Noshiko-Kapitel 4
Viele verschiedene Zauber später schien er endlich zufrieden zu sein. Die ganze Zeit über hatte ich ihm gezeigt, was ich konnte, aber er nicht mir. Es interessierte mich irgendwie, doch nicht so sehr, dass ich nachfragen würde.
Yuri rieb sich die Hände. „So, damit sind wir für heute fertig“, entschied er, bevor er mich erneut packte, um mich mit sich zu ziehen.
Mein Blick glitt in den Himmel. Es musste kurz nach Mittag sein. Da mein Bauch ein wenig knurrte, konnte das stimmen. Sagte die Sekretärin nicht, dass erst gegen fünfzehn Uhr oder so Schluss war? Konnte Yuri das so einfach entscheiden? Wo wollte er überhaupt mit mir hin?
Ich stolperte ihm hinterher, weil er so schnell lief, dass ich Mühe hatte, ihm zu folgen. „Wir machen Mittagspause in meinem Zimmer“, entschied er. Mir war es im Grunde egal, wohin er mich brachte. Er schien meine Gegenwart zu wollen, weshalb ich mich nicht beschwerte.
Schließlich zog er mich wieder in das Gebäude hinein, in dem ich mein Zimmer hatte. Auch in die Etage führte er mich, zog mich aber an meiner Tür vorbei zu der, die am Ende des Flures lag.
Als er diese öffnete, empfing uns ein kleiner Vorraum, bevor wir in ein großes Schlafzimmer kamen. Es gab sogar einen abgetrennten Bereich für Studien, der sogar benutzt aussah.
„Ihr seid zurück“, sagte eine Frau überrascht, die in die schwarz-weiße Uniform eines Dienstmädchens gekleidet war. Sie knickste höflich. „Soll ich Euch Euer Essen bringen?“, fragte sie. Da sie sehr routiniert wirkte, glaubte ich, dass Yuri wohl immer hier aß.
„Ja und bring ihr auch etwas mit“, wies er die Frau an, die erneut knickste.
„Sehr wohl, Herr.“ Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer.
Ich wunderte mich mittlerweile über gar nichts mehr, denn im Grunde war es ähnlich wie bei meiner Großmutter. Ob er wohl auf einer ähnlichen Stufe stand? Aber warum war er dann hier? War er vielleicht gar kein Schüler?
„Setz dich“, forderte er und drückte mich förmlich auf sein Bett. Dann hockte er sich vor mich und zog mir meine Schuhe aus.
„Was tust du da?“, fragte ich perplex, da mich das nun doch interessierte. Wollte er mich etwa ausziehen?
Yuri lachte. „Nach was sieht es denn aus? Ich zieh dir deine Schule aus. Man legt sich nicht mit Schuhen hin.“
Hinlegen? Was sollte das denn jetzt?
Ich ließ ihn machen und so streifte er mir die Schuhe von den Beinen, bevor er diese einfach hinter sich warf. Sie kamen ploppend auf dem Teppich auf.
Dann hob er plötzlich meine Beine an und mit einer Bewegung, die mich durchschüttelte, lag ich plötzlich auf dem Rücken auf seinem Bett. Die Hände vor Überraschung links und rechts neben meinem Kopf und mein Blick an die Decke gerichtet, die ein wunderschönes Bild von Engeln und Dämonen aufwies.
Mein Herz klopfte auf eine Art und Weise, wie es lange nicht mehr der Fall gewesen war. Er hatte mich tatsächlich überrascht und dafür gesorgt, dass Adrenalin durch meine Adern rann. Das war nicht gut.
Ich atmete ruhig und fing mich wieder. Es durfte nicht sein, dass ich diesem Gefühl nachgab.
Für einen Moment glaubte ich, dass er sich über mich beugen würde, doch das geschah nicht. Stattdessen setzte er sich zu mir ans Bett und fuhr mir durch die Haare. „Ruh dich etwas aus, bis das Essen kommt. Die Magie muss dich angestrengt haben“, sagte er, wobei er liebevoll klang.
Sein gesamtes Verhalten irritierte mich. Machte er das absichtlich? Was bezweckte er damit?
Ich war zwar nicht erschöpft, schloss aber trotzdem meine Augen. Es fühlte sich irgendwie gut an, in seinem Bett zu liegen. Sein Geruch, der hier überall war und mir vorher gar nicht so richtig aufgefallen war, umhüllte mich. Er war sehr angenehm, weshalb ich sogar fast ins Reich der Träume glitt, als die Tür geöffnet wurde.
Das Dienstmädchen kam herein, knickste, stellte das Tablett auf den Tisch und verschwand dann wieder.
Ich folgte ihr die ganze Zeit mit meinem Blick und setzte mich schließlich auf.
Mein Blick glitt auf die beiden Tabletts, die mit allerlei Dingen beladen waren. Wer sollte das denn alles essen?
Yuri nahm eine Gabel und hielt mir damit ein Stück Fleisch in einer dunklen Soße vor den Mund. Dabei blickte er mich mit einer stummen Aufforderung an, weshalb ich ohne Kommentar das Fleisch nahm. Es war leicht scharf, was mir recht gut gefiel. Die Soße harmonierte gut mit dem Schwein.
Yuri lachte leise. „Ich hätte nicht erwartet, dass es wirklich Leute wie dich gibt“, bemerkte er, was mich für einen Moment sogar nervös machte. Hatte er etwas herausgefunden? Das wäre nicht gut und das müsste ich meiner Großmutter sagen, doch dann sprach er weiter und zerstreute meine Ängste. „Du bist so fügsam, dass es langweilig sein könnte, wenn ich nicht neugierig wäre, wie du wirklich bist“, bemerkte er grinsend.
„So bin ich wirklich“, sagte ich, damit er nicht auf falsche Gedanken kam.
„Du lügst schon wieder.“
Verflucht. Hatte er etwa sowas wie eine Gabe Lügen zu sehen?
„Es wird mir eine Freude sein, herauszufinden warum“, sagte er grinsend. Das gefiel mir gar nicht. Ich hatte gehofft, dass er irgendwann die Lust verlor und von mir abließ, weil ich zu langweilig wurde, doch es schien, als würde gerade das ihn noch mehr anspornen.
Ich sollte mir Sorgen machen, doch diese waren so gering, dass ich sie ignorierte. Eigentlich sollte ich jetzt gehen und mich von ihm fernhalten, doch ich genoss seine Nähe dafür viel zu sehr. Ich vermisste nicht nur körperliche Nähe, doch diese war leichter zu bekommen. Vielleicht würde er von mir ablassen, wenn er bekam, was er wollte. Ich ging davon aus, dass er nur jemanden für eine schnelle Nummer suchte. Für mich war er der Typ Mann, der sich die Neulinge vornahm, sie verführte und dann fallen ließ.
Er hielt mir erneut ein Stück Fleisch vor den Mund. „Weißt du, mit deinem Verhalten stachelst du mich richtig an, dir eine Reaktion zu entlocken“, bemerkte er.
Als ich nach dem Stück Fleisch beißen und es in den Mund nehmen wollte, zog er die Gabel plötzlich zurück und kam mir so nah, dass ich mich wenig später auf dem Rücken liegend auf dem Bett wiederfand. Er über mir und sein fuchsbrauner Blick direkt auf mich gerichtet.
Mein Herz begann heftig zu klopfen, doch die Überraschung dauerte nur kurz. Zudem musste ich ihm wohl nicht das gegeben haben, was er wollte, denn irgendwie wirkte er enttäuscht. „Da war Überraschung, aber so kurz, dass man sie kaum wahrnimmt. Was ist nur mit dir?“, fragte er, wobei er leicht den Kopf schüttelte.
„Mit mir ist alles in Ordnung“, erwiderte ich kühl.
Er zog sich von mir zurück. „Schon wieder eine Lüge“, bemerkte er belustigt. „Aber ich habe eine Reaktion von dir bekommen. Fühlst du dich etwa bedrängt?“, wollte er neckend wissen.
Er ging mit mir um, als würden wir uns schon ewig kennen. Das war wirklich seltsam.
Schließlich zog er mich wieder nach oben, was dafür sorgte, dass mir ein wenig schwindelig wurde. Vielleicht hatte ich zu wenig getrunken und gegessen. Das passierte mir immer wieder, aber ich hatte absolut keinen Hunger.
„Jetzt iss“, befahl er mir, bevor er mir das Tablett und sogar ein Glas reichte. Darin war Saft, von dem ich sofort einen Schluck nahm. Es war Zitrone, was eigentlich dafür gesorgt hätte, dass ich meinen Mund verzog, doch wie die letzte Zeit immer, genoss ich diesen Geschmack sehr. Er war abgeschwächt, wie fast alles, doch er zeigte zumindest ein wenig Wirkung.
Der Blick, den mir Yuri dabei zuwarf, konnte ich nicht entschlüsseln und konzentrierte mich lieber darauf, meinen Magen zu füllen, damit ich nicht wieder zusammenbrach. Alles andere hatte Zeit.



































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