Adora-Kapitel 15

Unruhig änderte Adora die Position in ihrem Sessel, während sie versuchte, sich auf das Buch zu konzentrieren.
Sie saß in einem Raum in der Nähe von Rayans Schlafzimmer. Dieser hatte sich mit seiner Braut zur Hochzeitsnacht zurückgezogen. Als seine Hofdame hatte sie hier zu warten, um ihm mögliche Wünsche zu erfüllen. Es war nicht üblich, dass der Prinz nach der Hochzeitsnacht bei seiner Braut verbrachte. Er schlief in der Regel in seinem eigenen Bett. Adora war sich also sicher, dass er wieder herauskommen würde, es sei denn, er war eingeschlafen.
Ob etwas nicht stimmte?
Die Gäste waren schon in ihren Zimmern und ruhten oder waren schon nach Hause gegangen. Anfangs hatten sie sich sogar um das Bett versammelt, um zu sehen, dass die Ehe vollzogen wurde.
Adora fand diesen Brauch seltsam und hatte sich zurückgezogen. Sie als Hofdame musste nicht dabei sein und dafür dankte sie dem Protokoll. Sie wusste nicht, ob sie sich hätte zusammenreißen können.
Warum sie die Vorstellung, dass beide miteinander intim wurden, so sehr störte, konnte sie nicht sagen, doch es war eben so.
Sie fühlte sich deshalb schlecht. Es lag ihr fern, den beiden ihr Glück zu neiden. Das gehörte sich nicht. Rayan gehörte nicht ihr und es war seine Entscheidung gewesen.
Eine Tür wurde geöffnet und sofort legte Adora das Buch zur Seite, sah auf und erhob sich schnell. Es war tatsächlich Rayan, der in den Raum kam. Er wirkte blass und erschöpft.
Sofort trat Adora einen Schritt auf ihn zu. Bereit ihn sofort zu stützen, sollte das gewünscht sein. Sie selbst kämpfte diesen Drang aber nieder, da sie ihm nicht zu nahetreten wollte. „Eure Hoheit“, sagte sie sorgenvoll. Dieser schenkte ihr ein Lächeln. Es wirkte alles andere als beruhigend auf Adora.
„Es ist alles in Ordnung“, versicherte er leise und mit müder, schwacher Stimme. „Es war nur ein sehr anstrengender Tag“, winkte er ab. Er trat in den Raum, welcher der Vorraum zu seinem Schlafzimmer und Badezimmer war.
Adora trat weiter auf ihn zu. Sie würde ihm helfen, sich für das Bett fertig zu machen. „Dann solltet ihr Euch jetzt entspannen“, sagte sie, wobei sie begann, seine Kleider zu öffnen. Er schien sie wieder überzogen zu haben. War ihm auf den Weg hierher zu kalt?
Adora knöpfte die Weste auf und strich sie ihm von den Schultern. „Wenn Ihr wünscht, könnt Ihr noch ein heißes Bad nehmen, oder direkt ins Bett“, sagte sie sanft. „Ich habe es Euch wärmen lassen.“
Rayan grummelte etwas und legte plötzlich sein Gesicht an ihre Schulter. „Bekomme ich eine Massage?“, fragte er müde.
Adora lachte leise, bevor sie ihn vorsichtig in sein Zimmer schob. Sie konnte nicht leugnen, dass seine Bitte sie überraschte. Hatte Rosalia ihn so hart rangenommen?
Im Zimmer angekommen half sie ihm dabei, sich komplett zu entkleiden, wie sie es bisher sehr häufig getan hatte.
Wie immer wollte er seine weiße Unterhose anlassen. Er ließ sich auf den Bauch ins Bett fallen und murmelte etwas ins Kissen.
Adora verstand es nicht, doch es klang irgendwie, als wäre Rosalia sehr fordernd gewesen.
Nur mühsam unterdrückte sie ein Lachen. „Ihr Armer“, sagte sie sanft, bevor sie sich zu ihm setzte und begann, mit ihren Händen über seinen Rücken und seine Schultern zu fahren. Erst streichelnd, um zu testen, wo er verspannt war. Dabei bemerkte sie, dass er abgenommen hatte, seitdem sie ihn das letzte Mal massiert hatte.
Lag das daran, dass es in letzter Zeit so viel zu tun gegeben hatte? Die Sache mit dem Dorf und dann auch noch die Hochzeit.
Zudem gab es aktuell sehr viele andere Probleme, um die sich Rayan kümmern musste. Adora wusste es, weil sie ihn oft begleitete.
Sogar, wenn er Adlige besuchte, war sie dabei.
„Ihr seid sehr verspannt“, murmelte Adora, die nun begann, seine Schultern und seinen Rücken zu kneten. Es fühlte sich sehr gut an, ihn so berühren zu dürfen. Irgendwie intim und vertraut.
„Eure Hände tun so gut“, murmelte Rayan, der schon jetzt um einiges entspannter klang. Aber noch immer müde.
Adora hatte nicht erwartet, dass er nach der Hochzeitsnacht so erschöpft sein würde. Ihre Gedanken kreisten darum, was Rosalia wohl mit ihm gemacht hatte. Er war immerhin ein sehr aktiver, junger Mann. Sie konnte sich nichts vorstellen, was das ausgelöst hatte, außer einer ganzen Reihe von Ereignissen.
Adora arbeitete stumm weiter und massierte den König, bis dieser eingeschlafen war. Es gefiel ihr sehr, auf diese Art für seine Entspannung sorgen zu können.
Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht, als sie aufstand und ihn zudeckte. Sie wollte gerade gehen, als Rayan nach ihr griff. Er bekam ihr Handgelenk zu fassen und schien es nicht mehr loslassen zu wollen. „Bleibt hier“, murmelte er verschlafen. Adora fragte sich, ob er sie vielleicht mit Rosalia verwechselte.
Sie ließ sich wieder auf das Bett nieder und strich ihm durch die Haare. Dabei lächelte sie, denn er wirkte so unschuldig, wenn er schlief.
Er zog ein wenig mehr an ihr, was Adora überraschte. Wollte er, dass sie sich zu ihm legte?
Langsam kam sie seiner Deutung nach und lag wirklich wenig später bei ihm. Es war gut, dass sie das Kleid für die Hochzeit bereits gegen ein einfacheres getauscht hatte, sonst wäre es jetzt unbequem geworden.
Adora spürte, dass sich Rayan an sie kuschelte und erleichtert ausatmete.
Das war eine Geste, die Adora wieder zum Lächeln brachte. Er verhielt sich wie ein kleines Kind, doch das war ihr egal. Wenn sie ihm ein wenig Ruhe verschaffen konnte, würde sie das tun. Ihr war nicht entgangen, dass er die letzten Nächte mit Albträumen erwacht war. Da sie nur einem Raum weiter schlief, sofern sie denn überhaupt schlief, hatte sie gehört, wie er in der Nacht durch sein Zimmer gewandert war.
Bisher hatte sie sich allerdings nie getraut, zu ihm zu gehen. Jetzt wusste sie, dass es vielleicht besser gewesen wäre.
Er brauchte Ruhe, um seinen Aufgaben nachgehen zu können. Sie hoffte sehr, dass ihre Gegenwart ihn etwas ruhiger schlafen ließ. Aber warum war er nicht bei seiner Frau geblieben? Weil er sich dort noch nicht wohlfühlte? Aber warum dann bei ihr? Sie war nicht so viel länger hier als Rosalia, dennoch hatte sie das Gefühl, sich sein Vertrauen bereits irgendwie verdient zu haben. Etwas, was sie sehr glücklich machte.
„Schlaft“, murmelte er plötzlich, was Adora überraschte.
Sie rutschte ein Stücken, damit sie bequemer liegen konnte. Rayan ließ es zu und bedeckte sie sogar mit seiner Decke, womit er sie sogar noch weiter an sich zog.
Adora verstand seinen Bedarf nach Nähe sehr. Seit dieser Sache mit dem Dorf hatte er öfter ihre Nähe gesucht. Hatte sie berührt, gestreichelt und in den Arm genommen. Erst dachte sie, er würde es tun, um sie zu beruhigen, doch jetzt glaubte sie mittlerweile, dass er es tat, um sich zu beruhigen. Er war sanfter, als sie erwartet hatte.
Als König musste er immer stark sein, was er auch war. In öffentlichen Bereichen hatte sie ihn noch nie Schwäche zeigen sehen. Mitgefühl und eine gewisse Sanftheit, doch nie Schwäche.
Im Privaten schien er jedoch eine sehr schwache Seite zu besitzen. Etwas, was sie nie erwartet hatte zu sehen. So viel Vertrauen, wie er ihr damit entgegenbrachte, hatte sie ihrer Meinung nach gar nicht verdient. Allerdings würde sie es auch nicht ausnutzen.
Adora drehte sich ein Stück, sodass sie ihn streicheln konnte. Sie selbst hatte auch nicht gut geschlafen, fühlte sich aber nicht müde. Es war ihr ein Rätsel, warum sie manchmal tagelang nicht schlafen konnte und trotzdem nicht müde war. Dem Prinzen hingegen konnte sie seine Erschöpfung ansehen, wenn er in der Nacht nicht geschlafen hatte.
Das durfte nicht sein, denn er musste immer volle Kraft geben.
Adora schloss die Augen, streichelte ihn aber weiter. Sie wollte, dass er wusste, dass sie hier war und auf ihn Acht gab.






































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