Pflichten der Arkanen

Ich blieb zu Hause.

Ich stand nicht auf, ich putzte meine Zähne nicht, ich zog nicht einmal die Vorhänge hoch. Mein Handy vibrierte gefühlt alle drei Minuten — Danny. Immer wieder Danny.

Ich drückte weg. Wieder. Und nochmal. Und nochmal.

Ich lag wie ein verletztes Tier eingerollt in meinem Bett und fragte mich, warum mein Leben so schrecklich ist.

„Ich hasse diesen Ort…“ murmelte ich in mein Kissen.
„Ich hasse mein miserables Leben…“

Ja, ich jammere. Und? Es ist die Wahrheit.
Je mehr ich mich hin und her wälzte, desto schlimmer wurden die Gedanken in meinem Kopf — also tat ich das, was jeder tut, der nicht mehr klar denken kann:

Ich floh. In Serien. In Zucker. In alles, was mich betäubte.

Ich schaute oberflächliche Serien über Mädchen, deren größtes Problem die Farbe von ihrem Lipgloss war. Ich stopfte Chips, Schokolade und Cola Zero in mich hinein, als wäre das meine Überlebensmedizin.

Ich duschte, ich wusch meine Haare unnötig lange, machte tausend Frisuren, schminkte mich, schminkte wieder ab, schminkte wieder neu — alles, nur um nicht an mein echtes Leben zu denken.

„Warum kann ich nicht einfach so dumm glücklich sein wie die in den Serien?!“ rief ich dramatisch in mein Spiegelbild und zeigte auf mich selbst, als hätte ich Schuld.

Ich bestellte Pizza. Dann Desserts. Dann Burger.
Als würde irgendein Lieferdienst mir Frieden bringen. Ich schob alles weg. Die Wahrheit.
Die Verantwortung. Die Schuld. Die Angst.
Zwei Tage lang.

Am dritten Tag als ich endlich die Kraft fand, das Portal zur Schule zu öffnen, sah ich etwas, das mich mitten ins Herz traf.

Danny.

Er saß auf dem Boden, direkt beim Portalstein, als hätte er tagelang nicht woanders hingehen wollen. Sein Kopf war gesenkt. Er sah müde aus. Kaputt.
Und er wartete. Auf mich. Peinlichkeit brannte in meinen Wangen, als ich auf ihn zuging. Ich hatte ihn ignoriert. Einfach so. Zwei ganze Tage.
Er hob den Kopf und sprang auf, sobald er mich sah. Er rannte zu mir — stoppte aber kurz davor, als würde er überlegen, ob er mich überhaupt berühren darf.

Wir standen einfach nur da.

Still. Sein Blick voller Sorge. Sanft. Fast schmerzhaft. Ich flüsterte:

„Hast du… jeden Tag auf mich gewartet?“



Er sagte nichts. Nicht mal Vorwürfe.

„Es tut mir leid, Danny… wirklich…“

Er lächelte. Dieses weiche, süße Lächeln, das er macht, wenn er leidet, aber nicht will, dass man es merkt. Dann nahm er meine Hand. Einfach so.
Und zog mich mit sich durch den Campus, über den Platz, bis zum Eingang des Schülerrats.
Es war unheimlich ruhig. Zu ruhig.

„Was ist los?“ fragte ich.

Danny sah mich an, als müsste er mich erst mental wappnen. Er streichelte mein Haar — wie immer, wenn er Angst hat, dass mir etwas passiert.

„Der Schülerrat braucht dich“, sagte er leise.
„Unbedingt.“

Dann beugte er sich vor, küsste meine Stirn — dieses sanfte, schützende Versprechen — und rannte davon, zurück über den Hof, als würde er selbst vor etwas fliehen. Ich blieb alleine zurück.
Vor dem Tor der Mächtigen. Und das Portal begann sich zu öffnen…

Als sich das Portal öffnete, wurde ich von einem Licht erschlagen, das so grell war, dass meine Augen sofort tränten.

Ich sah nichts — rein gar nichts — nur dieses weiße Brennen. Dann kam der Wind. Nicht einfach ein Windstoß. Ein Sturm. Eine Naturgewalt, die mich nach hinten drückte, als wollte sie mich zurück in mein Zimmer schleudern. Aber ich lief.
Ich kämpfte mich nach vorne, gegen den Sturm, gegen das Licht, gegen das, was immer mich erwartete. Als ich endlich den Boden des Schülerrats erreichte, schloss sich die Tür hinter mir — sie verschwand einfach, löste sich in Nichts auf. Und plötzlich… stand ich mitten im Krieg.
Ein himmlische Angriff. Alles brannte. Alles bebte. Der Saal des Schülerrats war kein Saal mehr — er war ein Schlachtfeld. Zwischen den zerfallenden Tempelsäulen kämpften unsere Elite-Mitglieder, die ältesten Arkane, gegen Wesen, die größer waren als alles, was ich je gesehen hatte. Unsterbliche Engel! Nicht die süßen aus Kinderbücher. Sondern uralte, majestätische Kriegsengel. Ihre Flügel waren gigantische Sturmfronten. Ihre Rüstungen glühten, als wären sie aus lebender Sonne. Ihre Präsenz allein hätte jeden normalen Menschen verdampft. Und sie zerstörten alles. Die Tempel der Schule fielen wie Papier. Stein splitterte, Magie barst in Funkenexplosionen durch die Luft.
Liliana kämpfte an der Front, ihre Hände wie zwei brennende Sterne, während sie ganze Angriffswellen blockte. Doch dann sah ich etwas, das mich noch mehr erschütterte:



Zwischen den Engeln kämpften sterbliche Menschen! Nur… es waren keine Menschen mehr.
Etwas in ihnen lebte. Etwas unsterbliches!
Etwas Altes, Heiliges, Gefährliches. Sie hielten Bücher in den Händen — uralte Folianten aus reinem Licht — und daraus floss Macht wie ein lebendiger Wasserfall. Und jedes Mal, wenn sie ihre Schwerter hoben, verschwanden unsere Unsterblichen Tierwesen einfach. Nicht starben. Nicht fielen. Sondern… hörten auf zu existieren.
Ich spürte zum ersten Mal seit Langem echte Angst.

„JEMEA!“ brüllte Liliana durch die Explosionen hindurch. Ihre Stimme durchschlug alles, sogar die Luft selbst.

„Auf was wartest du?! Setz deine Magie ein! Schütze die Schule!“

Ich versuchte, mich zu orientieren. Der Boden bebte unter mir. Ein Engel krachte neben mich und riss eine ganze Marmorsäule mit sich. Liliana zeigte nach unten rechts.

„Deine Mission ist Angel in Disguise! Da! Unten! Die schwächeren Unsterblichen! Greif an!“

Ich blickte in die Richtung — und ja, dort waren sie. Sterbliche, die ihre Bücher nicht kontrollieren konnten. Ihre Magie pulsierte unregelmäßig, instabil. Ein Fehler — eine Lücke. Ich atmete ein.
Und dann ließ ich meine Form fallen. Meine Haut, mein Körper, mein Menschsein. Ich wurde zu Licht. Zu Flügeln. Zu Krieg. Ich manifestierte mich als Engel — größer, schwerer, brennender als sonst. Riesige Flügel aus schimmernden Federn breiteten sich aus, ein Schwert erschien in meiner rechten Hand, eine Pistole aus reinem Sternenfeuer in der linken.
Die Macht meiner Fantasie!

Und dann flog ich. Ich stürzte mich in den Feind, schnitt durch ihre Reihen wie ein Komet.
Jeder Schlag vibrierte durch meine Knochen. Manche Engel fielen sofort. Andere stellten sich mir entgegen, mit einer Macht, die fast meinen Willen zerschmetterte.

„Wer… seid ihr?“ keuchte ich, während ich einem gewaltigen Hieb auswich. Aber niemand antwortete. Nur Licht. Schreie. Macht. Tod.

Ich landete in einem Meer aus Trümmern.
Überall lagen gefallene Verbündete. Gefallene Gegner. Und trotzdem, trotz all unserer Kraft, wurden wir zurückgedrängt. Immer weiter.
Schritt für Schritt. Bis jemand brüllte:

„RÜCKZUG!“

Liliana sah mich an, ihre Augen voller Schmerz, aber voller Entschlossenheit.



„Los, Jemea! Jetzt!“

Und eine Sekunde später löste sich die gesamte Mannschaft des Schülerrats in Licht auf und verschwand aus der Kampfzone.

Mich riss es mit. Ein Strahl. Ein Sog. Ein letzter gebrochener Atemzug. Und dann…waren wir weg.

Als das Licht sich verzog und die Bodenhaftung zurückkam, standen wir plötzlich nicht mehr im Schlachtfeld — sondern mitten im Chaos des Campus. Überall lagen Verwundete.
Heiler-Schüler rannten zwischen improvisierten Stationen hin und her, manche mit glühenden Händen, andere mit alten Heilbüchern, deren Seiten bebten. Überall wurden Betten aufgebaut, Decken ausgelegt, Tränke verteilt. Es roch nach Blut, nach Verzweiflung… und nach Hoffnung, die nicht sterben wollte. Ich merkte erst da, wie sehr mein Arm brannte und mein Knie pulste.
Nichts Lebensgefährliches, aber ich sah aus wie ein Wrack.
Doch der Anblick der anderen…meiner Mitglieder…der war tausendmal schlimmer.
Ich stolperte zu Liliana, die aussah, als hätte sie seit Tagen nicht geatmet.

„Wie lange… wie lange wart ihr dort drin?“ fragte ich.

Ihr Blick war glasklar vor Wut.

„Drei Tage.“

Das war alles. Kein weiteres Wort. Ihre Augen sagten mir, dass ich aufhören sollte zu fragen.
Sie ging an mir vorbei zu den Schwerverletzten, und ich wollte ihr folgen, als ich plötzlich zwei vertraute Stimmen hörte.

„Jemea!“

Danny und — zu meinem völligen Schock — sogar Martina rannten zu mir. Beide mit Sorge im Gesicht. Martina! Die sonst immer so kalt und giftig ist. Ich wollte sagen, dass es Schwerverletzte gibt und man sich zuerst um die kümmern müsse, aber…Danny hob mich einfach hoch.

„Wir sind deine Freunde“, sagte er.

Und in dem Moment glaubte ich es wirklich.
Sie brachten mich zu einer freien Station.
Danny versorgte mich und sagte Martina, was sie tun sollte — sie war komplett überfordert.
Ich musste lachen, trotz allem. Als sie fertig war, sagte Martina, sie hole uns etwas zu essen.
Wir nickten beide. Danny setzte sich zögernd neben mich.

„Darf ich…?“

Ich lächelte verlegen und nickte. Wir sprachen lange nicht. Wir mussten auch nicht.
Er seufzte schließlich.

„Es ist okay. Ich bin dir nicht böse.“

„Deswegen mag ich dich“, flüsterte ich.



Dann fragte er, was im Schülerrat eigentlich passiert sei. Also erzählte ich es — so gut ich konnte.

„Drei Tage Kampf“, sagte ich leise. „Ich war nur im letzten dabei… aber Danny… das waren riesige Engelwesen. Unsterbliche. Und sterbliche Menschen, die aber irgendwas in sich hatten… etwas Unsterbliches. Manche steckten fest in ihren Rüstungen. Andere wackelten. Aber das Komische war, Danny…“

Er sah mich aufmerksam an.

„Ihr Ziel waren die Tempel des Schülerrats.
Nicht wir. Sterbliche der Feinde haben uns nur aus dem Weg geräumt, aber nicht getötet.
Die Unsterblichen Engel hingegen konnten Existenzen löschen… und trotzdem… ich weiß nicht… sie wollten uns nicht vernichten.
Nicht direkt.

Aber von unserer Seite…“
Ich schluckte.

„Da war Mordlust. Von Unsterblichen und Sterblichen. Und die sterblichen Angreifer, die es wagten… starben selbst. Ich verstehe es nicht.“

Danny seufzte tief, legte kurz seine Stirn an meine.

„Jemea… ich bin einfach froh, dass ich noch ein Novize bin. Und dass du nicht lebensmüde genug warst, zu glauben, du könntest so einen Engel besiegen. Sonst wärst du nämlich mausetot.“

Er lachte. Ich schubste ihn leicht.

„Hör auf!“

Wir beide mussten lachen — wirklich lachen — zum ersten Mal seit Tagen. Martina kehrte zurück, die Arme voll beladen wie ein überforderter Kellner: eine riesige Portion Pommes, übergossen mit geschmolzenem Käse, eine ganze Box Nuggets und… ein noch dampfender Apfelstrudel.

„Ich… äh… hoffe, es schmeckt euch“, murmelte sie.

Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich echtes Bemühen in ihrer Stimme. Keine Überheblichkeit. Keine Angespannheit. Einfach… Menschlichkeit.
Ich klopfte neben mich.

„Setz dich, Martina.“

Sie tat es. Zögerlich, aber sie tat es.Wir aßen.
Wir lachten. Und für einen Moment fühlte es sich an, als wären wir einfach drei normale Schüler, die ein viel zu großes Menü teilen, um die Welt zu vergessen. Sogar Martina lachte — richtig, voller Herz, ohne Gift. Und dann… natürlich… musste Danny den Moment ruinieren.

„Ach ja, Martina… morgen ist Besuchstag.“

Er kaute ein Nugget.

„Dein Bruder kommt! Freust du dich schon?“

Martina erstarrte. Ihr Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, das so unecht war, dass sogar ein Golem es erkannt hätte.



„Jaaa!”, sagte sie — viel zu laut.

Die Antwort knallte in den Raum wie ein peinlicher Zauber. Danny und ich sahen uns an.
Dieser Blick…dieser ‚Wir wissen beide, dass das gelogen ist‘-Blick. Und wir fingen an zu kichern.
Martina versuchte, ihr „Ich bin cool und unberührbar“-Gesicht aufzusetzen…aber es war zu spät. Sie sah aus wie eine Katze, die dabei erwischt wurde, wie sie vom Tisch nascht.

„Was?“, fauchte sie leise. „Es ist NICHT so, wie ihr denkt!“

Wir lachten noch mehr. Und für einen kurzen, wunderschönen Moment fühlte ich mich sicher.
Als würden all die Kriege, Flüche, Tempel und Engel nicht existieren.

Nur Pommes. Nuggets. Und Freunde.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 2

Bisher keine Bewertungen

Kommentare