„Mein“ Muttertag

„Mein“ Muttertag
Voller Glück, Freude und unglaublicher Heiterkeit sprang ich am Sonntagmorgen schon gegen sieben Uhr aus meinem Bett. Ich hatte herrlich geschlafen! Lustige Träume hatten mir die Nacht versüßt, und ich freute mich unglaublich auf diesen Sonntag.
Denn es war Muttertag!
Ja, ich weiß, woher dieser durchaus fragwürdige Brauch des Muttertages kommt, aber dennoch freute ich mich auf diesen Tag.
Mein Sohn – nun ja, mittlerweile ist er fast zwanzig Jahre alt – hatte mir all die Jahre an diesem besonderen Tag immer so nette kleine Geschenke gemacht. Er hatte Herzen gebastelt, lustige Kresse-Eier angesät oder kleine Gedichte geschrieben. Ach, diese Geschenke waren einfach nur schön und für mich rundum herzerwärmend und wohltuend!
Erst letzte Woche hatte mein Mann unserem Sohn mit einem schelmischen Augenzwinkern zugerufen:
„Ey, Kumpel, denk an den Muttertag am Sonntag! Da kannst du dich wieder richtig ins Zeug legen. Überleg mal, was die Mama das ganze Jahr für dich macht!“
Und umso mehr freute ich mich in diesem Jahr auf diesen Tag.
Nachdem ich entspannt aufgestanden war und noch schnell eine gemeinsame berufliche Instagram-Story für diesen besonderen Tag und das allabendliche Posten vorbereitet hatte, schnappte ich mir mein Handy und zog bei herrlichem Sonnenschein in früher sonntäglicher Stunde los.
Einer meiner Lieblingswälder war mein Ziel.
Denn schließlich war Muttertag, und ich wollte auch meiner Mutter ein ganz besonderes Geschenk machen.
Auf meinem Weg duftete es herrlich nach blühendem Flieder und zarten Wildrosen. Ein wenig Tau lag noch auf den saftigen grünen Blättern, und der ganze Wald zwitscherte, sang, trällerte, summte, brummte und frohlockte nach Herzenslust.
Mit schwingendem Schritt und einem wirklich breiten Grinsen ging ich weiter, bis ich an eine wunderschöne Lichtung kam.
Ich schloss für einen Moment die Augen, atmete tief ein und aus und genoss die Ruhe, die Wärme, den frühlingshaften Duft und das herrliche Vogelkonzert mit allen Sinnen meines Körpers. Das war genau der richtige Ort, um das ganz besondere Geschenk für meine Mutter zu „besorgen“.
Ich zückte mein Handy und filmte eine wunderschöne Sequenz des Waldes und des zauberhaften Konzerts der Vogelstimmen.
Mit einem zufriedenen und glücklichen Gefühl schickte ich das Video – versehen mit einem grinsenden Smiley und den Worten:
„Liebe Mama, ich wünsche dir alles Gute zum Muttertag! Ich habe keine Kosten und Mühen gescheut und dieses Konzert extra für dich organisiert! Liebe Grüße, Katja“
an meinen Vater und freute mich schon auf ihre Antwort.
Kurze Zeit später bekam ich tatsächlich eine Nachricht zurück:
„Hallo Katja, wir sind noch in der Kirche. Ich werde Mama später die Nachricht zeigen.“
Hm.
Ein wenig verwundert und mit leicht gerunzelter Stirn las ich diese – sagen wir einmal – eher neutrale Antwort. Dann schüttelte ich mich kurz und dachte mir heiter, dass Männer dafür eben keinen Sinn hätten und dass das Konzert meiner Mutter später bestimmt große Freude bereiten würde.
Gut gelaunt machte ich mich wieder auf den Heimweg, malte mir in den buntesten Farben die schönsten Muttertagsgeschenke aus und war gespannt wie ein Flitzebogen, was sich mein Sohn in diesem Jahr wohl für mich überlegt hatte.
Zu Hause angekommen hörte ich ihn munter in seiner Werkstatt arbeiten. Als ich mich im Garten umsah, fiel mein Blick natürlich sofort auf unseren Terrassentisch.
Bei schönem Wetter spielt sich unser Leben eigentlich immer draußen ab, und so hegte ich die Hoffnung, dort mein Geschenk zu erspähen.
Der Tisch war leer.
Na ja … ein paar dreckige Gläser vom Vorabend standen noch darauf – aber keine Blumen, kein Briefchen, keine Herzen und auch kein Kresse-Ei.
Wieder runzelte ich etwas enttäuscht die Stirn, dachte dann aber schnell, dass er sein Muttertagsgeschenk sicherlich auf den Esstisch im Haus gestellt hatte.
Fröhlich pfeifend sprang ich kurz darauf Richtung Esszimmer.
Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits einen wundervoll dekorierten Tisch mit roten Herzen und bunten Blumen.
Ich traute meinen Augen kaum, als ich wenige Sekunden später auf den Esstisch blickte und tatsächlich … nichts erblickte.
Keine Blumen. Kein Briefchen. Keine Herzen. Kein Kresse-Ei.
Ein leichtes Grummeln machte sich in mir breit, und meine ansonsten so liebevollen Gedanken verwandelten sich in kleine wütende Kobolde, die stampfend und mit Mistgabeln in den knorrigen Händen durch meinen Kopf marschierten.
Wie ein Tiger um eine junge Gazelle schlich ich kurze Zeit später um meinen Sohn herum.
Ganz zwanglos begann ich ein Gespräch, fragte ihn nach seiner Laune, seiner Befindlichkeit und seinen Essenswünschen, erwähnte immer wieder das Wort „Sonntag“ und versuchte so, ihn an den für mich gerade wichtigen Tag zu erinnern.
Hm.
Von dem jungen Herrn kam jedoch nichts.
Na ja, wir führten durchaus ein normales Gespräch – aber nicht mehr und nicht weniger. Keine Blumen, keine Herzen, keine Briefchen und keine Kresse-Eier.
Erneut machte sich nun ein deutlich größeres Grummeln in meinem Bauch breit, und die Kobolde in meinem Kopf wurden immer wütender. Sie planten inzwischen sogar einen Aufstand!
Wild zeternd beschwerte ich mich schließlich bei meinem durchaus hilflos dreinblickenden Mann:
„Also, das ist doch nicht zu fassen! Jetzt ist es schon Nachmittag, und der Schlaumeier da hinten hat tatsächlich den Muttertag vergessen! Das kann ja wohl nicht sein Ernst sein! Wahrscheinlich postet er sogar unsere Story für den Laden und liest nicht einmal den Muttertagsgruß! Und stell dir mal vor – mein Vater hat auch so komisch auf den Muttertagsgruß geantwortet! Also ich fass es echt nicht!“
Deutlich angefressen, mit tiefen Stirnfalten und nahezu unterirdisch schlechter Stimmung tranken wir Kaffee, während ich versuchte, meiner Wut durch meditative Gartenarbeit und sinnloses Umhergekrusche etwas Luft zu machen.
Wie sagt man doch so schön?
„Einatmen. Ausatmen. Du musst nur loslassen. Und keine Erwartungen haben – dann wird man nicht enttäuscht.“
Nun ja.
Der Abend rückte langsam näher. Die Sonne strahlte immer noch vom Himmel, aber über mir schwebte inzwischen eine immer dunkler werdende Gewitterwolke, als plötzlich mein Sohn auf der Terrasse stand und grinsend meinte:
„Mama … du weißt aber schon, dass heute gar nicht Muttertag ist, oder? Oder soll ich den Muttertagsgruß bei Instagram wirklich eine Woche zu früh posten?“
Ach herrje.
Mit einem großen „Puff“ zerplatzte meine Gewitterwolke, und die kleinen Kobolde verwandelten sich im Nu wieder in liebenswerte Gartenzwerge.
Mein Mann klopfte sich vor Lachen auf die Schenkel, und ich … ich schüttelte mich kurz, atmete tief ein und wieder aus – und musste dann ebenfalls über mich lachen.
Denn stell dir vor:
An „meinem“ Muttertag war tatsächlich der Welttag des Lachens.
Katja Thienel 05/2024
(P.S. Den Weltlachtag gibt es wirklich! In diesem Jahr fiel er auf den 03.Mai 2026)


























































