Noshiko-Kapitel 1

Als der Wagen hielt, war ich noch immer betäubt von meinen Gefühlen. In mir war alles leer, als ich meinen Blick nach draußen richtete.
Eigentlich hätte ich Schmerzen spüren müssen. Nach dem Tod meiner Eltern war ich zu meiner Großmutter gekommen, doch diese kam mit mir nicht klar, weshalb sie mich auf dieses Internat steckte.
Schon wieder abgeschoben.
Es hätte schmerzen müssen, doch das tat es nicht. Ich war innerlich wie tot.
Die Tür des Wagens wurde geöffnet und der Mann im Anzug, der mein Chauffeur und Butler war, verneigte sich leicht.
Ich war nie in einer so reichen Familie aufgewachsen, doch Großmutter war reich. Wie reich hatte ich bisher nie gewusst, denn meine Mutter hatte mit ihr gebrochen.
„Wir sind da“, sagte er, bevor er mir die Hand reichte, um mir beim Aussteigen zu helfen.
Ich brauchte es nicht, nahm es aber an, bevor ich meine Beine aus dem Wagen schwang und mich erhob. Meine Gefühle waren wie taub, doch mein Körper so bewegungsfähig wie immer.
Obwohl ich nur ein leichtes Kleid trug, das im Wind sogar wehte, war mir nicht kalt. Die Luft musste kühl sein, doch ich spürte nichts. Vielleicht war es heute Morgen doch eine Tablette zu viel gewesen.
„Danke Satoru“, murmelte ich, da es sich gehörte und ich nicht unhöflich sein wollte. Immerhin war Satoru in den letzten Wochen zu so etwas wie meinem Vertrauten geworden. Er war Butler bei meiner Großmutter und mir zur Seite gestellt worden. Ich mochte ihn irgendwie und hatte mich schnell daran gewöhnt, dass er mir half. Was auf dieser Schule wohl nicht mehr so sein würde.
„Ich nehme Ihre Koffer“, sagte er, bevor er im Kofferraum eben diese hervorholte und dann vorlief. Er schien zu wissen, wo wir hinmussten. Mir war das ganz gleich. Ich hatte nicht einmal wirklich Augen für die Umgebung, dabei hätte ich sie vielleicht als schön empfunden. Früher einmal.
Ich erinnerte mich noch daran, dass ich den Anblick von Blumen, die im Wind schwangen, sehr gemocht habe. Doch jetzt, obwohl ich davon umgeben war und sogar den Duft in der Nase hatte, spürte ich nichts mehr.
Betäubt folgte ich Satoru über die Wege. Sie waren mit grauem Stein gepflastert und lagen zwischen eigentlich schönen Wiesen. Generell war alles sehr naturbelassen, aber gepflegt. Es passte gut zu dem großen Gebäude, das ich in die gotische Zeit einordnen würde. Die Ähnlichkeit mit einem alten Kloster war kaum zu übersehen.




Es gab mehrere Gebäude, die durch Steinkorridore verbunden waren.
Ob mir diese Umgebung guttun würde?
Mein Blick wanderte umher und ich bemerkte die jungen Männer und Frauen, die sich in kleinen Grüppchen sammelten oder auch allein unterwegs waren. Sie schienen den schönen Tag zu genießen, waren jedoch in wärmere Kleidung gehüllt als ich.
Wahrscheinlich würde ich mich wieder erkälten, doch es war mir egal. Es würde auch niemanden stören. Satoru würde nicht mehr da sein und damit gab es niemanden, der sich dafür interessierte, ob ich krank war oder nicht. Zudem war mir nicht kalt.
Mein Blick war auf die Umgebung gerichtet, weshalb ich nur dachte, dass ich Satoru folgte. Dass ich es nicht tat, bemerkte ich erst, als ich gegen irgendwas stieß. Es war unnachgiebig, aber nicht so hart wie eine Wand.
Ich wandte meinen Blick dem Hindernis zu und bemerkte ein dunkles Jackett. Langsam hob ich den Blick und sah irgendwann ein markantes Kinn, fein geschwungene Lippen, eine eigentlich recht kleine Nase und dann fuchsbraune Augen, die von blonden Haaren umrahmt wurden. Diese sahen mich direkt von oben herab an.
Der Blick hatte etwas Arrogantes und Hochnäsiges.
Meine Kehle verließ ein leises Seufzen. „Tschuldige“, nuschelte ich und wollte eigentlich an ihm vorbei, doch er packte meinen Arm, bevor er mich zurückzog.
„So nicht, kleine Maus“, sagte er mit rauer, tiefer Stimme. „Du bist neu hier und solltest gleich lernen, wie es hier läuft“, behauptete er. Mein Blick glitt auf seine Hand, die meinen Oberarm völlig umschlang. Seine Finger waren feingliedrig und lang. Trotzdem war mein Oberarm auch nicht gerade dickt. Vielleicht sollte ich wieder mehr Essen.
Ich überlegte kurz, ob ich mein Bein heben und ihm mein Knie in die Weichteile rammen sollte, so wie ich es früher wohl gemacht hätte, doch ich verspürte keine Lust dazu. Generell war mir alles egal. Auch seine Anrede, die mich früher wohl auf die Palme gebracht hätte.
„Das interessiert mich nicht“, antwortete ich mit schleppender Stimme. Es stimmte immerhin. Wieso sollte ich lernen, wie es hier lief? Das war mir egal.
Sein Griff um meinen Arm wurde stärker und er hob mich damit sogar leicht an. Sein Blick dabei direkt auf mich gerichtet. „Du hast ein ganz schön vorlautes Mündchen“, behauptete er herablassend.




„Wenn du mir den Arm brichst, musst du den Krankenhausaufenthalt zahlen“, bemerkte ich fast schon gelangweilt. Ich spürte zwar ein Drücken, doch nichts, was wirklich schmerzte.
Dann spürte ich, wie von seiner Hand ein Stromschlag ausging, der durch meinen Körper wanderte.
Für einen Moment hatte ich das Gefühl, mein Körper würde kribbeln. Ein Gefühl, das mir sogar gefiel. Es zeigte mir, dass ich noch lebte. Damit schien ich den jungen Mann allerdings nicht die gewünschte Reaktion zu liefern.
„Bist du masochistisch oder so?“, fragte er, bevor er die Intensität verstärkte. Mein Körper erschauderte lediglich und ungewollt gab ich ein leises Keuchen von mir. Nicht vor Schmerzen, sondern weil mir dieses Gefühl irgendwie gefiel.
„Bist du bald fertig?“, fragte ich, denn ich hatte ein Ziel. Nicht, dass ich dort ankommen wollte, aber Satoru wartete wahrscheinlich schon. Ich wollte ihm keine Sorgen machen.
Der blonde Mann senkte seine Lider, während seine Augen für einen Moment rötlich schimmerten.
Ich war nicht unter dieser Art von Begabten aufgewachsen, doch ich kannte diese Magie dennoch, denn auch ich besaß sie. Irgendwie.
Es machte mir also keine Angst. Vielleicht war er stark und gefährlich war er definitiv, doch da ich selbst nicht mehr viel vom Leben erwartete, war es mir im Grunde egal, was er mit mir tat.
Was auch immer ich gesagt oder getan hatte, es sorgte dafür, dass er lächeln musste, bevor er tatsächlich von mir abließ. „So ist das also“, sagte er, bevor er sich vorbeugte. Ich dachte zuerst, er wolle mir etwas ins Ohr flüstern, doch dann berührte er plötzlich meine Lippen und stahl mir meinen ersten Kuss.
Damit hinterließ er ein Kribbeln, das sich durch meinen Körper schlängelte und mir tatsächlich die Sprache verschlug. Ich blieb verwirrt stehen, während er sich von mir löste. „Was für zarte Lippen“, sagte er, während er mit seinem Daumen diese bei mir nachfuhr.
„Bist du jetzt fertig?“, fragte ich, wobei meine Stimme leicht rau klang. Diese Tabletten sollte ich vielleicht absetzen. Sie unterdrückten einfach zu viele Gefühle. Mein Kopf sagte mir, dass diese Situation komplett falsch war, doch meinen Körper interessierte das nicht.
„Mit dir habe ich sicher noch viel Spaß“, behauptete der Blonde, bevor er komplett von mir abließ und sich umwandte. Was war das nur für ein Typ? Hatte der keine Freundin, dass der die erst beste mit Brüsten nehmen musste? Ich machte mir gar keine Gedanken darum, dass er mich schön finden könnte. Vielleicht hatte er einfach eine Vorliebe für rote Haare. Zumindest damit konnte ich punkten. Wenn man darauf stand.




Als ich Satoru wieder eingeholt hatte, musterte er mich skeptisch. „Ihr habt dort einen blauen Fleck“, bemerkte er besorgt. Ich versuchte, seinen Blick zu folgen und sah schließlich auf meinen Arm, den er anstarrte. Es war die Stelle, an der mich der Mann gehalten hatte. Dort war wirklich ein blauer Fleck. Etwas, was mich leise seufzen ließ. Es tat nicht weh, war aber nun unschön anzusehen.
„Passiert“, antwortete ich, weil es mir im Grunde egal war.
Dafür erntete ich einen erneuten besorgten Blick von Satoru. „Seid Ihr Euch sicher, dass mit der Medikation alles in Ordnung ist?“, fragte er leise, aber hörbar unruhig.
Ich zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, mir egal. Gehen wir weiter“, beendete ich das Gespräch und lief an ihm vorbei.
Satoru selbst war nur ein Mensch ohne magische Fähigkeiten, weshalb er sich wohl auch nicht eingemischt hatte. Er hätte sowieso keine Chance gehabt.
Ich selbst besaß ebenfalls Fähigkeiten, doch durch das Blut meines Vaters waren sie, laut meiner Großmutter, verwaschen. Er war nur ein Mensch, weshalb ich lediglich die Hälfte der Magie besaß. Wenn das wenigstens heißen würde, dass ich einfach nicht so viel konnte, wie andere, würde es mich nicht stören, doch das Problem war, dass meine Magie unkontrolliert war und somit gefährlich. Etwas, was ich oft genug am eigenen Leib erfahren hatte.
Gemeinsam mit Satoru betrat ich das Gebäude, das wohl das Hauptgebäude war.
Wir traten in einen großen Raum, der wohl als Aufenthaltsraum genutzt wurde.
Überall waren Schüler, die mich anstarrten. Ich ignorierte sie und versuchte stattdessen die Einrichtung einzuordnen. Es gab Bücherregale, Sofas, weitere Regale, Arbeits- und Spieltische und Musik.
Obwohl man hier wohl auch arbeiten konnte, wurde er scheinbar eher zum Spielen genutzt. Ein typischer Hobbyraum wie es schien.
Satoru führte mich durch die Menge, die ich tuscheln hörte.
„Ich habe sie draußen mit Yuri gesehen“, hörte ich eine Frau flüstern.
„Hat er sie auf ihren Platz verwiesen?“, fragte ein junger Mann.
Ich versuchte, das Gespräch weiterzuverfolgen, doch da ich mich entfernte, wurde es leiser. Daher hörte ich den Rest nicht.
Mit Satoru zusammen verließ ich den Raum durch eine Tür und folgte nun einer Art Flur, der zu einer Seite Rundbögen aufwies. Nur ein kleiner Steinzaun trennte uns vom Garten, wo sich weitere Schüler tummelten.




„Das hier ist das Zimmer der Sekretärin“, sagte Satoru plötzlich, was mich dazu brachte, meinen Blick von den anderen abzuwenden.
Ich betrachtete die hölzerne Tür und nickte zustimmend.
Satoru klopfte und öffnete sie dann. Gemeinsam traten wir ein.
Da direkt gegenüber der Tür ein kleiner Tresen stand, fiel mein Blick sofort auf die Frau dahinter. Sie wirkte freundlich als sie aufblickte, denn sie schenkte uns ein Lächeln.
Mühsam versuchte ich, das Lächeln zu erwidern, doch ich konnte meine Lippen einfach nicht dazu bringen, sich zu bewegen. Dafür lächelte Satoru. „Guten Morgen“, grüßte er höflich, wie er war. „Ich bringe Lady Noshiko Namura“, erklärte er. „Wir hatten telefoniert“, fügte er hinzu. Die Frau riss ein wenig die Augen auf, wobei sie fast ungläubig aussah. Eine Reaktion, die ich durchaus verstand, wenn man meine Familie betrachtete. Was nicht hieß, dass es mir gefiel.
„Natürlich. Lady Namura, willkommen“, sagte sie schnell, erhob sich und knickste.
Daran würde ich mich nie gewöhnen. Vor allem nicht daran, dass er mich mit dem Namen meiner Großmutter vorgestellt hatte. Dieser war überall bekannt und machte es für mich sicherlich nicht leicht.
Die Sekretärin ließ sich wieder nieder und begann dann, etwas in ihren Regalen zu suchen, zu denen sie mit ihrem Stuhl rollte. Schließlich zog sie einiges hervor. „Das hier ist Ihr Zimmerschlüssel“, sagte sie und reichte mir als Erstes einen silbernen Schlüssel, den ich entgegennahm und nachdenklich betrachtete. Darauf war eine Zimmernummer eingraviert. Das würde es leicht machen. „Ihr Zimmer liegt in der zweiten Etage“, erklärte sie, bevor sie mir weitere Dokumente zuschob. „Ihr Stundenplan und ein Plan der Räume. Die Schule beginnt morgens neun Uhr und endet vierzehn Uhr. Danach gibt es weitere Angebote, bei denen Sie sich gern einschreiben können“, bot sie an, während ich mir die Dokumente nahm und sie kurz besah. Dann nickte ich. Mir war die ganze Zeit bewusst, dass sich mein Gesicht nicht verzog oder eine Regung zeigte.
Eine Nebenwirkung meiner Medikation, die mir jedoch sehr gelegen kam.
„Können wir jetzt gehen?“, fragte ich, weil ich einfach meine Ruhe wollte. Die Sekretärin nickte leicht überrascht.




„Wenn es keine weiteren Fragen gibt“, sagte sie, klang aber hoffnungsvoll, dass ich fragte, doch ich drehte mich um und ging zur Tür hinaus. Satoru folgte mir, immerhin hatte er meine Koffer.
Draußen erwartete mich der blonde Mann und ich fragte mich, ob er mir gefolgt war.
Er schenkte mir ein Lächeln, bevor er mir einen Arm um die Schultern legte, als wären wir die besten Freunde. „Ich begleite dich auf dein Zimmer“, sagte er, als hätte ich gar keine andere Wahl.
Ich nahm seinen Arm und zog ihn von meinen Schultern. „Ich brauche keinen Babysitter“, antwortete ich mit ruhiger Stimme, während ich einfach loslief. Ich hatte gehofft, ihn stehenzulassen, doch er folgte mir.
Da es mir zu nervig wurde, ließ ich es einfach zu. Wenn er unbedingt wollte, dann war das so.
Satoru folgte uns langsam und ich behielt ihn leicht im Auge. Immerhin trug er meine Koffer und war derjenige, der hier am meisten gefährdet war.
Schließlich lief ich die Treppe nach oben und suchte nach der Nummer auf meinem Schlüssel.
Der blonde Mann, der wohl Yuri hieß, hatte seinen Arm wieder um mich gelegt und schielte nun auch auf den Schlüssel. „Sehr schön, du bist in meinem Gang“, sagte er, als wäre er damit sehr zufrieden und hätte es geplant.
„Was willst du von mir?“, fragte ich monoton, während ich weiter mit meinen Augen die Türen absuchte.
„Dir zeigen, wie es hier läuft. Jetzt, wo du hier auf die Schule gehst, gehörst du mir“, antwortete er, wobei ein Unterton in seiner Stimme mitschwang, den ich nicht ganz einordnen konnte.
Normalerweise hätte ich jetzt geschnaubt und ihn darauf hingewiesen, dass ich niemanden gehörte, doch ich zuckte lediglich die Schultern. „Mir doch egal“, murmelte ich, bevor ich vor meinem Zimmer stehenblieb und aufschloss. Dann deutete ich Satoru, dass er die Koffer hineintragen sollte.
Dieser tat, wie ich ihn angewiesen hatte, während ich draußen blieb. Als er fertig war, kam er zurück und verneigte sich vor mir. „Bitte ruft an, sollte es Probleme geben“, bat er, bevor er meine Hand nahm und meinen Handrücken küsste. Das entlockte mir fast ein Lächeln, denn es war für ihn sehr typisch.
„Danke Satoru. Komm gut heim“, bat ich und nahm mir vor, ihn regelmäßig anzurufen. Ich wollte nicht, dass er sich Sorgen machte.




Erneut verneigte sich Satoru, bevor er ging.
Kaum war er um die Ecke im Flur, wandte sich Yuri wieder an mich.
„So, da nun dein Wachhund weg ist“, sagte er, als hätte er nur darauf gewartet. Er trat vor mich und hob erneut mein Kinn an. „Wie ist dein Name?“, wollte er wissen. Seine fuchsbraunen Augen zogen mich fast in seinen Bann, doch ich löste mich schnell, bevor ich zur Tür hineinschlüpfte und sie ihm vor der Nase zuknallte und abschloss. Wenn der die ganze Schulzeit so sein würde, bräuchte ich definitiv mehr von diesen Medikamenten. Ich konnte es mir nicht leisten, die Kontrolle zu verlieren.

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