Ein Baum des Friedens

Ein Baum des Friedens

Am nächsten Morgen beginnt Rosa erneut putzmunter und fidel wie ein junges Rehlein durch ihr Haus zu stöbern. Kinderleicht und spielend gehen ihr heute die alltäglichen Haushaltsaufgaben von der Hand. Liebevoll umsorgt sie außerdem noch den gestern gefundenen und vorsichtig keimenden Apfelkern. 

Wer weiß, vielleicht pflanzen sie ihn bald schon gemeinsam ein?

Aus den restlichen Äpfeln und Hühnereiern zaubert sie im Handumdrehen einen saftigen Apfelkuchen und der herrliche Duft des leckeren Gebäcks umhüllt ihr ganzes Haus und den großen Hof. 

Viele Jahre war es schon her, als Rosa ihren letzten Apfelkuchen gebacken hatte.

Aber nun hebt der kleine verschlafene Igel sein Näschen und schnuppert in den Wind, Flick und Flack tapsen wie im Liebestaumel dem süßen Duft hinterher und sogar die wilde Hühnerschar hat ihren Schreck von gestern wieder vergessen und watschelt, mit den Schnäbeln hoch in die leckeren Luft gereckt in Richtung Küchenfenster.

Und ganz am Ende des Waldes heben noch drei weitere Strolche ihre Nasen in den Wind!

Denn heute holt nicht nur Paul ihren Buben erneut von der Schule ab, sondern auch Rudolf hat sich heimlich und auf leisen Pfoten beim Zwölfuhrläuten davon gestohlen, um Paul zu begleiten.

Und nun fliegt Paul vor lauter Freude über den leckeren Duft Purzelbaum schlagend vor den beiden Schnuppernasen her.

„Ooooooh, wie lecker riecht es denn bei dir, liebe Pinky! Mir läuft schon das Wasser im Munde zusammen und ich hab´ einen Bärenhunger …“, ruft der kleine Junge, während er mindestens genauso schnell wie der leckere Duft durch das Gartentürchen fliegt.

Rudolf spurtet allerdings noch schneller voraus, denn er weiß, was dieser Duft bedeutet!

Behände schnappt er sich einen Zipfel der gehäkelten Decke, welche sonst immer auf dem Holzbänkchen liegt und zieht sie zielsicher unter eine große schattige Linde im Garten.

Wie lange ist es wohl her, als Paul, Rosa, Flick, Flack und er das letzte Mal ein Apfelkuchen-Picknick gemacht haben? … er kann sich kaum mehr erinnern …

Kaum hat er die Decke ausgebreitet, nehmen schon Flick und Flack, Paul und auch der kleine Junge darauf munter Platz und Rosa kommt in einem hübschen Blümchenkleid und mit dem herrlichen Apfelkuchen in der Hand auf sie zugelaufen.



„Ach, wie schön ist es mit Euch! Endlich machen wir alle, so wie früher, wieder ein Apfelkuchen-Picknick! Mein Bub, lass es dir schmecken!“, trällert Rosa und verteilt schwungvoll große Stücke Kuchen.

Eine ganze Weile hört man außer dem genüsslichen Schmatzen, Schlecken und Knuspern keinen Ton. Dann, so nach zwei oder drei großen Kuchenstücken, ergreift der kleine Junge wieder das Wort:“Pinky, das war herrlich! Noch nie habe ich einen so leckeren Apfelkuchen und ein so wunderbares Picknick gemacht! Danke, Pinky!“ 

Dann gibt er Pinky einen dicken Apfelkuchen-Schmatz auf ihre Wange und fährt fort: „Aber sag mal, Pinky … ich bin doch so neugierig und mein Geschenk lag gestern doch auf dieser alten Metallkiste. Was ist denn da drinnen? Meinst du, ich darf da mal reinschauen?“

Rosa schmunzelt.

„Gerne, mein Bub! Weißt du, in dieser Kiste bewahren Opa und ich unsere Erinnerungen auf! Du wirst viel Plunder und Krempel finden, aber alles hat für uns eine Bedeutung und eine Erinnerung! Wenn du magst, öffne sie und suche dir etwas aus, bring es her und ich erzähle dir unsere Erinnerung daran!“

Das brauchte Rosa dem Jungen aber kein zweites Mal sagen, denn kaum hatte sie den Satz beendet, springt ihr Bub auch schon auf!

Voller Achtung und ganz vorsichtig öffnet der Junge den rostigen alten Riegel, schiebt den Deckel nach hinten und blickt gespannt in die nun offen stehende Truhe.

Der Geruch einer anderen und längst vergangenen Zeit steigt ihm in die Nase und seine Augen können sich an den wundersamen Dingen in der Kiste kaum satt sehen.

Magisch bleiben sie jedoch an einem relativ unscheinbaren olivgrünen Beutel hängen.

Sorgsam nimmt er den Beutel in die Hand. Er fühlt sich kalt und schwer an. Fast als wäre ein Eisen darin. Langsam verschließt er die Kiste wieder und trägt den Beutel wie einen Schatz auf beiden Händen vor sich liegend zu Pinky.

Pauls Sonnenstrahl fliegt schnell und sehr nervös von rechts nach links.

Und auch Rosa kann nun erkennen, welche schwere Erinnerung ihr Bub sich ausgesucht hat!

Als ihr Bub wieder an der Picknickdecke ankommt, meint Rosa: „Mein Bub, ich weiss was du dir ausgesucht hast! Komm her zu mir, wir brauchen nun etwas Zeit, … denn diese Erinnerung ist wahrlich groß und schwer!“



Ungläubig und mit runzelnder Stirn lässt sich der Bub neben Rosa nieder und öffnet ganz vorsichtig das Lederband, mit dem der Beutel verschlossen ist.

Als er hinein greift, spürt er wirklich etwas Kaltes und Schweres.

Langsam zieht er den Gegenstand aus dem Beutel, und als er erkennt, was er da in den Händen hält, weiten sich vor Schreck seine Augen!

„Keine Sorge, mein Engel, die kann keinem Lebewesen mehr wehtun! Paul hat sie gleich nach dem Krieg mit einer Bohrmaschine durchbohrt, sodass kein Schuss mehr abgefeuert werden kann.“

Der kleine Junge hält nun tatsächlich eine Pistole in der Hand!

Es ist Pauls Pistole, welche er während des Zweiten Weltkrieges benutzen musste.

Pauls Sonnenstrahl hat sich nun ganz sanft auf Rosas Herz gelegt.

Immer noch stumm vor Schreck blickt der Junge seine Pinky an, welche liebevoll und ohne Groll zu erklären beginnt:

„Weißt du, der Krieg war und ist etwas ganz Furchtbares. Unzählige Menschen und Tiere sind durch solche Waffen gestorben. Und unzählige Menschen mussten Dinge tun, die sie nicht wollten. Sie mussten Angst und Schrecken verbreiten und die Liebe und den Frieden nehmen.“

Der Junge schluckt und setzt dann zu einer leisen Frage an: „Pinky, ich höre oft vom Krieg. Auch in unserer Klasse sind Kinder, die vor einem Krieg geflohen sind. Aber weißt du, ich weiß gar nicht was oder wer der Krieg eigentlich ist …“

Rosa nimmt ihren Buben liebevoll in den Arm und sucht nach den ersten Worten: „Ach, mein Bub, ich werde versuchen, es dir zu erklären, … weißt du, Krieg ist wie ein ganz furchtbarer Streit. Ein Streit, in dem es nicht nur um Gummibärchen oder Spielzeugautos geht. Krieg führen nur Menschen, Tiere führen nie Krieg! Bei den Tieren geht es vielleicht einmal um einen guten Schlafplatz oder den besten Platz am Futternapf. … Bei uns Menschen geht es jedoch leider schon seit Jahrtausenden um Macht, Gier, Neid, Besitz, die Hautfarbe oder auch um den Glauben. 

Weißt du, es würde zum Beispiel keine einzige Katze der Welt alle anderen Katzen der Welt auffordern, einen Krieg gegen die Elefanten zu beginnen, nur weil die Elefanten kein kuscheliges Fell haben, nicht so geschickt auf den Kaminsims klettern können, nicht an den heiligen Katzengott glauben, Angst vor Mäusen haben oder in einem Land leben, indem Goldadern durch das Erdreich laufen. 



Bei uns Menschen ist das leider anders! Hier schaffen es oft einzelne Menschen oder kleinere Gruppen einen Großteil der Bevölkerung eines Landes so zu manipulieren, so zu bedrohen oder so zu unterdrücken, dass diese dann teilweise vollkommen kraft- und willenlos und ohne zu hinterfragen und nachzudenken andere Menschen missachten, vertreiben und sogar töten.“

Der kleine Junge schmiegt sich an Rosa, schluckt schwer und antwortet:“Pinky, das ist ja ganz und gar schrecklich!“

„Ja, das ist es leider wirklich! Aber wir haben heute und tatsächlich jeden Tag erneut die Möglichkeit daran etwas zu ändern! Kein Mensch ist besser oder schlechter oder mehr oder weniger wert als der andere, … wir sind alle gleich und wollen doch eigentlich nur Liebe, Frieden, Freiheit und Glückseligkeit. Daher, mein Bub, liegt es jetzt an uns, wie wir uns verhalten, was wir denken, was wir sagen und wie wir leben. Sieh dich hier doch nur um, … ob Katz´, ob Hund, ob wildes Huhn, ob alt, ob jung, ob Busch oder Baum, … wir leben in Frieden und voller Liebe füreinander zusammen! Glaube mir, das geht nicht nur bei uns auf diesem Hof, sondern auch überall auf der Welt! Und es ist immer genug für alle da und keiner müsste jemals Not oder Hunger leiden!“, beendet Rosa das schwere Gespräch.

Nach einem kurzen Schweigen richtet sich der Junge an Paul: „Opa, sag mal, hast du mit dieser Pistole viele Menschen töten müssen?“ 

Rosa kullern ein paar Tränen ihre Wangen hinunter und Pauls Sonnenstrahl bewegt sich einige Male vorsichtig von oben nach unten.

Der Junge atmet einige Male tief ein und wieder aus, hebt dann keck seinen Zeigefinger und ruft: „Ich habs! Ich hab eine Idee! Pinky, hast du noch den keimenden Apfelkern von gestern aufgehoben?“

Rosa nickt.

„Dann pflanzen wir jetzt zur Erinnerung und zur Entschuldigung an alle getöteten Menschen einen Baum! Und wir beerdigen die Pistole gleich mit! Dann wirds keinen Krieg mehr geben!“, jubelte der Bub.

„Mein Bub, du bist fabelhaft!“, antwortet Rosa lächelnd, „weißt du, wir pflanzen eh jedes Jahr zum Dank an unsere wunderbare Natur einen Baum und da passt jetzt deine Idee ganz großartig dazu!“

Flink springt der Junge auf und eilt in die Küche, um den Apfelkern zu holen.



Pauls Sonnenstrahl legt sich sanft um Rosas Schultern, während sie die Pistole in den Beutel steckt und ihn verschnürt.

Rudolf übernimmt sogleich die Suche nach einer passenden Stelle für den Baum und Rosa holt unterdessen einen Spaten aus dem Schuppen.

Und der kleine Junge lässt es sich nicht nehmen, selbst das tiefe Loch für die Pistole auszugraben. Dann legen sie die Pistole hinein, schütten es bis auf wenige Zentimeter wieder zu und pflanzen sanft den Apfelkern ein. 

Mit bunten Blütenblättern, einzigartigen Federn und wunderschönen Kieselsteinen schmücken sie ihr Grab des Krieges und Paul lässt seinen Sonnenstrahl ganz hell und warm darüber leuchten.

Rosa und der Junge nehmen sich bei den Händen und ein wunderbar befreiendes und wohltuendes Gefühl der Liebe und der Freiheit durchströmt sie.

Nach einer kleinen Weile ergreift der Bub wieder das Wort: „Jetzt haben wir einen echten Baum des Friedens!“

Dann geht er in die Hocke, legt eine Hand auf die Erde und spricht: „Wir bitten euch um Entschuldigung! Ein Krieg ist furchtbar und Pinky, Opa, Rudolf, Flick und Flack, die wilden Hühner und ich versprechen euch, dass wir alles tun werden, damit es keinen neuen Krieg auf dieser Welt mehr geben wird!“

Rosa wird es ganz warm ums Herz, Rudolf leckt liebevoll die langsam rinnenden Tränen von den Wangen des Jungen und Paul breitet schützend um alle seinen Sonnenstrahl. „Mein Bub“ ,unterbricht Rosa das Schweigen, „wir danken dir! Unser Baum des Friedens tut uns allen jetzt schon richtig gut! Und wenn wir in den nächsten Tagen einmal gemeinsam in den Wald gehen, dann zeige ich dir ein weiteres wunderbares Zeichen des Friedens! Jetzt dürfen wir aber die Zeit nicht vergessen! Guck mal, es ist schon fast 17 Uhr!“

Der kleine Junge lächelt glücklich, drückt seine Pinky noch mal fest und wuschelt Rudolf liebevoll durch die Ohren, dann macht er sich gut behütet durch Pauls Sonnenstrahl auf den Weg nach Hause.

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