Ein kleines Geschenk

Ein kleines Geschenk


Rosa erwacht am nächsten Morgen munter und gut gelaunt schon vor dem ersten Hahnenschrei. Eine ganz wundervolle magische Nacht und ein ganz einmaliger Tag lagen hinter hier.

Im Schlaf spürte sie schon eine seltsame, aber angenehme Veränderung ihres Körpers und ihrer Seele. Ihre alten Knochen fühlen sich geschmeidig und beweglich an.

Rosa ist tatsächlich vollkommen schmerzfrei!

Paul ist gestern Abend noch lange bei ihr geblieben.

Und für ihren Bub haben sie gemeinsam noch ein kleines Geschenk aus ihrer Kiste der Erinnerungen gesucht.

Flick und Flack purzeln auch schon gut gelaunt und mit frechen Augen über Rosas Bettdecke und sogar der alte Rudolf steht fröhlich dreinblickend und auffordernd mit seiner Rute wedelnd vor ihrem Bett.

Rosa schwingt sich behände aus dem Bett, noch in ihrem weißen Nachthemd steckend, dehnt und streckt sie sich vor dem offenen Schlafzimmerfenster, klatscht in die Hände und beginnt schon am frühen Morgen ein lustiges Liedchen zu pfeifen.

„Lang ist es her, als ich das letzte Mal so munter gepfiffen habe“, erinnert sich Rosa ein wenig nachdenklich, während sie sich für den Tag zurechtmacht.

Mit einem kleinen Handbesen in der Hand geht Rosa zielsicher auf den seit ewigen Zeiten an dem Fensterladen hängenden und schon fast vergessenen alten olivgrünen Rucksack zu. 

Rudolf spitzt die Ohren! Denn mit diesem Rucksack verbindet er ausschließlich wunderschöne und lange Waldtouren mit Rosa und Paul.

Während Rosa voller Elan und Tatendrang den Rucksack von unzähligen Spinnweben und Spinnen befreit, spricht sie munter zu Rudolf: „Rudolf, mein alter Kamerad, hast du mal wieder Lust auf eine lange Tour? Ich weiß, viel zu lange waren wir beide nicht mehr gemeinsam unterwegs. Es tut mir wirklich leid! Lass uns heute zu den Kornapfelbäumen laufen, dann können wir ein leckeres Apfelmus daraus kochen und vielleicht mag sich unser Bub auch eine Schale davon schmecken lassen, wenn er heute hoffentlich wieder zu Besuch kommen mag?“

Das braucht Rosa Rudolf aber kein zweites Mal vorschlagen!

Wie in alten Zeiten schnappt Rudolf sich sofort sein altes, an einem Haken hängendes Lederhalsband, schleudert es mit seinem Maul gekonnt in die Luft und steckt seinen Kopf noch während des Fluges hindurch.

„Jawohl, gut gemacht! Mein Bester!“, jubelt Rosa, schultert ihren Rucksack und spaziert mit Rudolf fidel und flink durch ihr Gartentürchen hinein in ihren geliebten Wald.

Beide genießen und lieben ihren herrlichen Wald.

Sie begrüßen die Rehe, winken dem Fuchs zu, gönnen sich etwas Wasser an der kleinen, aus dem Felsen kommenden Quelle, drehen auf dem Rücken liegende Mistkäfer um, lachen über die frechen Eichhörnchen und die kecken Blaumeisen und helfen auch noch ein paar Schnecken flink aus der Sommersonne zu gelangen.

Lediglich Paul hat sich bislang bei ihnen noch nicht blicken lassen.

Rosa irritiert das jedoch nicht unbedingt, denn sie kennt Paul und seine geliebte Zeit am Morgen nur zu gut!

Da muss Rosa schmunzeln.

Denn schon zu Lebzeiten hat Paul SEINEN Morgen zelebriert! 

Während Rosa längst das Haus einmal auf links gekrempelt, die Tiere versorgt und das Frühstück vorbereitet hatte, stand Paul immer noch im Bad.

Seine alten Kopfhörer spielten für ihn die schönsten Lieder der vergangenen Zeit und ein netter Radiosprecher erzählte augenscheinlich nur ihm die neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt.

Aber nun muss Rosa tatsächlich lachen!

… denn nicht nur einmal saß ihr Paul, noch selig schwelgend in seiner Musik, mit einem weißen Bart aus Rasierschaum am Esstisch, biss fröhlich in sein Toastbrot und schlürfte seinen Kaffee!

Dass Paul heute jedoch schon längst auf den Beinen oder besser gesagt den „Strahlen“ ist, ahnt Rosa jedoch nicht!

An der Obstbaumwiese angekommen, will Rudolf, so wie er es früher immer getan hatte, mit seinem Maul gerade die ersten Äpfel vom Boden aufheben und Rosa in die Hand geben, als er sah, dass Rosa sich vollkommen mühelos und leicht bückt und selbst die Äpfel aufliest.

Wie wunderbar! Nicht nur er hatte eine wundersam magische Verwandlung erfahren dürfen, sondern seine Rosa auch!

Voller Freude schnappt sich Rudolf einen Apfel und animiert seine junge Rosa zu einem langen und vergnügten Spiel in der Wiese.

Kurz bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, machen sich die beiden zwar etwas verschwitzt, aber dafür mehr als gut gelaunt und beschwingt mit ihrem prall gefüllten Rucksack voller Äpfel wieder auf den Heimweg.

Zu Hause angekommen beginnt Rosa sofort ihren alten gusseisernen Holzofen an zu heizen und die Äpfel zu schälen und zu schneiden.

Einen besonders schönen und bereits keimenden Apfelkern legt Rosa sanft auf einem feuchten Tuch beiseite. 

Seit Rosa denken kann, ist es in ihrer Familie Tradition einmal im Jahr zur Ehre und zum Dank an die wunderbaren Früchte der Natur aus einem Kern einen Baum zu ziehen und diesen dann zu pflanzen.

Und Rudolf robbt sich unterdessen genüsslich auf dem Rücken liegend und laut grunzend über das stoppelige Gras, während Flick und Flack seinen Bauch als Sprungbrett nutzen und in feinster Katzenmanier die wildesten Luftsprünge vollziehen.

Sogar das alte Käuzchen streckt verdutzt sein verschlafenes Köpfchen aus dem Loch der alten Eiche und staunt nicht schlecht, denn so ein munteres Treiben hatte es hier schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen!

Plötzlich hebt Rudolf seinen Kopf und lauscht.

War das nicht unser Bub?

„Pinky! Pinky! Ruuuuudolf! Ich bin wieder daaaaaaa!“, schallt die fröhliche Stimme des Jungens quer durch den Wald.

Auf einmal fliegt das alte Gartentor laut quietschend auf, zuerst kommt Paul Spiralen drehend hindurch geflogen und dann rennt mit großen Sprüngen und weit ausgebreiteten Armen der kleine Kerl hinterher.

Rosa hat, genauso wie Rudolf das Kindergeschrei gehört und beide stehen nun inmitten der Wiese, um ihren Buben zu empfangen.

Der kleine Junge fällt beiden zur Begrüßung vollkommen ohne Hemmungen um den Hals und kann seine Worte und seine Freude gar nicht mehr zurückhalten:

„Pinky, stell dir mal vor, was mir gerade passiert ist! Zuerst war ich ein wenig traurig, als die Schule aus war und meine Schulkameraden von ihren Großeltern abgeholt wurden und ich, wie immer alleine nach Hause gehen musste. Aber dann … stell dir vor, was dann passiert ist! … Dann kam ein kleiner Sonnenstrahl! Erst hab´ ich gedacht, es sei eine Reflexion von einer Uhr oder einem Spiegel, … aber dann, … dann tanzte der Sonnenstrahl um mich herum, hüpfte auf und ab und nahm mich bei der Hand und führte mich, … ja, er führte mich wirklich bis zu dir! Und ich hab nicht einmal meinen Schlüssel für das Tor nehmen müssen! Es sprang einfach von alleine auf, als wir kamen! Verrückt, oder?“

Rosa lächelt sanft.

Jetzt wusste sie, wo Paul die ganze Zeit steckte!

So ein Schelm! Hat er nicht einfach still und heimlich vor der Schule auf ihren Bub gewartet und ihn dann ganz nach Großeltern Art freudig begrüßt und nach Hause begleitet? 

Ach, es sei ihm gegönnt! Er hatte sich auch immer so sehr einen Enkel gewünscht!

„Mein lieber Bub, ich glaub´ , ich darf dir jetzt etwas erklären …“, beginnt Rosa ihren Satz, während sie liebevoll ihren Arm um die Schultern des kleinen Jungen legt und Paul vor ihnen erneut Spiralen dreht.

„Ich lebe nicht schon immer alleine hier auf diesem Hof. Weißt du, viele Jahre lebte ich mit Paul, meinem geliebten Mann hier. Vor über 10 Jahren verstarb er leider. Und wenige Monate nach seinem Tod kam er als zarter Sonnenstrahl wieder zu mir … und nun auch zu dir! Hast du gestern vielleicht auch immer mal wieder den Sonnenstrahl bemerkt? Mal saß er auf dem Terrassenpfosten, mal auf meiner Hand und beim Lesen auch auf deinen Schultern, … nun ja, und mit dem Tor ist das auch so eine Sache, … weißt du hier geschehen oft magische Dinge“, erklärt Rosa gütig weiter.

Der kleine Junge guckt Rosa erst mit großen und etwas erschrockenen Augen an, aber dann beginnt er bis über beide Ohren zu grinsen, springt die Luft und jubelt: „Yippieeee, endlich habe ich auch einen Opa und eine Pinky Oma!“ 

Dann hebt er wie beim Abklatsch unter Freunden eine Hand und ruft: „Und Paul, du bist jetzt mein Opa!“

Und Paul klatscht ab! 

Und wie Paul abklatscht! 

Seine ganze Sonnenstrahlkraft entlädt sich erst auf der kleinen Handfläche seines Buben und wirbelt dann so schnell um den Jungen herum, bis sich kleine glitzernde Sternchen in seiner Aura bilden.

Und seine Pinky nimmt der kleine Junge an beiden Händen und sie drehen sich solange bis ihnen schwindelig wird, sie beide ins Wackeln kommen und fast ins Gras purzeln.

„Oh, warum knurrt denn Rudolf?“, fragt Rosa auf einmal verwundert.

„Pinky, das war nicht Rudolf. Das war mein Magen. Ich habe echt großen Hunger!“, antwortet der Bub verlegen.

„Ach, gar kein Problem, mein Schatz! Ich habe gerade Apfelmus gekocht! Du müsstest nur noch ein paar Eier von unseren wilden Hühnern finden und dann mache ich uns leckere Pfannkuchen!“, strahlt Rosa ihrem Bub entgegen, „Nimm Rudolf und Opa als Spurenleser mit, … sie helfen dir dabei!“

Kurze Zeit später blickt Rosa aus ihrem Küchenfenster und kann sich ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen! 

Rudolf robbt mit ernster Miene, angelegten Ohren und einer großen Feder quer im Maul als Erster des Hühnerei suchenden Indianertrupps siegessicher voran.

Dicht gefolgt auf allen Vieren krabbelnd, mit einer Kriegsbemalung aus Lehm und Matsch im Gesicht und mit unzähligen Federn wild im lockigen Haar verteilt, von ihrem Buben.

Die Nachhut bilden Flick und Flack, welche einer kleinen Flaumfeder, die Pauls Sonnenstrahl durch die Luft wirbeln lässt, wild springend und eher nicht ganz so ernst und fokussiert hinterher jagen.

Und einige Meter weiter bekommen Rosas wilde Hühner lange Hälse und große Augen und lassen tatsächlich vor Schreck ein paar Eier im hohen Gras liegen, bevor sie laut und äußerst empört gackernd Schutz in einem alten umgekippten Weinfass suchen.

Was für ein herrlicher Anblick!

Was für ein wunderbarer Tag!

Was für ein großes Glück!

Rosa flüstert ein leises, aber tief aus dem Herzen kommendes „Danke“ gen Himmel und eine kleine Träne kullert über ihre Wange.

Nachdem Rosa einen ganzen Berg an hauchdünnen Pfannkuchen gebacken und sich alle ihre Bäuche damit vollgeschlagen haben, richtet sie ihre Worte wieder an den kleinen Jungen:“Schau, mein Bub, Paul und ich haben gestern für dich noch nach einem kleinen Geschenk gesucht. Lauf flink zu der alten Metallkiste, die neben meinem Holzbänkchen steht und hol es dir!“

„Oh, ein Geschenk für mich?!“, freut sich der Junge aufgeregt und streichelt dabei sanft über die alte Metallkiste.

Als er das liebevoll verpackte Geschenk in den Händen hält, kann er es kaum mehr erwarten, es zu öffnen.

Sorgsam und voller Liebe zieht er zunächst die schöne selbstgeflochtene Grasschnur auf, löst dann vorsichtig die kleinen Klebestreifen, die das zarte Geschenkpapier mit den handgezeichneten Blättern und Blumen zusammenhalten. 

Unter dem Papier findet er zuerst eine wunderschöne, grün-blau-schwarz schimmernde Rabenfeder und dann ein Buch!

„Mein Bub, das Buch haben früher unsere eigenen Kinder gelesen und auch Paul und ich haben es schon als Kinder gelesen. Es ist eines der ältesten und wie wir finden schönsten und magischsten Kinderbücher!“, erklärt Rosa das Geschenk.

Die Augen des Jungen leuchten, als er vorsichtig das Buch auf schlägt und langsam den Titel vorliest:“ Alice im Wunderland!“

Rosa schließt glücklich die Augen und Paul legt liebevoll seinen Sonnenstrahl um die Schultern ihres Buben. Dann genießen sie andächtig die ersten Seiten des alten Buches und schlüpfen in ihrer Phantasie gemeinsam mit Alice in ihr Wunderland.

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