Der Gang – ein Flüstern von Schuld

Danny und ich standen noch immer vor dem Portal, das langsam verblasste, als der erste kalte Windstoß über den Gang strich.
Ich schlang die Arme um mich.
Nicht wegen der Kälte.
Wegen dem Gefühl, das im Bauch brannte.
„Wir sollten Martina suchen,“ sagte Danny leise.
Ich nickte.
Wir sagten nichts mehr, wir gingen einfach.
Unsere Schritte hallten über die breiten Steinplatten der Akademieflure.
Die Lichter waren gedimmt, die Glasfenster spiegelten unsere Silhouetten.
„Sie ist bestimmt schon in ihrem Schlafsaal,“ murmelte Danny.
Doch seine Stimme klang zweifelnd. Unsicher.
Ich wusste es. Er wusste es. Martina lief nicht einfach weg, wenn sie verletzt war. Sie zog sich zurück. Sie verschwand an einen Ort, wo niemand sie sah – außer jemand, der wusste, wo sie sich versteckte. Und ich wusste es. Ich wusste es zu gut.
Eine schmale Tür. Kaum auffällig.
Ein Nebenraum, den kaum jemand nutzte – außer Martina. Ich schob die Tür vorsichtig auf. Der Duft nach altem Holz und kühler Nachtluft strömte uns entgegen. Der Raum wurde nur von einem einzigen schmalen Fenster beleuchtet, durch das silbernes Mondlicht fiel. Und da war sie.
Martina saß am Boden, die Knie angezogen, das Gesicht in den Armen vergraben. Ihre Schultern bebten leise, fast unhörbar, wie ein Herz, das versucht, still zu brechen.
Ich spürte, wie Danny hinter mir leise einatmete.
„Martina…?“ sagte ich sanft.
Sie zuckte zusammen. Nicht sichtbar. Nur ein minimaler Ruck, der verriet, dass sie die Fassade fallen ließ. Langsam hob sie den Kopf.
Tränen glänzten auf ihren Wangen, aber ihre Augen glühten vor Scham, Wut, und… Hoffnungslosigkeit.
„Ich bin so dumm…“ flüsterte sie.
Ihre Stimme war rau, als hätte sie lange geschwiegen.
„Ich weiß doch, wie er ist. Ich weiß es. Und trotzdem… trotzdem tut’s jedes Mal weh.“
Ich ging zu ihr, ließ mich neben sie sinken.
„Weil er dein Bruder ist,“ sagte ich leise.
„Es wäre seltsam, wenn es dir egal wäre.“
Martina schnaubte, halb lachen, halb schluchzen.
„Weißt du, was das Schlimmste ist?“
Sie wischte sich über das Gesicht, aber neue Tränen rollten sofort nach.
„Er schämt sich für mich. Für mich. Als wäre ich… irgendein lästiges Anhängsel.“
Ihre Stimme brach, und sie klammerte sich unbewusst an meinen Ärmel. Danny hockte sich vor uns, legte eine warme Hand auf Martinas Schulter.
„Nein,“ sagte er ruhig, unerwartet entschlossen.
„Theo schämt sich nicht für dich. Er schämt sich für sich selbst. Für das, was er fühlt. Für das, was er nicht kontrollieren kann. Und du bist der Spiegel, der ihn daran erinnert.“
Martina blinzelte.
Verwirrt. Überrascht. Ein bisschen verletzlich.
„Was… meinst du damit?“
Danny senkte den Blick, seine blauen Augen wirkten dunkel im Mondlicht.
„Der Typ hat Angst. Und wenn Menschen Angst haben, verletzen sie diejenigen, die ihnen eigentlich am wichtigsten sind.“
Ich sah zu Martina. Sie atmete schwer.
Nicht weil sie verstand — sondern weil sie wollte, dass das stimmt. Ich legte meinen Arm um sie, zog sie leicht zu mir.
„Du bist nicht das Problem,“ sagte ich.
„Das warst du nie.“
Und in diesem kleinen Raum, hinter der Sternwarte, im Mondlicht, erlaubte sich Martina endlich, nicht stark zu sein. Ich spürte die zitternde Wärme ihres Körpers, und wie ihre Atmung stockte, weil wir zu nahe waren. Und trotzdem…Etwas in mir verkrampfte sich. Nicht wegen ihr. Nicht wegen dem, was passiert war. Sondern wegen diesem Gefühl, das ich bei Martina immer hatte — dieser leise, kalte Schatten zwischen uns. Martina war… anders. Still. Beobachtend. Wie ein Mädchen, das immer einen Schritt zu weit aus der Welt steht. Sie sprach selten zuerst. Sie lachte fast nie. Und sie schaute fast immer auf den Boden, als würde sie sich selbst verstecken wollen. Die meisten Schüler mieden sie. Manche sagten, sie sei komisch.
Andere: unheimlich. Und Theo…Theo tat so, als wäre sie gar nicht existiert. Manchmal — und ja, ich hasste mich dafür — manchmal spürte ich selbst diesen Reflex, sie wegzustoßen. Als ob ihre Nähe etwas in mir auslöst, das ich nicht greifen kann. Aber ich tat es nie. Ich konnte nicht. Vielleicht…weil auch ich einsam war. Oder weil ein Teil von mir wirklich bei ihr sein wollte. Ich wusste es nicht. Martina hob langsam den Kopf, als hätte sie Angst, dass der Blickkontakt wehtut.
Ihre Augen waren rot, ihre Lippen bebten leicht. Und als sie nochmals sah, dass ich es war, die sie tröstete – wirklich tröstete, zog sie die Schultern hoch, fast wie ein Tier, das nicht verstanden hat, warum jemand es berührt.
Überrascht. Verwirrt. Beschämt.
Sie senkte sofort wieder den Blick.
Als hätte sie meinen Trost nicht verdient.
„Ich… hätte nicht…“ Sie schluckte hart. „Ich wollte nicht… dass ihr das sehen müsst.“
Ihre Stimme war kaum hörbar. Ich merkte, wie meine eigene Brust enger wurde. Dieses Mädchen war so daran gewöhnt, allein zu sein, abgelehnt zu werden, missverstanden zu sein…dass selbst Komplimente, selbst Mitgefühl sie überforderten. Danny setzte sich vorsichtig vor sie, seine Bewegungen weich, als wollte er kein Stück Druck ausüben.
„Martina,“ sagte er sanft, „du musst dich nicht schämen.“
Sie zuckte zusammen, presste die Hände an die Brust, als müsste sie etwas festhalten, das sonst zerbrechen würde.
„Doch,“ flüsterte sie.
„Ich… ich bin nicht… wie ihr.“
Ich atmete leise aus. Da war es. Der Grund, warum sie immer so wirkte, als wäre sie nur Gast in ihrem eigenen Leben.
„Martina,“ sagte ich, so ruhig wie möglich, „du musst nicht wie wir sein. Es reicht, dass du du bist.“
Sie konnte mir nicht einmal in die Augen schauen. Sie wandte den Blick ab, als würde er wehtun. Und ich merkte:
Sie erwartete Ablehnung. Immer. Jedes Mal.
Auch jetzt. Auch von mir. Vielleicht gerade von mir. Und trotzdem blieb ich neben ihr. Trotz des Unbehagens. Trotz der Unsicherheit. Trotz des Schattens zwischen uns. Ich blieb. Auf diese Weise hatte ich Martina noch nie gesehen. Nie.
Nicht zerbrochen.
Nicht schutzlos.
Nicht… menschlich.
Sie tat mir plötzlich so leid, dass es mich fast erschreckte. Und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Jedes Wort fühlte sich entweder falsch oder zu wenig an. Danny aber fand die richtigen Worte wie immer.
„Ruh dich aus, Martina. Geh nach Hause, lass alles sacken. Wir sind für dich da, okay?“
Ich nickte nur. Mehr brachte ich nicht heraus.
Wir begleiteten sie zum Portal. Martina sah kein einziges Mal hoch. Nicht einmal, als wir uns verabschiedeten. Sie hob nur kurz die Hand, halb gezwungen, halb verloren — und verschwand.
Es war seltsam. Zu still. Zu leer. Als Danny und ich alleine zurückblieben, seufzte er tief.
„Was für ein seltsamer Tag…“
Ich sagte nichts. Ich konnte nicht.
Ich fühlte mich schlecht, fast schuldig, wegen der Gefühle, die ich gegenüber Martina spürte.
Dieses Unbehagen…
diese Unsicherheit…
dieser Schatten, der mich manchmal wünschte, Abstand zu ihr zu halten. Ich hasste das Gefühl.
Ich wollte nicht so sein. Aber es war da.
„Geht’s dir gut?“ fragte Danny leise.
Ich zwang mir ein Lächeln auf.
„Ja klar.“
Er sah mir an, dass es gelogen war — aber er sagte nichts. Er akzeptierte es einfach. Wie er alles akzeptierte, was von mir kam. Er brachte mich zu meinem Portal. Ich blieb stehen, verschränkte meine Arme und schaute ihn mit meinen besten Hundeaugen an. Er schaute mich an… und verstand sofort.
„Du willst nicht nach Hause.“
Ich schwieg. Das reichte. Er grinste warm.
„Dann bleiben wir hier. Die ganze Nacht. Nur wir zwei. Wir schauen die Sterne an.“
Mein Herz wurde weich — und hart zugleich.
Weil ich wusste, was kommen könnte.
Was mein Körper mit mir machte.
Was der Fluch mit mir machte.
Ich atmete tief ein und sagte, so behutsam wie möglich:
„Ich möchte nicht, dass… heute etwas passiert. Also… dass wir… intim zu weit gehen.“
Danny zwinkerte, lächelte, als hätte ich etwas Süßes gesagt.
„Alles zu deinem Wunsch, Jemea.“
Und genau das machte mich sicher.
Geschützt. Nicht bedrängt. Nicht beschämt.
Wir liefen zum botanischen Garten. Der Himmel war tiefviolett, von den magischen Lampen durchzogen. Die Pflanzen leuchteten schwach — biolumineszent, als hätten sie ihre eigenen Geheimnisse.
„Ich will dir was zeigen,“ sagte Danny plötzlich und hob seine Hände.
Ein kleiner Zauberspruch.
Ein paar flüsternde Silben.
Und vor uns materialisierte sich… eine riesige, schimmernde Hängematte. Zwischen zwei verzauberten Palmen, die ihre Blätter wie Arme ausbreiteten.
„Tadaaa.“
Er machte eine theatralische Verbeugung.
Ich musste lachen. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte es sich leicht an. Wir legten uns nebeneinander hinein. Die Hängematte war warm, weich, wie gewebtes Sternenlicht. Danny flüsterte noch etwas — und die Pflanzen glühten etwas heller. Sicher. Friedlich. Wir redeten nicht viel.
Wir mussten nicht. Irgendwann fiel mein Kopf a seine Schulter. Seine Hand legte sich vorsichtig, respektvoll, über meine. Kein Druck. Keine Andeutung. Nur Nähe. Nur Wärme. Nur er.
Ich hörte seinen Atem. Und dann… schliefen wir ein. Gemeinsam. Bis der Morgen über die Kronen kroch.





























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