Gebrochene Geschwister

Als ich die Augen öffne, merke ich es sofort:
Es riecht nach Erdbeeren. Nicht ein bisschen.
Sondern so intensiv, dass es fast wie ein Zauber wirkt. Ich liege noch immer in der Hängematte, in die Danny und ich uns gestern gelegt haben — doch er ist nicht da. Ich richte mich langsam auf, reibe mir die Augen und folge dem süßen Duft, barfuß, noch halb verschlafen. Und dann sehe ich ihn. Danny sitzt ganz lässig auf dem Boden, die Beine verschränkt, den Rücken an einen warm schimmernden Baum gelehnt — und dieses typische Danny-Grinsen spielt auf seinen Lippen, als hätte er gerade etwas viel zu Cleveres getan.
Vor ihm steht ein Picknick, liebevoll aufgebaut:
• Erdbeertee
• Waffeln
• Milch
• Erdbeerkonfitüre
• frische Erdbeeren
Ich muss lachen. Danny springt auf, verbeugt sich leicht und sagt mit übertriebener Eleganz:
„Die habe ich mir bei der Waffelstation im Galaxy besorgt. Die haben dort eine ganze Erdbeer-Kollektion. Ich hoffe, ich hab’s nicht übertrieben.“
Er nimmt meine Hand wie ein Gentleman, zeigt mir den Platz neben sich und sagt:
„Hier ist Platz für dich, Lady.“
Ich setze mich und genieße einfach den Moment.
Ich bin müde, erschöpft von gestern, aber seine Nähe tut gut. Wir essen zusammen, ohne uns darum zu kümmern, dass andere Schüler schon unterwegs sind und uns sehen. Einige wohnen ja hier — ihr ganzes Leben am Campus. Verrückt.
„Schon komisch, oder?“ sagt Danny.
„Die leben hier und gehen nie nach Hause. Werden die das nie satt?“
Ich grinse.
„Du hast ja auch keine Bibliothek zu Hause. Vielleicht solltest du einfach hier wohnen.“
Er reißt die Augen auf.
„Auf keinen Fall! Stell dir vor, ich müsste beim Frühstück darüber diskutieren, wer den besseren Feuerball zaubert.“
Wir lachen beide, und für einen Augenblick fühlt sich mein Leben…wieder leicht an. Doch dann wird Danny ernst.
„Iss auf… Martina wartet bestimmt auf dich. Sie denkt, du bist zu Hause. Und… als Freundin… kannst du es dir gerade nicht leisten, nicht aufzutauchen.“
Ich muss schon wieder lachen.
„Danny… ich kann dein ernstes Gesicht einfach nicht ernst nehmen.“
Aber irgendetwas an seinem Blick bleibt ernst und besorgt. Tief. Ich stehe schnell auf, um die Stimmung zu drehen, und sage:
„Kennst du das Sprichwort? Was man anfängt, sollte man auch beenden? Also überlasse ich dir das Aufräumen!“
Ich lehne mich zu ihm, gebe ihm einen frechen Kuss — und husche davon, bevor er protestieren kann.
Im Weglaufen höre ich ihn murmeln:
„…Sie hat’s wirklich mir überlassen.“
Und irgendwie… macht mich das glücklich.
Ich war früh dran. Zu früh. Zum ersten Mal wartete ich auf Martina – und nicht umgekehrt.
Aus der Ferne hörte ich Stimmen. Martinas Stimme… aber anders. Lebendiger, gequält, gehetzt. Ich erkannte, dass sie mit jemandem über FaceTime sprach.
„Ja, ist schon gut, ich pass schon auf mich auf…“, sagte sie leise.
Die Stimme am Telefon klang sofort genervt:
„Das sagst du immer! Weißt du überhaupt, wie das geht?“
Martina rollte die Augen – und genau in dem Moment sah sie mich dastehen.
„Oh… Jemea! Du bist aber früh dran.“
Ich lächelte.
„Hey Martina. Ich dachte, ich bin mal die Erste… damit ich nach dir sehen kann.“
Während ich das sagte, fiel mein Blick auf ihre Knie. Aufgeschürft. Rot. Wie von einem Sturz… oder einem Schubser.
„Wer ist am Telefon? Alles okay bei dir?“
Bevor Martina antworten konnte, hörte ich die Stimme aus dem Handy:
„Nein ist sie nicht! Ihr geht es gar nicht gut! Sie wurde gerade von ein paar Schülerinnen gehänselt und geschubst! Sag was, Martina!“
Ich war überrascht. Und wütend.
Auf wen – wusste ich nicht.
„Stimmt das?“, fragte ich.
Martina zuckte zusammen, senkte den Blick, ihre Stimme brüchig:
„Es ist nichts Ernstes… echt.“
Dann, plötzlich nervös, stellte sie vor:
„Das ist… eine Freundin von mir. Sie heißt Sina. Ich glaube, ihr würdet euch gut verstehen.“
Sie lächelte dabei so schief, als wäre ihr Gesicht nicht daran gewöhnt. Ich beugte mich vor und winkte ins Display.
„Hey Sina.“
Sina strahlte extrovertiert, als würde sie aus einem ganz anderen Universum stammen.
„Ich habe schon viel von dir gehört, Jemea!“
Ich lachte.
„Komisch – ich wusste gar nicht, dass Martina Freunde außerhalb des Campus hat.“
Wir kicherten, und Sina sagte:
„Martina ist halt… speziell. Aber man kann sich daran gewöhnen.“
Martina wurde rot. Nicht süßes Rot.
Peinliches Rot.
„Wir müssen zum Unterricht“, sagte sie hastig.
Ich verabschiedete mich von Sina und wir gingen.
Doch ich konnte meinen Blick nicht von Martinas Knie lösen.
„Bist du sicher, dass alles okay ist?“, fragte ich erneut.
Sie nickte hektisch.
„Ja. Es sind nur ein paar Schülerinnen… manchmal verstehe ich mich nicht mit ihnen.“
„Soll ich sie konfrontieren?“
„NEIN!“
Die Antwort kam sofort. Fast panisch.
Ich ließ es fallen. Aber es nagte.
Ich hatte völlig vergessen, dass wir heute unsere Zeugnisse bekommen würden. Martina natürlich nicht. Als sie ihres öffnete, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, wie ich es selten gesehen habe. Sie strahlte. Richtig strahlte. Natürlich. Martina ist ein Genie. Ein Nerd.
Eine, die sich durch Wissen über Wasser hält.
Und wie erwartet: Die anderen Schüler warfen ihr Blicke zu – voller Neid, Spott, Missgunst. Etwas in mir fauchte. Ich starrte sie alle eiskalt an, mit einem Blick, der sagte:
„Wenn jemand etwas sagt, zerreiße ich euch.“
Sie sahen schnell weg. Martina bekam das mit. Und als ich zu ihr sah mit einem Lächeln, bemerkte ich:
Sie war überrascht. Sie war beschämt.
Sie konnte mir kaum in die Augen sehen.
Und ich dachte:
Warum fühlt es sich so falsch an, sie zu trösten?Warum fühlt es sich so falsch an, sie zu mögen?Liegt es daran, dass ich einsam bin? Oder daran, dass sie es ist? Ich wusste keine Antwort.
Und das machte mir Angst. Im Unterricht saß ich wie immer halb anwesend, halb in meinen Gedanken verloren. Normalerweise war ich die Abwesende. Doch diesmal war es Martina.
Sie starrte nicht auf den Boden wie sonst.
Sie beobachtete nicht wie ein Schatten aus den Ecken. Sie spielte auch nicht mit ihren Fingern, wie sie es immer tat. Sie starrte einfach nur geradeaus. Reglos. Wie eingefroren. Ich spürte ein Ziehen im Bauch. Etwas… Unbekanntes.
Martina verpasste sogar die Frage des Lehrers —etwas, das noch nie passiert war.
Der Lehrer rief ihren Namen ein zweites Mal.
„Martina?“
Sie zuckte zusammen, als wäre sie aus einem Traum gefallen, murmelte eine Antwort und lag trotzdem richtig. Doch ihre Stimme klang leer.
Wie ein Echo ihrer selbst. Ich beobachtete sie heimlich. Ihre Augen wirkten glasig. Unter ihrer Haut schimmerte etwas… Dunkles. Wie ein Geheimnis, das an die Oberfläche drängen wollte.
Und zum ersten Mal dachte ich:
Vielleicht kenne ich sie überhaupt nicht.
Als die Pause begann, gingen wir gemeinsam hinaus. Martina lief wie ein Geist neben mir. Schweigend. Geduckt. Zerbrechlich.
Ich wollte sie fragen, was los war —
doch da tauchten sie auf.
Drei Schülerinnen, älter als wir.
Schön. Selbstbewusst. Giftig.
Die Art Mädchen, die nicht beißen müssen,
weil ihr Blick es schon tut. Eine von ihnen stellte sich in den Weg.
„Na, Martina. Heute wieder zu stolz, um zu reden?“
Ich blieb stehen. Martina auch — aber nur, weil ich es tat. Die zweite kicherte spitz.
„Oder bist du einfach zu feige?“
Die dritte verzog den Mund.
„Sie tut immer so, als wäre sie was Besseres.“
Ich spürte, wie Martina neben mir kleiner wurde.
Wie sie sich in sich selbst zurückzog. Wie sie verschwand. Etwas in mir zuckte — Wut, Schutz, Ekel, Mitleid, alles zugleich. Ich sagte nichts.
Noch nicht. Die Anführerin beugte sich vor.
„Hast du uns nicht gehört, Martina? Oder bist du zu wichtig, um zu antworten?“
Ich sah Martina an. Sie zitterte. Nicht am Körper aber in der Seele. Und ich verstand plötzlich:
Sie reagierte nicht aus Stolz. Sie reagierte aus Scham. Aber die Mädchen sahen das nicht.
Sie rochen nur Schwäche. Die zweite stieß mit der Schulter gegen sie.
„Mach nicht so arrogant, sonst—“
In diesem Moment hob ich den Kopf und mein Blick wurde eiskalt. Das Flüstern in meinem Blut warnt immer, bevor etwas in mir erwacht.
Ich spürte, wie die Luft vibrierte. Wie die Magie auf meine Emotion reagierte. Wie ein dunkler Funke unter meiner Haut glühte. Ich sagte leise:
„Fasst sie nochmal an… und ihr werdet es bereuen.“
Die drei hielten inne. Sie wollten lachen. Aber sie taten es nicht. Denn irgendetwas in meinem Gesicht sagte ihnen:
Ich meine es.
Die Anführerin räusperte sich, tat stark —doch sie wich zurück.
„Komm, lass sie. Freaks sollen unter sich bleiben.“
Sie gingen. Langsam. Aber sie gingen. Und dann…
Martina stand neben mir, reglos, bebend.
Sie sagte:
„Du… hättest das nicht tun sollen.“
Aber ihre Stimme sagte:
Danke.
Und mein Herz sagte:
Warum fühle ich mich trotzdem schlecht? Denn ich wusste: Diese Situation war nicht vorbei.
Nicht für Martina. Nicht für mich. Nicht für die Schule. Und irgendetwas Düsteres hatte gerade erst begonnen. Wir setzten uns in die Kantine, holten uns etwas zu essen und taten so, als wäre alles normal. Martina rührte mechanisch in ihrem Essen herum, während ich so tat, als würde ich meinen Appetit nicht verlieren. Dann tauchte Danny auf — mit seinem typischen Strahlen, einem Tablett voller Essen und der Aura eines Jungen, der dringend gute Nachrichten braucht.
Er setzte sich zu uns und sagte:
„Habt ihr’s schon gehört? Es geht das Gerücht rum, dass irgendeine rosahaarige Tussi einen Outsider beschützt hat.“
Ich starrte ihn an. Er grinste breit. Martina wurde steif wie ein Brett. Ich rollte nur die Augen und antwortete trocken:
„ Ach DAS Gerücht. Ja… drei Drama-Queens haben sich selbst an ihrer Ego-Allergie verschluckt. Die dachten, sie wären gefährlich. Dabei waren sie nur laut. Ich habe sie nur vor ihrem natürlichen Feind bewahrt: Realität.“
Danny prustete los. Ich grinste.
Sogar Martina musste kichern — ganz leise, aber ich hörte es. Für einen Moment fühlte es sich an wie… Freundschaft. Echte.
Dann sah Martina mich an — zu direkt, für ihre Verhältnisse — und fragte:
„Was machst du heute Nachmittag ? Sina würde mich besuchen… und es wäre cool, wenn du auch dabei wärst. Dann könntet ihr euch kennenlernen.“
Ich war überrascht. Richtig überrascht. Martina plante etwas. Etwas Soziales. Etwas… mit mir.
Ich war so perplex, dass ich nichts sagte.
Unter dem Tisch spürte ich plötzlich einen Kick gegen mein Bein.Danny.
Ich warf ihm einen Blick zu — er sah mich bedeutungsschwer an wie ein Berater mit Notfallauftrag. Er wollte nicht, dass ich Martina abweise. Nicht heute. Also sagte ich schnell:
„Ja klar, cool. Wieso nicht? Machen wir einen Mädelsnachmittag!“
Martina lächelte. Nicht krumm. Nicht schief.
Nicht gequält. Ein echtes, kleines, stilles Lächeln.
Und ich dachte: Was ist hier los?
Während wir weiter aßen, spürte ich:
Martina ist anders. Ich bin anders und etwas Dunkles bewegt sich im Hintergrund.
Und trotzdem tat ich so, als wäre alles leicht.
Denn manchmal…ist es einfacher, eine Rolle zu spielen als zu fühlen. Als wir die Cantine verlassen, zieht Danny mich leicht am Handgelenk zurück. Martina geht schon ein paar Schritte voraus und bemerkt es nicht.
„Jemea… warte kurz“, flüstert er.
Sein Blick ist ungewohnt ernst — keine Albernheit, kein Zwinkern, kein Charme.
„Ich muss dir etwas sagen, bevor du heute zu Martina gehst.“
Ich runzle die Stirn. „Was denn?“
Er schaut zu Martina hinüber und beugt sich ein wenig näher zu mir.
„Ich… ich weiß nicht, wie ich es erklären soll“, sagt er leise, „aber irgendwas an ihr fühlt sich… falsch an. Nicht gefährlich wie ein Monster. Sondern gefährlich wie… jemand, der dich immer genau dann braucht, wenn DU schwach bist.“
Ich schweige — weil ich weiß, was er meint.
Er fährt fort:
„Sie wirkt so klein, so harmlos, so verletzt… aber dann beobachtet sie dich wieder nur. Still. Ohne etwas zu geben. Ohne etwas zu sagen. Es ist, als wäre ihre Schwäche nur… eine Form von Kontrolle.“
Ein Kältestich fährt mir über den Rücken.
„Ich will nur, dass du auf dich aufpasst“, sagt Danny. „Du schuldest niemandem Nähe, nur weil er einsam ist.“
Ich nicke. Langsam. Unsicher.Verwirrt.
Denn ein Teil von mir weiß, dass er recht hat.
Martina dreht sich um und ruft nach mir.
Ich lächle Danny tapfer an.
„Es wird schon okay sein.“
Aber mein Bauchgefühl sagt etwas anderes.
Als wir bei Martina zuhause ankommen, bleibe ich erst einmal stehen. Die Wohnung ist… ein Chaos.
Nicht schmutzig. Aber überall liegt etwas herum:
Kleider, Schulhefte, leere Gläser, halb sortierte Kartenspiele, und vor allem —Münzen.
Überall Münzen. Auf dem Boden, auf dem Sofa, auf Regalen, sogar auf der Mikrowelle. Als hätte jemand sie über Jahre einfach fallen lassen und nie aufgehoben. Martina schämt sich nicht.
Nicht einmal im Ansatz. Sie wirft ihre Schuhe in eine Ecke und sagt:
„Macht’s euch bequem.“
Sina kommt aus dem Wohnzimmer, und ich bin überrascht — positiv überrascht. Auf FaceTime sah ich nur ihr süßes Gesicht, ihre Locken, ihre Stimme. Aber in echt ist sie groß, kurvig, präsent.
Ich grinse und sage:
„Oha! Du bist ja mindestens doppelt so groß wie durch das Handy!“
Sina lacht laut, selbstironisch, ohne verletzt zu sein.
„Ja, FaceTime ist voll der Betrug! Ich bin in XXL!“
Ich mochte sie sofort.
Wir setzen uns hin — oder besser gesagt:
wir machen uns Platz zwischen Kissen, Chips und Münzen. Sina und ich kommen sofort ins Gespräch. Wir reden laut, wir reden schnell,
wir reden wie zwei Menschen, die sich schon seit Jahren kennen.
Über Mode.
Über dumme Serien.
Über Lipglossfarben.
Über Anime-Intros.
Über YouTube-Trends.
Und Martina…? Sie kommt nicht mit.
Sie sitzt daneben, auf dem Boden, die Knie angezogen, die Hände ineinander verschränkt.
Sie lächelt manchmal, aber nur so, dass es höflich wirkt.
Nicht beteiligt.
Nicht fröhlich.
Nicht… dabei.
Und zum ersten Mal bemerke ich es richtig:
Ohne mich würde sie hier gar nicht sitzen.
Der Moment, der sticht Sina sagt:
„Jemea, du bist voll lustig! Wir müssen mal zusammen in die Arcade!“
Ich lache. „Klar! Ich zerstöre jeden im
Street-fighter -Game!“
Wir kichern weiter — doch dann sehe ich es.
Martinas Blick. Ein kurzer, verletzter, fast… verlorener Ausdruck. Als wäre sie überrascht,
dass zwei Menschen miteinander lachen können,
ohne sie. Sie steht plötzlich auf.
„Ich hole was zu trinken“, sagt sie.
Aber ihre Stimme klingt nicht danach.Sie klingt…leer. Die Küche ist nur zwei Schritte entfernt, die Tür bleibt offen. Doch ich höre nichts.
Keine Flaschen. Keine Gläser. Keine Bewegung. Nur Stille.
Sina plappert weiter, aber meine Gedanken wandern. Ich spüre etwas, das ich nicht benennen kann. Schlechtes Gewissen? Vielleicht.
Aber auch etwas anderes. Etwas Dunkleres.
Ich sage:
„Ich schau kurz nach Martina.“
Sina nickt, ohne nachzudenken, und ich gehe leise zur Küche.Dort sitzt Martina auf dem Boden, den Rücken zur Wand, die Augen geschlossen.
Keine Tränen, aber kurz davor. Als würde sie sich selbst zusammenhalten, damit nichts herausbricht. Ich flüstere:
„Martina… alles okay?“
Sie zuckt zusammen, öffnet die Augen, zwingt ein Lächeln.
„Ja. Alles gut.“
Aber ich weiß, dass es gelogen ist.
Und plötzlich spüre ich:
Unsere „Freundschaft“ ist keine Freundschaft.
Sie ist ein Band aus:
Abhängigkeit, Schuld, Schweigen, Beobachtung.
Und ich weiß nicht, ob ich sie halten…oder durchschneiden soll. Ich wollte gerade etwas sagen, da erschien Sina im Türrahmen. Sie sah Martina auf dem Küchenboden sitzen — doch sie wirkte kein bisschen überrascht. Mit einem breiten, ironischen Grinsen sagte sie:
„Ach, die beleidigte Drama-Heldin. Martina, du wolltest doch, dass ich Jemea kennenlerne!
Jetzt tu nicht so, als wäre das hier das letzte traurige Anime-Finale.“
Sie zwinkerte mir zu, als wäre das alles ein Running Gag.
„Martina spielt immer die einsame Witwe. Manchmal muss man sie einfach schubsen, sonst bleibt sie im Hintergrund wie ein NPC.“
Martina hob den Blick, ihre Stimme klein:
„Sina… hör bitte auf. Warum bist du so gemein?“
Doch Sina lachte nur und ging näher zu ihr, warm und frech zugleich.
„Die Wahrheit tut weh, Babe. Aber das hier ist nicht die Fantasy-Welt, die du dir im Kopf bastelst. Der Grund, warum Leute dich komisch finden, ist, dass du nie mitspielst. Du bist zu still, zu vorsichtig, zu… abgetaucht. Komm, steh auf. Atme. Sei hier.“
Sie hielt ihr die Hand hin — lächelnd.
Und zu meiner Überraschung… Martina schmunzelte. Nur ein bisschen. Aber es war da.
Dann — Schritte. Jemand kam die Treppe herunter. Theo.
Er hielt eine Schüssel in der Hand, schlurfte in die Küche, sah Martina auf dem Boden — und verzog das Gesicht.
„Uff. Was zum…?“
Er rollte die Augen, stellte seine Schüssel in die Spülmaschine und drehte sich schon wieder zur Treppe um. Doch Sina schnappte ihn am Ärmel.
„Hey du perverser Ignorant! Kein Hallo?
Wir existieren übrigens.“
Theo sah sie an, verzog den Mund.
„Ich sehe euch schon. Aber je näher du bei meiner Schwester stehst, desto mehr blende ich automatisch aus.“
Er grinste provokant. Sina lachte laut.
„Der alte Theo. Du bist immer noch genauso unmöglich.“
Dann wandte sie sich an mich:
„Und du hast sogar Jemea übersehen — deinen heimlichen Star an der Bar im Galaxy.“
Theo sah zu mir — kurz, prüfend.
„ Ähm… ich steh einfach nicht auf dunkle Hauttypen“, murmelte Theo, als wäre es eine neutrale Feststellung – doch sein Blick verriet, dass mehr dahintersteckte…
Ich… hab euch verwechselt.“
Ich zog eine Augenbraue hoch.
„Mit Sina? Wir sehen uns nicht mal ähnlich.“
Und dann geschah etwas Unfassbares:
Martina sagte plötzlich — mit trockenem Humor:
„Theo braucht eigentlich eine Brille, aber er weigert sich. Er meint sonst würde jeder ihn Glupschi nennen. Er sieht wirklich nichts.“
Wir drei starrten sie an. Martina? Ein Witz?
Ein Treffer? Sina platzte los vor Lachen.
Ich auch. Theo jedoch spannte den Kiefer an.
„Halte doch einfach den Mund.“
„Selber,“ sagte Martina zurück — nicht laut, aber fest.
Theo trat einen Schritt näher.
„Weißt du was? Kein Wunder, dass du niemanden hast. Du machst es jedem schwer. Du bist peinlich. Und anstrengend…
Fick dich, das machst du doch in deinem Schlafzimmer ich kann dich bis oben hören!“
Sina und ich wahren peinlich überrascht und schauten uns an mit weit offenem Mund!
Wir mussten schon fast lachen…wie fies!
Aber es wurde gerade zu intensive spannend und wir sagten absichtlich nichts!
Martina wurde rot im Gesicht, die Hände zitterten.
„Aha ! sagt genau der perverse Wixxer?
Hör auf und geh einfach weg.“
Doch Theo stachelte weiter, wie jemand, der genau weiß, wo die Schwachstelle sitzt.
„Und du denkst echt, du kannst hier dazugehören? Du bist nicht wie sie. Du bist nicht wie irgendwer, mach mal ne Brust OP so kriegst du nie einen Freund..ups auch sonst kriegst du keinen mit deinem hässlichen Gesicht“
Da kippte die Luft. Martina schrie — wirklich schrie:
„Verpiss dich Theo! Verschwinde!“
Sie zeigte mit dem Finger auf ihn, ihre Stimme brach, ihre Augen funkelten vor Verletzung.
Theo äffte ihre Bewegung nach, spöttisch, wie ein Reflex aus Kindheitstagen. Sina packte Martina sofort — schützend, aber bestimmt. Ich griff Theo am Arm und schob ihn Richtung Treppe. Er ließ es geschehen — still, aber mit diesem kalten Lächeln, das mir eine Gänsehaut verursachte. Die Türen klappten zu. Dann war es still.






































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