Die dämmernde Gottheit

Es war das Jahr 1821. Sechzig Kilometer nordöstlich von London lag das Anwesen der Familie Edwards, ein Bauwerk, dem man die Jahrzehnte allzu deutlich ansah, von einem verwilderten Garten und einer steinernen Mauer umgeben. Zu dieser Zeit wurde das Anwesen – zum ersten Mal in seiner Geschichte – von einer einzigen Person bewohnt, James Edwards, der einmal ein angesehener Professor der Literatur gewesen war und seit einiger Zeit den Ruhestand genoss.
Seit jeher hatte sich Edwards für Bücher begeistert. Er mochte sich für verschiedene andere Dinge interessiert haben und teilweise noch immer interessieren, jedoch nur, wenn er sich mittels Lektüre mit ihnen befassen konnte und nicht unmittelbar mit ihnen zu tun bekam. So las er beispielsweise gern Fachliteratur über Archäologie und Geschichte, über Physik und Chemie und Biologie, ohne je ernsthaft mit dem Gedanken zu spielen, im Herbst seines Lebens noch einmal ein Museum zu besuchen oder ein Experiment nachzustellen. Nein, Edwards verbrachte, seit er das Anwesen nach dem Tod des Großonkels bezogen hatte, seine Zeit im Bett – er schlief wieder länger –, am Esstisch oder in der Bibliothek, nirgendwo sonst.
Und doch begab es sich, dass Edwards auf seine alten Tage noch etwas Sagenhaftes widerfuhr, etwas Unbeschreibliches, das jenseits der menschlichen Vorstellungskraft lag.
***
Alles begann mit einem Buch, dem Edwards zuvor keinerlei Beachtung geschenkt hatte. Einem kleinen Lederband, auf dessen Rücken kein Titel prangte – welchen Grund hätte man, es herauszuziehen, wenn man in einer Bibliothek von fantastischen Ausmaßen aus tausenden anderen Büchern, Klassischem und Obskurem, wählen konnte? Und doch ließ sich Edwards aus unerfindlichen Gründen dazu verleiten, das Buch zur Hand zu nehmen, um zu sehen, worum es sich handeln mochte. Nun, die Erzählung schien wenig interessant, enttäuschend sogar: ein alter Roman, der, als Edwards einige Absätze überflog, sein Interesse nicht im Geringsten zu wecken vermochte.
Er war im Begriff, das Buch zu schließen, als ihn eine Zeichnung auf der letzten Seite stocken ließ. Hatte er das Motiv nicht schon einmal gesehen? Und – tatsächlich! Edwards riss die Augen auf. Es durchfuhr ihn wie ein Blitz, als er erkannte, dass die Zeichnung mitnichten zum Roman gehörte, sondern später hinzugefügt worden war, und dass Edwards den abgebildeten Raum schon einmal gesehen hatte: Es handelte sich um einen Raum im Keller des Anwesens. Einen Raum, der sich, wie Edwards gleich darauf klar wurde, unterhalb der Bibliothek befand – ja, vielleicht genau an der Stelle, an der er in diesem Moment stand.
Die Neugier des Professors war geweckt. Schnellen Schrittes begab er sich zur Kellertür, entzündete die Laterne und stieg die Stufen hinab.
Unten angekommen, betrachtete er erneut die Zeichnung, hielt sie vor sich, und so hatte er die Stelle bald ausgemacht. Er schob die Holzkisten, die dort standen, beiseite und fand die Wand dahinter vor, wie sie gezeichnet war. Nein, halt! Es fiel ihm, kaum bemerkbar, doch ein Unterschied auf: ein einzelner Stein in der Wand, der auf dem Papier schraffiert war, doch in der Wirklichkeit aussah wie die anderen. Was hatte es damit auf sich?
Edwards näherte sich und betrachtete den Stein aus der Nähe, berührte ihn und stellte fest, dass er locker saß. Mit Werkzeug gelang es Edwards, den Stein herauszunehmen, und dahinter befand sich ein Hebel aus Metall. Nachdem er diesen zögerlich betätigt hatte, vernahm Edwards Geräusche hinter der Wand. Einige Sekunden rumorte es zu seiner Rechten, und die Mauer begann zu bröckeln und wurde von mechanischer Kraft beiseite geschoben. So öffnete sich ein schmaler Durchgang, während die Steine, heller als die übrigen, einer nach dem anderen auf den Kellerboden schlugen.
Edwards rührte sich nicht von der Stelle und beobachtete, was da Wunderliches geschah. Erst als der Staub sich gelegt hatte und völlige Stille herrschte, fand er zu sich. Vorsichtig trat er an den Spalt in der Wand heran, der sich aufgetan hatte. Er spähte in die Dunkelheit und lauschte, und er meinte, eine leise Stimme zu vernehmen, ein Flüstern, das aus der Tiefe kam – und ihn rief. Ein Grauen durchfuhr ihn. Er wollte kehrtmachen, doch konnte es nicht. Etwas zog ihn zum Durchgang, zur Dunkelheit. Etwas in ihm musste diesem Mysterium auf den Grund gehen.
Also ergriff er seine Laterne und kletterte ins Mauerwerk. Er erkannte, dass eine Treppe in die Tiefe führte, hinab in die Finsternis. Hier stimmte etwas nicht, denn so alt und verlassen alles wirkte, lag kein Staub auf den Flächen, hingen keine Spinnweben an der Decke, die im Übrigen so niedrig war, dass Edwards sich gebeugt halten musste. Stufe um Stufe nahm er, und mal überwog die Angst, da hielt er inne, mal die Neugier, da tat er den nächsten Schritt. Die Treppe führte tiefer und tiefer, wand sich mal in die eine, mal in die andere Richtung.
Schließlich aber war Edwards unten angelangt – und fand sich, wie es schien, in uralten Ruinen wieder! Er trat in eine große Halle, die in trübem Licht lag, ohne dass sich eine Quelle ausmachen ließ. Von merkwürdiger Architektur war diese Halle, unregelmäßig verzerrt und gestützt von Säulen, die unterschiedlich groß und dick waren, unterschiedlich verziert, als gehörten sie nicht zusammen, und unterschiedlich stark verfallen, als gehörten sie nicht einmal in die gleiche Zeit. Sobald Edwards die Laterne schwenkte und eine Säule im Schatten lag, schien ihr schwarzer Umriss die Form zusammengepresster menschlicher Körper anzunehmen, mit Köpfen und Händen und Füßen, die aus dem Schaft herausragten, und Edwards erschrak mehrmals nacheinander, leuchtete erneut in die Richtung, wo er die Säule wie gewohnt erblickte, und so irrte er, die Laterne wild hin- und herschwenkend, zwischen den Säulen umher.
Am Ende der Halle fand Edwards einen rechteckigen Durchgang, der in einen schmalen Tunnel führte. Diesem folgte er, bis er in eine Kammer kam, in der Atem und Schritte keinen Widerhall mehr erzeugten. In dem Moment, als Edwards eintrat, begannen die Wände sich zu erhellen. Zeichen traten leuchtend hervor, die dem Professor gänzlich unbekannt waren, Hieroglyphen vielleicht oder Runen. Er führte die Laterne an den Wänden entlang, um die Zeichen von Nahem zu betrachten, und näherte sich so dem hinteren Ende der Kammer, ohne zu sehen, wohin er trat.
Dann aber wandte sich Edwards zur Seite, schwenkte die Laterne über den Winkel hinweg – und fuhr mit einem solchen Schreck zusammen, dass ihm der Aufschrei in der Kehle stecken blieb. Was er dort vor sich sah, einen Meter entfernt, hatte er noch nie zuvor gesehen. Hinter dickem Glas schwebte ein auf den ersten Blick unförmiges Ding im Wasser – wenn es Wasser war, denn die Flüssigkeit selbst schien, wie die Halle zuvor, ein schwaches grünliches Licht abzugeben – und blickte Edwards mit ausdruckslosen Augen an. Der Blick der Kreatur war matt, dämmrig, kaum lebendig. Es war nicht klar, ob es den Menschen erkannte, der da stand und starrte, denn abgesehen von den Augen, die Edwards träge folgten, als er sich langsam am Glas entlangbewegte, zeigte das seltsame Wesen keinerlei Reaktion. Da fasste Edwards seinen Mut. Er atmete tief durch und trat einen Schritt näher, die Laterne erhoben.
Halb Fisch, halb Krake schien das Wesen zunächst, doch in Spuren erkannte man, wenn man lange genug hinsah, auch vieles andere. Die Form des Schädels, die Augenpartie und das Maul mit diesen spröden Lippen verliehen ihm sogar ein gewisses Maß an humanoiden Zügen, die entstellend wirkten, menschlich, und doch unmenschlich, nicht unbedingt abstoßend, doch unheimlicher als alle grotesken Fantasien, die Edwards je in Schauerromanen oder Mythologien erblickt hatte.
Doch wie der Mensch zuweilen ist, erlag Edwards der Faszination des Seltsamen. Selbstverständlich wollte er zunächst fliehen, die Treppe hinaufstürzen, dem Nächstbesten vom sensationellen Fund berichten – doch er blieb. Er stand wie angewurzelt da. Starrte das Ding durch Glas und Wasser hindurch an. Die müden, menschlichen Augen, die im unförmigen grün-grauen Fleisch versanken, hielten Edwards gebannt.
Und dann, nach und nach, begann dieser von Neugier oder irgendeiner anderen Macht gefesselte Mann, Schemen wahrzunehmen, die zu schimmernden Bildern wurden, Geräusche zu vernehmen, die bald engelsgleiche Stimmen waren. Ein leichter, recht angenehmer Schwindel überkam ihn wie der Rausch nach einem Gläschen Wein, und es wurde ihm leicht ums Herz, so leicht, als wäre da nicht eine Sorge in seinem Leben, als wäre alles gewiss, als wüsste er, dass eine ruhige Fahrt vor ihm läge bis zum letzten seiner Tage.
So verweilte er dort, ach, wer weiß, wie lange! Eine halbe Ewigkeit schien es Edwards. In Wahrheit jedoch trug sich all dies binnen weniger Minuten zu: Der ganze Kosmos tat sich ihm auf, Zeit und Raum, Licht und Schatten. Erkenntnis um Erkenntnis offenbarte sich ihm, doch flüchtig, nicht zu halten. Er stellte Fragen, bekam sogleich die Antworten, und ließ sie dann ohne Bedauern los.
Als er wieder zu sich kam, als das Gefühl zu schwinden begann, das ihn durchdrungen hatte – und das er in schwachen Momenten für das Wirken Gottes halten sollte –, war ihm klar, dass er die Gelegenheit ergreifen und sich vollends losreißen musste. Wie trunken taumelte er durch die Säulenhalle und fand die Treppe, die er, zwei Stufen auf einmal nehmend, emporsprang.
Oben angekommen, versuchte er, den Mechanismus erneut in Gang zu setzen, um die Passage verschwinden zu lassen, und siehe da, es rumorte, es bewegte sich, und die blanke Wand zumindest war wie zuvor. Hastig stapelte er die Steine des Mauerwerks aufeinander, ein Provisorium, das genügen musste, denn zu mehr fehlten ihm Kraft und Mut; nur fort wollte er – von den Ruinen, vom Anwesen, fort, so weit es ging.
***
Edwards verließ sein Heim, das ihm ganz fremd geworden war, noch an diesem Abend, nur das Nötigste im Gepäck. Er fuhr weit, nicht nach London, sondern nach Eastleigh, wo er alte Freunde hatte, bei denen er unterkam. Er schob Renovierungsarbeiten vor und einen Fehler bei der Buchung des Hotels, und auch wenn die Freunde – ein rüstiges Ehepaar – skeptisch blieben, hießen sie den unerwarteten Gast doch willkommen und gaben ihm das Zimmer am Ende des Korridors.
Auf dem frisch bezogenen Bett verharrte der Professor, das Gesicht in den Händen, und wusste nicht ein noch aus. Was hatte er entdeckt unter seinem Anwesen? Was waren das für Ruinen, was waren das für Zeichen, was war das für eine monströse, chimärenhafte Kreatur im Basin? Was war Edwards widerfahren, als er, wie es schien, zu lange und zu tief in diese müden Augen blickte?
Es ließ ihn nicht los. Tag und Nacht drehten sich seine Gedanken um das Geheimnis der Ruinen und der Kreatur und der Trance, in die er versetzt gewesen war. Teilnahmslos, ins Grübeln versunken saß er am Fenster, wieder und wieder aufgeschreckt davon, dass ihn die Gastgeber ansprachen, beide verwundert und besorgt, dass sie fragten, ob es ihm gut gehe, bis Edwards schließlich, hin- und hergerissen zwischen Erinnerung und Wirklichkeit, dessen überdrüssig wurde und beschloss, etwas zu unternehmen.
Über das Erlebte sprechen wollte er nicht – man hätte ihn für verrückt erklärt! –, und so blieben ihm nur zwei Möglichkeiten: die Recherche nach Phänomenen, die dem glichen, was ihm widerfahren war, und, nachdem dieses Unterfangen ergebnislos geblieben wäre, die Rückkehr zum Ort des Geschehens. Natürlich ließ sich nichts finden in den Büchern der örtlichen Bibliothek, und so nahm Edwards Abschied von den Freunden, bedankte sich für ihre Gastfreundschaft und fuhr heim.
***
Mit rasendem Puls und schweißnassen Händen blieb er vor dem Anwesen stehen, besah es eine Zeit lang, unsicher, ob sich nicht etwas daran verändert haben mochte. Nein, von außen betrachtet, war alles wie immer. Und warum auch nicht, waren die Ruinen und die Kreatur doch, so musste Edwards annehmen, bereits seit langer Zeit dort unten gewesen, ohne dass er etwas geahnt hätte, eine Ewigkeit womöglich. Vielleicht, so dachte er, war die Kreatur bereits dort unten gefangen gewesen, bevor das Heim der Familie über den Ruinen errichtet wurde.
Zumindest einer von Edwards’ Vorfahren war allerdings dort unten gewesen, so viel stand fest. Er hatte gesehen, was James Edwards gesehen hatte, und dafür gesorgt, dass der Zugang versperrt und verborgen wurde. Es mochte wohl sein, dass das Geheimnis über viele Generationen von der Familie gehütet worden war und irgendwann in Vergessenheit geriet – ja, vielleicht erst, als James an der Reihe gewesen wäre, eingeweiht zu werden!
Wenn also bisher offenbar keine unmittelbare Gefahr aus der Tiefe gedroht hatte, so drohte auch nun keine, und so atmete Edwards durch und trat ins Foyer. Hier schien ebenfalls alles beim Alten. Die Kenntnis dessen, was unterhalb des Anwesens lag, versetzte den Professor plötzlich nicht mehr in Nervosität, ganz im Gegenteil: Vielmehr fühlte er sich von Neuem angezogen von den Ruinen, von dem Wesen, von den Momenten des Rausches, die er dort unten durchlebt hatte, und der Klarheit, die ihm zuteil geworden war, so flüchtig sie gewesen sein mochte. Es war eine regelrechte Sehnsucht, die er verspürte, danach, erneut die unvergleichliche Erhabenheit des Geistes zu spüren.
Er versuchte nicht einmal, sich dem Drang zu widersetzen, sondern war schon bald erneut im Keller, betätigte den verborgenen Schalter, setzte den Mechanismus in Gang, der ihm Zugang zu den Ruinen gewährte. Er stolperte an den Säulen vorbei in die Kammer des Wesens, das ohne jegliche Veränderung vor sich hindämmerte. Dort presste er seine Stirn und seine Hände gegen das kühle Glas und starrte in die müden Augen des Wesens. Es dauerte nicht lange, bis erneut der Taumel einsetzte, die Leichtigkeit. Licht und Ton umgaben Edwards bald, und eine Ewigkeit verharrte er so, dem Wesen ganz nahe – und nahe auch, wie er meinte, der Wahrheit, die allem zugrunde lag, den Antworten auf die letzten Fragen der Menschheit.
Als die Sphären sich auflösten und Edwards in die Wirklichkeit zurücksank, wusste er, dass etwas anders war. Dass er nicht mehr derselbe war. Nicht nur spürte er es in der Art, wie seine Gedanken sich, schneller als beim ersten Mal, sortierten, sowie in seiner Fähigkeit, sich an Teile des Erlebten klar zu erinnern, er vernahm auch eine Kühle auf den Händen, und als er sie betrachtete, stellte er fest, dass die Haut glatt war, fein und haarlos, doch auch von grauem Ton und – das war das Seltsamste – überzogen von einem feuchten Glanz, den er zunächst für einen Film von Schweiß hielt, der jedoch, als er die Hand am Stoff des Hemdes zu trocknen versuchte, nicht schwand. Edwards nahm die Laterne, und im Licht betrachtete er den Glanz genauer. Es ließ sich nicht leugnen, dass eine Verwandlung begonnen hatte.
Was aber einem normalen Menschen den Puls in die Höhe getrieben und ihn in tiefste Verwirrung, dann wohl in blanke Panik versetzt hätte, nahm Edwards hin. Seelenruhig begab er sich nach oben in die Bibliothek, wo er sich in den Sessel fallen ließ und nicht einen weiteren Gedanken daran verschwendete, wie sein Körper auf den erneuten Kontakt mit dem dämmernden Wesen reagiert hatte. Er verbrachte die ganze Nacht in diesem Sessel, in dem er zu lesen und zu ruhen pflegte, nur dass er weder das eine noch das andere tat. Der alte Mann, der sehr viel länger wach gewesen war als gewöhnlich, verspürte nicht den Hauch von Müdigkeit. So saß er da und starrte reglos aus dem Fenster, bis die Sonne sich in violetten Flammen am Horizont zeigte.
***
Der Versuch, sich auch nur bis zur Mittagsstunde mit Büchern abzulenken, blieb ohne Erfolg: Kaum neun hatte es geschlagen, da begab sich Edwards wieder in den Keller und öffnete den geheimen Zugang. Er vermochte den Ruinen und dem Wesen beim besten Willen nicht fernzubleiben.
Was dort unten lag und hauste, hatte den Alten verhext, süchtig gemacht wie einen Trinker oder einen, der von einer irrationalen Gewohnheit nicht loskam. Tag um Tag verbrachte er dort unten, Nacht um Nacht, bis er das Gefühl für die Zeit verloren hatte. Wochen vergingen, Monate vielleicht. Er nahm nur das Nötigste zu sich und wusch sich nicht mehr. Er begann, die Notdurft in der Halle der Säulen zu verrichten – das Bad schien endlos weit entfernt –, und wenn ihn Schmerzen plagten – der Kopf, die Zähne, die Gelenke –, so ignorierte er es, so gut es ging, und gab sich nichtsdestotrotz dem Rausch der Erkenntnisse hin.
Nicht einen Gedanken verschwendete er dabei an Freunde oder Familie, nein, so viel Weisheit er auch erlangte, so viel er nun von der Welt verstand, es kam niemandem zugute, denn die Gesellschaft spielte nun weniger denn je eine Rolle für den erleuchteten Mann.
Während Edwards seine Zeit in den Ruinen verbrachte, verwandelte sich das Anwesen in ein graues Gemäuer. Staub legte sich auf das Mobiliar, auf die Bücher, auf alles, was unberührt dalag. Spinnweben sammelten sich in den Winkeln, überzogen die Decke und schließlich die Wände.
So, wie er die Welt vergessen hatte, kümmerte sich auch niemand um den Verbleib Edwards’. Die meisten Freunde waren tot, und die, die noch übrig waren, hatten allesamt ihre eigenen Sorgen, und so machte sich niemand auf den Weg, den Professor zu besuchen, und niemand fand das Anwesen vor in dem Zustand, in dem es war – oder den Besitzer in dem seinen: umnachtet, besessen, dem Wahn vollends verfallen.
Auch äußerlich wandelte sich Edwards weiter: Hatte er jene feuchte Glätte seiner Hände noch hingenommen, als wäre nichts Ungewöhnliches daran, erschrak er beim Blick in den Spiegel, denn auch der Rest seines Körpers schien sich mit jedem Besuch der unterirdischen Stätte einer neuen Gestalt anzunähern. Es war nicht nur der Gewichtsverlust, der Edwards entstellte. Die Augen waren bald dunkel umrandet, die Iris verlor ihre Farbe, die Wangen, die eingefallen hätten sein sollen, hingen stattdessen schlaff über einem wellenförmigen Kieferknochen. Der Hals schien verschwunden zu sein, der Kopf gleich auf den Schultern zu liegen. Die wiederum wurden schmaler, und das Gelenk verlor die Festigkeit, legte sich über Schulterblätter und Schlüsselbein und wollte, wie es aussah, mit dem Rest des Oberkörpers verschmelzen. Nur kurz beugte Edwards sich vor, um genauer hinzusehen, als er glaubte, den Schlag seines Herzens durch den Brustkorb hindurch zu erkennen, sah ein leichtes Beben, ein Zittern wenigstens, und da wandte er sich ab und mied den Spiegel, als wären da Gorgonenaugen.
Längst betrachtete Edwards die Ruinen unterhalb des Anwesens als sein eigentliches Zuhause. Das Wesen war ihm vertraut, als kannte er es seit Kindestagen. Weder wie ein Familienmitglied hatte Edwards es wahrgenommen noch wie ein Pferd oder ein Hund; es glich nichts Bekanntem, es war nicht lebend, nicht gegenständlich, eine Erfahrung vielmehr, die man wieder und wieder gemacht hatte, ein immerwährendes Gefühl – wie Heimat.
Die Visionen, die Edwards durchlebte, wurden noch lebendiger, blieben ihm noch länger im Gedächtnis, bis er sich nachher an alles, vom Anfang bis zum Ende, erinnerte. Er gewöhnte sich schnell daran, täglich so viel neues Wissen aufzunehmen, wie es ihm nie zuvor möglich gewesen war, und nach jeder Trance konnte er es kaum erwarten, aufs Neue einzutauchen.
Zunehmend verspürte Edwards, wenn er sich in die Wirklichkeit zurückgeworfen fand, eine Schwere auf sich lasten, eine durchdringende Schwäche, die ihn bald an jeder unnötigen Bewegung hinderte. War es seine Unlust, irgendetwas anderes zu tun, als reglos dazusitzen und Wissen aufzusaugen, oder war es ein körperlicher Verfall, der die ungebrauchten Muskeln schwinden ließ? War es das Alter, das sich ausgerechnet jetzt noch deutlicher bemerkbar machte? Hatte er zu lange die stickige, fluoreszierende Luft geatmet?
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Eines Tages oder Nachts, als Edwards zu sich kam, bemerkte er, dass das Wesen – diese so vertraute Präsenz – nicht mehr dasselbe war. Die Augen hatten sich getrübt. Von hellem Grau waren sie nun. Der Blick wirkte leer und folgte Edwards nicht mehr, als dieser vor dem Basin erst einen Schritt nach rechts, dann zwei nach links tat. Als der Professor die Stirn abermals an das kühle, weiche – … weiche …? – Glas drückte, erkannte er, dass um das Wesen herum etwas im Wasser schwebte. Edwards traute seiner Wahrnehmung zunächst nicht, doch nach und nach wurde ihm klar, dass das Wesen, die dämmernde Gottheit, nun völlig leblos war, und was es umgab, waren die organischen Partikel des eigenen, sich auflösenden Leibes.
Die Trauer währte nicht lang. Das Glas, das Edwards weich vorgekommen war, hatte sich nicht verändert – sondern er selbst. Er betrachtete die Spiegelung: Die Stirn aufgebläht, die Wangen der Schwerkraft gefügiger, als sie es jemals sein sollten, die Gliedmaßen glatt und grau. Und was war das? Finger, die ihre Fingerform verloren hatten, die halb Tentakel waren, Schwimmhäute dazwischen, nass glänzend wie der Rest, schleimig sogar. Der Bauch aufgedunsen, die Knie, die zuvor geschmerzt hatten, jetzt ohne jedes Gefühl und, nein, eigentlich gar nicht mehr da, nur weiche Knochen in weichem Fleisch.
Ein plötzlicher Impuls erfasste Edwards. Ungeschickt begann er, das Basin zu erklimmen, den Körper, der ein plumper nasser Sack war, mit aller Kraft, die ihm verblieben war, hinaufzuziehen. Ein minutenlanges Mühen war es, bis er schließlich auf der anderen Seite des Glases mit einem dumpfen Platschen ins Wasser fiel.
In einem Anfall unbändigen Hungers verschlang Edwards, dessen Mund ein Maul geworden war, groß wie das eines Mondfisches, den toten Leib der Gottheit, nur mehr eine bloße Hülle, gallertartig, schweflig im Geschmack, als Edwards ihn über seine breite, unbewegliche Zunge hinunterwürgte. Er spürte die Schwere im Magen – oder was immer es war, das seinen eigenen Leib völlig auszufüllen schien –, während er auf den Boden des Basins sank. Dort wurde ihm düster vor Augen, die Welt verlor die Farbe und verschwamm. Edwards schloss die Lider zur Hälfte. Und begann, nachdem die tiefste Erkenntnis in strahlenden Visionen gekommen und gegangen war, vor sich hinzudämmern. Die Passage, dachte er zuletzt, stand sie eigentlich noch offen? Nicht einen einzigen klaren Gedanken fasste er danach.
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Es war das Jahr 1821. Sechzig Kilometer nordöstlich von London lag das Anwesen der Familie Edwards, ein Bauwerk, dem man die Jahrzehnte allzu deutlich ansah, von einem verwilderten Garten und einer steinernen Mauer umgeben. Seltsam war’s, doch niemand erinnerte sich an das Anwesen oder die Familie, beim besten Willen nicht. Irgendwann riss man das verwahrloste Gebäude ab. Und setzte etwas anderes dorthin.
























































