Das Häuschen im Moor

Es waren einmal zwei Brüder, die zogen als Händler durch das Königreich, und wo der eine handwerkliches Geschick an den Tag legte, wusste der andere die schönsten Bilder aus den Zeilen seiner Bücher zu beschwören und ließ in wenigen Versen, vorgetragen auf gedrängten Marktplätzen oder in schäbigen Spelunken, dem geneigten Zuhörer die verborgenste Wahrheit völlig klar werden.

Eines Tages, als die Brüder wie gewohnt von einem Ort zum nächsten unterwegs waren, kamen sie an eine Gabelung, und der handwerklich geschickte Bruder, welcher Baldur hieß, öffnete seine Karte und blickte grübelnd hinein. »Wir haben nun die Wahl«, sprach er schließlich. »Nehmen wir den Weg zu unserer Rechten, sollten wir noch vor Einbruch der Nacht zum nächsten Gasthaus gelangen. Nehmen wir hingegen den Weg zu unserer Linken, werden wir unser Lager wohl noch einmal draußen aufschlagen müssen.«

Da nahm auch der schreibende und dichtende Bruder die Karte in Augenschein und schüttelte den Kopf. »Siehst du es denn nicht? Der kurze Weg führt geradewegs in ein Moor, und weiter sieht man nichts! Wir werden uns gewiss verlaufen. Es ist Sommer, da kann man doch ruhig die Nacht im Freien verbringen.«

»Ach, Albin!«, rief Baldur. »Was bist du für ein Angsthase! Wir halten uns gen Osten und haben dieses Moor in kaum einer Stunde hinter uns gebracht.«

»Nenn mich einen Angsthasen«, entgegnete Albin, »und ich muss dich einen Kümmerling nennen, wenn du dich von der Aussicht auf ein Bett zu solchen Dummheiten verleiten lässt!«

Baldur aber lachte. »Dann geh und such dir ein schönes Plätzchen bei den Käfern und Spinnen, ich aber werde mich von einem kleinen Moor nicht abschrecken lassen. Wir treffen uns im nächsten Ort, wenn du es auch dorthin geschafft hast, und dann werde ich dir berichten, wie köstlich Fleisch und Bier und wie weich die Daunen im Gasthaus waren.«

Albin aber lag es fern, allein weiterzuziehen, und von Käfern und Spinnen hatte er, wenn er es recht bedachte, auch genug. Er seufzte und schüttelte abermals den Kopf, doch schließlich begaben sich die Brüder gemeinsam ins Moor.

***

Ein verschlungener Pfad, gesäumt von krummen Bäumen und totem Farn, führte immer tiefer in den Kessel hinab. Albin blickte sich ängstlich um und bereute es ein wenig, sich auf dieses waghalsige Unterfangen eingelassen zu haben. Baldur hingegen stapfte unbeirrt weiter und summte dabei die gleiche hübsche Melodie wie zuvor, und er kümmerte sich nicht darum, dass es allmählich dunkler ward und dass in alle Richtungen bald nur mehr bleiche Rinde und grauer Schlamm zu sehen waren.



Erst als es stockfinster war und man keinen Schritt mehr tun konnte ohne die Gefahr, einzusinken und einen Stiefel zu verlieren, räusperte sich Baldur und sprach: »Wir sind nun gewiss länger als eine Stunde durch dieses Moor gewandert. Wir müssen die Karte falsch verstanden haben, denn nach einem Gasthaus sieht es mir hier nicht aus. Ich rieche kein Fleisch, nicht einmal eine Suppe, und höre nicht das Gelächter selig Betrunkener – horch!«

Tatsächlich war es, wie die Brüder nun bemerkten, mucksmäuschenstill.

»Weich fände ich es wohl, würde ich mich hinlegen«, fuhr Baldur fort und trat im Schlamm auf der Stelle, »doch habe ich meine Zweifel, dass es der Gemütlichkeit eines Bettes gleichkäme.«

In diesem Augenblicke aber ward Albin eines Leuchtens gewahr, matt zunächst, dann immer heller, bis es die knorrigen Äste und die stillen Tümpel ringsumher in blauen Schimmer hüllte. Dann schwebte ein Lichtlein heran, welches die Quelle des Strahlens war, und an den Brüdern vorüber. Wie es nur verständlich ist, standen jene zunächst wie angewurzelt da und blickten ungläubig dem Lichtlein nach. Dann aber, ehe sie erneut in Finsternis gestanden hätten, nahmen sie sich zusammen, um der wunderlichen Erscheinung zu folgen.

Das Lichtlein schwebte rasch davon, und die Brüder mussten sich sputen, um es nicht aus den Augen zu verlieren. Es schwebte mal in die eine, mal in die andere Richtung – ja, wie ein lebendes Wesen! –, und so mochte man es für eine Fee halten, welche verirrten Wanderern in diesem Moor den Weg wies, oder für einen guten Geist.

***

Eine weitere Stunde oder länger lang waren sie dem Wesen durchs Moor gefolgt, stets aber über festen Grund, ehe sie schließlich eine weite Lichtung betraten, und als das Licht seine Form verlor und sich als leuchtender Nebel über Gras und Laub ausbreitete, erblickten die Brüder in einiger Entfernung die Umrisse eines Daches. Als sie näher kamen, bemerkten sie, dass es sich keineswegs um eine heruntergekommene Hütte handelte, wie man sie an einem solchen Orte erwartet hätte, sondern um ein hübsches, ordentlich gezimmertes Häuschen.

Sie gingen hin und klopften an, doch gab es keine Antwort. Ein weiteres Mal klopften sie – nichts. Da machten die Brüder eine Runde um das Häuschen, kein Zeichen aber fanden sie, dass noch jemand wach gewesen wäre. Da zuckte Baldur die Schultern, ging und drückte die Klinke, und siehe da, mit einem Knarren schwang die Türe auf. Die Brüder traten ein. Erst riefen sie mit gedämpften Stimmen, dann lauter. Nichts aber geschah. Kein müdes Murmeln war zu vernehmen, kein Grummeln oder Ächzen, ja nicht das leiseste Geräusch, und alles blieb dunkel.



»Es ist niemand zu Hause«, sprach Baldur. »Das soll uns auch recht sein.«

Da schlossen die Brüder die Türe und zündeten die Kerzen an, welche auf dem Tische standen. Kühl war es auch drinnen, dass einem ein Schauer über den Rücken lief, doch befand sich neben dem Kamin ein Korb voll Scheite, und so machten die Brüder ein Feuer und setzten sich davor.

***

Nachdem sie sich aufgewärmt hatten, begann Baldur, sich umzusehen. Groß war das Häuschen nicht, doch wie es der Zufall wollte, fanden sich neben einer Küche, einem Esszimmer und einem Bad zwei Zimmer mit Betten. Dann gelangte Baldur an die letzte Türe. Er drückte und zog und rüttelte an der Klinke, doch es war nichts zu machen: Die Türe ließ sich nicht öffnen. Baldur aber dachte sich nichts weiter dabei und kehrte zu seinem Bruder zurück, welcher noch immer vor dem Feuer saß und die Hände dahin ausgestreckt hatte. »Was haben wir ein Glück«, sprach Baldur, »dieses Häuschen gefunden haben.«

»Als hätte uns das Schicksal selbst den Weg gewiesen«, antwortete Albin. »Oder ein Wesen aus einer anderen Welt.«

Da erinnerte sich Baldur des blauen Lichtleins, welches sie durch das Moor hergeführt hatte. An Schicksal glaubte er nicht, und an Feen und Geister und andere Welten auch nicht, und so sagte er sich, dass sie wohl sehr erschöpft gewesen sein mussten und benebelt von den Dünsten des Moores, und dass ihnen ihre Sinne einen tollen Streich gespielt hatten. »Dieses Moor ist mir nicht geheuer«, sprach er, »wenn es solche Trugbilder hervorruft. Das kann nicht gut für einen Menschen sein. Und wer weiß, ob überhaupt dieses Häuschen echt ist?« Er lachte, als scherzte er, doch in Wahrheit hatten ihn die Erscheinung des Lichtleins und der Zufall, mitten im Nirgendwo eine solch angenehme Unterkunft zu finden, aller Vernunft zum Trotze durchaus in unruhige Stimmung versetzt.

»Nun«, sprach Albin, »wenn dieses Häuschen eine Täuschung ist, sollten wir da nicht die Vorzüge genießen, solange die Wirkung anhält?« Und mit diesen Worten erhob er sich, streckte die Arme und gähnte.

Auch Baldur verspürte mit einem Male die größte Müdigkeit, und so einigten sich die Brüder rasch, wer welches Zimmer bekam – was nicht schwierig war, denn die Zimmer schienen auf den ersten Blick völlig gleich –, wünschten einander eine gute Nacht und begaben sich zur Ruhe.



***

Am nächsten Morgen sahen sich die Brüder das Innere des Häuschens bei Lichte an. Wenn auch noch immer der gleiche Nebel das Häuschen umgab und Düsternis sich so in allen Winkeln hielt, stellten sie fest, dass die Einrichtung ohne jeden Zweifel von Meisterhand gefertigt worden war.

»Diese Tafel«, sprach Baldur, welcher sich auskannte, »ist ein wahres Kunstwerk, und diese Stühle – ebenso schön wie stabil!« Er sprach über die Schränke und Regale und staunte über die sonderbaren Formen, welcher er nirgendwo zuvor ansichtig geworden war, und über die wunderbaren Verzierungen, welche bis ins Kleinste vollkommen waren.

»Glaubst du«, fragte Albin, »dies könnte das Häuschen des Schreiners selbst sein, welcher diese schönen Werke geschaffen hat?«

»Es würde mich nicht wundern«, antwortete Baldur, da er kein einziges Stück entdeckte, welches nicht höchsten schreinerischen Ansprüchen genügte.

Und in der Tat handelte es sich ganz offenbar um das Heim des Meisters, denn als die Brüder in die Schränke und Regale sahen, da fanden sie all die Werkzeuge, welche für Holzarbeiten aller Art notwendig waren.

Albin und Baldur beschlossen, sich zuletzt auch auf dem Dachboden umzusehen, welcher sich gleich über dem Erdgeschosse befand. Albin wunderte sich noch, dass sie den Haken, mit welchem die Luke zu öffnen war, an den Sessel gelehnt fanden, doch enthielt er sich einer Bemerkung. Schon hatte Baldur den Zugang geöffnet und klappte die Leiter herunter. Dann stieg er die knarrenden Sprossen hinauf, und Albin folgte nach.

Ein merkwürdiger Geruch kam ihnen entgegen, als sie nach oben gelangten, doch dachten sie sich nichts dabei, denn jedes alte Haus roch schließlich anders, und alte Dachböden erst recht. Während sie sich aber daranmachten, den Dachboden zu untersuchen, gewahrten sie, dass es, wenn sie dem hinteren Raume näherkamen, unangenehm ward. Als sie schließlich, um dem Grunde nachzugehen, die Türe öffneten, fuhren sie vor Schreck zusammen, denn was machten sie da für einen grausigen Fund!

***

Albin hatte es nicht vermocht, auch nur hinzusehen, und so war Baldur die unsägliche Aufgabe zugefallen, die sterblichen Überreste, welche sie am Boden liegend gefunden hatten, allein in eine Decke einzuhüllen und sie vorsichtig, über die Schulter gelegt, die Leiter hinabzutragen. Kaum mehr als Knochen waren es, doch was an Fleisch noch daran war, hatte Käfer und Spinnen angelockt, Fliegen und Maden, und so beeilte sich Baldur, hinauszukommen, und es ging ihm ein Schauer der Erleichterung über den Rücken, als er die Decke mit allem darin endlich auf dem Gras und Laub der Lichtung ablegen konnte. Noch immer war Albin, welcher hinterhergetrottet war, völlig vom Schrecken ergriffen, und so musste Baldur nun auch selbst nach einer Schaufel suchen, um die Beerdigung der Gebeine durchzuführen.



»Lass uns zusehen, dass wir verschwinden«, sprach er, nachdem es vollbracht war. Er packte seinen Bruder an den Schulter. »Albin!«, rief er. »Hörst du mich? Wir wollen fort!«

»Ja«, murmelte ebenjener. »Ja, das wollen wir.«

Und so holten die Brüder ihre Sachen aus dem Häuschen und machten sich auf, in irgendeine Richtung, ganz gleich – dass man nur bloß nicht länger an diesem Ort verweile!

Sie liefen und liefen, über festen Grund, durch Schlamm, durch Tümpel, Hügel hinauf, Hügel hinab – und standen schließlich, als es bereits am Nachmittage war, erneut auf einer nebligen Lichtung, und sie glaubten, sie gleiche der ersten nur zufällig in solch erstaunlichem Maße, bis sie das Dach desselben Häuschens erkannten, von welchem aus sie aufgebrochen waren.

»Aber wie kann das sein?«, fragte Baldur, der sicher war, sich auf geradem Wege durch das Moor bewegt zu haben.

»Nun, es ist jedenfalls so«, antwortete Albin, welcher von den Ereignissen des Tages und der Wanderung durchs Moor ermattet war, und dem die Aufklärung des Irrtums nichts als Zeitverschwendung schien. »Lass uns nun eben dort entlang!« Und er deutete in eine andere Richtung.

Wieder gingen sie los, darauf achtend, keine Abweichung vom Pfade zuzulassen, welcher stets vom Häuschen fortzuführen schien. Dennoch gelangten die Brüder nach einiger Zeit erneut auf die Lichtung.

»Vermaledeites Moor!«, rief Baldur mit wütender Stimme. »Es führt uns an der Nase herum!«

Ein drittes Mal machten sie sich auf, nun auf einem Pfade, welcher selbst nicht die geringste Wendung nahm, dass es geradezu unnatürlich schien.

»Ha!«, rief Baldur. »Nun kann im wahrsten Sinne des Wortes nichts schiefgehen!« Und er lachte und spottete dem Moor, welches ihn gewiss nicht länger in die Irre führen konnte.

Und doch, mochte der Pfad auch ohne Zweifel stets in die gleiche Richtung geführt haben, brachte er die Brüder doch zurück zum Ausgangspunkte. Baldur stand eine Weile da, dann glitt ihm die Tasche von der Schulter. »Warum nur?!«, rief er verzweifelt, während er in die Knie sank. »Ach, ich verstehe die Welt nicht mehr!«

Mittlerweile war es Abend geworden, und nachdem er einen raschen Blick zum frischen Grabe geworfen hatte, welches sich an einem großen Stein erkennen ließ, sprach Baldur: »Es ist zu spät, noch durch das Moor zu wandern. Wir werden morgen in aller Frühe den nächsten Versuch unternehmen, diesen verwunschenen Ort zu verlassen. Ja, du hörst recht, verwunschen nenne ich ihn, denn mir will keine andere Erklärung dafür einfallen, dass man, wohin man auch geht, immer wieder zur selben Lichtung und zum selben Häuschen zurückgelangt!« Und doch, die Hoffnung ließ er sich nicht gänzlich nehmen, noch nicht. »Wir finden des Rätsels Lösung und kommen frei, das verspreche ich dir, Bruder! Ein verwunschenes Moor ist nichts gegen zwei kluge Köpfe.«



Wie immer ließ Albin sich von den Worten seines Bruders ermutigen. »Wenn du es versprichst, kann es nur so sein«, sprach er.

»Ha!«, rief Baldur. »So ist’s recht! Dann lass uns also wieder hinein in jenes Häuschen, welches nun wohl tatsächlich das unsere ist, und den Tag beschließen. Mit Beginn der Dämmerung gehen wir’s an, das Moor zu überlisten.«

***

Während aber Baldur nach den Anstrengungen des Tages selig eingeschlafen war, kaum dass er sich hingelegt hatte, fand Albin keinen Schlaf, und so stand er wieder auf und verließ das Zimmer. Eine Weile stand er am Fenster und blickte hinaus in den Nebel, und er fragte sich, ob vielleicht das Lichtlein, als es sich zu ebenjenem aufgelöst hatte, die Ursache des Fluches war, welcher auf dem Häuschen und der Lichtung und vielleicht dem ganzen Moore lastete. Und wie er so nachdachte und von einem aufs andere kam, erinnerte er sich auch des verschlossenen Raumes am Ende des Flures, und es kam ihm der hoffnungsvolle Einfall, dass vielleicht darin etwas von Bedeutung oder gar von Nutzen zu finden sein mochte. Nun war es wohl möglich, dass auch hinter jener Türe etwas verborgen lag, dessen Albin nicht unbedingt ansichtig werden wollte, doch hatte er, nachdem er sich zuvor so hasenherzig gezeigt hatte, diesmal seinen Mut unter Beweis zu stellen.

Wie Baldur zuvor, versuchte Albin die Türe mit Drücken und Ziehen und Rütteln zu öffnen, und obgleich er, nachdem er zögerlich begonnen hatte, bald ein regelrechtes Getöse dabei veranstaltete, schien der Bruder tief und fest zu schlafen. Nachdem also auch der größten aufzubringenden Gewalt die Türe nicht nachgegeben hatte, begab sich Albin ein wenig verdrießlich auf die Suche nach dem Schlüssel. Abermals wurden alle Schränke und Schubladen geöffnet, und Albin fand neben den Werkzeugen des Meisters alles mögliche andere darin, nur einen Schlüssel nicht.

So verließ Albin das Häuschen und begab sich zur Rückseite, doch die war vom einen bis zum anderen Ende ohne Fenster. Albin seufzte enttäuscht, hatte er gehofft, zumindest durch das Glas einen Blick ins Zimmer werfen zu können.

Doch eine Möglichkeit gab es noch! Albin kehrte ins Wohnzimmer zurück, und kurzerhand öffnete erneut den Zugang zum Dachboden, atmete tief durch – und stieg hinauf. Und siehe da: Im hinteren Raume, inmitten des dunklen feuchten Flecks, wo die Gebeine gelegen hatten, fand er, schimmernd im nebeltrüben Mondeslicht, ein kleines silbernes Ding. Mit spitzen Fingern nahm Albin den Schlüssel und kletterte, Gänsehaut am ganzen Leibe, wieder hinab. Er probierte den Schlüssel aus – und natürlich passte er. Mit einem Quietschen ward das Schloss entriegelt, und Albin schob vorsichtig die Türe auf.



Ein blaues Leuchten erfüllte den Raum, und im ersten Augenblicke kam Albin von Neuem das Lichtlein in den Sinn, welches die Brüder hergeführt hatte. Er gewahrte, dass die Quelle des Leuchtens sich auf dem Tische befand, und als er eintrat und sich näherte, sah er, dass es sich um ein Glas für Wein handelte, in welchem sich nicht rot, nicht weiß, sondern blau und schimmernd dem Anscheine nach ein ebensolcher befand.

Erst betrachtete Albin das Glas von allen Seiten, dann aber nahm er es vorsichtig hoch und schwenkte die Flüssigkeit darin. Nichts daran aber schien merkwürdig, bis auf die Farbe und das Leuchten, und hatte Albin beim ersten Anblicke noch an Gift oder andere schädliche Stoffe gedacht, so fand er nun den Mut und roch am blauen Weine. Da machte Albin große Augen und staunte und roch noch einmal, denn was war das für ein herrlicher Duft, oh, nach unbekannten Früchten und honiggleicher Süße!

Ehe er sich’s versah, hatte er vom Weine getrunken – denn konnte etwas, das so köstlich schien, denn gefährlich sein? Was dann geschah, vermochte er nicht mit Gewissheit zu sagen. Er ward erfüllt von einem Gefühle größten Tatendrangs, und wahnwitzige Einfälle kamen ihm einer nach dem anderen, dass er lächeln und grinsen und schließlich lachen musste, und solches Vergnügen kam über ihn, dass er gar nicht anders konnte, als das Glas vollständig zu leeren.

Erst da sah er sich weiter im Zimmer um und stellte fest, dass es das Arbeitszimmer des Meisters gewesen sein musste, und nachdem er die Kerzen entzündet hatte, nahm er am Tische Platz und die Feder zur Hand und legte ein weißes Blatt vor sich. Dann begann er zu schreiben. Er schrieb auf, was immer ihm in den Sinn kam, und wie im Rausche reihte er einen Satz an den anderen, und wie magisch fügten sich die Teile einer Geschichte zusammen. Und was für eine Geschichte es war! Ihm selbst drangen, während er schrieb, die Tränen in die Augen, und sein Herz ward bald völlig ergriffen von den Ereignissen, welche sich wie ein wirklich anmutender Traum seinem Geiste entsponnen und welche er, ohne je innezuhalten, zu Papier brachte.

***

Er schrieb und schrieb und bemerkte gar nicht, wie der Tag anbrach. Er kam erst zu Sinnen, als er vom Geräusche der Klinke erschrak, und fuhr herum.



In der Türe stand Baldur und blickte verwirrt drein. »Was tust du denn hier?«, fragte er.

»Nun, ich schreibe«, antwortete Albin. Dann erst gewahrte er des Tageslichts, welches aus dem Flure ins Zimmer drang. »Ich habe die ganze Nacht geschrieben«, sprach er, »und nun ist es fertig. Oh, du musst es unbedingt lesen!« Und er begann, das Papier zu ordnen.

»War denn die Türe nicht verschlossen?«, fragte Baldur.

»Ich habe sie aufgeschlossen.«

»Wie denn?«

»Mit einem Schlüssel natürlich.«

»Woher denn?«

»Vom Dachboden.«

»Aber warum denn?«

»Aus Neugierde. Hier, lies!«, sprach er, indem er sich umwandte und Baldur sein Werk hinhielt.

»Es ist nicht die Zeit, all das zu lesen«, entgegnete der Bruder, als er sah, wie viele Seiten es waren. »Wir wollen los.«

Albin aber schüttelte den Kopf. »Nein«, sprach er, »unmöglich. Ich muss weiterschreiben! Ich habe noch dutzende, ach, hunderte Geschichten im Kopf!«

»Flausen hast du im Kopf!«, rief da Baldur und lachte. »Genug des Unsinns. Lass uns gehen.«

Albin aber beharrte darauf, dass er bleiben und weiterarbeiten wolle. Da ward Baldur ärgerlich. »Du bist ja besessen davon! Komm mit, oder ich gehe allein!«

»Dann geh allein«, sprach Albin seelenruhig und hatte sich bereits umgewandt. »Du wirst ja ohnehin wiederkehren.«

Baldur konnte nicht fassen, was sein Bruder da von sich gab, und ehe er noch die Beherrschung verlor, machte er kehrt und stürmte aus dem Häuschen und schlug die Türe hinter sich zu.

***

Dann war Ruhe.

Es war Ruhe, und Albin schrieb. Das zweite Werk war am Mittage vollendet. Das dritte am Nachmittage. Als es Abend ward, stapelten sich vier Geschichten des Landstreichers Albin auf dem Schreibtische, welche selbst die Werke der größten Meister übertrafen. Die Handlungen, die Figuren, die witzigen und wahnwitzigen Einfälle, die geschliffene Sprache, all das kam vom Weine, von diesem seltsamen Rausche, von dieser Zauberwirkung – welche auszunutzen, ehe sie schwinden würde, es doch geradezu die Pflicht des Künstlers war! Und so schrieb Albin weiter.

Und es ward Nacht.

Und das trübe Mondeslicht fiel durch das Fenster auf die Feder, welche unentwegt über das Papier flog.



***

Noch im Morgengrauen schrieb Albin, kaum nachdenkend, sondern es ganz dem Weine überlassend, seine Gedanken zu lenken, seinen Künstlermut immer weiter anzufachen. Die rätselhafte Wirkung des blau leuchtenden Trunks hatte mitnichten nachgelassen, sich eher noch verstärkt, und so fand Albin in seiner Arbeit kein Ende und vergaß die Welt um sich herum, vergaß zu essen und zu trinken, zu schlafen, vergaß alles andere.

Auch seinen Bruder, welcher nicht zurückgekehrt war, vergaß er. Einmal blickte Albin auf, doch seine Aufmerksamkeit verweilte nicht lange auf der Frage, was mit dem Bruder war, denn jäh ward sie vom nächsten Geistesblitze gefangen, von der Ahnung einer Geschichte, welche ihn mit solchem Überschwang erfüllte und ihn mit solcher Kraft weiterriss, dass er nicht einen Augenblick mehr an Baldur dachte, sondern immer, wenn er sich einmal erlaubte, für die Dauer eines Atemzuges innezuhalten, nur fieberhaft den nächsten Funken suchte, das Licht des Künstlers am Leben zu halten, die nächste Welle des Flusses dieser strahlendsten schriftstellerischen Einfälle, in welche er sich sogleich stürzen würde.

Die Sonne stieg auf und versank.

Und Albin schrieb.

***

Er löschte die Kerze. Entzündete sie. Löschte sie wieder. Und er blickte kaum auf, während er es tat, und wunderte sich nicht, dass die Kerze niemals herunterzubrennen schien, und wunderte sich nicht, dass die Tinte im Fässchen niemals versiegte und sich immer neues Papier in der Schublade fand.

Er störte sich nicht an seinem Haar, welches länger, oder an seinem Bart, welches dichter ward, und nicht an seinen Kleidern, welche dünner wurden und aufrissen.

Ihn störte nicht die Kälte des Winters und nicht die Hitze des Sommers. Er zitterte und schwitzte, doch war er ganz Geist und Auge und Hand, war nur mehr Gedankenstrom, starrer Blick und Federstrich.

***

Als das Alter bereits lange an ihm gezehrt hatte und ihn schließlich die Kraft verließ, auch nur einen weiteren Buchstaben auf das Papier zu setzen, da seufzte er und lehnte sich zurück, das Antlitz verzerrt vor Erschöpfung. Er verweilte auf dem Stuhle, unfähig, sich zu rühren, bis ihm nach und nach die Erinnerungen an sein früheres Leben wieder gegenwärtig wurden, welches nun eine halbe Ewigkeit zurücklag, bis ihm Baldur wieder einfiel, den geliebten Bruder und Weggefährten – und ihn eine grausige Ahnung ereilte, die ihn aufschrecken ließ. Da erhob er sich, mit dem letzten bisschen Kraft, welches er noch aufzubringen vermochte, und wankte aus dem Zimmer.



Und sogleich erstarrte er, denn als er am Zimmer vorüberkam, in dem sein Bruder geschlafen hatte, gewahrte er etwas auf dem Bette, und wie er sich umwandte, langsam, furchtsam, da sah er, dass dort die Kleider Baldurs lagen, die Hose und das Hemd, und dahinter, da kam nicht das vertraute Antlitz, welches ihn von frühester Kindheit an und in allen Lagen des Lebens begleitet hatte, nicht die blitzenden Augen und der lachende Mund, sondern etwas anderes, Erschreckendes: Albin nämlich blickte in die schwarzen Höhlen eines Schädels und in das ewige Grinsen der Toten.

Da fiel Albin auf die Knie, und sein eigenes Antlitz verzerrte sich in Entsetzen und Trauer.

Er weinte und weinte, so lange, wie er geschrieben hatte – so kam es ihm vor –, und schließlich, als alle Tränen geweint waren und die schönsten Momente bitterlich erinnert, da fasste er sich ein Herz und tat, was Baldur getan hätte, und begrub den Bruder vor dem Häuschen. Und als er ein Gebet gesprochen hatte und wieder aufsah, da erblickte er im Dickicht etwas Blaues, und als er hinging und die Zweige beiseiteschob, fand er dahinter –

Blaue Beeren.

Und er pflückte die Beeren und nahm sie mit hinein. Er gewann den Saft daraus und ließ ihn in das Weinglas tröpfeln, und als es gefüllt war, da ergriff Albin mit einem Male eine überwältigende Müdigkeit, und er wusste, nun war es auch für ihn an der Zeit, zu gehen. Er begab sich hinaus und setzte sich ans Grab seines Bruders.

Dann war da ein blauer Schimmer, welcher sich aus dem Nebel sammelte, und der Schimmer ward ein Glanz, und der Glanz ein Lichtlein, welches über Albin hinweg davonschwebte, hinaus ins Moor. Allmählich löste er sich auf, der blaue Nebel, und der Blick aufs Häuschen war frei. Auf Albins und Baldurs Häuschen.

Das Häuschen im Moor.

Das Letzte, was Albin sah, war der klare, hellblaue Himmel. Dann schlossen sich – für immer – seine Augen.

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