Der Besuch

Der Besuch
Als Rudolf sich Stück für Stück dem Gartentor nähert, erkennt er voller Freude, wer da ganz
vorsichtig Torsprosse für Torsprosse über das Gartentor klettert.
Rudolf verfällt in einen leichten Trab. Seine alten Augen beginnen zu leuchten, sein Körper
windet sich wie eine Schlange und seine sonst peitschende Rute dreht aufgeregt große
Kreise.
Mit einem gut hörbarem „Plumps“ landet das kleine Wesen direkt vor Rudolfs Pfoten und
der Grauschnauzer kann und will nun seine Freude beim besten Willen nicht mehr zügeln
und stürzt sich mit einem glücklichen Fiepen und Jaulen und seiner nassen großen Zunge
auf das zarte Geschöpf.
Rosa dreht ihren Kopf schief. Hatte sie da nicht etwas gehört? War das Rudolf und kam das
nicht vom alten Gartentor?
Sie blickt umher, kann aber ihren treuen Fellgefährten nicht auf seinem gewohnten
Lieblingsplatz entdecken.
Da ihre alten Knochen seit geraumer Zeit immer etwas länger brauchen, um in Fahrt zu
kommen, erhebt sich Rosa nur langsam. Sie sortiert ihre Kleidung, klemmt ihre
Bussardfeder im Haar fester, streicht ihre Schürze glatt und macht sich mit Pauls
Sonnenstrahl an ihrer Seite auf den Weg in Richtung Gartentürchen.
Von der Entfernung kann sie nicht erkennen, wer oder was hier in ihr Grundstück
eingedrungen ist. Unweigerlich verfinstert sich ihre Miene und ihr Blick wird grimmig, ja
schon fast zornig. Plötzlich drehen unschönen Erinnerungen an Einbrecher, Kriegstage,
Landstreicher oder Tunichtgute sich in ihrem Kopf im Kreis und mit nun festerem und
eiligerem Schritt stapft sie über die Wiese.
Rosa stoppt jedoch abrupt, als sie Rudolf erspäht, welcher mit einem überaus glücklichen
Gesichtsausdruck zu ihr aufblickt.
Über wen oder was freute sich ihr Rudolf so sehr?
Was machte ihn denn auf einmal so glücklich?
Erst auf den zweiten Blick kann Rosa einen weiteren kleineren Körper unter Rudolfs großem
Körper entdecken.
Braune lockige Haare schmücken einen mit Sommersprossen gesprenkelten Kopf.
Die strahlende jungen Augen spiegeln eine Freiheit und eine Freude wieder, wie Rosa sie
schon lange nicht mehr gesehen hat.
Der kleine, wild lachende, vor Glück strampelnde und vollkommen nass geschleckte Körper
gehört zu einem Jungen, welcher nun erschrocken zu ihr herauf blickt.
Rosa und der Junge mustern sich einen kurzen Moment wortlos.
Bis der Junge Rosas Bussardfeder in ihrem grauen Haar entdeckt und über sein ganzes
Gesicht zu grinsen beginnt. Dann zieht er unter seinem kleinen Körper ein dickes Comic
hervor, schlägt es auf und zeigt Rosa seine kleine Feder, die er als Lesezeichen nutzt.
Rosas Angst ist weggeblasen, ihr wird es ganz warm ums Herz und auch Paul dreht erneut
kleine Kreise der Freude.
Mit einem nun gütigen und liebevollen Gesichtsausdruck und den Worten „Mein Bub, was
machst du denn hier?“, streckt sie ihm ihre Hand entgegen und hilft ihm, unter Rudolfs
wilder Begrüßung aufzustehen.
„Komm, erst einmal hoch zu unserer Terrasse und dann erzähl mal, wie du hierher
gekommen bist! Rudolf hat gar nicht gebellt oder geknurrt? Komisch, das macht er sonst
immer bei Fremden ….“, bittet Rosa den kleinen Bub und legt ihm ihren Arm behütend über
die Schultern.
Rosa und Paul hatten schon lange keinen Besuch mehr bekommen.
Ihre beiden Kinder besuchten sie zuletzt bei Pauls Beerdigung.
Fast alle ihrer Freunde im gleichen Alter waren längst gestorben und die jüngeren Familien
aus dem Dorf in ihrer Nähe wussten oft gar nicht, dass in diesem alten Haus im Wald noch
jemand lebte.
Umso mehr freute sie nun der überraschende Besuch dieses kleinen strahlenden Jungen.
An der Terrasse angekommen, bereitet Rosa flink eine rot karierte Tischdecke auf ihrem
alten Holztisch aus und eilt in die Küche, um ihre schönsten Gläser und eine Flasche
Apfelsaft zu holen.
Der Bub nimmt auf der hölzernen Eckbank Platz, legt sein dickes Comic auf den Tisch und
Rudolf sowie auch die beiden Katzen gesellen sich in wundersamer Vertrautheit um in.
Paul ruht in kleinem Abstand auf einem der großen dunklen Holzpfosten der Terrasse.
Mit einem großen Schluck leert der Junge das volle Glas und setzt dann zu einem Gespräch
an:
„Weißt du, alte Frau, ich war schon ganz oft hier und habe Herrn Graubart und die beiden
Samtköpfchen besucht und ihnen aus meinem Comic vorgelesen. Meine Lehrerin meinte,
ich müsse das Lesen üben. Aber meine Mutter hat leider nie Zeit und sonst gibts niemanden
bei mir und alleine lesen macht mir überhaupt keinen Spaß.
Aber ich bin wirklich zuvor immer VOR dem morschen Gartentürchen gesessen und hab
den Dreien vorgelesen. Erst heute hatte ich den Mut und bin einfach drüber geklettert! Ich
wusste aber gar nicht, dass du auch noch in dem Haus wohnst. Ich hab´ gedacht die Tiere
sind genauso alleine wie ich … bitte entschuldige …“
Rosa schluckt und verdrückt eine kleine Träne. Paul legt sanft seinen Sonnenstrahl auf
Rosas Hand. Ihre Gedanken treffen sich, … beide erinnern sich an einen ihrer größten, aber
leider bislang unerfüllten Wunsch … und nun, als keiner mehr damit gerechnet und sie
diesen Wunsch schon losgelassen hatten, purzelt dieser zauberhafte kleine Kerl tatsächlich
und einfach so in ihren Garten …
„Ach, und mein Name ist …“ will der Junge noch sagen, als ihn Rosa gütig unterbricht:
„Warte, sag nichts! Du brauchst mir deinen Namen nicht verraten, für mich bist du mein
Bub!“
Der Junge grinst und antwortet schelmisch:“Gerne! Aber wie soll ich zu dir sagen? Alte Frau
vielleicht?“
„Nein, besser nicht. Mein echter Name ist Rosa. Aber auch du darfst mich nennen, wie du
möchtest!“
„Oh, dann nenn´ ich dich Pinky! Pinky klingt nicht so altmodern wie Rosa! Und rosa ist ja
auch irgendwie wie pink!“
Rosa schmunzelt:“Altmodern, … was für ein netter Begriff! Und Pinky klingt ganz
zauberhaft!“
„Nun aber los, mein Bub, du solltest doch das Lesen üben! Wir sind bereit!“, ermuntert Rosa
ihren Bub und blickt in die Runde. Paul legt seinen Sonnenstrahl Kraft gebend über die
schmalen Schultern des Jungen und dieser beginnt zu lesen …
„Das war ja ganz wunderbar!“, jubelt Rosa, steht behände auf und applaudiert ihrem Bub.
Paul dreht wilde Kreise und Rudolf und die Katzen stimmen in ein anerkennendes Bellen
und Miauen ein.
Der kleine Kerl wird ganz rot im Gesicht und seine unzähligen Sommersprossen leuchten
dadurch noch viel mehr.
„Pinky, so gut hab´ ich in meinem ganzen Leben noch nie gelesen! Du bist einmalig!
Danke!“, freut sich der Bub.
Aus dem Inneren des alten Hauses hört man eine Standuhr fünfmal schlagen.
„Ohweh Pinky, es ist schon fünf Uhr und ich müsste JETZT zu Hause sein!“, stammelt der
Junge, packt flink seine Feder in seinen Comic und will sich sogleich auf den Weg machen.
„Warte noch kurz, mein Bub! Ich hab´ noch was für dich!“, meint Rosa und eilt in ihren
Hausflur.
Mit einem großen rostigen Bartschlüssel kommt sie wieder. Rasch bindet sie ein langes
Lederband daran und legt es ihrem Bub über den Kopf.
„Jetzt musst du nicht mehr über das Tor klettern! Der alte Schlüssel wird es für dich
öffnen!“, sagt Rosa sanft, „nimm Rudolf mit, er begleitet dich durch den Wald und kommt
dann wieder zu mir zurück. Adieu, mein Bub, und komm´ bald wieder!“
Glücklich hopsend verlässt der Junge mit Rudolf im Schlepptau Rosas Gütlein.
Erfüllt von einem wundervollen Glücksgefühl, mit einer jugendlichen Leichtigkeit und einer
schon lange nicht mehr so intensiv spürbaren Frische nimmt Rosa ihren Lieblingsplatz auf
ihrer Holzbank ein, streicht die bunte Häkeldecke zurecht und schließt ihre Augen. Pauls
Sonnenstrahl legt sich um ihre Schultern und beiden wirds ganz warm und ein wundervolles
Gefühl der Liebe und Verbundenheit umgibt sie.
































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