Noshiko-Kapitel 5

Ich spürte Wärme um mich herum und stellte fest, dass ich wohl eingeschlafen sein musste.
Langsam öffnete ich meine Augen und bemerkte, dass ich im Bett von Yuri lag. Zudem lag er an mich gekuschelt und hielt mich im Arm.
Wie war ich in diese Position geraten? War das der Saft, den er mir gegeben hatte? Danach war ich irgendwie müde geworden.
Vorsichtig, um ihn nicht wach zu machen, setzte ich mich auf. In meinem Kopf pochte es leicht, was mich daran erinnerte, dass ich meine Medikamente nehmen musste.
Daher schwang ich vorsichtig meine Beine aus dem Bett und erhob mich.
Es klirrte leise, was mich verwirrte, bis ich bemerkte, dass an meinem Fuß eine Kette befestigt war.
Leicht riss ich meine Augen auf, als mir auffiel, dass ich mit einer Kette am Bett angebunden war.
Was sollte das denn?
Ihr fuhr mir durch die Haare, bevor ich mich hinabbeugte und versuchte, mit Magie die Kette zu lösen. Sofort schickte diese Blitze durch meinen Körper, was mich erzittern ließ.
Hinter mir bewegte sich Yuri, der sich aufsetzte. „Hattest du etwas vor, abzuhauen?“, fragte er mit rauer Stimme. Dabei hatte ich mir Mühe geben, ihn nicht zu wecken.
„Ich brauche meine Medikamente“, antwortete ich lediglich, bevor ich mich zu ihm wandte und wieder auf das Bett setzte.
Yuri musterte mich nachdenklich. „Medikamente?“, fragte er neugierig. Ich nickte lediglich. „Für was?“, wollte er wissen.
„Großmutter sagt, sie halten meine Krankheit im Zaun“, erklärte ich, denn das war die Wahrheit.
Yuri nickte und hielt die Hand auf. „Gib mir deinen Schlüssel, ich hole sie dir“, bot er an.
Mir war nicht ganz wohl dabei, ihn in mein Zimmer zu lassen, doch im Grunde gab es dort nichts Wichtiges, außer die Medikamente. Daher drückte ich ihn den Schlüssel, den ich um den Hals an einer Kette trug, in die Hand. Vielleicht war er schlau genug, ein Kleid zum Schlafen mitzubringen. Oder wenigstens eines für morgen früh.
Yuri hing ihn sich um und lächelte mich an. „Den gebe ich dir nicht wieder“, erklärte er. Ich zuckte die Schultern. Irgendwie hatte ich damit gerechnet.
Wenn ich wirklich wieder in mein Zimmer wollte, müsste ich wohl zur Direktorin und dort fragen. „Dann musst du mir alles holen, was ich brauche“, bemerkte ich lediglich.




„Ich entscheide, was du brauchst“, bemerkte er mit einem selbstsicheren Lächeln. Irgendwie wirkte er nun weniger liebevoll, wie vorhin, als er mich gefüttert hatte. Das gefiel mir gar nicht. Wenn ich aber an seine Worte dachte, dann wollte er damit sicherlich nur eine Reaktion von mir erhalten, die ich ihm nicht geben würde.
Yuri verließ den Raum und ich legte mich auf das Bett zurück. Hoffentlich erpresste er mich nicht mit meinen Medikamenten.
Mein Blick wanderte zu der Kette, an der ich angebunden war.
Ich folgte dieser und bemerkte, dass sie so weit reichte, dass ich zwar ins Bad kam, aber nicht weiter als bis in den Vorraum.
Was sollte ich denn davon halten? Hatte dieser Typ mich einfach hier eingesperrt.
Ein Seufzen verließ meine Lippen, bevor ich erneut Magie in die Kette leitete. Wie erwartet durchfuhren mich Blitze. Diese ließen mich keuchen. Das Kribbeln, das nun meinen Körper heimsuchte, gefiel mir gut. Es beruhigte mich irgendwie, weshalb ich noch einmal mit Magie versuchte, die Ketten zu lösen, nur um die Blitze zu spüren. Das Gefühl gefiel mir gut, weshalb meine Lippen sich sogar zu einem leichten Lächeln verzogen.
Die Tür ging auf und Yuri kam zurück, hatte aber keine Medikamente dabei. „Was tust du da?“, fragte er, während er auf mich zu kam.
Ich blickte ihn nur kurz an, bevor ich mich wieder aufs Bett legte. „Medikamente?“, fragte ich lediglich.
„Ich habe meine Dienerin geschickt“, antwortete Yuri, der näher zu mir kam. „Du hast versucht, die Ketten zu lösen“, stellte er fest und wirkte alles andere, als begeistert.
„Nicht wirklich“, murmelte ich, denn das war nicht meine wahre Absicht gewesen.
Yuri schüttelte den Kopf. „Ach nein? Wieso hast du dann Magie hineingeleitet, obwohl du wusstest, dass du dich damit nur selbst verletzt?“, fragte er.
„Genau deshalb“, antwortete ich.
Yuris Blick war verwirrt, bevor er eine Augenbraue hob. „Willst du mir damit sagen, du magst Blitze?“, wollte er wissen. Ich zuckte die Schultern, was Yuri nur den Kopf schütteln ließ. „Du bist seltsam“, bemerkte er, bevor er sich über mich beugte. „Stört es dich nicht, dass ich dich angekettet habe?“, wollte er wissen.
Ich zuckte erneut die Schultern. „Keine Ahnung“, antwortete ich, denn ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Mir war es immer noch recht egal.




War das wieder ein Versuch von ihm, mich aus der Fassung zu bringen? Wenn ja, dann funktionierte es nicht, wie er es wohl wollte.
Yuri streichelte meine Wange, während er mir direkt in die Augen sah. „Du bist schön“, bemerkte er, während er eine Strähne aus meinem Gesicht wischte.
„Süße Worte“, antwortete ich. „Du willst mich doch im Grunde nur flachlegen, oder?“, wollte ich wissen, wobei ich klang, als wäre es mir egal.
Yuri lachte. „Möglich. Vielleicht will ich aber nur, dass du das glaubst und eigentlich will ich mit dir spielen“, bot er an. „Oder ist es etwa dein Wunsch, dass ich dich berühre?“, wollte er wissen.
Ich zuckte die Schultern. „Es würde mich nicht stören, falls es darum geht“, antwortete ich, weil ich irgendwie durchaus das Bedürfnis nach Nähe hatte.
Yuri leckte sich die Lippen. „So?“, fragte er neugierig, bevor er sich zu mir hinabbeugte und mich in einen innigen Kuss verwickelte. Ich erlaubte mir sogar für eine kurze Zeit, das Gefühl zu genießen.
Er löste sich wieder von mir und leckte sich erneut die Lippen. „Du schmeckst so gut“, bemerkte er, bevor er sich wieder zu mir beugte, aber dieses Mal meinen Hals küsste.
Ein Schauer rann mir über meinen Körper. Seine Lippen fühlten sich gut an. Ich schloss meine Augen, um zu genießen, doch die Gefühle waren nicht so stark, wie ich es gern hätte. Im Grunde waren sie so oberflächlich, wie alle anderen meiner Gefühle.
So lange, bis er mir plötzlich in den Hals biss. Blitze, die nichts mit Magie zu tun hatten, zuckten von dieser Stelle durch meinen Körper und mir entwich ein Keuchen.
Yuri lachte und zog sich wieder zurück. „Das gefällt mir“, bemerkte er zufrieden.
Ich schlug meine Augen wieder auf und blickte ihn fragend an. Wollte er nicht weiter machen? Seine Lippen hatten sich sehr gut angefühlt.
Er zog sich von mir zurück, was mir ein Geräusch entlockte, das ich eigentlich gar nicht von mir geben wollte. Es klang anklagend, weil er sich entfernte.
Das ließ ihn lachen, doch bevor er etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür und sein Dienstmädchen trat ein. Sie hatte meine Medizindose in der Hand und zog meinen Koffer hinter sich her. Da ich diesen noch nicht ausgeräumt hatte, hatte sie sich wohl entschieden ihn gleich komplett mitzubringen.




Sie verneigte sich, stellte den Koffer ab und meine Dose mit Medikamenten darauf. Dann verließ sie wieder das Zimmer.
Ich erhob mich, doch bevor ich vom Bett aufstehen konnte, wurde ich von Yuri mit einer Handbewegung zurück aufs Bett geworfen. „Na. Ich habe dir nicht erlaubt, aufzustehen“, sagte er, bevor er selbst zu meinem Koffer ging.
Er nahm die Dose und steckte sie ein, bevor er einfach meinen Koffer öffnete und diesen durchwühlte. „Wie interessant“, hörte ich ihn murmeln. Es gab im Grunde nur wenige Kleider, denn ich hätte mir hier noch ein paar kaufen wollen.
Er stöberte weiter in diesem herum, bis er das Bild meiner Eltern fand. Yuri hob es hoch und betrachtete es.
Es zeigte meine Eltern, die mich auf den Arm trugen. Ich war noch sehr klein und erinnerte mich nicht mehr ganz an dieses Bild. Es war jedoch mein liebstes. „Sieh an, du warst ja einmal ein kleiner Sonnenschein“, meinte er, bevor er das Bild einfach in den Schrank stellte, damit ich es sehen konnte.
Ich starrte es an und spürte, wie mein Herz heftig zu klopfen begann.
Sofort wandte ich meinen Blick ab, während ich versuchte, die Gesichter meiner Eltern zu verdrängen. Trauer machte sich in mir breit. So heftig, dass ich meine Hände ins Bett krallte. „Bitte pack es wieder weg“, bat ich mit brüchiger Stimme. Ich konnte ihnen einfach nicht ins Gesicht sehen. Nicht einmal auf einem Bild. Es tat einfach viel zu weh.
Ich hörte, wie er das Bild bewegte und wohl so legte, dass es zwar im Regal stehenblieb, aber ich es nicht mehr sehen musste.
Erst jetzt hob ich wieder den Blick, während ich versuchte, meine Gefühle in den Griff zu bekommen. „Meine Tablette, bitte“, bat ich mit schwacher Stimme. Mein ganzer Körper zitterte heftig, während mir sogar schlecht wurde.
„Was ist mit dir?“, fragte Yuri, der auf mich zu kam und mir das Döschen reichte.
Sofort griff ich danach und nahm eine der Pillen. „Panikattacke“, brachte ich hervor.
Ich schloss das Döschen und suchte nach dem Glas. Als ich danach griff, nahm Yuri es mir weg und reichte mir stattdessen seines. Das bestätigte meinen Verdacht, dass darin etwas war. Vielleicht sollte ich das nicht mit der Pille nehmen.
Ich trank aus seinem Glas und schluckte schließlich das Medikament.




Kaum hatte ich das Glas zurückgestellt, zog mich Yuri in seine Arme und drückte mich fest an sich. Es verwunderte mich, während seine Wärme mir unglaublich guttat.

Yuri hielt mich die gesamte Nacht lang und küsste immer wieder meinen Hals. Es war ganz seltsam, denn eigentlich kannte ich ihn nicht einmal sonderlich lange, trotzdem gab er mir ein gutes Gefühl. Ich rechnete allerdings nicht damit, dass es etwas Längeres sein würde. Er würde sich bald ein neues Mädchen suchen und dann war ich uninteressant.
Die Tage vergingen, in denen er mich im Grunde immer mit sich zog. Niemand beschwerte sich, was mich wunderte. Müsste den Lehrern nicht aufgefallen sein, dass ich nicht in meinem Unterricht war oder hatte er sich schon darum gekümmert, dass ich in seine Klasse kam?
Manchmal ließ er mich für ein paar Stunden in seinem Zimmer, während er selbst draußen irgendwelche Dinge erledigte. Zu dieser Zeit leistete mir sein Dienstmädchen Eris Gesellschaft.
Sie war ein junges Mädchen, das scheinbar keinerlei magische Begabung besaß, dafür aber ein sehr großes Wissen in der Theorie, weshalb sie viel mit mir lernte.
Mir ging ein wenig das Zeitgefühl abhanden und mir war gar nicht klar, dass ich mittlerweile schon mehrere Wochen hier war. Ich bemerkte es lediglich an der Tatsache, dass meine Tabletten zur Neige gingen. Ich würde mit Yuri darüber sprechen müssen. Um neue zu bekommen, musste ich nach Hause und zu einem Arzt. Zumindest hatte Großmutter das gesagt. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich das erste Mal bei einem Arzt gewesen war. Die Erinnerungen an die Tage waren sehr verschwommen. Zudem versuchte ich, nicht so oft daran zu denken, um meine Gefühle zu beruhigen.
Die Tür ging auf und riss mich aus meiner Lektüre. „Du machst Prüfung“, erklärte Yuri, der direkt auf mich zu kam.
„Prüfung?“, fragte sich, denn ich konnte ihm nicht folgen.
Irgendwie hatte er es sich angewöhnt, mich mit solchen Dingen zu überfahren und wahrscheinlich Reaktionen von mir zu erhalten.
„Prüfung“, sagte er noch einmal, als würde das meine Frage beantworten.
Da er mir scheinbar nichts weiter sagen wollte, nahm ich es so hin und fragte nicht weiter.
Er löste die Kette von meinem Bein, damit ich aufstehen konnte. Dann zog er mich ins Bad. „Mach dich frisch, ich bringe dir ein Kleid“, sagte er entschieden, bevor er mich zurückließ.




Wie er befohlen hatte, machte ich mich daran, mich auszuziehen und unter die Dusche zu steigen. Ich konnte nicht genau sagen warum, aber irgendwie hatte es etwas Befreiendes, zu tun, was andere sagten. Dann konnte ich nichts falsch machen. Zudem hatte ich ein gewisses Maß an Sicherheit, das mir mein aktueller Zustand nicht gab.
Ich stellte das Wasser auf kalt und ließ es auf meinen Körper regnen. Es fühlte sich wie Nadelstiche an, was mich leise seufzen ließ. Ich schloss meine Augen und genoss für einen Moment das Gefühl, bevor ich das Wasser abdrehte und meine Haare einseifte.
Es war kalt im Raum, das spürte ich, doch es störte mich nicht.
Die Medikamente betäuben meinen Körper noch immer, was ich nur willkommen heißen konnte.
Ich hörte, wie die Tür geöffnet wurde. Yuri brachte scheinbar das Kleid, doch ich konnte durch den Duschvorhang nichts erkennen. Vielleicht war es auch Eris.
Ich ließ mich nicht ablenken, sondern drehte das Wasser wieder auf. „Du kannst ruhig warm duschen“, bemerkte Yuris belustigt Stimme, doch ich ignorierte ihn. Ich duschte immerhin freiwillig kalt. Schon allein, um wach zu werden.
Ich hörte, wie die Tür ging und war mir sicher, dass Yuri den Raum verlassen hatte, doch als ich den Vorhang öffnete, um aus der Dusche zu treten, war er noch immer im Raum. Sein Blick direkt auf mich gerichtet.
Obwohl ich nackt war, spürte ich keine Scham. Es störte mich nicht.
Als wäre er nicht da, griff ich zum Handtuch und trocknete mich ab. Dabei war ich mir seines Blickes bewusst. „Ist es dir völlig egal, dass ich dich nackt sehen?“, wollte er wissen, während er mich eingängig musterte.
„Ich habe nichts, was andere Frauen nicht haben“, antwortete ich. „Davon hast du sicher schon genug gesehen, also kennst du alles an mir.“
Er hatte Recht: es war mir egal, dass er mich nackt sah. Ich hatte immerhin keinen Freund, dem ich irgendwie Rechenschaft schuldig war oder der ein alleiniges Anrecht auf diesen Anblick hatte.
Yuri kam auf mich zu, während er grinste. Provokant ließ er einen Finger über meinen nackten Rücken wandern. „Aber das ist dir nicht egal“, behauptete er, bevor er meine Haare zur Seite wischte und meinen Nacken küsste. Er saugte sogar an meiner Haut, was dafür sorgte, dass ein leiser, wohlwollender Laut meine Lippen verließ. Auch hier hatte er Recht: Das war mir ganz und gar nicht egal, denn es hinterließ ein Kribbeln auf meiner Haut.




Ein Gefühl, das mich dazu verleitete, meine Magie in die Kette zu leiten und die Blitze in meinem Körper zu spüren.
Die leichten Schmerzen beruhigten mich etwas.
„Manchmal habe ich das Gefühl, dass du dich selbst bestrafst“, bemerkte er.
Dieses Verhalten hatte ich die letzten Tage häufiger gezeigt, doch ich wusste selbst nicht warum. Ich wollte nicht, dass mein Körper auf diese Art reagierte, weshalb ich mich selbst dafür bestrafte.
„Heute hast du ungewöhnlich oft recht“, bemerkte ich leise.
Yuris Blick konnte ich nicht deuten. „Weißt du, wenn du bestraft werden willst, kann ich das für sich übernehmen“, bot er zuvorkommend an.
Ein Angebot, was mir tatsächlich gelegen kam. „Hätte ich nichts dagegen“, bemerkte ich, während ich mich weiter abtrocknen.
Ich sah, wie Yuris Blick ungläubig wurde, dann schüttelte er den Kopf. „Manchmal glaube ich, dass du mir heimzahlen willst, dass ich dich so überfahre. Du hast wirklich Talent dafür, mich aus der Fassung zu bringen“, seufzte er und fuhr sich durch die Haare. „Hast du überhaupt eine Ahnung, wie sehr du mit dieser Aussage an meinen Instinkten reibst?“, wollte er wissen, wobei er am Ende seines Satzes eine raue Stimme bekam.
Es belustigte mich irgendwie, doch ich konnte es noch nicht zeigen. „Ich meine es ernst. Im Grunde kommt es mir gelegen, dass du versuchst, mir Gefühle zu entlocken“, gestand ich. Warum es auch weiter geheim halten?
Sein Blick wurde dunkel. „Zieh dich jetzt an“, befahl er mit rauer Stimme. „Du machst deine Prüfung, danach setzen wir das Gespräch fort“, forderte er, weshalb ich mir das Kleid überzog, bevor ich leicht die Stirn runzelte.
„Das ist aber keines von meinen“, bemerkte ich. An dieses blaue Kleid mit den langen Ärmeln hätte ich mich erinnert.
„Du hast nur kurze Kleider dabei und es fällt bald der erste Schnee, also habe ich dir das besorgt“, sagte er abwinkend, bevor er mir weiße, hohe Kniestrümpfe reichte. „Anziehen“, befahl er. Nur deshalb tat ich es, bevor ich in meine Halbschuhe schlüpfte. Ich selbst brauchte diese Art von Kleidung nicht unbedingt, aber er hatte wohl schon wieder Recht. Draußen wurde es sehr kalt und ich würde mich vielleicht unterkühlen.
„Komm jetzt, Püppchen“, sagte er, wobei er mich wieder packte und mit sich zog. Etwas, woran ich mich mittlerweile sogar gewöhnt hatte. Dadurch fühlte ich mich irgendwie wichtig, auch wenn es wohl ein dummes Gefühl war. Trotzdem sorgte seine Art dafür, dass ich das Gefühl hatte, er würde nicht wollen, dass ich zurückblieb.




Vielleicht war es dumm und auch ein bisschen naiv, aber ich hatte seine Art und Weise wirklich liebgewonnen.
Yuri führte mich schließlich durch die Gänge und dann zu einem Zimmer vor dem Sam und auch Akita warteten.
Diese schien auch Yuri nicht erwartet zu haben, weshalb er sie fragend anblickte. „Es gibt schon wieder Probleme“, bemerkte Sam, der an der Wand lehnte und irgendwie gelangweilt wirkte.
„Ich pass auf deine Kleine auf“, bemerkte Akita, der sogar so dreist war, eine zu rauchen. Durfte er das hier? Wir waren zwar nicht wirklich innerhalb des Gebäudes, sondern in den Gängen, die auf der einen Seite zum Garten führten, doch ich konnte mir trotzdem nicht vorstellen, dass es erlaubt war. Zudem versuchte ich, seine Worte zu verstehen.
„Sie hat Prüfung. Sollte ich nicht zurück sein, bring sie in mein Zimmer“, wies Yuri ihn an, was mich schon irgendwie neugierig darauf machte, was er eigentlich tat. Vielleicht würde ich es irgendwann erfahren, doch sicherlich nicht jetzt.
Yuri öffnete die Tür und schob mich kommentarlos hinein.
Ich sah mich kurz um und entdeckte mehrere Tische hinter denen Lehrer saßen, die wir alle irgendwie im Unterricht hatten. Sie musterten mich, wobei einer sogar besorgt klang.
„Lady“, sagte die Lehrerin, die ich noch aus den Theoriestunden kannte. Sie hatte bisher nichts gesagt, wenn Yuri mich auf seinem Schoß gehalten hatte. Jetzt schielte sie leicht zur Tür. „Gibt es … Probleme?“, fragte sie, was mich wunderte. Spielte sie auf das an, was Yuri gerade Sorgen machte oder darauf, dass dieser mich förmlich bei sich einsperrte.
„Keine Ahnung, welche Probleme sollte es geben?“, fragte ich nach, da ich nicht ganz verstand.
Sie räusperte sich und strich sich eine ihrer braunen Strähnen zurück. Der Knoten in ihren Haaren ließ sie viel älter wirken als sie eigentlich war. Auf mich wirkte sie jung und vielleicht ein wenig überfordert. „Ich rede von Euch und … Lord Hashita“, sagte sie, wobei sie am Ende leise flüsterte. „Wenn er Euch zwingt …“, begann sie, wurde aber von dem Mann unterbrochen, den ich als Yuris privaten Tutor in Magietheorie kennengelernt hatte.
„Können wir Euch auch nicht helfen“, bemerkte er nüchtern. „Er hat Euch zur Prüfung angemeldet, die werden wir jetzt machen. Wie ist Euer Name?“, fragte er, wobei er beschäftigt klang.




Ich fand das generell recht seltsam. Hatte er etwa Angst vor Yuri? Was für ein seltsames Verhalten.
„Noshiko Namura“, antwortete ich, wobei mir der Nachname eher stockend über die Lippen kam. Noch immer hatte ich mich nicht daran gewöhnt.
„Lady Namura?“, fragte er mit rauer Stimme, als würde er mir nicht glauben.
„Ja“, antwortete ich, da ich seine Verwirrung überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Er wandte sich an die anderen beiden Lehrer und sie besprachen etwas miteinander.
„S … Sollen wir Ihre Großmutter informieren?“, wollte Lady Romina wissen. Sie war scheinbar besorgt.
Ich legte meinen Kopf schief. „Gibt es denn Probleme, weshalb man sie benachrichtigen müsste?“, wollte ich wissen, da ich das Verhalten nicht ganz verstehen konnte.
Der Mann, der bisher noch nichts gesagt hatte, räusperte sich. Seine langen roten Haare hingen ihm offen über die Schultern. „Ist Euch bewusst, mit wem Ihr hier Eure Zeit verbringt?“, fragte er zögerlich, fast so, als erwarte er Ärger.
„Yuri?“, wollte ich wissen und legte den Kopf schief. Diese Lehrer waren seltsam.
Der Mann nickte. Ich zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Mir egal“, bemerkte ich. „Können wir jetzt mit der Prüfung starten?“, wollte ich wissen, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Yuri wartete.
Auf meine Bitte hin, begannen die drei Lehrer damit, mich zu befragen. Es war Theorie, die ich mit Eris gelernt hatte, weshalb es mir nicht sonderlich schwerfiel, ihnen zu antworten. Die Praxis hingegen würde sicherlich nicht einfach werden. In letzter Zeit war meine Konzentration sehr schlecht, weshalb die meisten Zauber verpufften, da ich nicht genügend Magie nutzte. Das sahen die Lehrer gar nicht gern, da ich eigentlich eher schlechter als besser wurde, doch ich traute mich nicht, mehr Magie zu nutzen. Es konnte einfach zu viel schieflaufen. Ich wollte niemanden verletzen. Nicht schon wieder.

Als ich nach draußen trat, erwartete ich eigentlich Akita, doch es war niemand zu sehen.
Was war los? War ich zu früh oder war etwas geschehen?
Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, lehnte ich mich an die Wand, richtete meinen Blick nach draußen und wartete. Da Yuri meinen Zimmerschlüssel hatte, konnte ich sowieso nichts anderes tun. Lust ihn zu suchen hatte ich nicht. Außerdem war dann die Gefahr zu groß, dass wir uns verpassten.




Während ich wartete, spielte ich ein bisschen mit einer Strähne und drehte sie immer wieder um meinen Finger.
Ich war es gar nicht mehr gewohnt allein unterwegs zu sein, weshalb ich gar nicht wusste, was ich tun sollte. Mein Blick glitt umher und hinaus zu den anderen Schülern, die ihre Pause gerade im Garten genossen. Die Unterrichtsstunden waren unterschiedlich gelegt, so dass immer ein paar Schüler Pause zu haben schienen, weshalb die Flure und der Garten eigentlich nie leer waren.
Ich genoss den Geruch des Winters, der langsam Einzug hielt. Es war kühler geworden, doch noch schneite es nicht. Hoffentlich würde es das bald, denn ich mochte Schnee.
„Es ist überraschend, dich allein anzutreffen“, erklang eine Stimme, die mich dazu verleitete, meinen Blick zu drehen.
Ein weißhaariger, junger Mann mit auffälligen eisblauen Augen kam auf mich zu. Ich kannte ihn aus dem Unterricht. Sein Name war Kean.
Ich reagierte nicht auf seine Worte, weil ich nicht wusste, ob er überhaupt mit mir sprach oder was ich sagen sollte.
„Dein Wachhund heute gar nicht an deiner Seite?“, fragte er belustigt und kam auf mich zu, bevor er meine Hand nahm und sie küsste, wobei er sich in einer Geste verneigte, die deutlich zeigte, dass er sich über mich lustig machte.
Ich blickte ihn lediglich weiterhin stumm an. „Kannst du überhaupt reden?“, fragte er belustigt, während er mich musterte. „Was findet der Typ nur an dir?“, fragte er, bevor er mich an sich zog. „Vielleicht bist du ja gut im Bett, ich würde es gern einmal ausprobieren“, raunte er mir zu, während ich seine Wärme spürte. Es war anders als bei Yuri. Vielleicht, weil ich mich mittlerweile an seine Nähe gewöhnt hatte. Ich fand diese hier unangenehm. Jedoch nicht so sehr, dass ich mich befreite.
Er war ein seltsamer, junger Mann. Mir war bereits aufgefallen, dass er mit Yuri nicht gut klarkam und irgendwie im Krieg zu stehen schien. Machte er das hier, um Yuri zu ärgern oder warum hatte er so viel Interesse an mir? „Das gehört sich nicht“, sagte ich in dem Versuch, ihn vielleicht loszuwerden. Sehr viel Mühe gab ich mir damit nicht.
Der Versuch ließ ihn lediglich lachen. „Ach nein? Du weißt wohl nicht, wer ich bin?“, fragte er, was mich innerlich die Augen verdrehen ließ. Fing er jetzt auch so an wie Yuri?




„Nein“, antwortete ich, denn es war die Wahrheit und wieso sollte ich das verbergen? Ich wollte nicht einmal eine Antwort, doch er gab sie mir.
„Mein Name ist Kean Setana. Meine Familie dient schon seit Jahrhunderten der Königin dieses Territoriums. Wir stellen ihre Leibwachen“, informierte er mich, als würde mich das interessieren. Wobei, eigentlich tat es das irgendwie. Er diente also der Territoriumskönigin. Das hieß, er musste meine Großmutter kennen.
Bevor ich etwas sagen konnte, spürte ich eine bekannte Gegenwart.
Kean wurde gepackt und von mir weggezogen. So sehr, dass er sogar durch die Gegend und gegen ein Wand geschleudert wurde.
Dann tauchte Yuri auf, der sich zwischen uns stellte. „Wer hat dir erlaubt, sie anzufassen?“, fragte er mit knurrender Stimme und erhielt ein Knurren Seitens Kean.
Dieser erhob sich, wobei er wirkte wie ein wildes Tier, das Yuri gleich anspringen wollte. Dann schien er sich jedoch zu fangen und wischte sich das Blut von den Lippen.
„Schade, dass du deinen Wachhund wieder hast“, bemerkte er, bevor er ausspuckte. Scheinbar hatte er Blut im Mund.
Ich sah zu, wie er sich zurückzog und blickte dann zu Yuri, der mir immer noch den Rücken zugewandt hatte. Er wirkte angespannt, was mich irritierte. War er sauer?
Als er sich herumdrehte blickte er wirklich wütend drein, bevor er mein Handgelenk griff. Viel fester als sonst.
Seine Schritte waren schnell und irgendwie wütend, als er mich hinter sich herzog. Normalerweise achtete er immer darauf, dass ich hinterherkam, doch heute nicht. Dabei wollte ich ihm eigentlich noch erzählen, dass ich die Prüfung bestanden hatte. Das schien ihn jedoch nicht zu interessieren.
Er zog mich durch die Flure und die Treppen nach oben zu seinem Zimmer. Dort schloss er die Tür auf und als wir im Wohnbereich ankamen, warf er mich unsanft aufs Bett, wo ich mit dem Bauch landete. „Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?“, wollte er wissen, wobei er wütend klang.
„Was?“, brachte ich hervor, als ich mich leicht nach oben drückte. Ich spürte, dass er Magie nutzte und kurz darauf hatte ich die Kette wieder um meinen Fuß.
Ich drehte mich zu ihm um und sah, dass er mich noch immer wütend anstarrte. „Also? Ich warte“, sagte er verärgert.




Meinte er das ernst? Nachdenklich musterte ich ihn, als mir ein Gedanke kam. Ein Gedanke, der mich dazu brachte in schallendes Gelächter auszubrechen. Es war so untypisch für mich, dass ich es selbst kaum fassen konnte. Wann hatte ich das letzte Mal gelacht? Doch dieses Bild war so überraschend, dass meine Emotionen komplett verrücktspielten.
Er benahm sich, als wären wir ein Paar und er war eifersüchtig. Diese Erkenntnis traf mich so heftig und löste ein so warmes Kribbeln in mir aus, dass ich nicht anders konnte, als meine Freunde darüber deutlich zu zeigen. So sehr, dass mir sogar die Tränen kamen.
„Himmel“, brachte er perplex hervor und starrte mich fassungslos an. „Ich bin sauer auf dich und du lachst?“, fragte er, als würde er mich für verrückt halten.
Nur mühsam bekam ich mich unter Kontrolle. Die Gefühle waren einfach so stark, dass nicht einmal die Medikation etwas dagegen tun konnte. „Entschuldige“, brachte ich kichernd hervor und versuchte, mich wieder zu beruhigen.
„Nicht aufhören“, sagte er plötzlich und zog mich in seine Arme.
„Was?“, brachte ich mühsam beherrscht hervor.
„Nicht aufhören zu lachen, es steht dir so gut“, hauchte er an mein Ohr, womit er mir eine wohlige Wärme bescherte, die durch meinen Körper rann. Ich fühlte mich, als wäre ich Wachs in seinen Händen. Dieses warme, geborgene Gefühl hatte ich vermisst und ich hatte recht behalten, als ich geglaubt hatte, dass er es mir geben konnte.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare