Adora-Kapitel 17

Schnell verließ Adora ihr Zimmer, während sie noch ihr Kleid glattstrich. Es war ein einfaches, wenig verziertes Kleid, denn sie wusste nicht, was sie heute erwartete. Ihre Kleidung sollte passend für einen arbeitsreichen Tag sein. Zudem war sie nur eine Hofdame, keine Königin oder Prinzessin. Alles was sie über die richtigen Kleider wusste, hatte sie von Palmira gelernt.

Adora trat in den Salon ein und bemerkte, dass Amato, aber auch Rayan bereits da waren. Sie aßen, schienen aber auf sie gewartete zu haben.

Schnell knickste Adora. „Bitte verzeiht“, flüsterte sie, bevor sie sich an Rayans Seite stellte. Dieser zog sie jedoch unerwartet ein Stück zu sich, sodass sie auf der Armlehne seines Sessels ihren Platz fand.

Adora schnappte nach Luft, sagte aber nichts dazu, sondern lauschte. Sie wollte nicht stören und war gleichzeitig unglaublich neugierig. Was wohl vorgefallen war? Es war für sie eine große Ehre, bei diesem Gespräch dabei sein zu dürfen.

„Du hast etwas Wichtiges für mich?“, fragte Rayan, der eine Tasse Kaffee griff und diese Adora hinhielt. Wie es schien, hatte er seine bereits getrunken. Das zeigte ihr, wie lang sie gebraucht hatte.

Zögerlich, da sie diese Geste überraschte, nahm sie den Kaffee. Das sollte ihre Aufgabe sein, doch wie es schien, übernahm es nun Rayan, denn er reichte ihr auch einen Teller mit Essen.

„Ja. Es gibt leider keine guten Nachrichten“, sagte Amato angespannt. Er schielte sogar einmal kurz zu Adora, als wüsste er nicht, ob er in ihrer Gegenwart darüber sprechen sollte.

Adora dachte zuerst, dass er keine geheimen Dinge besprechen wollte, doch es schien düsterer zu sein. Das zeigte ihr Amatos Miene. „Eine Leiche wurde gefunden. Nil fand sie nicht unweit der Stelle, an der er auch Adora fand“, erklärte Amato vorsichtig.

Mittlerweile wussten die engsten Verbündeten von Prinz Rayan, woher sie kam.

Adora störte das nicht, doch sie wollte mit ihrer Herkunft auch kein schlechtes Licht auf den Prinzen werfen. Daher war es gut, dass nicht viele Leute eingeweiht waren.

Als die Worte zu Adora vordrangen, versteifte sie sich ein wenig. „Eine Leiche?“, brachte sie nach Luft schnappend hervor. War das Zufall?



Amato nickte. „Ja. Und sie ist … speziell“, sagte er zögerlich, während er zu Rayan blickte. Dieser hielt Adora ein Stückchen Gurke hin, als würde er sich selbst damit ablenken wollen.

„Ich soll sie mir ansehen“, stellte der Prinz mit ruhiger Stimme fest, war aber angespannt.

Adora bemerkte es, weil sie noch immer sehr nah bei ihm saß.

Dass er so tat, als wäre alles in Ordnung, verunsicherte sie. Wollte er sie damit vielleicht beruhigen?

Vorsichtig nahm sie die Gurkenscheibe mit den Zähnen aus seinen Fingern.

Amato beobachtete das, nickte jedoch. „Ja. Es wäre besser. Es könnte mit dem Dorf zusammenhängen“, sagte er angespannt, zeigte aber keinerlei Hektik.

Rayan, der Adora die leere Tasse aus der Hand nahm, hob sie schließlich hoch und stellte sie ab. „Dann sollten wir jetzt gehen“, sagte er entschieden, wobei er Adora den Arm reichte.

Diese nahm ihn an. Überrascht darüber, dass er sie mitnehmen würde.

Amato erhob sich ebenfalls und zeigte den Weg.

Wie er erzählte, war die Leiche in den Stallungen deponiert, weil Nil nicht wusste, wohin er damit sollte. Das Gebäude wurden nun von vielen Wachen flankiert.

Adora hatte noch nie so viele Wachen auf einer Stelle gesehen, was sie unruhig werden ließ. „Was ist so besonders an dem Toden?“, wagte Adora zu fragen. Rayan tätschelte ihr die Hand, wirkte aber abwesend.

„Das … müsst Ihr Euch ansehen“, sagte der Hauptmann der Wache, der immer angespannter zu werden schien.

Amato öffnete dem Prinzen das Tor. Adora sah sofort, dass die Pferde nicht hier waren. Es schien, als hätte man sie schnell wo anders untergebracht, was sie verwirrte. Es war doch nur ein toter Körper. Warum sollte man deshalb die Tiere in Sicherheit bringen?

Rayan spannte sich an und auch Adora spürte, dass sie nervös wurde, als sie mit ihm zusammen den Gang zwischen den Boxen entlanglief.

Amato führte sie zu einem Teil wo Futter gelagert wurde. Dort war ein Holzgebilde aufgebaut, auf dem etwas lag, das mit einem Tuch abgedeckt war.

„Ich muss Euch warnen. Der Anblick ist … nicht angenehm“, sagte der Hauptmann, wobei er direkt zu Adora blickte.

Diese straffte die Schultern. Sie war bereit, weshalb sie nickte. Rayan schielte ebenfalls zu ihr, bevor er auf die Leiche blickte und Amato ebenfalls zunickte.



Dieser hob das Tuch und enthüllte das Problem.

Adora schnappte überrascht nach Luft, bevor sie sich eine Hand vor den Mund hielt. Rayan tat es ihr gleich. Er wirkte ähnlich geschockt über den Anblick.

Man erkannte, dass es einst ein Mann gewesen war. Allerdings wirkte er, als hätte er mehrere Wochen lang in der Sonne gelegen und wäre deshalb eingetrocknet. Regelrecht mumifiziert.

Rayan schluckte. „Konntet ihr bereits herausfinden, wer er ist?“, fragte er. Adora ging von einem sehr alten Leichnam aus, ahnte aber nicht, wie falsch sie damit lag.

„Ja. Es ist ein Stallbursche. Nil konnte ihn identifizieren. Er hat ihn gestern gebeten mit einem Pferd auszureiten. Er kam jedoch nicht zurück“, erklärte Amato angespannt.

„Gestern“, keuchte Adora. „Wie ist das möglich?“

Sie schien auszusprechen, was auch Rayan dachte, denn dieser musterte den toten Körper skeptisch. „Das Pferd?“, fragte er, wobei er sich weiter versteifte. Gleichzeitig schien er auch versucht, nichts zu zeigen.

Amato deutete auf ein weiteres Laken. Ein sehr großes. Es lag zwischen Strohballen, weshalb es Adora erst jetzt auffiel.

Sie bekam ein ganz schlechtes Gefühl.

Als Amato auch dieses Tuch wegnahm, kam darunter ein Pferd zum Vorschein, das ebenfalls komplett ausgetrocknet aussah.

Panik machte sich in Adora breit, denn es ähnelte dem verkohlten Körper im Dorf.

Sie begann zu zittern und hatte plötzlich das Gefühl, sie wüsste, was vor sich ging, doch sie konnte es nicht fassen.

Adora löste sich von Rayan, bevor sie einige Schritte auf die Leiche zumachte. Sie schluckte und wollte diese eigentlich berühren, um sich einen besseren Eindruck davon zu verschaffen, doch Rayan hielt sie zurück.

„Fasst das bloß nicht an“, fuhr er sie ungehalten an. Sie konnte Angst in der Stimme hören.

„Glaubt Ihr, es ist … ansteckend?“, fragte Adora atemlos. Sie hatte gehofft, dass sie vielleicht durch die Berührung der Haut an Erinnerungen kam, wenn sie schon dieses vertraute Gefühl hatte.

„Das kann ich nicht sagen, aber ich will nicht, dass Ihr es anfasst“, stellte er klar und wandte sich dann an Amato. „Wo wurden die Leichen gefunden?“, fragte er ernst. Es schien, als würde er sich diese Stelle ansehen wollen.



„Nil wird Euch hinführen“, sagte Amato angespannt. „Er hat zuerst geglaubt, dass es ähnlich wie bei Adora ist. Er hat sie immerhin anfangs auch für tot gehalten.“

Adora wurde blass. „Glaubt Ihr, es hat irgendwas mit mir zu tun?“, fragte sie, wobei ihre Stimme vor Angst quietschend klang.

„Nein, das glaube ich nicht. Aber vielleicht wurdet Ihr ebenfalls angegriffen, habt es aber überlebt“, sagte Rayan, der angespannt klang. „Lass uns sehen, wo die Leichen gelegen haben.“

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