Kapitel 16
16
Rick fuhr sich über die geschlossenen Lider. Er war müde und das ständige Brennen in den Augen half auch nicht weiter. Traurig blickte er zum Bett hinüber, in dem Kim schlief, mit Marijke an ihrer Seite. Nachdem sie das Bewusstsein verloren hatte, war sie vom Rettungsdienst ins Krankenhaus nach Zaandam gebracht worden. Dort war sie wieder zu sich gekommen, die Ärzte hatten es jedoch abgelehnt, sie zu entlassen. Rick hatte dafür Verständnis. Sie hatten nur eine gute Stunde Autofahrt vor sich, doch Kim war nicht in der Verfassung, diese anzutreten. Er konnte immerhin regeln, dass sie am folgenden Morgen mit einer Ambulanz ins Krankenhaus nach Den Bosch gebracht werden konnte. Er und Marijke blieben bei ihr, bis sie am späteren Abend freundlich, aber bestimmt fortgeschickt wurden. Weil sie Kim beide nicht verlassen wollten, hatte Rick ihnen kurzerhand ein Hotelzimmer gebucht. Er war froh, dass seine Tochter so erschöpft war, dass sie nach einem ziemlich schweigsamen Abendessen ins Bett fiel und sofort einschlief. Es graute ihm davor, ihr die eine Frage zu beantworten, die sie sich noch nicht getraut hatte zu stellen. Lag ihre Mutter im Sterben? Rick schluckte, als er seine schlafende Tochter betrachtete. Wie gerne hätte er ihr die Antwort darauf erspart. Schnell zog er sich aus, schaufelte sich einige Hände Wasser ins Gesicht und kuschelte sich an sie. Beschützend legte er den Arm um ihren Oberkörper und hörte ihrem regelmäßigen Atem zu, bis auch er in einen unruhigen Schlaf fiel.
Nun lag Kim in einem Einzelzimmer im Willem-Alexander-Hospital in Den Bosch und döste die ganze Zeit vor sich hin. Die Untersuchung, der sie nach ihrem Eintreffen unterzogen wurde, hatte sie verschlafen und auch jetzt stand sie unter starken Beruhigungsmitteln und hatte nur wenig wache Momente.
Rick erhob sich, als ein Arzt eintrat. Er hatte darum gebeten, endlich eine fundierte Auskunft zu bekommen. »Vielen Dank, dass Sie sich kurz Zeit nehmen«, begrüßte er den älteren Mann, der einigermaßen Deutsch sprach. »Was können Sie mir über ihren Zustand sagen?«
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Wir können leider nichts mehr für Frau Vermeer tun. Wir sorgen dafür, dass sie schmerzfrei ist und es bequem hat. Darüber hinaus sind unsere Möglichkeiten ausgeschöpft.«
»Das heißt, wir warten darauf, dass sie stirbt?« Ricks Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, obwohl er keine andere Auskunft erwartet hatte. »Wir wollten übermorgen heiraten.«
»Es tut mir sehr leid.«
»Wie lange hat sie noch?«
»Das lässt sich schlecht sagen. Es kann in der nächsten Stunde passieren, vielleicht auch erst morgen oder übermorgen. Aber Sie sollten sich verabschieden.«
»Danke.« Ricks Stimme war so heiser, dass er das Wort kaum herausbrachte. Als er sich zu Kim umdrehte, bemerkte er, wie Marijke ihn mit großen Augen ansah. Er nickte dem Arzt zu, der schon im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, und ging um das Bett herum, um seine Tochter in die Arme zu nehmen.
»Sie darf nicht sterben«, weinte sie. »Sie stirbt doch nicht, oder, Pa? Du lässt sie nicht sterben.«
Tränen rannen über Ricks Wangen, als er sie an sich drückte. »Was meinst du, wie schnell ich sie gesund machen würde, wenn ich könnte, aber ich bin kein Wunderheiler.«
»Aber …«
»Schatje?«, kam eine dünne Stimme vom Bett her. Sie sahen beide auf. Kim hatte die Augen geöffnet und die Hand nach ihrer Tochter ausgestreckt. Marijke löste sich von Rick und legte sich wieder zu ihr.
»Ich will dich nicht verlassen, Liebes«, sagte Kim mit brüchiger Stimme. »Aber wenn Gott ruft, haben wir keine Wahl. Sei nicht traurig, ich gehe an einen besseren Ort.«
»Aber wir sind nicht dort«, schniefte Marijke. »Wirst du uns nicht vermissen?«
»Doch, natürlich, ganz schrecklich sogar. Aber im Himmel ist es schön und ich werde Menschen wiedersehen, die ich auch schon lange vermisse. Versprich mir, dass du gut auf dich und Pa aufpasst, dass du fleißig in der Schule lernst und mal einen Beruf ergreifst, der dir Spaß macht. Ich schaue vom Himmel aus auf dich herunter und beschütze dich. Ich werde ständig bei dir sein. Auch wenn du dich verliebst und heiratest, werde ich an deiner Seite sein. Ich werde sehr stolz auf dich sein, mein Schatz. Immer.«
Rick trat ans Fenster und sah angestrengt in den trüben, wolkenverhangenen Tag hinaus. Das Brennen im Hals und in seinen Augen wurde übermächtig und er schnäuzte sich verstohlen.
Als es klopfte, atmete er tief durch und versuchte, sich zu sammeln. Maarten und Antje kamen mit einem Blumenstrauß und einer kleinen Reisetasche herein, doch ein Blick in sein Gesicht schien ihnen genug zu sagen. Maartens Schultern sanken nach unten und Antje wischte sich über die Augen.
Sie umarmten sich. »Wie schlimm ist es?«, fragte Maarten.
»Sehr schlimm. Die Ärzte haben keine Hoffnung mehr.«
»Das habe ich befürchtet.« Er wandte sich an seine Frau und übersetzte für sie.
Antje schluchzte kurz auf, fasste sich aber schnell wieder. Sie deutete auf die Reisetasche und sagte einige Worte, für die Rick keine Übersetzung brauchte. Er bedankte sich bei ihr und ging damit ins angrenzende Bad, um sich frisch zu machen. Antje hatte ihre Waschbeutel und Kleidung zum Wechseln eingepackt, wofür er sehr dankbar war. Inzwischen hatte er den Eindruck, sein T-Shirt hätte seinen Angstschweiß aufgenommen und er war froh, es austauschen zu können.
Marijke ging nur widerwillig ins Bad, und auch nur, als Rick ihr vorschlug, die Tür offenzulassen. Antje hatte die Blumen inzwischen in eine Vase gestellt und saß nun neben Kim am Bett. Sanft strich sie ihr über die Wange und sprach leise zu ihr.
Maarten nahm Rick zur Seite. »Ich habe heute Morgen mit dem Standesbeamten gesprochen«, erzählte er. »Er opfert seine Mittagspause, um euch zu verheiraten.«
»Er kommt her?«, hakte Rick hoffnungsvoll nach. »Das ist großartig.«
»Ja. Ich habe ihm die Sachlage erklärt und er war sehr verständnisvoll.« Er sah auf die Uhr. »Er sollte gegen zwölf Uhr hier sein.«
In zwei Stunden. Rick warf einen zweifelnden Blick auf Kim, die wieder die Augen geschlossen hatte und schwer atmete. Hoffentlich hatte sie noch so lange.
Sie unterhielten sich leise, während Kim döste. Maarten erzählte lustige Begebenheiten aus Kims früher Kindheit und konnte Marijke sogar einmal zum Lachen bringen. Auch Kim lächelte manchmal zaghaft, was ihnen zeigte, dass sie zumindest ein wenig mitbekam, was um sie herum vorging. Der Zeiger der großen Wanduhr bewegte sich trotzdem quälend langsam.
Antje holte Kaffee und für Marijke Cassis, eine Johannisbeerlimonade, die sie gerne trank, und packte einige Sandwiches aus. Niemand hatte Appetit, aber es war eine Möglichkeit, die Zeit totzuschlagen. Kim war eingeschlafen und atmete flach, aber regelmäßig. Um sie nicht zu stören, sprachen sie nur noch das Nötigste im Flüsterton.
Als sich beide Zeiger der Zwölf näherten, bewegte sich Kim. Rick setzte sich zu ihr ans Bett und nahm ihre Hand. Müde blinzelte sie ihn an und lächelte. »Bist du bereit, mich zu heiraten, Kim Vermeer?«, fragte er. »Der Standesbeamte wird gleich kommen.«
Sie drückte seine Hand. »Ich bin mehr als bereit.« Er erschrak, wie matt ihre Stimme klang. Sie war kaum zu hören. Kim versuchte, tief durchzuatmen, und verzog schmerzvoll das Gesicht.
»Soll ich der Schwester klingeln?«, fragte er.
»Nein. Es geht schon.«
Rick sah zur Uhr. Fünf Minuten nach zwölf. Maarten lief zur Tür und spähte hinaus. Die Zeit zerrann ihnen zwischen den Fingern. Er spürte, dass Kim keinen Tag mehr hatte, vermutlich nicht mal mehr eine Stunde.
»Freust du dich schon auf die Hochzeitsnacht?«
Er konnte sie kaum verstehen. Tränen schossen ihm in die Augen. Nur Kim konnte angesichts des Todes einen solchen Galgenhumor an den Tag legen. »Natürlich«, quetschte er hervor. »Das wird toll.«
»Bestimmt.« Sie sah ihn aus ihren blauen Augen an, die sich langsam zu trüben begannen. »Kümmere dich um Marijke, Rick. Versprich es mir.«
»Das habe ich schon mehrmals. Du kannst dich darauf verlassen.«
»Ich weiß, aber ich will es nochmal hören. Sie ist mir das Liebste und Wichtigste auf der Welt. Ich will sie versorgt und geliebt wissen. Bei dir wird sie es gut haben. Sie braucht dich.«
»Ich verspreche dir hoch und heilig, mich um sie zu kümmern.« Rick schielte wieder zur Uhr. Zehn nach Zwölf. Maarten ging auf den Gang hinaus, um Ausschau zu halten.
Langsam, unendlich langsam drehte Kim den Kopf zu ihrer Tochter. Sie lächelte liebevoll, als sie mit Marijke sprach. Rick verstand kein Wort. Das Blut rauschte in seinen Ohren und ließ in seinem Gehirn eine große Leere zurück. Wo blieb nur der Standesbeamte?
Kim legte den Arm um Marijke und umarmte sie. Gleichzeitig streckte sie Rick die Hand entgegen. Er ergriff sie und drückte sie an seine Lippen. Sie war kalt. Ein eisiges Entsetzen griff nach seinem Herzen.
»Hol Maarten«, flüsterte er über die Schulter.
»Wat zeg je?« Antje trat näher.
»Maarten. Haal hem.«
Antje warf einen Blick auf Kim und wurde blass. Sie murmelte etwas und eilte hinaus.
Als sie zwei Minuten später gemeinsam zurückkamen, war Kims Atem deutlich langsamer geworden. Ihr Gesicht wirkte leicht gelblich und maskenhaft. »Es tut mir leid«, flüsterte sie kaum hörbar.
»Es ist gut«, quetschte Rick hervor. »Mach dir um uns keine Sorgen. Wir kommen zurecht.«
»Ich weiß.« Mit schimmernden Augen sah sie ihn an. »Ik hou van jou«, wiederholte sie.
Er nickte nur. Sprechen konnte er nicht.
Maarten und Antje küssten Kim auf die Wange und sagten einige Worte, bevor sie sich ans Bettende zurückzogen. Marijke kuschelte sich an ihre Mutter und Rick streichelte Kims Hand. Er spürte einen leichten Druck, dann wurde ihr Körper schlaff und ihr Atem setzte aus. Als er schon dachte, sie wäre tot, riss sie die Augen auf, holte noch einmal Luft, sah Marijke liebevoll an und atmete zitternd aus. Die blauen Augen schlossen sich. Es war vorbei.
Marijke heulte auf und warf sich auf ihre Mutter. Rick drückte Kims Hand an seine Wange und ließ seinen Tränen freien Lauf. Hinter sich hörte er Antje schluchzen und Maarten beruhigende, aber auch erstickte Worte murmeln.
Es klopfte an der Tür. »Het spijt me, es tut mir leid«, rief der Mann, der eilig eintrat. »Ich wurde aufgehalten. Jetzt …« Fassungslos sah er sich um und als er Ricks Augen begegnete, schluckte er. »Ich bin zu spät«, stellte er tonlos fest. Schwer atmend lehnte er sich an die Wand. »Es tut mir sehr leid.«
Antje sprach kurz mit ihrem Mann und ging mit dem Standesbeamten auf den Flur hinaus.
Rick legte Kims Hand sorgfältig aufs Bett und lief dann darum herum, um Marijke vom Körper ihrer toten Mutter zu lösen.
»Nein«, schrie sie, »lass mich. Laat mij met rust.«
Er drückte das Mädchen an sich. »Es ist gut, Ricky.« Er biss sich auf die Lippe. Was für eine dämliche Floskel. Nichts war gut.
»Gar nichts ist gut«, rief auch Marijke. »Wie kannst du das sagen?«
»Deiner Ma geht es jetzt besser«, flüsterte er erstickt und kämpfte gegen seine eigenen Tränen an. »Sie hat keine Schmerzen mehr und sie ist bei ihren Eltern, die sie so lange vermisst hat. Wir sehen sie ja wieder. Irgendwann.«
Glaubte er selbst daran? Bisher war er nicht besonders gläubig gewesen. Aber es war ein schöner Gedanke. Einer, den er schon wegen Marijke aufrechterhalten wollte.
Sie schlang die Arme um seinen Hals und weinte in sein T-Shirt.
Maarten legte ihm die Hand auf die Schulter. »Geh mit ihr nach Hause. Wir erledigen alles Nötige.«
»Wirklich?« Rick schniefte.
»Ja, natürlich. Kümmere dich um Marijke. Sie braucht dich jetzt so sehr wie nie zuvor.«
Er nickte und löste die Arme seiner Tochter von seinem Hals. »Komm, wir verabschieden uns von Ma.«
»Ich will nicht weg«, heulte sie.
»Ich auch nicht, aber wir müssen.« Seine Augen schwammen in Tränen, als er Kim sacht auf den Mund küsste. »Ich danke dir«, flüsterte er. »Ich danke dir, dass du an mich geglaubt hast, und ich danke dir für unsere wundervolle Tochter. Ich gönne dir den Frieden, den du jetzt hast. Ik hou van jou.«
Marijke krabbelte aufs Bett, umarmte ihre tote Mutter und hielt ihre ganz eigene Zwiesprache mit ihr. Schließlich nahm Rick sie bei der Schulter. »Komm, mein Schatz.«
»Nein, ich will nicht.«
Inzwischen war das Zimmer voller Schwestern und einiger Ärzte, die respektvoll Abstand hielten, doch Rick spürte die allgemeine Ungeduld. Der Betrieb musste weitergehen. Schließlich nahm er seine weinende Tochter auf den Arm, warf einen allerletzten Blick auf Kim und verließ das Zimmer.
Die nächsten Tage waren unglaublich schwierig. Marijke zog sich immer mehr in sich selbst zurück und wollte gar nicht mehr aus ihrem Zimmer kommen. Dort lag sie auf dem Bett und heulte sich die Augen aus. In den Albträumen, die sie plagten, schrie sie jede Nacht nach ihrer Mutter. Rick hatte keine Ahnung, wie er sie trösten sollte, besonders, weil er sie so gut verstehen konnte. Meistens legte er sich zu ihr und wünschte sich, die Welt aussperren zu können.
Er war froh, dass sich Maarten und Antje um alle Formalitäten und die Beisetzung kümmerten. Er telefonierte lange mit seinen Eltern. Sie hatten zu seiner Hochzeit kommen wollen, nun reisten sie zu einer Beerdigung an. Sie wollten mit dem Zug fahren und hinterher zusammen mit Rick und Marijke den Heimweg antreten. Auch Joe bot an, gemeinsam mit Jasmin teilzunehmen, doch Rick beteuerte ihm, dass es nicht nötig war. Es würde nur eine kleine Beerdigung werden, mit der Nachbarschaft und einigen von Kims Freunden aus den alten Zeiten in Amsterdam.
Am Abend davor kamen nicht nur seine Eltern an, sondern auch Aukje, Kims beste Freundin. Sie umarmte Rick. »Es tut mir so leid«, sagte sie und drückte ihn. »Ich bin übrigens Aukje, die Tochter von Maarten und Antje.«
»Das habe ich mir fast gedacht.« Er musterte die junge Frau mit den kurzen, hellen Haaren und dem gleichen Grübchen im Kinn, das auch Antje hatte. »Kim hat mir von dir erzählt. Es ist schön, dass du zur Beerdigung kommen kannst.«
»Ich wäre lieber zu eurer Hochzeit gekommen. Wenn ich gewusst hätte, dass sie so wenig Zeit hat, hätte ich mich früher frei gemacht.«
»Es kam für uns alle viel zu plötzlich.« Rick schluckte.
Aukje sah ihn verständnisvoll an und wechselte das Thema. »Ich habe gerade erfahren, dass Kim mir ihre Wohnung vermacht hat. Bist du damit einverstanden?«
»Natürlich.« Rick war überrascht. »Ich habe da nichts zu sagen, das war allein Kims Entscheidung. Aber ich könnte mir niemanden vorstellen, der besser dafür geeignet wäre, ihre Wohnung zu bekommen.«
»Du nimmst Marijke mit nach Deutschland?«
»Ja, ich hoffe, das nehmt ihr mir nicht übel.«
»Nein, aber ihr müsst uns oft besuchen.«
»Du bist ja sowieso nur sehr selten hier«, wandte Maarten ein.
»Ach, wer weiß«, erwiderte Aukje leichthin. »Ich habe schon überlegt, mich hier in die Lokalredaktion versetzen zu lassen. Es wird Zeit, dass ich sesshaft werde.«
»Was?« Maartens Gesicht hellte sich auf. Er ignorierte seine Frau, die wissen wollte, worüber sie sprachen, und umarmte seine Tochter fest. »Wann ist dir denn diese Idee gekommen?«
»Nun ja, ich habe da jemanden kennengelernt.«
Jetzt riss Maarten mit einem Japsen die Augen auf und Antje schnappte fast über, weil sie keine Ahnung hatte, was vor sich ging.
»Ich schaue mal nach Marijke«, kündigte Rick an und verließ die Familie, die nun miteinander einfach Holländisch sprechen konnte. Er lächelte wehmütig. Wenigstens Maarten und Antje hatten in diesen schweren Tagen eine kleine Freude. Sie vermissten ihre Tochter, die ständig beruflich im Ausland war, und zu wissen, dass sie vielleicht demnächst neben ihnen einziehen würde, machte sein Herz leicht. Zumindest für einen Moment.
Dumpfes Schweigen begrüßte ihn, als er die Tür öffnete. Die leere Wohnung schien ihn erdrücken zu wollen. Müde schlurfte er die steile Treppe hinauf, um Marijke zu sagen, dass er seine Eltern vom Bahnhof abholen würde. Doch sie schlief. Er schrieb ihr einen erklärenden Zettel und verließ das Haus wieder.
Der Abend war weniger bedrückend, als er befürchtet hatte. Seine Eltern verstanden sich trotz der Sprachbarriere hervorragend mit dem Ehepaar van der Linden und das Essen, das Antje zusammen mit Aukje vorbereitet hatte, schmeckte wie immer vorzüglich. Marijke saß zwischen Antje und seiner Mutter und bekam sehr viel weiblichen Zuspruch, den sie wirklich nötig hatte. Rick gab neidlos zu, dass die beiden älteren Damen ein besseres Händchen dabei hatten, das Kind zu trösten als er, der er selbst Trost brauchte. Aukje, die neben ihm saß, kümmerte sich rührend um ihn. Hauptsächlich erzählte sie von ihren vielen Reisen, die aufregend und manchmal auch gefährlich waren, und schaffte es damit, ihn abzulenken.
Er wollte den Abend gar nicht beenden, weil er eine gewisse Leichtigkeit brachte und ihn zumindest oberflächlich seinen Kummer vergessen ließ, doch seine Eltern waren von der langen Reise müde und auch Marijke musste ins Bett. Esmee hatte Kims Zimmer für den Besuch hergerichtet und ihn dabei so böse angesehen, als würde sie ihm die Schuld für Kims Tod geben. Rick wünschte sich, er könnte einfach mit ihr sprechen und sie fragen, warum sie ihm gegenüber so abweisend war, aber das war jetzt wirklich nicht wichtig. Vielleicht würde sich nach der Beerdigung, wenn man beim Kaffee zusammensaß, eine Gelegenheit ergeben. Maarten oder Aukje würden sicher gerne dolmetschen. Das klang doch wie ein Plan.
Er brachte Marijke ins Bett und wünschte seinen Eltern eine gute Nacht, bevor er nach unten ins Wohnzimmer ging. Das Haus kam ihm ohne Kim so leer vor, so seelenlos. Wenn nur schon der morgige Tag vorüber wäre. Ihm graute vor der Beerdigung, hauptsächlich wegen Marijke, die im Alter von neun Jahren ihre Mutter begraben musste. Kim war ähnlich alt gewesen, als sie ihre Eltern verloren hatte. »Sowas sollte verboten werden«, knurrte er und wischte unwillig ein paar Tränen fort, die ungebeten über seine Wange liefen.
Sein Blick fiel auf die große Schachtel, die auf dem Tisch lag. Und schon wieder begannen seine Augen zu brennen. Sorgfältig packte er Kims Hochzeitskleid aus und erinnerte sich, wie hübsch sie darin ausgesehen hatte. Was sollte er jetzt damit machen? Ob er es zurückgeben konnte, nachdem man es extra für Kim enger genäht hatte? Irgendetwas in ihm sträubte sich dagegen, ihr Hochzeitskleid zu retournieren, als hätten ihre Heiratspläne nichts bedeutet. Vielleicht konnte Marijke es einmal brauchen. Bei dem Gedanken stahl sich ein kleines Lächeln in seine Mundwinkel. Er packte das Kleid wieder ein und legte es in den Kofferraum seines Autos. Gab es denn noch andere Sachen, die er gerne mitnehmen würde? Er überlegte kurz, doch außer den Ringen, die er bereits in seinem Kulturbeutel verstaut hatte, fiel ihm nichts ein. Ihren Verlobungsring und die Trauringe, die sie nie getragen hatten, würde er behalten, zu Kims weiteren persönlichen Gegenständen hatte er keine Bindung, er würde einfach alles so lassen, wie es war. Vielleicht konnte Aukje einiges gebrauchen, den Rest würde sie entsorgen können.
Rick machte eine kurze Katzenwäsche und legte sich auf die Couch. Morgen würde ein harter Tag für sie alle werden, besonders aber für Marijke. Wenn er es ihr doch nur etwas leichter machen könnte. Und wieder einmal fragte er sich nach dem Warum.
Es war ein strahlender, warmer Tag, als sie Kim zur letzten Ruhe betteten. Da er von der Trauerrede des Pfarrers am Grab sowieso kaum etwas verstand, ließ er seinen Blick über die Gäste schweifen. Die Nachbarn kannte er, einigen hatte Kim von ihrer Krankheit erzählt, andere hatte ihr Tod völlig unvorbereitet getroffen, aber alle hatten ihm ihr ehrliches Mitgefühl ausgedrückt. Esmee dagegen sah ihn nach wie vor mit einem Hass an, als hätte er persönlich Kims Tod verursacht. Vielleicht glaubte sie das tatsächlich. Auch Kims Onkel Karl und ihre Tante Gerarda waren aus Amsterdam gekommen. Maarten hatte sie ihm kurz vorgestellt. Karl schien sich zu freuen, sich in seiner Muttersprache unterhalten zu können, doch Gerarda musterte Rick eher desinteressiert. Er konnte nicht behaupten, dass ihm Kims Verwandte sympathisch waren, aber vielleicht lag das nur an seinem Wissen über sie. Unter den Anwesenden befanden sich auch zwei ungeladene Personen. Vincent stand mit seiner Tochter so dicht bei ihnen, als würde er zu ihrer Trauergemeinschaft gehören, und bedachte Rick ständig mit einem arroganten Blick. Seine etwa elfjährige Tochter langweilte sich offensichtlich. Warum schleppte Vincent sie auf die Beerdigung einer ihr völlig unbekannten Frau? Das Mädchen sah merkwürdig aus. Nein, merkwürdig war das falsche Wort, sie war ein ganz normales Kind. Sie hatte eine kleine Narbe am Kinn, doch die konnte es nicht sein. Rick merkte erst auf den dritten Blick, was ihn irritierte. Sie hatte verschiedenfarbige Augen. Eines war blau, das andere braun. Fasziniert starrte er sie so lange an, bis sie ihm die Zunge herausstreckte.
»Es nennt sich Heterochromie«, flüsterte sein Vater ihm ins Ohr. »Kommt sehr selten vor.«
Rick nickte knapp. Er fühlte sich ertappt. Was hatte ihn nur geritten, das Mädchen so anzustarren, dass es sogar sein alter Herr bemerkt hatte? Er richtete seinen Blick auf das Grab, in das gerade der Sarg hinunter gelassen wurde. Die Trauergäste beteten ein Vaterunser und er murmelte leise die deutschen Worte dazu.
Er atmete auf, als die Beerdigung vorbei war und Antje und Aukje die Gäste in den angrenzenden Saal baten, wo Kaffee und Kuchen auf sie warteten. Und Bitterballen. Rick biss sich auf die Lippe, als er daran dachte, wie er zusammen mit Kim die kleinen Fleischbällchen genossen hatte.
»Brauchst du noch etwas Zeit?«, fragte Maarten.
»Nein, ich bin soweit.« Rick drückte seiner Tochter einen Kuss auf den Scheitel. »Komm, wir gehen rein.«
»Ich will nicht«, schüttelte sie den Kopf. »Ich will hier bei Ma bleiben.«
Rick machte Anstalten, auf die Knie gehen, um auf Augenhöhe mit ihr zu sprechen, als zwei Polizisten zu Vincent traten. Er warf Maarten einen verwunderten Blick zu. Wollten sie den Mann verhaften? Nicht, dass es ihn gestört hätte, aber es war ein schlechter Moment dafür.
Vincent trat zu ihm und reichte ihm einen Briefumschlag. »Du sollst dir das ansehen«, sagte er mit seinem harten Akzent.
»Was ist das?«, fragte Rick abwehrend und machte keine Anstalten, das Kuvert anzunehmen.
»Schau nach, es wird dich interessieren.« Vincent grinste breit, was Rick ein flaues Gefühl im Magen bescherte.
Zögernd nahm er den Umschlag und zog ein amtlich aussehendes Dokument heraus. »Was ist das?«, wiederholte er.
»Es ist ein Vaterschaftstest«, sagte Maarten neben ihm tonlos.
»Was?« Ricks Augen huschten über das Schreiben, das an Vincent Kuiper adressiert war.
»Richtig.« Vincent lachte höhnisch. »Ich habe Marijkes Erbgut mit meinem abgleichen lassen und wie du hier lesen könntest, wenn du Niederländisch könntest, stimmt es überein. Sie ist meine Tochter. Dein Freund kann es bestätigen.«
Rick warf einen panischen Blick zu Maarten und bettelte ihn mit den Augen, ihm zu sagen, dass das alles nur ein böser Scherz war. Doch Maarten war leichenblass geworden und atmete flach. »Es stimmt«, hauchte er fassungslos. »Das bedeutet, dass Vincent Marijkes Vater ist.«
»Richtig.« Vincent warf sich in Pose. »Ich, Vincent Kuiper, bin der Vater von Kims Tochter. Sie gehört mir, verstehst du? Mir. Und ich nehme sie gleich mit. Solltest du irgendwelche Einwände haben, kannst du dich an diese Herren hier wenden, die sich darum kümmern, dass dem Gesetz Genüge getan wird.« Vincent wies auf die beiden Polizisten.
Von allen unbeachtet hatte Marijke Schutz bei Ricks Eltern gesucht, die sie festhielten und verständnislos auf die Männer sahen.
»Wovon redet er, Rick?«, fragte seine Mutter. »Was meint er damit?«
Er konnte nicht antworten. Er war zu sehr von der Rolle, nur ein einziger Satz zog in Schleifen durch sein Hirn, der keinen anderen Gedanken zuließ. Marijke war nicht seine Tochter und Vincent hatte es herausgefunden. Woher hatte er ihre DNA? Aber das war unwichtig, wichtig war das Ergebnis des Vaterschaftstests, das seine Welt einstürzen ließ.
Das Mädchen schrie auf, als Vincent seine Hand ergriff.
»Lass sie los.« Rick trat drohend auf ihn zu, doch gleichzeitig machten die Polizisten einen Schritt nach vorne und sahen ihn warnend an. Maarten sprach mit ihnen, erntete jedoch nur ein ernstes Kopfschütteln. Vincent lächelte wieder auf diese hämische Weise, die Ricks Blut zum Kochen brachte, während seine Tochter mit den merkwürdigen Augen ihm erneut die Zunge herausstreckte.
Marijke wand sich in dem harten Griff und sah Rick flehend an. Ihr Blick aus den tränennassen Augen brach ihm das Herz gleich noch einmal.
Vincent lächelte siegesgewiss. »Du schickst mir ihre Geburtsurkunde und alle wichtigen Dokumente. Die Adresse steht auf dem Test. Du darfst ihn gern behalten, es ist nur eine Kopie.« Nach einem weiteren gehässigen Lachen packte er Marijke noch fester am Handgelenk und zog sie mit sich.
»Pa«, brüllte sie. »Hilf mir.«
Rick machte Anstalten, genau das zu tun, doch die Polizisten stellten sich ihm in den Weg und ihre Mienen ließen keinen Zweifel daran, dass sie ihn hindern würden, Vincent zu folgen. Maarten protestierte auf Niederländisch, sein Vater protestierte auf Deutsch, seine Mutter weinte, Marijke schrie, doch in Ricks Kopf und Herz war nur noch eine weite endlose Leere. Unfähig, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen, sah er dem Mädchen nach, das er für seine Tochter gehalten hatte, und das nun in ein völlig anderes Leben gezerrt wurde.
Augsburg, Juli 2024
»Nein«, hauchte Daniela entsetzt, als Rick geendet hatte. »Das kann doch nicht wahr sein. Er hat sie wirklich mitnehmen dürfen? Hattest du da gar nichts zu sagen?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein. Maarten hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, aber Blut ist auch in den Niederlanden dicker als Wasser. Mit dem Vaterschaftstest in der Hand war für das Gesetz alles klar. Emotionale Bindungen gelten da überhaupt nicht.«
»Aber woher hatte er testfähiges DNA-Material von Marijke?«
»Da können wir nur spekulieren. Ich vermute, er hat Esmee bestochen, Kims Putzfrau. Vielleicht hat sie ihm ein paar Haare aus deren Haarbürste besorgt.«
»Hast du sie nicht zur Rede gestellt?«
»Nein. Sie war auf der Beerdigung, aber nicht auf der anschließenden Receptie. Das war so eine Art kleiner Leichenschmaus für die Trauergäste. Und was hätte es geändert? Das Kind war schon in den Brunnen gefallen. Genau das, was Kim immer befürchtet hatte, ist eingetreten. Vincent ist Marijkes Vater und er hat es herausgefunden.«
»Ein Albtraum.«
»Du sagst es. Der schlimmste.«
»Und was hast du getan?«
»Ich konnte nichts tun. Ich bin am nächsten Tag mit Maarten zu ihm gegangen, doch er hat mir mit der Polizei gedroht, falls ich nicht verschwinden sollte. Maarten hat mir versprochen, alles in seiner Macht stehende zu tun, damit ich Marijke zugesprochen bekomme, aber es gab nur wenig Hoffnung. Ich bin mit ihr nicht blutsverwandt, dazu ein Ausländer, und dass ich mich sechs Monate lang um sie gekümmert habe, berechtigt mich zu gar nichts. Es war eine Gefälligkeit der Mutter gegenüber ohne Rechte oder Verpflichtungen.«
»Und trotzdem ist sie anscheinend bei dir aufgewachsen«, konstatierte Daniela das Offensichtliche.
Rick schwieg.
»Magst du noch?« Sie zeigte auf seine leere Kaffeetasse.
Er schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Drei Tassen sind wirklich genug. Aber vielleicht ein Wasser?«
»Gern.« Sie stand auf. Als sie mit einer Flasche und einem Glas zurückkam, starrte Rick immer noch auf seinen leeren Teller. Er hatte sich nicht einmal bewegt.
»Also, wie ging es weiter?«, drängte Daniela.
»Ich bin mit meinen Eltern heimgefahren und habe mein Leben weitergelebt. Ohne Marijke.«
»Das glaube ich dir nicht.«
»Ist aber so gewesen.« Rick nahm ihr die Flasche aus der Hand und schenkte sich ein. »Es gab dort nichts mehr zu tun, ich durfte mich ja nicht mal von meiner Kleinen verabschieden. Und meine Eltern mussten auch wieder nach Hause. Sie überredeten mich, Maarten alles Weitere zu überlassen. Was ich dann auch tat.«
»Du bist wirklich heimgefahren?«
»Mein Vater ist gefahren. Ich saß die ganze Zeit auf der Rückbank und fragte mich, wo mein Leben falsch abgebogen ist. Ich zermarterte mir das Gehirn, was ich tun könnte, aber außer Marijke am helllichten Tag zu entführen, fiel mir nichts ein.«
»Nicht die beste Option.«
»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich bin ein gesetzestreuer Bürger.«
»Also wie ging es dann weiter? Lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen, Rick Deisser.«
Er lächelte gepresst. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte.
»Hilft vielleicht ein Kuss, um deine Gedanken auf die Reihe zu kriegen?« Daniela beugte sich über ihn.
»Kann sein. Eine kleine Ablenkung wäre sicher nicht schlecht.«
»Damit kann ich dienen.« Kurz entschlossen setzte sie sich auf seinen Schoß und schob die Hände unter sein T-Shirt. Sie waren warm, während ihm innerlich schon wieder kalt war. Diese Empfindung hatte er jedes Mal, wenn er an die verhängnisvollen Tage damals dachte, als Vincent ihm seine Tochter genommen hatte. Dann kam es zurück, dieses Gefühl, von innen zu erfrieren.
Ende dieser XXL-Leseprobe. Vielen Dank fürs Lesen.
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