in das Kleid helfen. Es spannte am Bauch, aber sonst passte es ziemlich gut.
»Deine Mutter war sehr schlank«, stellte er fest.
»Stimmt.« Sie biss sich auf die Unterlippe. Sogar als Kind war ihr aufgefallen, wie mager Kim geworden war. »Der Schnitt war ursprünglich etwas weiter«, erklärte sie und fasste an die Seiten. »Hier hat man es enger gemacht, man müsste die Nähte bloß wieder auslassen und dann passt es mir auch.« Sie besah sich im Spiegel. Der seidige Rock umschmeichelte ihre Beine und das spitzenbesetzte Oberteil brachte ihr Dekolleté gut zur Geltung. Für einen Moment glaubte sie, eine Reflexion ihrer Mutter zu sehen, die ihr aufmunternd zulächelte. Sie schluckte und schälte sich aus dem Kleid.
»Schade«, meinte Arjen, half ihr aber bereitwillig. »Du gefällst mir sehr gut darin. Mein Angebot, dich vom Fleck weg zu heiraten, steht übrigens noch.«
»Ach wirklich? Und warum sollte ich dich heiraten? Welche Vorzüge kannst du aufweisen?«
»Lass mich mal nachdenken. Ich bin ein netter Mann, nicht zu vergessen, sehr attraktiv, ich spreche deine Muttersprache wie meine eigene und ebenfalls nicht zu vergessen, ich bin hervorragend im Bett.«
Wieder biss sich Marijke auf die Lippe, doch dieses Mal, um nicht laut aufzulachen. Sie hängte das Kleid sorgfältig zurück in den Schrank. Im Winter würde sie es zu den Sommersachen hängen, damit sie es nicht ständig vor Augen hatte, aber vielleicht würde sie es tatsächlich zu ihrer Hochzeit tragen. Sie hatte sich in dem Kleid gefallen. Kim würde sich freuen, wenn es noch einen Nutzen haben würde. Schnell schloss sie den Schrank, bevor sie wieder traurig wurde. Was war nur heute mit ihr los? Solche Stimmungsschwankungen kannte sie von sich überhaupt nicht.
Als sie sich umdrehte, stand Arjen dicht vor ihr. Zärtlich fuhr er über ihren Rücken und öffnete ganz beiläufig den Verschluss ihres BHs.
»Du scheinst Übung darin zu haben«, kommentierte sie trocken.
»Man tut, was man kann.« Er küsste sie und dieses Mal ließ er sie nicht mehr los. Langsam dirigierte er sie zum Bett und bevor Marijke darüber nachdenken konnte, ob sie überhaupt wollte, was sich da anbahnte, hatte er sich schon seiner Kleidung entledigt. Ihr Herz begann aufgeregt zu pochen und ihr Magen schlug einen Purzelbaum, als sie ihn so vor sich stehen sah. Dann schlüpfte sie unter ihre Bettdecke und hob auffordernd eine Ecke hoch. Eine Einladung, die sich Arjen nicht zweimal geben ließ.
Mitten in der Nacht wachte Marijke auf. Da, wo kurz vorher Arjens beruhigende Körperwärme gewesen war, war nun ein leerer Platz. War er heimgefahren? Warum? Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das Dämmerlicht, das der Mond durch die Vorhänge warf. Seine Jeans lag noch so auf dem Boden, wie er sie ausgezogen hatte. Sie lehnte sich beruhigt zurück. Er würde wohl kaum ohne Hose nach Hause fahren. Sie war schon fast wieder weggedämmert, als sie die Tür hörte.
»Wo warst du denn?«, fragte sie schläfrig, als er neben ihr ins Bett schlüpfte. Er schmiegte sich an sie und streichelte ihren Rücken.
»Es gibt nur zwei Orte, zu denen ein Mann in der Nacht aufbricht. Und am Kühlschrank war ich nicht.«
Sie kicherte, als sie ihm zärtlich über die Wange strich. Nach einem langen Kuss bettete sie den Kopf an seine Schulter und genoss die Geborgenheit, die er ausstrahlte.
»Schlaf gut, mein Schatz.« Er küsste ihren Scheitel. »Muss ich mich nachher eigentlich davonstehlen oder hat dein Vater nichts dagegen, dass ich hier übernachte?«
»Er wird es gar nicht merken. Er schläft nämlich auch woanders.« Sie kuschelte sich enger an ihn. »Du kannst bleiben, so lange du willst.«
»Das Angebot nehme ich doch gerne an. Ich mache dir ein fürstliches Frühstück. Außerdem müssen wir noch etwas zum Anziehen für dich finden. Irgendwie sind wir völlig davon abgekommen.«
Marijke erwachte, als der Duft von frisch gebratenem Speck ihre Nase kitzelte. Sie schnüffelte mit geschlossenen Augen. Arjen schien sein Versprechen zu halten. Speck zum Frühstück, das gönnte sie sich normalerweise nicht. Aber es war auch ein besonderer Tag. Sie gähnte herzhaft, als sie sich aus der Decke schälte und ins Bad schlurfte. Für einen Moment betrachtete sie ihr Spiegelbild. Da war ein Glanz in ihren Augen, den sie seit der Trennung von Dominik vermisst hatte. Sie freute sich auf den gemeinsamen Tag mit Arjen.
»Du kommst gerade rechtzeitig«, meinte er, als sie in die Küche kam. Er schaufelte eine große Portion Rührei auf einen Teller und legte etliche Streifen Speck dazu.
»Wo hast du den denn her?«, fragte sie. »Nicht aus unserem Kühlschrank.«
Arjen kam zu ihr, um sie zu küssen. Er roch nach einer Mischung aus Schinken und frischem Deo und sie genoss das Kribbeln, das die Berührung in ihr auslöste.
»Ich war vorhin kurz beim Einkaufen. Jetzt komm, bevor es kalt wird.« Mit einer einladenden Geste wies er zum Tisch.
Sie strahlte ihn an, als sie sich setzte. »Das sieht wunderbar aus. Vielen Dank.«
»Hatte ich dir doch versprochen.« Er lächelte sie zärtlich an, sah dann jedoch bedauernd auf die Uhr. »Ich muss leider weg. Ich habe noch einige Dinge zu erledigen.«
»Ach.« Marijke war enttäuscht. »Wir wollten doch zusammen einkaufen gehen.«
»Ich weiß. Es tut mir leid.«
»Und mein neues Kleid?«
»Ach weißt du, das von deinem Abschlussball sieht ganz nett aus. Nimm das auf jeden Fall mit. Zur Not können wir auch am Montagnachmittag noch schnell in Den Bosch einkaufen gehen.«
Sie schluckte enttäuscht. Sie hatte sich wirklich darauf gefreut, mit Arjen zusammen durch die Boutiquen Augsburgs zu streifen und den zweifellos guten Kauf anschließend in einem netten Restaurant zu feiern. Plötzlich bekam das Rührei einen faden Beigeschmack.
Er nahm ihre Hand. »Bitte sei mir nicht böse. Ich habe nicht daran gedacht, was ich alles zu tun habe, bevor ich fahre. Ich mache es wieder gut, ja?« Er sah sie so treuherzig an, dass sie ihre Enttäuschung hinunterschluckte und nickte.
»Du könntest auch allein losziehen und dir was Hübsches kaufen«, überlegte er.
Könnte sie, ja. Aber es ging nicht darum, ein neues Kleid zu besitzen, sondern darum, den Tag mit Arjen zu verbringen.
»Alles gut«, meinte sie mit einem etwas gezwungenen Lächeln. »Kümmere du dich um deine Angelegenheiten, ich komm schon klar.«
Und das würde sie. Immerhin würden sie die nächsten Tage zusammen verbringen. Die Aussicht hob ihre Stimmung wieder ein wenig an.
»Du musst mir noch deine Adresse in Holland aufschreiben. Mein Vater will wissen, wo ich bin.«
Er zögerte.
»Gibt es ein Problem?«
»Nein, natürlich nicht. Ich habe nur gerade nachgedacht. Ich habe mein Appartement untervermietet, so lange ich in Deutschland bin. Für die paar Tage kommen wir bei meinen Eltern unter.« Er nahm einen Stift und begann zu schreiben.
»Bei deinen Eltern?« Marijke zweifelte. »Ich könnte auch bei lieben Freunden übernachten.«
»Kommt nicht infrage. Du schläfst natürlich bei mir.« Er schob ihr den Zettel hin. »Die ganze Familie freut sich darauf, dich kennenzulernen.« Arjen warf einen erneuten Blick auf seine Uhr. »Du, ich muss los. Ich hasse es, dich jetzt mit dem Abwasch allein zu lassen, aber ich habe mir einiges vorgenommen. Ich mache es wieder gut, ja?«
»Sagtest du bereits.« Marijke stand auf, um ihn zu küssen. »Und ich werde darauf zurückkommen, verlass dich drauf.«
»Ich hole dich am Montag um acht Uhr ab. Verschlaf nicht.« Er zwinkerte ihr zu.
Also würden sie sich auch am Sonntag nicht sehen. Marijke stocherte in ihrem Rührei. »Du bist ganz schön doof«, murmelte sie und verzog das Gesicht. Die ganze Zeit hatte sie Arjen auf Abstand gehalten und jetzt war sie sauer, weil er genau das respektierte und ihr den Freiraum gab? Das konnte sie ihm schwerlich vorwerfen. Doch für sie hatte sich nach der letzten Nacht einiges geändert. Ihr Herz war bereit, ein neues Kapitel in Sachen Liebe aufzuschlagen.






















































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