Adora-Kapitel 13

„Wohin wollt Ihr?“, fragte Adora, die noch immer die Kälte spürte, die ihr in den Knochen saß. Der Anblick hatte ihr Angst gemacht, gleichzeitig hatte er sich aber auch sehr vertraut angefühlt.

Das schürte ihre Angst nur noch weiter. Hatte sie vielleicht etwas ähnliches erlebt? Sie konnte es nicht sagen. Eigentlich wollte sie es auch nicht wissen. Die Vorstellung, dass sie vielleicht aus einem ähnlich überfallenen Dorf stammen könnte, jagte ihr Schauer über den Rücken, was ihr Zittern nur noch verstärkte. Was, wenn alle, die sie kannte, tot waren? War es dann vielleicht gut, dass sie sich an nichts erinnern konnte?

„Die Bilder aus den Kopf bekommen“, antwortete Rayan, der vorausritt. Er war wie immer sehr elegant. Seine Art zu reiten war faszinierend, weshalb Adora ihn auch sehr gern dabei beobachtete. So dynamisch wie er auf dem Pferd saß, wirkte es fast, als wäre er mit diesem verbunden.

„Wie?“, fragte Adora, die nicht so ganz verstand, was er wollte. Sie versuchte die Bilder aus dem Kopf zu bekommen, indem sie zu Rayan blickte und ihn beobachtete. Seine Kleidung war weniger auffällig als bei öffentlichen Anlässen, doch er trug wie immer viel Rot mit goldenem Rand. Überall auf seiner Kleidung war das schwarze Wappen mit dem goldenen Drachen. Auch sie trug ein solches auf ihrem schwarzen Umhang. Jedoch nur klein als Schnalle, die den Mantel an ihrem Brustbein zusammenhielt.

Es war später Herbst und eigentlich recht kalt, allerdings fühlte Adora die Kälte nicht.

Das war jedoch nicht gut, denn sie wollte nicht erneut krank werden. Rayan hatte deutlich gemacht, dass er sie nicht mitnehmen würde, wenn sie sich nicht richtig anzog.

Adora mochte ihn sehr. In den letzten Wochen hatte sie angefangen, sich in seiner Nähe richtig wohlzufühlen. Er war ein guter Prinz, der sich um seine Leute kümmerte. Das bemerkte sie schon an seinem Haushalt.

Obwohl er einen Haushofmeister hatte, der sich um vieles kümmerte, kannte er doch die meisten der Diener mit Namen. Anfangs hatte es Adora irritiert, da er diese oft sogar persönlich ansprach, doch mittlerweile hatte sie herausgefunden, dass er mit einigen sogar früher gut befreundet gewesen war. Diese Vergangenheit verband sie.



Adora fragte sich, ob auch sie solche Freundschaften hatte. Ob irgendjemand sie vielleicht sogar vermisste.

Sie selbst spürte nicht das Gefühl, etwas verloren zu haben. Da war auch nicht das Gefühl von Leere. Im Gegenteil. Sie fühlte sich hier sehr wohl. Als wäre sie genau dort, wo sie sein wollte. Was vor allem an Rayan lag, der ihr immer das Gefühl gab, dass sie willkommen war.

„Ich möchte Euch etwas zeigen“, sagte er schließlich, nachdem er lange geschwiegen hatte. Adora drängte ihn eigentlich nie. Wenn sie eine Frage stellte und bemerkte, dass er sie gehört hatte, wartete sie, bis er antwortete. Manchmal war das sofort, manchmal aber auch sehr spät. Auf eine Frage hatte er sogar einmal drei Tage lang geschwiegen.

Damit konnte sie umgehen. Sie war geduldig.

„Ihr macht mich neugierig“, gestand sie. Was er ihr wohl zeigen wollte? Sie hoffte sehr, dass sie damit wirklich die Bilder verdrängen konnte, die sich irgendwie in ihr Gedächtnis gebrannt hatten. Ihr wurde jetzt noch schlecht, obwohl die Umgebung nicht einmal nach Rauch oder verbranntem Fleisch gerochen hatte. Was seltsam war. Unnatürlich.

Rayan lachte. Ein Geräusch, das Adora immer beruhigte. Auch jetzt half es ihr ein wenig, sich zu entspannen.

Sie lenkte ihr Pferd dichter an ihn heran. „Würdet Ihr mir einen Hinweis geben?“

„Es hat etwas mit Tieren zu tun“, sagte er geheimnisvoll.

Adora lachte leise. „Ihr wisst, dass ich Tiere liebe“, bemerkte sie. Bisher hatte sie sich nie Gedanken darüber gemacht, wie sie mit ihm umging. Es war einfach, sich fallen zu lassen und bei ihm so zu sein, wie sie war. Allerdings hatte seine Amme Palmira ihr deutlich gemacht, dass sie das bei öffentlichen Anlässen nicht zu tun hatte. Sie musste sich ans Protokoll halten. Was sie durchaus verstand. Er war immerhin der Prinz. Gleichzeitig aber auch Rayan. Ein junger Mann, der durchaus auch als Mensch und nicht als König auftreten konnte. Was er oft tat, wenn er zuhause war.

„Richtig, das weiß ich“, sagte er neckend.

Neugierig folgte Adora ihn. Was er ihr wohl zeigen wollte? Gerade bei Tieren war es nicht einfach. Sie glaubte nicht an eine einfache Weide, auch wenn sie diesen Anblick auch sehr genoss.



Die Schlosshunde konnten es auch nicht sein, denn dazu ritten sie in die falsche Richtung. Sie ritten eindeutig von den Stallungen, und damit auch von dem Schloss, weg.

Gemeinsam bogen sie einen Weg in den Wald ab. Es wurde dunkler, da die Bäume hier dichter standen. Ihre riesigen Baumkronen ließen nur wenig Sonnenlicht hinab scheinen, obwohl sie kaum noch Blätter hatten. Es hätte gruselig wirken können, wenn es nicht normal für den Herbst gewesen wäre.

Adora achtete auf die Umgebung und so bemerkte sie auch, wie der Weg enger wurde. Sie ließ Rayan vorgehen, doch schon bald wurde der Weg wieder so breit, dass sie nebeneinander laufen konnten. Die Pferde waren es gewohnt, dicht beisammen zu sein, weshalb sie ruhig blieben.

„Dieser Teil scheint nicht recht häufig besucht“, meinte Adora, die kaum Spuren von Menschen sehen konnte. Der Weg an sich war nicht so weit ausgetrampelt, das er dauerhaft sichtbar war.

„Das stimmt“, stimmte Rayan erheitert zu.

Adora fragte sich, warum er sie hierherbrachte. Was wollte er ihr zeigen? „Es ist mein persönliches Jagdgebiet. Allerdings vertreibe ich mir meine Zeit lieber mit anderen Dingen“, erklärte Rayan, der ihr ein Zeichen machte, leise zu sein.

Adora schwieg und lauschte. Sie hörte Vögel, aber auch andere Tiere. Geräusche, die ihr sehr gut gefielen.

Schließlich tauchte vor ihnen eine kleine Lichtung auf, die jedoch recht verwachsen war. In ihrer Mitte ein kleiner, ruhiger See.

Adora lächelte. Es wirkte alles so ungepflegt, dass es vielen wohl nicht gefallen hätte. Ihr aber sagte dieser Anblick zu. Sie liebte die unbändige Natur.

Rayan hielt sein Pferd an, stieg ab und band es an einem Baum, bevor er Adora half, abzusteigen. Sie brauchte es eigentlich nicht, doch sie ließ es zu. Es war eine schöne Geste, die ihr ein gutes Gefühl gab.

Schließlich standen sie beide am Boden und Rayan geleitete sie direkt auf den kleinen See zu. „Ich hoffe, Ihr habt keine Probleme damit, Euch auf einem Baumstamm zu setzen“, sagte er, wobei er belustigt klang.

Adora lachte leise. „Nein, natürlich nicht“, sagte sie, denn sie würde sich am liebsten ausziehen und nackt ins Gras legen.

Rayan geleitete Adora zu einem Baumstamm, der nah am Wasser lag. „Setzt Euch“, sagte er, bevor er sich selbst niederließ.



Adora strich das Kleid ein wenig zurecht, bevor sie sich setzte. Dann schloss sie die Augen, um die Klänge der Natur aufzunehmen. Dabei spürte sie Rayans Blick auf sich.

Um zu sehen, was er tat, öffnete sie die Augen und sah zu, wie er einen kleinen Stock ins Wasser warf. Dies setzte die spiegelnde Seefläche in Wallung und Wellen breiteten sich aus.

Adora betrachtete diese, als plötzlich ein Fisch nach oben kam und eine Fliege von der Oberfläche schnappte. Das ließ sie lachen. Es wirkte alles so friedlich. Das genaue Gegenteil von dem, was sie gesehen hatte. „Wäre es warm genug, wäre ich mit Euch baden gegangen“, sagte er, wobei er sehnsüchtig klang.

Adora störte die Kühle nicht. Sie wäre bereit trotzdem in den See zu gehen, doch Rayan würde wohl nicht mitmachen. Zudem wollte sie auch nicht, dass er krank wurde.

Überrascht spürte Adora, wie er ihren Rücken streichelte. Sanft und irgendwie beruhigend. „Es tut mir leid, ich hätte Euch nicht mitnehmen sollen. Dieser Anblick ist nichts für eine zarte Frau wie Euch.“ Seine Stimme klang entschuldigend, aber auch irgendwie so, als würde er sich selbst die Schuld geben.

Adora schüttelte leicht den Kopf. „Auch, wenn der Anblick nicht schön war: Ich denke, diese Erfahrung macht mich nur stärker. Nun weiß ich, was geschehen kann“, flüsterte sie, bevor sie schluckte. „Der Anblick hat ein … vertrautes Gefühl ausgelöst.“ Ihre Worte waren leise und flüsternd, doch Rayan schien sie gehört zu haben, denn er hielt in seiner streichelnden Bewegung inne.

„Vertraut?“, fragte er besorgt. Gleichzeitig verstand Adora jedoch auch, dass er wollte, dass sie erklärte, was sie meinte. Das konnte sie jedoch nicht.

„Ich kann es nicht anders beschreiben. Es löst kein Bilder aus“, sagte sie und fühlte sich etwas überfordert.

„Vielleicht … ist Eure Heimat …“, begann er, setzte seine Worte jedoch nicht fort, als würde er befürchten etwas damit hervorzurufen, was ihr vielleicht schadete.

Adora wusste allerdings, worauf er hinauswollte. „Das kann sein“, stimmte sie etwas widerwillig zu. „Aber es muss nicht.“

Wenn dem so wäre würde sie sicherlich noch etwas spüren. Irgendwas.

Rayan begann, sie weiter zu streicheln, bevor er sie sogar etwas zu sich zog. So, dass sie ihren Kopf an seine Schulter legen konnte.



Wärme ergriff sie und ein Gefühl von Ruhe breitete sich in ihr aus. Sein Duft nach frischem Gras umspielte ihre Nase. Als sie die Augen schloss hatte sie das Bild einer blühenden Wiese vor sich und das nur, weil Rayan bei ihr war.

Sie mochte ihn sehr gern und war froh, dass sie bei ihm gelandet war.

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