Noshiko-Kapitel 12

Auf dem Rückweg zum Internat klopfte mein Herz heftig vor Aufregung. Unerwartet hatte man mir gesagt, ich solle die Tabletten nur noch nehmen, wenn ich es für nötig hielt. Trotzdem hatte ich wieder genug davon dabei. Vielleicht hätte ich von dem Ausbruch erzählen sollen, den ich gehabt hatte, doch ich wusste bis jetzt nicht, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen war. Die Tatsache, dass ich bei der Schulheilerin aufgewacht war, sprach dafür, dass es kein Traum gewesen war, doch meine Erinnerungen waren so verschwommen, dass es mir selbst schwerfiel, das wirklich einzuschätzen. Niemand konnte es bestätigen.
„Bitte seid vorsichtig und haltet Euch von ihm fern“, bat Satoru eindringlich, als er auf den Parkplatz des Internats stehen blieb.
Da ich meinen Schlüssel zurückhatte, konnte ich wieder in mein Zimmer. Ich nickte also und wartete, bis er mir die Tür öffnete, bevor ich ausstieg. Satoru nahm meine beiden Koffer. Dieses Mal hatte ich ein paar mehr Dinge dabei, weil Yoko unbedingt hatte packen wollen. Beim ersten Mal hatte ich mich dagegen gesträubt.
„Ich werde Eure Sachen auf Euer Zimmer bringen“, erklärte er, wobei ich ihm kommentarlos den Schlüssel reichte. Ich ließ meinen Blick schweifen und bemerkte Yuri, der an der Wand neben dem Haupteingang lehnte und zu uns rüber blickte. Wie versprochen hatte ich ihn angerufen und darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich heute zurückkehrte. Zudem hatten wir auch zwischendrin immer wieder telefoniert. Mehr als zehn Mal, auch wenn ich nur insgesamt drei Tage zuhause gewesen war.
Seine Stimme beruhigte mich einfach ungemein und ich hatte vielleicht sogar ein wenig eigensinnig und egoistisch gehandelt, doch ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass an Satorus Worten etwas dran war.
Während Satoru auf die Schule zulief, schlenderte ich ebenfalls über den Parkplatz auf das Gebäude zu. Er würde die Koffer abstellen, sodass ich Zeit hatte, wieder anzukommen und die kühle Brise zu genießen. Ich mochte den Winter sehr gern. Unter der dicken Schneedecke sah die Welt immer so friedlich aus. Allerdings war noch kein Schnee gefallen, trotzdem gefror mein Atem bereits vor meinem Mund.
Erst, als Satoru im Gebäude verschwunden war und mich nicht mehr sehen würde, trat ich auf Yuri zu und legte ihm eine Hand auf die Brust, bevor ich mich an ihn schmiegte. „Ich hab dich vermisst“, flüsterte ich mit bedrückter Stimme. Er griff mein Handgelenk und zog mich ein Stück weg, sodass er mir einen Kuss auf die Lippen drücken konnte, ohne, dass es jemand sah.




Als er sich löste, hielt er meinen Arm weiter nach oben, damit ich mich wohl nicht von ihm entfernen konnte. Dabei musterte er mich eindringlich. „Du hast keine Tabletten genommen“, stellte er fest, was mich überraschte.
„Wie kannst du das erkennen?“, fragte ich zögernd.
„Deine Augen. Das Braun wirkt mehr wie Gold, wenn du sie nicht nimmst und du bist viel offener“, sagte er, wobei er besorgt klang.
Ich wolle ihn beruhigen, weshalb ich nickte. „Der Arzt sagt, ich muss sie nicht mehr regelmäßig nehmen. Nur, wenn ich das Gefühl habe, ich brauche sie“, versuchte ich zu erklären.
Yuri verengte die Augen. „Gut“, sagte er, bevor er mich plötzlich über seine Schulter warf.
Ein Keuchen und Quietschen verließ meine Lippen. „Was soll das?“, fragte sie, während mein Herz panisch klopfte. Was hatte er jetzt vor?
„Ich hatte das Gefühl, dass du wegrennen würdest, wenn ich dich nicht gleich mit zu mir nehme“, bemerkte er nüchtern. Etwas, was ich wirklich vorgehabt hatte. Ich hatte mein eigenes Zimmer aufsuchen und mich von ihm fernhalten wollen. Hatte gut funktioniert.
„Satoru darf uns so nicht sehen“, hauchte ich, weil das meine einzige, wirklich Sorge war. Alles danach würde sich ergeben.
Yuri lachte. „Warum denn?“, fragte er belustigt. „Hast du Angst, er petzt deiner Großmutter?“, wollte er wissen.
„Ja. Sie wird mich von der Schule nehmen. Das hat sie selbst gesagt“, stammelte ich. Ich wollte nicht von der Schule.
Yuri schnaubte, bevor er mich absetzte. „Gut. Aber nur, damit das nicht passiert: Wenn du heute Abend nicht bei mir im Zimmer bist, werde ich dich finden und zurückholen. Verstanden?“, wollte er wissen, wobei er mir eindringlich in die Augen sah. Ich hatte sogar kurz das Gefühl, dass diese rot wurden.
Da seine Ringe nicht mehr an meinem Körper waren, hatte er keine Chance mehr, mich zu finden. Dass er sie für die Untersuchung der Ärztin abgemacht hatte, hatte mich durchaus verwundert und jetzt frage ich mich, ob er vielleicht nur gewartet hatte, damit ich ihm nicht wegrennen konnte.
Leicht verzog ich ein wenig die Lippen. „Ich nehme keine Tabletten mehr. Du kannst nicht mehr so leicht mit mir spielen, wie bisher“, entgegnete ich, wobei ein leises Flüstern in meinem Kopf laut wurde. Das gefiel mir gar nicht.




Es kam zur komplett unpassendsten Zeit. Vielleicht sollte ich doch eine Tablette nehmen.
Yuri packte mein Kinn und lächelte mich an. „Vielleicht nicht, aber es gibt andere Methoden. Ich will dich, also bekomme ich dich“, sagte er, wobei er dabei sehr selbstsicher klang.
Mir rann ein Schauer über den Rücken. Er war plötzlich so anders. So kalt und … lag das daran, dass ich jetzt von Satoru wusste, dass er gefährlich war und weil ich ihn in der Stadt beim Bedrohen eines Mannes gesehen hatte?
Yuri beugte sich zu mir hinab. „Keine Angst. Ich werde dir nicht weh tun“, sagte er sanft, bevor er zögerte. „Nun gut, vielleicht ein bisschen, aber ich weiß, dass du das magst“, hauchte er, was schon verführerisch klang und dafür sorgte, dass mir ganz warm wurde. Ich erinnerte mich an den Abend mit ihm im Bett zurück und schauderte.
Yuri hauchte mir erneut einen Kuss auf die Lippen, bevor er von mir abließ. „Heute Abend“, erinnerte er mich noch einmal, was mein Herz klopfen ließ. Ich bemerkte sogar, dass ich im Gesicht ein wenig warm wurde.
Schnell lief ich los, um zu meinem Zimmer zu gelangen, damit ich noch einmal mit Satoru sprechen konnte.
Dieser hatte die Koffer schon in den Raum gestellt und begann sogar, einzuräumen. Das würde es Yuri hoffentlich schwerer machen, mich wieder für immer zu entführen.
Als ich eintrat, sah Satoru auf und lächelte, bevor er das letzte Kleid aufhängte. „Deine Großmutter hat mir das hier mitgegeben“, sagte er, bevor er mir ein kleines Döschen reichte. Es war schön verziert und wohl an sich schon ein kleines Kunstwerk. Als ich es öffnete kam ein Ring, Ohrringe und eine Kette zum Vorschein. Sie waren silbern mit einem wunderschönen, amethystfarbenen Stein. Ich lächelte leicht. „Sag ihr danke“, sagte ich.
„Sie sagt für den Ball am Ende des ersten Jahres“, erklärte er mit einem zufriedenen Lächeln.
Ich war es gewohnt, dass Großmutter mir die Dinge nicht selbst schenkte. Sie tat es schon immer über dritte, doch sie zeigte mir damit, dass sie an mich dachte. Es war irgendwie sehr schön.
„Würdest Ihr es für mich anziehen, damit ich ein Foto machen kann?“, fragte Satoru mit funkelnden Augen. Ich lachte leise, bevor ich mich vor den Spiegel stellte, um den Schmuck anzulegen. „Er steht Euch sehr gut“, behauptete er, was dafür sorgte, dass ich mich lachend zu ihm umdrehte. Da er bereits sein Handy für ein Foto gezückt hatte, posierte ich gut gelaunt, sodass er einige Bilder machen konnte. Wie ich wusste, würden die meisten davon sogar im Zimmer meiner Großmutter landen. Diese hatte, was mich sehr überrascht hatte, eine komplette Wand voller Familienfotos. Darunter sogar welche von der Tochter, die mit ihr gebrochen hatte, weil Großmutter mit meinem Vater nicht einverstanden war. Sogar von diesem war ein Bild vorhanden.




Ich verstand ihre Entscheidung nicht, hatte aber aufgehört, diese zu hinterfragen. Sicherlich hatte sie ihre Gründe und es war nicht meine Baustelle. Es war sowieso zu spät.
Es gab kein Zurück mehr. Die heile Welt, die ich mir wünschte, würde nicht wiederkommen. Egal wie sehr ich es mir wünschte. Der Tod war endgültig. Es war Großmutters Aufgabe, Genugtuung zu fordern. Sie war das Gesetz. Deshalb war ich überhaupt noch hier und nicht im Gefängnis.

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