Die Wahrheit, die weh tut

Ich stand in Theos Zimmer. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss, und sofort tat er so, als wäre NICHTS passiert. Er setzte sich einfach an seinen PC, drückte sich das Headset über die Ohren, startete sein Spiel und ignorierte mich völlig. Ich sagte erstmal nichts.
Ich war wütend. Und gleichzeitig musste ich innerlich über seine Sprüche lachen – nicht weil sie lustig waren, sondern weil Theo diese Art von Chaos IST. Ihm jetzt einen riesigen Zusammenprall zu machen, fühlte sich falsch an.
Also machte ich das Gegenteil. Ich setzte mich wortlos neben ihn, schob mir einen Controller zurecht und fragte ganz ruhig:
„Kann ich mitspielen?“
Theo warf mir einen flüchtigen Blick zu – neutral, ohne Emotion – und sagte:
„Klar.“
Wir spielten ein Naruto Shippūden Spiel.
Ein Spiel, das ich in- und auswendig kenne.
Nach ein paar Runden merkte er, dass ich wirklich gut war…und plötzlich tauchte zwischen uns so etwas wie… Normalität auf. Wir redeten über Essen, Events, Technik, Gaming – Theo wurde lockerer. Offener. Fast schon normal.
Doch die Frage brannte mir auf der Zunge.
Also stellte ich sie.
„Warum hasst du deine Schwester?“
Er spielte weiter. Seine Miene jedoch veränderte sich sofort. Er wurde… dunkel. Kalt. Als hätte jemand das Licht in seinen Augen gelöscht.
„Ich mag sie nicht nur nicht,“ sagte er leise,
„ich hasse meine Schwester. Ist das klar genug?“
Dann haute er mir im Spiel eine fette Combo rein.
Ich konterte, besiegte seinen Sasuke mit Orochimaru und sagte: a„Du hast verloren.“
Er knirschte mit den Zähnen, aber nicht wütend auf mich — sondern auf alles, was in ihm kochte.
Er holte tief Luft. Und dann kam es. Alles. Roh. Ehrlich. Herzlos. Ohne Rücksicht.
„Sie macht mich fertig. Sie ist peinlich. Sie ist komisch. Irgendwas stimmt mit ihr nicht.
Leute meiden sie. Und wenn ich daneben stehe, meiden sie MICH auch.“
Er hielt nicht inne. Im Gegenteil, seine Stimme wurde härter. Schärfer.
„Wenn die Leute nicht wissen, dass wir Geschwister sind, behandeln sie mich normal. Cool sogar. Aber sobald sie es erfahren—“
Er schnipste mit den Fingern.
„—weg. Alle. Sofort.“
Ich schluckte. Er war noch nicht fertig.
„Sie macht nie etwas dagegen! Sie wehrt sich nicht. Sie redet nicht. Sie steht nur da und starrt auf den Boden.“
Ein bitteres Lachen.
„Sie hat keinen Style. Keine Persönlichkeit. Sie ist langweilig. Eine komplette Null.“
Da war keine Ironie. Keine Provokation.
Da war echter Hass. Kalter, tiefer Hass.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Weil Theo das aussprach, was jeder fühlte – aber niemand je ausgesprochen hätte.
Ich schwieg lange. Zu lange.
„Du sagst nichts,“ meinte Theo und legte den Controller weg,
„weil du GENAU weißt, dass alles stimmt.“
Ich atmete flach ein. Er beugte sich zurück, verschränkte die Arme.
„Keine Ahnung, warum du überhaupt mit ihr befreundet bist. Aber das ist nicht mein Problem.“
Dann winkte er ab.
„So. Und jetzt raus aus meinem Zimmer. Ich brauche… du weißt schon… Zeit für mich.“
Er warf mir einen Blick zu. Den Blick, der genau das meinte, was ich dachte. Ich machte nur einen „OMG… wirklich?“-Gesichtsausdruck, drehte mich wortlos um und verließ sein Zimmer. Hinter mir hörte ich ihn schon…naja ich tat als wäre nichts gewesen. Ich ging die Treppe runter und schüttelte nur den Kopf – nicht wütend, nicht schockiert…eher wie jemand, der ein Puzzle in der Hand hält, dessen Teile nicht zusammenpassen wollen.
Als ich das Wohnzimmer erreichte, traf mich eine völlig andere Welt. Sina und Martina saßen eng nebeneinander auf dem Chaos-Sofa, eingekuschelt in zwei viel zu große Decken. Auf dem Bildschirm lief ein sad romance Anime, das Licht flackerte rosig-weich über ihre Gesichter. Sie wirkten… friedlich. Fast normal. Martina war so vertieft, dass ich glaubte, sie hätte die Welt um sich herum vergessen. Ihre großen Augen glänzten im Licht der Szene, als würde sie jedes Gefühl aufsaugen, das der Anime hergab. Ihre Knie waren angezogen, der Hoodie über die Hände gezogen, ihr Körper klein, leise und irgendwie verletzlich.
Sina bemerkte mich zuerst.
Sie grinste breit, klopfte energisch auf das Sofa:
„Komm her, Jemea! Es wird gerade richtig traurig!“
Martina hob kurz den Blick. Nur eine Sekunde.
Aber in dieser Sekunde sah ich etwas, das ich bei ihr selten sah: Ein zaghaftes, schüchternes… Lächeln. Ich setzte mich neben sie. Nicht zu nah, nicht zu weit. Gerade so, dass ich ihre Wärme spüren konnte. Vor uns stand eine gigantische Schüssel Popcorn, daneben eine Bowl Chips.
Ich griff hinein — Süß-Salz-Mix — und ließ mich in die Decke sinken. Für einen Moment für diesen einen Moment vergaß ich Theo. Vergas den Streit. Vergas, wie kompliziert alles war. Wir saßen da.
Zu dritt. Ein Mädchen, das zu viel fühlt. Eines, das alles weglacht. Und eines, das nie zeigt, was in ihr vorgeht. Und irgendwie…passte es. Die Tränen im Anime spiegelten sich in Martinas Augen.
Sie sagte kein Wort, aber sie lehnte sich ein klein wenig gegen meinen Arm. Fast unsichtbar.
Fast wie ein Reflex. Als wollte sie sagen:
„Danke, dass du noch hier bist.“
Ich aß Popcorn, blickte kurz zu ihr hinüber und spürte diesen leisen, seltsamen Druck in meiner Brust. Alles ist kompliziert. Alles ist falsch. Alles ist echt. Aber in diesem Moment war es…einfach schön.
Als ich durch das Portal auf den Schulcampus trat, stand Danny schon da. Lässig. Leicht nach vorne gelehnt. Mit diesem neugierig-verspielten Blick, der mich jedes Mal schwach macht. Als er mich sah, breitete sich ein Grinsen über sein Gesicht –dieses typische Danny-Grinsen. Charmant. Warm.
Unwiderstehlich. Ich rannte los. Danny fing mich auf, seine Arme schlossen sich um mich, und wir küssten uns – intensiv, viel länger als geplant.
Als hätten wir uns Wochen nicht gesehen.
„Oh“, flüsterte er gegen meine Lippen,
„das hatten wir schon lange nicht mehr.“
Wir kicherten beide, und ich klammerte mich unbewusst an seinem Hoodie fest. Ich wollte nicht loslassen. Nicht jetzt. Er legte seinen Arm um meine Taille, zog mich näher an sich und sagte mit diesem neugierigen Funkeln:
„So, schieß los.“
Ich atmete tief durch und begann zu erzählen.
Alles. Die Sache mit den mobbenden Schülerinnen. Martina auf dem Boden.
Sinas freche Kommentare. Theo, der wieder völlig ausflippte. Unsere Gaming-Runde. Und schließlich der traurige Moment im Wohnzimmer. Danny hörte aufmerksam zu, sein Gesicht wechselte von amusement zu Stirnrunzeln, zu Mitgefühl. Als ich fertig war, seufzte er.
„Wow… das ist… viel.“
Er drückte meine Hand.
„Komm, lass uns irgendwohin gehen, wo du mir das restliche Drama erzählen kannst.“
Ich nickte. Mit Danny fühlte ich mich plötzlich leicht. Nicht verflucht. Nicht schuldig. Nicht verloren. Einfach… ich. Als ich nochmals genauer zu Theo komme, hört Danny besonders tief zu.
Er runzelt die Stirn.
„Also… er hat wirklich gesagt, „fick dich, das machst du eh…“
Er bricht ab, schüttelt den Kopf.
„Dieser Junge ist zwölf. Warum redet er so? Wer hat ihm das beigebracht?“
Ich zucke mit den Schultern. Danny seufzt.
„Ich mag ihn nicht. Aber… ich glaube, der braucht Hilfe. Oder jemanden, der ihm Grenzen setzt.“
Dann lächelt er mich plötzlich frech an.
„Aber eines sag ich dir… wenn er dich nochmal so anschaut, bricht mein letzter Funken Geduld.“
Ich kippe meinen Kopf und necke ihn:
„Oh? Und was dann?“
Er lehnt seine Stirn an meine.
„Dann wird’s peinlich für ihn. Nicht für mich.“
Wir lachen beide leise. Es wird dunkel, und Danny wirkt immer nervöser, je näher wir meinem Portal kommen.
„Musst du… wirklich nach Hause?“
Seine Stimme ist weich. Ich spüre es wieder – dieses Ziehen in mir. Das Verlangen. Die Angst.
Die Sehnsucht. Ich senke den Blick.
„Ja… aber nicht jetzt.“ Er grinst leicht.
„Dann komm.“
Er führt mich in einen Schulraum, den niemand um diese Uhrzeit nutzt. Ein sauberer Raum mit großen Fenstern, Mondlicht fällt auf die Tische.
Es wirkt ruhig. Sicher. Er schließt die Tür leise hinter uns.
„Wir können hier bleiben, bis du bereit bist zu gehen.“
Ich nicke. Mein Herz rast. Nicht wegen der Lust—sondern weil er mich versteht, ohne dass ich etwas erklären muss. Wir setzen uns auf einen Tisch, Beine verschränkt, Gesichter nah. Er berührt meine Wange, streicht sachte über meine Haut.
„Ich war heute den ganzen Tag nervös“, flüstert er.
„Ich dachte, du würdest mich meiden.“
„Würde ich nie“, antworte ich.
Langsam, wie in Zeitlupe, beugen wir uns einander entgegen. Sein Atem streift meinen. Und dann küsst er mich. Nicht wild. Nicht gierig. Sondern so, als würde er mich lesen. Meine Angst.
Mein Verlangen. Meine Zerbrechlichkeit.
Ich klammere mich an sein Shirt.
Er legt seine Hände an meine Taille.
Unsere Körper schmiegen sich aneinander, warm, ruhig, vertraut. Es ist ein Kuss, der sich ausdehnt der tiefer wird—der mich vibrieren lässt.
Er zieht mich näher. Ich spüre seine Wärme, seine Sehnsucht. Ich flüstere:
„Danny… nur heute… langsam. Kein… zu weit.“
Er nickt sofort, drückt seine Stirn an meine.
„Alles, was du willst. Nur das.“
Und er küsst mich weiter. Sanft. Zärtlich. Lange.
Unsere Finger verschränken sich. Meine Beine schlingen sich leicht um seine Taille, aber er hält sich zurück. Behutsam. Es ist intim—aber nicht gefährlich. Vertraut—nicht überwältigend.
Ein Moment, der mich atmen lässt. Wir liegen schlussendlich aneinandergelehnt auf dem Boden, seine Jacke unter meinem Kopf. Er streicht durch meine Haare, während draußen der Wind leise gegen die Fenster spielt.
„Ich bleibe bei dir, bis du gehst“, flüstert er.
Und so schlafen wir fast ein—warm, sicher, ineinander verschlungen—bis ich irgendwann aufstehen muss und er mich zum Portal begleitet.
Hand in Hand. Stumm. Aber verbunden.

































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