Die Uhr

Die Uhr

Langsam und mit einem leichten Zittern in den Fingern greife ich zu der weißen Plastikdose mit dem roten Deckel. Seit ich denken kann steht diese Dose ganz oben auf der rechten Seite des hölzernen Gewürzregals in der Küche meiner Großeltern.
In meinen Gedanken blitzen längst schon vergessene Erinnerungen auf und bahnen sich ihren Weg in meine Welt.
Gekonnt und tatsächlich auch schon tausende Male in der Vergangenheit getan, öffne ich den Deckel.
Wie ein kleiner Flaschengeist strömt sogleich ein Duft zu meiner Nase … ein bekannter Duft … ein geliebter Duft … der Duft meiner Großeltern!
Ich lehne mich an die alte Spüle und stoße mir an der Dachschräge fast meinen Kopf. Ich bin groß geworden. Ich bin erwachsen.
Mit einem Tränenschleier in den Augen blicke ich aus dem Fenster.
Draußen ist es grau und kalt. Nebelschwaden ziehen durch die Straßen des kleinen Städtchens, der Regen prasselt schon seit Stunden auf die Ziegeldächer und in manchen Häusern kann ich einen zarten Lichtschein in den Esszimmern erkennen.
Um mich herum beginnt sich die alte Küche meiner Großeltern langsam zu drehen.
Ein klein wenig wird mir schwummrig, dann atme ich tief ein und …
… ganz hibbelig und voller Freude rutsche ich kniend auf der, mit Blumen bestickten Eckbank umher. Mein Oberkörper ist ganz auf meine Unterarme gestützt und ich versuche so weit es geht zur Mitte des Esstisches zu gelangen. Aufgeregt knabbere ich dabei an einem Fingernagel.
Ich höre wie langsam die letzten Tropfen des heißen Kaffees durch die Kaffeemaschine laufen und der Geruch von frisch gebackenem Kuchen und brühwarmem Kaffee schwebt zu mir herüber.
Neben mir steht eine große Tasse mit in kalte Milch gerührtem Kaba.
Warmen Kaba mag ich nicht.
In der Mitte des Tisches liegt, mit der Unterseite nach oben ein rundes hölzernes Vesperbrett.
Meine Großmutter bringt lächelnd den Kuchen, die Schlagsahne und den Kaffee zum Tisch und setzt sich auf den Stuhl gegenüber von mir.
An der Stirnseite des Tisches und zu meiner rechten Seite sitzt mein Großvater auf der Eckbank. Auch er lächelt gütig und mit einem glitzenden Funken der Freude in seinen Augen zu mir herüber.
In seinen Händen hält er eine weiße Plastikdose mit einem roten Deckel.




Die alte Wanduhr schlägt dreimal zur vollen Stunde.
Ich blicke zum Fenster.
Es regnet und der Nebel trübt den winterlichen Himmel deutlich.
Seine Finger öffnen geschickt den Deckel der Dose.
Obwohl ich genau weiß, was sich in dieser Dose befindet, spitze ich aufgeregt hinein.
Ein vertrauter Duft kommt mir entgegen.
Mein Großvater zieht das alte Holzbrett zu sich, nimmt das kleine Kreidestück aus der Dose und beginnt in schönster Schrift die Ziffern eins bis zwölf, wie bei einer Uhr darauf zu schreiben.
Dann schiebt er mir wortlos die Dose zu.
Unzählige Male haben wir diesen Ablauf schon durchgespielt.
Ein jeder von uns weiß, was nun kommt und ein jeder von uns liebt und schätzt es.
Sorgsam greife ich nach den beiden Würfeln, die vom Spielen schon ganz rund an den Kanten sind und lege sie in die Mitte des hölzernen Ziffernblattes.
Langsam kippe ich den restlichen Doseninhalt auf den Esstisch und beginne zu zählen.
Zuerst bekommt meine Großmutter zwanzig Pfennigstücke von mir, dann mein Großvater und zuletzt zähle ich meine Pfennige ab.
Voller Liebe und Sanftheit lächeln mich meine Großeltern an und nicken zeitgleich, aber kaum sichtbar mit den Köpfen.
Das Spiel kann beginnen!
Ich nehme noch einen großen Schluck aus meiner Tasse, beiße in den frischen Kuchen und beginne zu würfeln.
Drei und Vier macht Sieben! Ich lege einen ersten Pfennig auf die geschriebene Sieben auf dem hölzernen Ziffernblatt.
Mein Großvater taucht sein Kuchenstück behände in seinen heißen und mit Sahne verfeinerten Kaffee und beißt lachend und mit einem herrlichen Schmatzen davon herunter.
Wir würfeln, wir lachen, wir klatschen und wir freuen uns.
Das Ziffernblatt füllt sich merklich mit den bronzefarbenen kleinen Münzen und mit jeder weiteren Runde spüren wir das Glück dieses Spieles, wie einen warmen Sommerregen zart kribbelnd auf unserer feuchten Haut.
Uns umhüllt eine ganz besondere Aura, in die wir, fast wie aus der Zeit gefallen, versinken.
Langsam leeren sich unsere Tassen und unsere Teller und auch die Münzen werden weniger.
Ich blicke zur Wanduhr.
Mit einem leisen Krächzen kündigt sie ihren nächsten Ton an und schlägt kurz darauf vier Mal zur vollen Stunde.




Sorgsam nehme ich die Pfennige von dem hölzernen Ziffernblatt und fülle sie wieder in die Plastikbox. Dann schiebe ich das Vesperbrett zu meinem Großvater, der mit seinem karierten Stofftaschentuch die Kreideziffern geschickt abwischt und das Glücksspiel wieder zu einem gewöhnlichen Brett verwandelt.
Meine Großmutter räumt flink und eifrig den Esstisch ab und ich springe von der Eckbank und laufe zu den Fenstern in der Küche.
Mit einem kräftigen Schwung hebe ich meinen kleinen Körper auf die Arbeitsplatte der Küche, schiebe die Obstschale und auch den zarten Vorhang etwas zur Seite und blicke gespannt auf die Straße.
Am Ende unserer Straße sehe ich schon wie langsam die ersten Laternen zu flackern beginnen um dann im hellen Schein der Dunkelheit zu trotzen.
Hinter mir stehen meine Großeltern und blicken über meine Schultern hinweg auch aus dem Fenster.
Ein Auto biegt in unsere Straße ein.
Ich versuche anhand der leuchtenden Augen in dem metallenen Gesicht zu erkennen, ob es wohl schon unser Auto ist.
Bald kommen meine Eltern aus der Arbeit.
„Ach, es ist der Mercedes von unseren Nachbarn“, wispere ich ganz leise und füge noch hinzu: „noch fünf Autos und dann kommen Mama und Papa heim!“
Gespannt beobachten wir die einfahrenden Autos und zählen sachte mit.
Als das sechste Auto sich behände um die Kurve in unsere Straße schiebt, klatscht mein Großvater mit seiner flachen Hand auf die Arbeitsplatte und jubelt: „Du hast es gewusst! Sieh mal, Mama und Papa kommen!“
Langsam rollen zwei runde und lustige Augen in einem für mich fast lachenden Metallgesicht auf unser Haus zu.
Ich springe von der Arbeitsplatte und renne zur Wohnungstür …
… ich atme wieder tief ein, der Nebel in meinem Kopf lichtet sich langsam und die alte Küche meiner Großeltern dreht sich nicht mehr.
Ich schiebe die nun leere Obstschale auf die Seite, ziehe den zarten Vorhang etwas auf und blicke erneut aus dem Fenster.
Am Ende unserer Straße sehe ich schon wie langsam die ersten Laternen zu flackern beginnen um dann im hellen Schein der Dunkelheit zu trotzen.
Ein warmes Gefühl umschließt meine Schultern und umhüllt mich sanft.
Ich bin nicht mehr alleine.
„Noch fünf Autos…“, wispere ich leise.




„Du hast es gewusst! Sieh mal, Mama und Papa kommen!“, haucht mir eine vertraute Stimme zu.
Ich lächle glücklich, laufe zur Wohnungstür, meinen Eltern entgegen …
Katja Thienel  02/2026
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