Kapitel 7
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Kerstin konnte sich nicht sattsehen an der schönen Natur. Zweimal war sie schon gestolpert, weil sie die Augen nicht auf dem steinigen Weg hatte, sondern überall anders. Auf den Bäumen und Büschen, einem Eichhörnchen, das ihren Pfad kreuzte, dem schmalen Bach, der neben ihnen floss und sich, als wäre er vom Weg abgekommen, urplötzlich über die Felsen nach unten stürzte, oder auf dem von Bergen eingekesselten Åraksfjord, der sich ab und zu zeigte, wenn der dichte Baumbestand den Blick freigab.
Morten blieb neben ihr stehen. »Schön hier, nicht wahr?«
Sie nickte nur.
»Es ist meine Lieblingstour. Warte nur ab. Das Beste kommt noch.«
Dann standen sie neben ihm. Dem Reiårsfossen, dem Wasserfall, den sie schon von unten bewundert hatte, als sie von Åraksbø auf die andere Seite des Sees gefahren waren und an einem Aussichtspunkt gehalten hatten. Es schäumte und toste, dass Kerstin unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Der anstrengende Weg nach oben hatte sich gelohnt. Die Straße, die auch für Autos befahrbar war, hatten sie inzwischen verlassen und liefen auf einem schmalen Waldweg am Fluss entlang. Kerstin legte sich auf einen Felsen und tauchte ihre nackten Arme ins Wasser. Augenblicklich fühlte sie, wie sich die Hitze verflüchtigte. Sie vermutete, dass ihr Gesicht knallrot war, und war verlegen, dass Morten sie so sah. Aber er blickte wohlwollend lächelnd auf sie herab. Dann setzte er seinen Rucksack ab und tat es ihr nach. Wohlig seufzend schloss er die Augen und gab Kerstin kurz Gelegenheit, ihn zu betrachten. Er sah wirklich gut aus. Sie konnte Iris verstehen. Merkwürdig, dass sie selbst bei seinem Anblick keinerlei Prickeln spürte.
Morten rappelte sich auf, zog Schuhe und Socken aus und watete in den Bach.
Kerstin riss die Augen auf. »Sei bloß vorsichtig«, rief sie und warf einen beunruhigten Blick zu der etwa zehn Meter entfernten Kante, über die das Wasser schoss und sich von einem relativ friedlichen Flüsschen in einen reißenden Wasserfall verwandelte. »Wenn du ausrutschst, hast du keine Chance, dich zu halten.«
»Dann musst du deinen Weg nach unten alleine finden«, lachte er. »Ich warte dort auf dich.«
»Ja, bestimmt.« Sie fühlte sich nicht wohl bei dem Anblick, wie er über die Felsen im Wasser turnte. »Komm raus, das ist gefährlich.«
»Ach was«, winkte er großspurig ab, tat ihr aber den Gefallen. Er stopfte seine Socken in den Rucksack, knotete die Schnürsenkel seiner Wanderschuhe zusammen und warf sie sich über die Schulter. Barfuß lief er neben dem Bach her. Kerstin hätte es ihm gerne gleichgetan, doch der Untergrund sah teilweise ein wenig stachelig aus.
Schließlich erreichten sie den See, der ebenfalls komplett von Wald eingefasst war. Kerstin ließ sich an seinem Ufer nieder und ließ ihren Blick über die grandiose Landschaft schweifen.
»Habe ich dir zu viel versprochen?«, fragte Morten und setzte seinen Rucksack ab.
»Nein.« Kerstin sah zu, wie er Wasser und ein paar Sandwiches auspackte. »Lagen da deine Socken drauf?«, scherzte sie.
»Für die besondere Würze.« Er bot ihr eines der in Frischhaltefolie gewickelten Brote an. »Schinken. Magst du?«
»Ja, gern.« Sie wartete, bis er sich neben sie gesetzt hatte. »Wieso studierst du in Hamburg, wenn du in so einem herrlichen Land wohnst?«
»Das ist kompliziert.«
Kerstin legte ihr Sandwich zur Seite, um sich die Schuhe auszuziehen und die Füße im Wasser zu baden. »Ich bin ein guter Zuhörer«, ermunterte sie ihn.
»Ich verstehe mich nicht so besonders gut mit meinem Vater«, bekannte Morten. »Er besitzt eine Apotheke, die er von meinem Großvater übernommen hat, und der schon von seinem Vater. Wahrscheinlich haben irgendwelche Germanen sie aufgebaut.« Er verzog abschätzig die Mundwinkel. »Zumindest, wenn man meinem Vater glauben darf. Er ist so stolz auf seine paar Regale, als hätte er die größte Apotheke in ganz Norwegen. Und er hat sich in den Kopf gesetzt, dass ich die Familientradition weiterführe.«
»Und das willst du nicht?«
Morten blies die Luft aus seinen Backen und sah über den See. »Ich interessiere mich durchaus dafür. Liegt vermutlich in meinen Genen. Aber ich will nicht hier in Bygland versauern. Ich will mehr von der Welt sehen. In die Forschung gehen. Vielleicht nach Amerika. Das wäre mein Traum. Auf jeden Fall wollte ich fort von meinem Vater. Er ist ein egoistischer Sack, der es nie akzeptieren wollte, dass mich seine Apotheke nicht interessiert. Also studiere ich zwar Pharmazie, aber weit weg von ihm.«
»Norwegen ist doch groß genug, um ausreichend Entfernung zwischen euch zu bringen, ohne dass du gleich in ein anderes Land gehst.«
»Stimmt, aber ich wollte etwas Neues. Das Ausland war der erste Schritt in die Freiheit. Mein Vater hat getobt. Das allein war es schon wert.« Er grinste. »Ich habe zuerst ein Jahr gejobbt, die Sprache gelernt, Deutschkurse belegt, mich mit Land und Leuten befasst. Ich habe meinem Vater nicht erzählt, dass ich mich fürs Pharmazie-Studium beworben hatte. Es hat so viel Spaß gemacht, ihn schmoren zu sehen und zu verfolgen, wie er um seinen Pillenbunker bangt.«
Kerstin lachte laut auf. »Wörter kennst du.«
»Ich wohne seit sechs Jahren in Deutschland.«
»Trotzdem. Ich kenne Leute, die wohnen schon seit zwanzig Jahren da, aber sprechen immer noch gebrochen Deutsch.«
»Das kam für mich nicht in Frage. Da bin ich Perfektionist. Wenn, dann richtig.«
»Zu meinem Glück. Stell dir vor, wir müssten uns auf Englisch unterhalten.«
»Könnte ich auch. Du nicht?«
»Doch. Aber nicht so einfach.« Kerstin spülte den Rest des Sandwiches mit Wasser hinunter und gab Morten die Flasche und die Frischhaltefolie zurück. Er verstaute beides im Rucksack und stand auf. »Laufen wir ein Stück um den See?«
»Gern.« Kerstin rappelte sich auf. Gemeinsam folgten sie der Straße, die nach einer Kurve vom See abbog. Direkt am Wasser standen etwa zehn kleine Häuschen, zu klein, um vermietete Ferienhäuser zu sein. »Wohnt hier jemand?«, fragte sie.
»Zeitweise bestimmt. Aber im Moment scheint niemand da zu sein.« Morten lief schnurstracks zur ersten Hütte, vor der ein Steg ins Wasser führte. »Komm, wir baden.«
»Das sieht aber sehr kalt aus.«
»Dann müssen wir uns eben gegenseitig wärmen.«
»Ich habe keine Badesachen dabei.«
»Ich auch nicht.« Morten grinste, als er sein T-Shirt über den Kopf zog. Als er sich an seiner Shorts zu schaffen machte, sah Kerstin zur Seite.
»Du bist doch nicht prüde, oder?«, zog er sie auf.
Nein, war sie nicht, aber sie hatte auch keine Lust, Morten nackt zu sehen. Sie fand ihn attraktiv, aber tiefere Gefühle hatte sie bisher nicht feststellen können.
Als sie es platschen hörte, drehte sie sich doch um. Morten paddelte im Wasser und schnaufte. »Ist ganz schön tief hier«, prustete er. »Ich kann nicht mal stehen. Komm rein.«
Kerstin schüttelte den Kopf.
»Komm schon, sei kein Spielverderber. Es ist herrlich.«
Das Wasser sah wirklich verlockend aus. Doch sich vor Morten nackt auszuziehen, kam nicht in Frage. Außerdem hatte sie kein Handtuch dabei.
Schließlich fand Morten sich damit ab, dass er sie nicht zu einem Bad überreden konnte. Er schwamm eine Runde und kam dann über die schmale eiserne Trittleiter wieder auf den Steg. Dieses Mal schaffte es Kerstin nicht, wegzusehen. Er sah wirklich gut aus. Wasser perlte aus den blonden Haaren und kleine Rinnsale flossen über seine Brust. Unwillkürlich folgte sie ihnen mit den Augen nach unten. Mit einem süffisanten Blick stellte Morten sich ihr zur Schau, doch plötzlich prustete Kerstin laut heraus. »Das Wasser war wohl wirklich sehr kalt«, kicherte sie.
Morten zog fragend die Augenbrauen hoch, dann sah er an sich hinab und verdrehte die Augen. »Ja, eiskalt.« Er wandte sich ab und rieb sich mit seinem T-Shirt trocken.
Immer noch schmunzelnd schlenderte Kerstin zum Anfang des Stegs zurück. Wenn Morten ihr seine Männlichkeit hatte zur Schau stellen wollen, war das gründlich daneben gegangen. Vielleicht sollte sie peinlich berührt sein, doch das war sie nicht. Sie fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft und das kleine Badeerlebnis änderte daran nichts.
»Willst du mal reinschauen?« Morten, der zu ihr aufgeschlossen hatte und sich nach seinem Rucksack bückte, wies mit dem Kinn auf die nächstgelegene Hütte.
»Das geht doch nicht.«
Er stieß die Tür auf. »Doch, geht. Komm rein, schau dich um.«
Zögernd trat Kerstin ein. Die Hütte war aufgeräumt, allerdings schien schon länger niemand mehr hier gewesen zu sein. Die Einrichtung war simpel. Tisch und Stühle, ein Stockbett in der Ecke und ein leerer Schrank, dessen Türen offenstanden. »Wer nutzt so etwas?«, fragte sie. »Hier gibt es nicht mal ein Klo.«
»Vermutlich gehört sie einem Angler. Wichtig ist, dass er uns nicht stören wird.« Morten legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie aufs Bett. Kerstin wollte protestieren, doch als er sie küsste, gab sie nach. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, als sie an Iris dachte, doch sie wollte ihn küssen. Gegen einen kleinen Flirt war schließlich nichts einzuwenden. Sie genoss die zarten Schmetterlinge, die in ihrer Bauchgegend erwachten und zaghaft umherflatterten. Als er mit der Hand nach ihrer Brust tastete, war ihr das allerdings unangenehm. Sie traute sich nicht, ihn zurückzuweisen, doch sie wollte nicht, dass er sie begrapschte. Ein Kuss war okay, aber das ging ihr zu weit. Mit der anderen Hand streichelte er zärtlich ihr Gesicht. Kerstin wusste nicht, was sie tun sollte. Die Schmetterlinge hatten sich in eine Ecke ihres Bauches zurückgedrängt und verursachten eher einen Druck als ein aufgeregtes Flattern. Sie atmete auf, als er ihre Brust losließ, doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Geübt öffnete er den Knopf ihrer Shorts und fuhr mit seiner Hand hinein.
»Nein, Morten, bitte nicht.«
»Warum nicht? Ich dachte, du magst es.« Die Hand rutschte weiter nach unten. Was sollte sie sagen? Dass sie sich einen Flirt mit ihm anders vorgestellt hatte? Dass sie nicht so weit gehen wollte? Plötzlich ekelte sie sich vor der Hand in ihrer Hose. Es war nur ein flüchtiges Gefühl, zeigte ihr jedoch, dass sie für Morten nichts empfand und dieses Spiel schnellstens beenden musste.
»Es tut mir leid, Morten, aber …« Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu winden, doch er tastete sich immer weiter vor. Zärtlich strich er über ihre Vagina. Kerstin erschauderte.
»Siehst du? Es gefällt dir.«
Aber es war kein erotischer Schauder, sondern eher einer der Abscheu. Sie wollte nicht, dass er sie auf diese Art berührte. Der Ekel kam zurück und dieses Mal beschränkte er sich nicht nur auf seine Hand. Sein Atem roch plötzlich unangenehm und sein Gewicht drückte sie nieder. Sie drehte den Kopf zur Seite.
»Was ist denn los? Bin ich dein erster Mann?«
»Ja, schon«, gab sie zu.
»Ich werde ganz sanft sein.« Morten drang mit dem Finger in sie ein.
Ein Wimmern entrang sich Kerstins Kehle. »Bitte hör auf«, bat sie leise.
Morten hörte sie entweder nicht oder ignorierte sie. Sein Finger drang noch tiefer und erkundete ihr Innerstes.
Kerstin schluckte. Warum lag sie hier, ohne sich zu wehren? Sie musste sich das nicht gefallen lassen. Sie packte seine Hand und zog sie rigoros aus ihrer Hose. »Ich will das nicht.«
Er lächelte gutmütig. »Entschuldige. Ich hätte nicht so schnell vorgehen dürfen. Lass uns zu Stufe eins zurückgehen.« Er nahm sie wieder in die Arme und wollte sie küssen, doch Kerstin hielt ihn mit beiden Händen auf Abstand. »Es tut mir leid, Morten, aber ich kann nicht.«
»Warum nicht?«
»Iris hat ein Auge auf dich geworfen.« Sie spürte einen Stich in der Herzgegend. Morten hatte es bestimmt schon bemerkt, trotzdem war es nicht richtig, Iris vorzuschieben. Doch sie wusste sich nicht anders zu helfen. Vielleicht konnte sie Morten von sich ablenken.
»Aber Iris interessiert mich nicht. Du tust es. Ich habe mich in dich verliebt.«
»Wir kennen uns doch erst seit vorgestern.«
»Es war die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Ich habe dich gesehen und dachte, der Blitz schlägt ein.«
»Iris ist aber die Hübschere von uns beiden.«
»Finde ich gar nicht. Wegen ihrer langen schwarzen Haare? Deine sind schöner.«
»Mausbraun.«
Er lachte. »Du hast etwas Interessantes an dir, das Iris komplett fehlt. Bitte verstoße mich jetzt nicht. Ich gebe dir alle Zeit der Welt, deine Gefühle für mich zu entdecken.«
»Dabei hätte ich den Eindruck, Iris zu betrügen.«
»Ganz bestimmt nicht. Denn ich habe da auch ein Wörtchen mitzureden.«
Kerstin biss sich auf die Lippe. Ihr wurde immer klarer, dass sie keine romantischen Gefühle für Morten hatte, auch wenn er noch so attraktiv war. Doch das konnte sie ihm nicht sagen. Es war ja nicht seine Schuld und sie wollte ihn nicht verletzen. Aber er schien keine Antwort zu erwarten. Wenn er ihre Unerfahrenheit als Ausrede gelten ließ, sollte es ihr recht sein. Hauptsache, er ließ sie in Ruhe. Es konnte ja nicht sein, dass er sich wirklich vom Fleck weg in sie verliebt hatte. Es schmeichelte ihr natürlich und ein kleines Teufelchen im hintersten Eck ihres Hirns flüsterte ihr zu, dass sie Iris ausstechen konnte. Doch das wollte sie gar nicht. Freundschaft mit Morten war schön und gut, aber an diesem Punkt zog sie die Grenze. Außerdem würden sich ihre Wege in einigen Tagen sowieso wieder trennen.
Sie wanderten auf schmalen Wegen durch den dichten Wald, immer in Sichtweite des Sees. Morten machte keinerlei Annäherungsversuche mehr. Er tat, als wäre sein Vordringen nie geschehen. Doch Kerstin hatte immer die Szene in der Hütte vor Augen und fühlte seinen Finger in sich. Es fiel ihr schwer, sich zu entspannen und den Ausflug zu genießen.
Als sie drei Stunden später wieder an ihrer Ferienunterkunft aus seinem Auto stiegen, legte er ihr den Arm um die Schultern. »Es war ein schöner Tag, Kerstin. Bitte entschuldige, dass ich dich in der Hütte so überrumpelt habe. Ich dachte, du willst es auch.« Er grinste sie entwaffnend an. »Eine eindeutige Missinterpretation meinerseits. Es tut mir wirklich leid. Ich hoffe, du verzeihst mir.«
»Natürlich.« Kerstin war erleichtert über seine Worte. Morten war einfach übers Ziel hinausgeschossen und bereute sein Verhalten. Damit war für sie die Sache erledigt. Sie sprach sich selbst auch nicht frei von Schuld. Sie hätte es gar nicht so weit kommen lassen dürfen. Sie musste wirklich lernen, klar zu sagen, was sie wollte und auch, was sie nicht wollte. Sie schenkte Morten ein zögerndes Lächeln.
Er küsste sie auf die Wange. »Danke dir. Und jetzt sehen wir nach, ob Iris noch lebt.«
Überrascht von dem plötzlichen Themawechsel öffnete Kerstin den Mund, um zu antworten, doch Morten war bereits ausgestiegen. Sie beeilte sich, ihm zu folgen.
Hinter ihm trat sie ins Wohnzimmer. Iris rappelte sich gerade von der Couch auf und sah ihnen erwartungsvoll entgegen. »Na, wie war euer Ausflug.«
»Toll«, schwärmte Kerstin enthusiastischer, als ihr zumute war. »Mehr Natur geht einfach nicht. Wie fühlst du dich?«
»Besser. Das Kopfweh ist fort, mir ist nicht mehr schlecht und inzwischen habe ich auch Hunger.«
»Prima.« Morten setzte sich zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich freue mich, dass es dir besser geht.« Iris strahlte ihn an und er zwinkerte ihr zu.
Kerstin beobachtete die Szene mit Unbehagen. Er flirtete mit Iris, obwohl sie ihn doch angeblich nicht interessierte. Versuchte er, jetzt bei ihr zum Zug zu kommen, oder war er einfach nur nett zu ihr?
Morten ließ es sich nicht nehmen, für die Mädchen zu kochen. Sie warfen sich einen skeptischen Blick zu, doch die Nudelpfanne, die er kreierte, schmeckte hervorragend.
»Bist du wirklich so perfekt?«, fragte Iris mit vollem Mund.
»Man tut, was man kann.« Er strahlte die Mädchen an. »Also, was machen wir morgen? Wollt ihr nach Oslo fahren? Muss man eigentlich gesehen haben, wenn man schon in der Gegend ist.«
»Gerne. Kennst du dich in der Stadt aus?«
»Ein bisschen. Nicht so gut, wie ich möchte. Aber ich kann ja auch mal den Touristen geben. Die Leute werden mir alle nachschauen, wenn ich mit zwei so hübschen Mädchen auftauche.«
Komplimente hatte er wirklich drauf, das musste man ihm lassen. Es wurde ein vergnüglicher Abend, auch ohne Wein. Morten konnte gut erzählen und brachte sie immer wieder zum Lachen. Nichts deutete darauf hin, dass er Kerstin am Nachmittag bedrängt hatte und mit der Zeit entspannte sie sich.
Als er gehen musste, brachte Iris ihn hinaus. Kerstin ging ins Schlafzimmer und schielte hinter dem Vorhang aus dem Fenster. Von hier aus konnte sie die geparkten Autos sehen. Sie war schlichtweg neugierig, wie Iris Morten verabschieden würde. Tatsächlich umarmte sie ihn und versuchte, ihn zu küssen.
Kerstin zog sich zurück. Sie wollte die Privatsphäre ihrer Freundin nicht verletzen. Sie setzte sich an den Tisch und dachte nach. Wenn Morten doch nur nicht diesen Annäherungsversuch gemacht hätte. Sie hatte sich in seiner Gesellschaft am Abend wohl gefühlt, aber sie wollte nicht mehr mit ihm allein sein. Trotz seiner Entschuldigung traute sie ihm nicht mehr. Sie glaubte nicht, dass er sich wirklich in sie verliebt hatte. So schnell ging das nicht. Und warum flirtete er dann mit Iris? Wollte er sie eifersüchtig machen? Das hatte doch keinen Sinn. Noch zwei Tage und sie waren wieder fort. Auch wenn Morten in Hamburg studierte, so sahen seine Pläne nicht vor, dort zu bleiben. Und was dann?
Sie sah auf, als die Haustür krachend ins Schloss fiel. Iris liefen Tränen über die Wangen, doch ihr Gesicht war vor Wut verzerrt. »Ich hätte nie gedacht, dass du so eine hinterhältige Schlange bist.«
»Was?« Verdutzt stand Kerstin auf. »Was meinst du damit?«
»Morten hat mir gerade erzählt, dass ihr zwei zusammen seid.«
»So ein Quatsch.« Kerstin klappte vor Erstaunen der Mund auf. »Wie kommt er auf so eine Idee?«
»Ihr habt euch geküsst und er hat dir erzählt, dass er dich liebt.«
»Er hat mich geküsst und ich fand es nicht so toll.«
Iris zog ein verächtliches Gesicht. »Wie kann man es nicht toll finden, wenn so ein Mann einen küsst?«
»Wenn er seine Hände nicht bei sich behalten kann und einen begrapscht. Und Dinge tut, die man nicht will. Dann ist es überhaupt nicht toll.«
»Was für Dinge?«
»Er wollte mehr. Ich habe ihm gesagt, dass er das sein lassen soll und dass ich nichts von ihm will. Ich mag ihn, er ist nett und witzig, aber mehr ist nicht. Und dass wir zusammen sind, ist einfach nur gelogen.«
Iris ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Das glaube ich nicht. Du hast ihn bestimmt ermutigt.«
»Ganz sicher nicht. Im Gegenteil. Was hat er denn noch gesagt?«
»Na ja, ich wollte ihn zum Abschied küssen.« Iris sah Kerstin provozierend an. »Aber er hat mich von sich weggedrückt und sich entschuldigt und dann gesagt, dass er mit dir geht.«
»Blödmann.« Kerstin sagte es voller Inbrunst. Sie setzte sich neben ihre Freundin. »Es ist einfach nicht wahr.«
Iris sah sie zweifelnd an.
»Nein, ist es nicht«, bekräftigte Kerstin. »Ich will nichts von Morten.«
»Weiß er das?«
»Ich habe es ihm deutlich gesagt.« Hatte sie? Kerstin versuchte, sich genau an ihre Gespräche zu erinnern. Hatte sie tatsächlich ausgesprochen, dass sie kein Interesse an ihm hatte? Nein. Sie hatte Iris vorgeschoben und sich um eine klare Aussage gedrückt. Glaubte er denn ernsthaft, sie hätte Gefühle für ihn? Dass sie nur schüchtern war, weil er ihr erster Mann war?
Iris beobachtete sie lauernd. »Wirklich?«
»Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, was ich gesagt habe«, gestand sie. »Aber ich habe deutlich gemacht, dass ich nicht von ihm geküsst werden möchte und seine Annäherungsversuche alles andere als schön fand. Wie kann er behaupten, mit mir zu gehen? Was fällt ihm denn ein?« Kerstin redete sich in Rage. »So ein Depp.«
Iris nickte. Sie schien sich mit der Erklärung zufriedenzugeben. »Und jetzt?«
»Keine Ahnung. Ich habe wenig Lust, morgen mit ihm zusammen Oslo anzuschauen.«
»Wir können ihn auch auflaufen lassen.«
»Du willst dich an ihm rächen?« Kerstin verzog amüsiert den Mundwinkel.
»Ein bisschen schon. Das war ziemlich demütigend. Den ganzen Abend flirtet er mit mir und dann das.«
»Hauptsache, du bist mir nicht böse.«
Iris nahm ihre Hand. »Nein, bin ich nicht. Entschuldige, dass ich vorhin so ausgerastet bin. Ich wusste ja nicht, dass das alles nur auf seinem Mist gewachsen ist.«
Kerstin nickte dankbar. Sie konnte in Iris’ Augen immer noch einen misstrauischen Schimmer entdecken, entschloss sich jedoch, ihn zu ignorieren. »Wenn was wäre, hätte ich es dir sofort gesagt. Abgesehen davon bin ich nicht so hinterhältig, etwas mit einem Mann anzufangen, an dem du Interesse hast.«
»Das gerade ziemlich weit abgeflaut ist. Um ehrlich zu sein, habe ich selber keine Lust mehr auf ihn. Nach dieser Zurückweisung mag ich echt nicht mit ihm zusammen sein.«
»Was schwebt dir vor, um ihn auflaufen zu lassen?«
»Wir könnten selbst etwas unternehmen. Nur wir beide, wie es ursprünglich geplant war.«
»Nach Oslo?«
»Muss nicht sein. Städte gibt es daheim genug. Ich habe noch gar nichts von der Natur gesehen.«
»Der Wasserfall war toll. Da könnten wir hin. Ich weiß jetzt den Weg.«
»Aber zweimal das gleiche Ziel ist doch langweilig für dich.«
»Gar nicht. Und ich bin in besserer Gesellschaft.«
Iris nickte. »Dann sind wir einfach weg, wenn er kommt.«
»Genau.« Kerstin stand auf und zog ihre Freundin in die Höhe. »Lass uns ins Bett gehen, damit wir früher aufstehen können.«
Ihr Plan funktionierte. Schon um neun Uhr fuhren sie auf die andere Seite des Sees zum Reiårsfossen. Sie hatten für Morten ein Blatt Papier an die Tür geklebt, auf das Iris geschrieben hatte: »Wir haben heute beide keine Lust auf dich, sorry.« Kerstin kam sich schon ein wenig gemein vor, denn immerhin fuhr er extra her, um den Tag mit ihnen zu verbringen, aber sie wollte lieber auch etwas Abstand von ihm.
Die Freundinnen genossen den Tag. Es war sonnig, aber nicht zu heiß und sie kamen gut voran. Anders als Morten, der immer vorangeprescht war, wollte Iris öfter eine Pause einlegen. Sie saßen auf einer Bank, atmeten den Duft des Waldes ein und sahen hinunter auf den Åraksfjord.
»Das ist das wahre Leben«, seufzte sie. »So schade, dass es morgen wieder vorbei ist.«
»Wenigstens hast du noch etwas von der Gegend gesehen.«
»Trotzdem sind fünf Tage einfach zu kurz. Vor allem, wenn man fast zwei davon schon zum Fahren braucht.«
›Und dann noch einen mit Baden vertrödelt und sich so besäuft, dass ein weiterer Tag im Eimer ist‹, dachte Kerstin, doch sie sagte es nicht laut. »Wir können nächstes Jahr ja wieder herkommen«, schlug sie vor.
»Oder an einen anderen Ort. Norwegen ist groß.«
Kerstin nickte. Iris schien von ihrer Schwärmerei für Morten geheilt zu sein. Sie war erleichtert. Sie würden ihn als Urlaubsbekanntschaft in Erinnerung behalten, aber auch nicht mehr.
»Am besten sehen wir Morten gar nicht mehr«, sinnierte sie. »Wir können morgen früh aufbrechen und unterwegs noch irgendwo anhalten.«
»Gute Idee«, stimmte Iris zu.
Doch dieses Glück hatten sie nicht. Denn als sie am Nachmittag wieder nach Hause kamen, saß Morten auf der Veranda und sah ihnen vorwurfsvoll entgegen.
Kerstin spürte, wie Iris neben ihr kurz zusammenzuckte, doch ihre Freundin ließ sich nichts anmerken.
»Hallo Morten, was tust du denn hier?«, rief sie betont fröhlich und Kerstin bewunderte sie für ihre Selbstbeherrschung. Immerhin war sie am Abend zuvor noch unsterblich in ihn verknallt gewesen. »Du hast doch hoffentlich nicht den ganzen Tag auf uns gewartet.« Iris machte ein gespielt bestürztes Gesicht. »Oh.«
Morten ignorierte sie und wandte sich an Kerstin. »Kann ich mit dir reden?«
Sie gähnte demonstrativ. »Ach weißt du, ich bin ziemlich müde. Vielleicht morgen.«
»Hältst du mich für doof?«, fragte er sanft. Natürlich wusste er, dass sie am nächsten Tag wieder heimfuhren. »Bitte. Es dauert nicht lange.«
Kerstin sah Iris an, doch die zuckte nur mit den Schultern. »Na gut.«
»Gehen wir ein Stück spazieren?«
»Ich dachte, es dauert nicht lang.«
»Muss ja auch kein Wanderausflug sein.« Langsam schlich sich ein genervter Ton in Mortens Stimme. »Nur mal das Dorf rauf und runter.«
»Okay.« Kerstin nickte Iris zu, die ins Haus ging, und folgte ihm.
Sie waren kaum auf der Straße, als er sich abrupt zu ihr umdrehte. »Sag mal, was war das denn heute?«
»Was meinst du?«, fragte sie unschuldig.
»Ich dachte, wir fahren nach Oslo. Stattdessen seid ihr fort und an der Tür hängt das da.« Er wedelte mit dem Papier vor ihrer Nase herum, das sie an die Tür geheftet hatten.
»Dann steht da wohl, was das heute war.«
»Würdest du mir das bitte erklären?«
Kerstin schüttelte den Kopf. »Sag mal, tust du bloß so oder bist du wirklich so bescheuert? Du machst Iris den ganzen Abend schöne Augen, aber wenn sie versucht, dich zu küssen, stößt du sie weg. Du wusstest, dass sie auf dich steht. Das war echt mies.« Als Kerstin ihn ansah, keimte ihr Verdacht erneut auf. »Wolltest du mich eifersüchtig machen?«
Morten antwortete nicht.
»Und dafür suchst du dir ausgerechnet meine beste Freundin aus?«
»War ja sonst niemand da«, brummte er.
»Also doch. Sag mal, spinnst du? Denkst du wirklich, du kannst auf diese Art meine Zuneigung erringen? Indem du Zwietracht zwischen uns säst? Du hast sie sehr verletzt, ist dir das denn egal?«
Morten wand sich unbehaglich und murmelte ein paar norwegische Worte vor sich hin. Dann sah er Kerstin entschuldigend an. »Ja, war nicht so toll«, gab er zu. »Ich weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Es war Iris gegenüber nicht fair.«
»Nein, das war es nicht. Und was fällt dir ein, ihr zu sagen, dass wir zwei zusammen sind?«
»Ich dachte, es wäre der einfachste Weg, sie wieder loszuwerden.«
»Sie loswerden?« Fassungslos riss Kerstin die Augen auf. »Nachdem du den ganzen Abend mit ihr geflirtet hast? Was bist du denn für einer?«
»Das ist echt nicht meine Art, glaube mir. Aber ich will mit dir zusammen sein. Es war nicht nur so dahingesagt, dass ich mich in dich verliebt habe.«
»Morten …«, begann sie hilflos.
Er zog sie zum Straßenrand, wo eine Bank stand, von der aus sie einen wunderbaren Blick auf den See hatten. Es tat ihr leid, das Dorf verlassen zu müssen, und sie wollte nicht im Unfrieden mit Morten gehen.
»Es hat doch keinen Sinn«, erklärte sie ihm. »Ich fahre morgen heim.«
»Aber wenn das nächste Semester beginnt, bin ich wieder ganz in deiner Nähe.«
»Ja, und dann? Du hast mir selbst erzählt, dass du nach Amerika gehen willst oder sonst wohin in der Welt.«
»Heißt das, du gibst uns eine Chance, wenn ich bleibe?« Er legte ihr den Arm um die Schultern. Kerstin zuckte kurz zurück, doch dann ließ sie es geschehen.
»Ach Morten«, seufzte sie. »Mach es mir doch nicht so schwer. Ich mag dich, aber ich habe keine tieferen Gefühle für dich. Ich kann doch auch nichts dafür.«
»Gefühle können wachsen.«
Sie holte tief Luft. »Ich liebe dich nicht, Morten, begreif das doch. Liebe lässt sich nicht erzwingen.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich will dich nicht einfach so gehen lassen. Aber ich verstehe, dass du Zeit brauchst. Gib mir deine Telefonnummer, damit wir in Kontakt bleiben können. Ich kann dich auch mal besuchen.«
Innerlich schrie Kerstin um Hilfe. Sie wollte Morten nicht verletzen und sie fühlte sich durchaus geschmeichelt, dass er ihr so tiefe Gefühle entgegenbrachte, aber sie konnte sie nicht erwidern. Sie könnte auf Zeit spielen, doch am Ende würden sie vermutlich nur beide verletzt werden. »Tut mir leid, Morten«, sagte sie leise. Sie traute sich nicht, ihn anzusehen. »Ich hätte nichts dagegen, wenn wir Freunde blieben, aber du verlangst zu viel von mir. Vergiss mich einfach.«
»Das kann ich nicht.« Der Druck seiner Hand auf ihrer Schulter wurde schmerzhaft. »Du verstehst das nicht. Mich hat wirklich ein Blitz getroffen. Ich war noch nie so verliebt wie in dich. Lass es mich dir beweisen, dass ich es ehrlich meine.«
»Daran zweifele ich ja gar nicht.« Kerstin war elend zumute. Sie hasste es, ihn so betteln zu sehen. Aber wenn sie jetzt nachgab, würde sie es später bereuen. Mit Tränen in den Augen sah sie in an. Warum konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen?
»Weine doch nicht«, flüsterte er sanft an ihrem Ohr und wischte ihre Tränen fort. »Es wird alles gut.« Und dann küsste er sie.
Hatte sein erster Kuss auch schon so feucht geschmeckt? Kerstin wurde nur noch in ihrem Beschluss bestärkt, dass sie nicht mit ihm zusammen sein wollte. Er war ein netter Kerl und definitiv sehr attraktiv. Sie verstand es ja selbst nicht, dass er sie überhaupt nicht anzog, obwohl er genau ihrem Typ entsprach, doch sie konnte es nicht ändern.
Sie machte sich von ihm los und stand auf. »Tut mir leid, Morten, ich kann nicht«, seufzte sie. »Bitte lass es einfach gut sein.« Sie wandte sich zum Gehen und er hielt sie nicht zurück.
»Wann fahrt ihr morgen?«, rief er ihr nach.
»Am frühen Nachmittag«, log sie. »Wir haben ja keine Eile.« Sie lächelte ihm zu. »Auf Wiedersehen, Morten. Ich wünsche dir alles Gute.«
Er nickte nur. Der traurige Ausdruck in seinen Augen rührte Kerstin. Beinahe hätte sie einen Rückzieher gemacht, aber damit würde sie die Situation nur verschlimmern. »Es tut mir leid«, murmelte sie leise. Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu, dann rannte sie davon. Ihr Herz hämmerte heftig gegen ihre Rippen, doch sie drehte sich nicht mehr um.

































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