Puls

Aluminium glänzte im Mondschein. Plastik schimmerte darin. Ich schritt über Schutt und Scherben, weichgezeichnet vom Silberlicht, das sich im dünnen, kaum wahrnehmbaren Nebel verlor, gleichwohl knarrend und knirschend, den Hügel hinauf, den Hügel hinab, Richtung Bach. Auch hier noch vernahm ich in der Ferne das Donnergrollen und den Maschinenpuls.
Fand man überhaupt irgendwo Stille?
Am Nachmittag hatte es geregnet – ein seltenes Ereignis –, und es roch nach feuchter Erde, zu schwach allerdings, dass man den schwefligen Rauch nicht mehr wahrgenommen hätte. Irgendwo unter der Stadt schien Tag und Nacht ein Feuer zu brennen. Das ewige Höllenfeuer.
Ich schritt über den Bach, der nach altem Maßstab nur mehr als Rinnsal zu bezeichnen war, ließ das träge Murmeln hinter mir und stieg einen weiteren Hügel hinauf. Am Horizont zeichnen sich, Schwarz auf Mitternachtsblau, die Ruinen der Stadt ab, die Überreste von Einkaufszentren, Wolkenkratzern, der Universität.
Auch jenseits des Baches schritt ich über Scherben: Erinnerungen an eine vergangene, nein, eine zerschlagene, zerschossene, gesprengte, ausgezehrte, vergiftete Ära. Es hätte schön werden können, »zu guter Letzt«, wie mancher sagte. Das Ziel, das die Menschen über die Jahrhunderte immer wieder aus den Augen verloren hatten, schien nahe. Der Traum von der Freiheit stand kurz vor seiner Verwirklichung. Unsere Navigationssysteme hatten uns eine Route zurück nach Eden berechnet. Doch auch wenn das Raue hinter uns lag, waren die Sterne letztendlich noch immer außer Reichweite. Dieses Bild kam mir ständig in den Sinn.
Nachdem ich südlich des Baches bereits alles abgesucht hatte, begann ich in dieser Nacht damit, den Norden systematisch zu durchkämmen. Ich wusste nur ungefähr, welcher Form die Komponente sein musste, die ich benötigte, doch ich war zuversichtlich, dass sie mir ins Auge fallen würde.
Ich suchte und suchte, und die Wolken zogen über dem Schrottplatz hinweg. Mal tauchte das Mondlicht alles in seinen Silberschein, mal erstickte Schatten das Glänzen und Schimmern, und ich bewegte mich langsamer, um genauer hinzusehen. So mochten Stunden vergangen sein, begleitet von den Geräuschen der Stadt, dem Dröhnen und Rumoren und dem mechanischen Herzschlag, ununterbrochen, doch zu missklingend und die Atmosphäre beherrschend, als dass man es mit der Zeit hätte ignorieren können.
Dann plötzlich – riss mich ein anderes Geräusch aus den trüben Gedanken. Ich kann nicht zum Ausdruck bringen, wie sehr das, was ich dann sah, mich in Erstaunen versetzte. Eine Hoffnung, kaum mehr glimmend, flammte auf, als ich mich versicherte, dass mich meine Augen nicht trogen und dass nicht mein Geist in seiner Sehnsucht nach menschlichem Leben mir einen Streich spielte. Denn dort, kaum fünfzig Meter weit entfernt, wandelte ein Mädchen daher, auf leisen Sohlen – barfuß! – über die Ansammlung ausgedienter Technologie. Sie trug ein weißes Kleid, dessen Saum in der Bewegung und in der Brise wehte, und das Haar floss ihr über die Schultern wie flüssiges Anthrazit. Ihre Augen schienen zu leuchten, als reflektierten sie das Silberlicht des Mondes. Sie schien etwas zu suchen, den Blick auf den Boden gerichtet ihn dann und wann nach links und rechts lenkend und, wenn sie etwas Interessantes ausgemacht zu haben glaubte, die Richtung ihrer Schritte ändern. Diese Schritte allerdings, so fiel mir auf, hatten etwas Ungewöhnliches an sich, und nachdem ich sie eine Weile beobachtet hatte, kam ich dahinter, dass sie zwar von vollkommener Körperkontrolle, ja beinahe surrealer Eleganz zeugten, doch unregelmäßig waren, hinkend zuweilen, als hätte das Mädchen eine Verletzung davongetragen, was selbstverständlich nicht gerade unwahrscheinlich und damit wenig verwunderlich war. Ungeachtet dieser unterschwellig wahrnehmbaren Einschränkung, bewegte sich das Mädchen in effizientem System über den Schrottplatz, und hätte ich nicht in weiser Voraussicht meine eigene Position geändert – über den unwegsamen Untergrund schleichend, der mir selbst mit meinen gesunden Beinen weit mehr Schwierigkeiten bereitete als dem Mädchen –, wäre ich entdeckt worden.
Weshalb ich mich nicht offenbarte, kann ich auch heute nicht mit Gewissheit sagen. Die Situation war, wenn ich ehrlich bin, aufgrund ihrer regelrechten Surrealität geradezu furchteinflößend, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie ich mich hätte gebaren, was ich hätte sagen sollen, und aus Angst, in der Aufregung des Moments eine falsche Entscheidung zu treffen und die vielleicht einzigartige Möglichkeit menschlichen Kontakts unwiederbringlich zunichtezumachen, ließ ich die Gelegenheit mir entgleiten. Das Mädchen entfernte sich wieder, während ich in meinem Versteck blieb und mir die Fragen durch den Kopf gingen: Woher sie gekommen war, was sie gesucht hatte, wohin sie nun zurückkehren würde. Ob sie auch einsam war.
Als ich endlich zu Sinnen kam, als die Paralyse, die mich ergriffen hatte, schwand und ich die Kontrolle über meinen Körper wiedererlangte, sprang ich auf und stürmte hinvor. Ich erklomm einen Hügel und hielt von dort oben Ausschau nach dem Mädchen. Doch nichts. Kein anthrazitfarbenes Haar, kein weißes Kleid, kein Schatten auf dem Glanz des Aluminiums oder dem Schimmer des Plastiks oder dem Pfad aus Scherben, der weiter in den Norden führte. Ich seufzte traurig, doch in der nächsten Sekunde glimmte Hoffnung in mir auf: Wenn sie, wie ich, etwas suchte, das sie heute Nacht nicht finden konnte, würde sie morgen wiederkehren. Ja, sagte ich mir, das war gewiss, und bis dahin würde ich wissen, was ich zu tun und was ich zu sagen hätte. Und wie ich den Mut dazu finden würde. Im Herzen gleichenteils Reue und Hoffnung, machte ich mich auf den Rückweg.
***
Die Morgensonne drang durch das gesplitterte Fenster und die Fetzen des Vorhangs. Heiße Strahlen weckten mich, und schweißbenetzt setzte ich mich auf, rieb mir den Schlaf aus den Augen, öffnete sie langsam, abgeschirmt vor dem grellen Licht, atmete ein – und krümmte mich, Staub in der Lunge, in einem Hustenanfall. Dann sah ich mich im Zimmer um, das mir auf den ersten Blick noch immer ein fremdes war. Es dauerte einige Sekunden, ehe ich begriff, wo ich mich befand. Das Kirschholz der Zimmereinrichtung war aufgehellt vom Staub, der jede Nacht zurückkehrte. Da stand es also wieder, das steingrau bedeckte Mobiliar: der Geisterschrank, die Geisterkommode – und ich lag im Geisterbett. Ich gewahrte den eigentümlichen Geruch des Zimmers, der mich zunächst hatte zögern lassen, hier meine Nächte zu verbringen. An diesem Morgen begriff ich, was es war, das hier in der Luft lag: Es roch nach Vergangenheit, einer ganzen Menge davon. Es roch nach Erinnerungen eines ausklingenden Lebens.
Ich stand auf und ging ans Fenster. Noch immer hörte man das Donnergrollen und den Maschinenpuls, und man gewöhnte sich nicht daran. Die Stadt war eine einzige große Fabrik geworden, und an irgendetwas wurde rund um die Uhr gearbeitet. Über den Ruinen der Einkaufszentren, der Wolkenkratzer und der Universität schwirrten in Scharen die schwarzen Drohnen wie Roboterraben, mechanische Todesboten. Was immer dort vor sich ging, Menschen hatten in dieser Stadt nichts mehr zu suchen.
Ich begab mich die knarrende Treppe hinab und in die Küche. Wer hier gelebt hatte, war nicht herauszufinden. Der Einrichtung musste es eine einzelne Person gewesen sein, die das Haus in weiser Voraussicht verlassen und alle persönlichen Dokumente mitgenommen hatte, ehe das große Finale kam. Der Endknall.
Was ich mit Sicherheit wusste, war, dass es eine religiöse Person gewesen sein musste, denn das Haus war voller Engelsfiguren. Überall standen sie. In den Regalen, auf den Fensterbänken, auf den Nachtschränkchen. Kleine und große in Gewänder gekleidete humanoide Fabelwesen mit Schwingen, angelegt, ausgebreitet; einige wenige befanden sich im Flug – aufgehängt an dünnen Fäden –, die meisten aber standen da, ein gütiges Lächeln im Gesicht und die Arme ausgebreitet wie zur Umarmung – die reine Liebe einer Himmelskreatur darbietend, göttliches Licht, vielleicht von einem auserwählten Individuum zu empfangen, einer Gruppe von Gläubigen, der Welt. Alle, die überlebt hatten, hätten ein paar aufmunternde Worte ihres Schöpfers und – viel mehr noch – die Wärme eines anderen lebenden Körpers brauchen können. Selbst ich, der ich mich nicht ohne Stolz als introvertiert bezeichnet und dem physischen Kontakt wenig Wert beigemessen hatte, sehnte mich mittlerweile danach, wie ich mich nie zuvor nach etwas gesehnt hatte.
Ich ließ die Engelsfiguren, wo sie waren, rührte sie nicht einmal an – vielleicht aus Respekt vor meinem Vorbesitzer, vielleicht weil sie auch für mich ein Symbol der Hoffnung waren, derer es schließlich nicht mehr viele gab.
In eine der zersprungenen Schüsseln schüttete ich die letzte Ration Cornflakes, die ich im Keller gefunden hatte. Man ahnt nicht, wie gut selbst trockene Cornflakes schmecken können, nachdem man wochenlang nur billige Konserven zur Auswahl hatte. Das Frühstück war nicht nur die wichtigste Mahlzeit des Tages, sondern dieser Tage auch mein einziger Glücksmoment – so pathetisch es klingen mag. Ich muss zugeben, dass ich es an Disziplin vermissen ließ und manchmal auch abends Cornflakes aß, sodass die Rationen für eine Woche nur fünf Tage reichten.
Bereits am Morgen herrschte eine Hitze, die es einem beinahe unmöglich machte, das Haus zu verlassen, und die es erforderte, viel zu trinken. Es grenzte für mich an ein Wunder, dass der Wasserhahn noch funktionierte, wo doch das meiste andere, was wir in der Zivilisation für selbstverständlich gehalten hatten, zerstört oder verlorengegangen war. Allerdings war die bräunliche Suppe, mit der sich mein kaum weniger verschmutztes Glas füllte, kaum als trinkbar einzustufen. Anfangs gab es einen Wasserfilter, integriert in die Wasserleitung, doch er funktioniert seit einigen Tagen nicht mehr. Trotzdem musste ich trinken. Und ertragen, was darauf folgte.
Vornübergebeugt saß ich da und versuchte, mich einzig und allein auf meinen Atem zu kontrollieren, mich zu entspannen, doch wie immer gelang es mir nicht, und mein Magen verkrampfte sich wieder und wieder, in unregelmäßigen Abständen. Egal, wie langsam man trank, die Krämpfe waren unvermeidlich. Schon ein kleiner Schluck genügte, und da es auch dann nicht weniger schmerzte, trank ich das Glas in einem Zug, um vielleicht die Dauer meiner Unpässlichkeit auf ein Minimum zu reduzieren. Ich wusste, wie diesen Schmerzen beizukommen gewesen wäre, und ich hatte sogar die richtigen Medikamente gehabt, doch waren meine von vornherein begrenzten Vorräte bereits aufgebraucht.
Als ich die Augen öffnete, verschwamm alles davor. Ich begann, Schemen wahrzunehmen, wie es ab und zu geschah. Die Chemikalien im Wasser schienen zu variieren, oder es war meine körperliche Grundverfassung, die mal besser, mal schlechter auf die Substanzen reagierte. An diesem Tag wirkten die Halluzinationen besonders real. Mein Vater war dort – schien dort zu sein – und sprach mit mir. Seine Stimme klang genau so, wie ich sie aus solchen seltenen Momenten in Erinnerung hatte, in denen es akzeptabel war, einen Ausdruck von Emotionen zuzulassen.
»Ich bereue es, so wenig Interesse für deine wissenschaftlichen Experimente gezeigt zu haben«, sagte er. »Damals, in der Garage, als du klein warst.« Er sagte: »Um ehrlich zu sein, habe ich dem tatsächlich nicht viel abgewinnen können, aber es hat mich glücklich gemacht, dass du solche Freude daran hattest. Ich hätte dir einfach zuhören sollen, wenn du davon erzählt hast. Von deinen kleinen Erfolgen – und vor allem, wenn es um deine Misserfolge ging.«
Auch wissend, dass dieses Gespräch nicht wirklich stattfand, dass ich es mir nicht grundlos einbildete, brachte mich den Tränen nahe. Nein, um die Wahrheit zu sagen, weinte ich.
»Was hat er denn?«, fragte meine Mutter, die zur Tür hereinkam.
»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, antwortete mein Vater. Er legte seine Arme um mich, und ich war überzeugt davon, ihr Gewicht zu spüren. »Wir hatten eine kleine Aussprache. Jetzt ist alles gut.«
Dann verschwanden beide. Und mein Magen beruhigte sich ein wenig.
Den Rest des Tages blieb ich im Haus, denn schließlich gab es keinen Grund, in der sengenden Hitze hinauszugehen. Erst am späten Nachmittag bereitete ich mich darauf vor, abermals zum Schrottplatz aufzubrechen, um das Ersatzteil für den Filter zu finden oder – das sogar noch mehr – das Mädchen wiederzusehen.
***
Ungeduldig stapfte ich über Aluminium und Plastik, den Weg zum Bach abkürzend, meine Schritte lauter als das Donnergrollen und schneller als der Maschinenpuls. Die Sonne war noch nicht untergegangen; sie tauchte den Schrottplatz in feurige Glut, und es hätte dieser Ort sein, an dem es immerzu brannte, und der Rauch war deutlicher zu vernehmen als zuvor. Das Abendlicht verwandelte Rost in Blut, die Ansammlung ausrangierter Gerätschaften in einen Massenmord.
Unbeirrt aber schritt ich voran.
Ich hielt mich im Verborgenen, in einem finsteren Winkel am südlichen Ende des Schrottplatzes. Das Wrack eines Kleinwagens stand dort, dessen roter Lack beinahe vollständig abgeblättert war. Die Tür auf der Beifahrerseite fehlte, und dort setzte ich mich auf das zerfurchte Leder und wartete. Dem Donnergrollen und dem Puls der Maschinen mischte sich mein eigener Puls bei. Obwohl ich ruhig dasaß, fiel mir das Atmen schwer. Ob sie wirklich zurückkehren würde? Abermals ärgerte ich mich darüber, nicht bereits in der letzten Nacht den Mut gefunden zu haben, mich zu zeigen, Kontakt aufzunehmen. Wenn sie in dieser Nacht erneut käme, wollte ich es tun, ohne eine Sekunde zu zögern, und so hielt ich mich bereit, aufzuspringen, und ich räusperte mich immerzu, als ob vielleicht im entscheidenden Moment meine Stimme versagen könnte.
Wie viel Zeit verstrichen war, vermag ich nicht zu sagen. Der Lauf der Zeit ist in gewissen Situationen – angenehmen wie unangenehmen, unterhaltsamen wie langatmigen – schwierig einzuschätzen, und so mag es eine Stunde gewesen sein oder zwei, als ich endlich die Bewegungen eines Schattens wahrnahm und im nächsten Augenblick das Weiß des Kleides, das eigentlich in der Abenddämmerung nur ein Beige sein konnte, doch nicht einmal das, denn sogleich fiel mir auf, dass etwas daran anders war. Als das Mädchen nämlich nähergekommen war, erkannte ich, dass ihr Kleid über und über mit dunklen Flecken bedeckt war, dunkelrot oder braun, teilweise beinahe schwarz, und mein erster Gedanke war, dass es sich um Öl handeln musste, wahrscheinlich von einer Maschine, doch dann begriff ich, dass es Blut war. Von ihr selbst stammte es gewiss nicht, denn wenn sie eine solche Menge an Blut verloren hätte, wäre sie nicht dort gewesen, oder man hätte zumindest eine noch deutlichere Einschränkung ihrer Beweglichkeit wahrgenommen, die jedoch im Großen und Ganzen der Beweglichkeit der gestrigen Nacht glich. War sie in einen Konflikt geraten, in einen Kampf verwickelt worden? War sie es gewesen, die etwas – oder jemanden – attackiert und verletzt hatte? Und falls es so geschehen war, hatte sie dem Leben des Tieres oder der Person sogar – auch diese Möglichkeit musste man angesichts der Menge an Blut in Betracht ziehen – ein Ende bereitet? Mein Herz sagte mir, dass dieses zierliche Mädchen mit den großen Augen und dem kindlichen Gesicht unmöglich eine Mörderin sein konnte, doch mein Verstand ermahnte mich zur Vorsicht, erinnerte mich daran, dass der Schein trügen konnte, dass man sich nach dem Eindruck eines Menschen keine Vorstellung seines Seelenlebens machen sollte. Es war nicht auszuschließen, ja sogar wahrscheinlich, dass das Seelenleben des jungen Mädchens ins Chaos gestürzt worden war, als die Welt zugrundeging.
So beschloss ich also, meine hehren Vorsätze verwerfend, weiter im Verborgenen zu bleiben. Was immer dem Mädchen widerfahren war, zu was es sich gezwungen gesehen oder welche grässliche Tat es aus eigener Initiative begangen hatte, ich musste es herausfinden, ehe ich ihr gegenübertreten konnte.
Ich verbarg mich und beobachtete das Mädchen, das wie erwartet die Suche der letzten Nacht fortsetzte, lederne Tasche umgehängt. Den Blick ohne Unterbrechung auf den Boden gerichtet, wandelte sie über den Schrottplatz. Ab und zu kniete sie sich hin, um, den Kopf geneigt, ein Maschinenteil zu inspizieren, eine Apparatur zu wenden, ein Blech anzuheben. Dann erhob sie sich wieder, ohne dass ihr die geringste Reaktion anzusehen gewesen wäre, und setzte ihren Weg fort. Von links nach rechts ging es, von rechts nach links, eine Bahn nach der anderen, bis sie schließlich auch die zweite Hälfte des Areals nördlich des Baches in Augenschein genommen hatte. Dann und wann hatte sie die begutachteten Teile in der Umhängetasche verstaut, den sie sich, mit der Zeit offensichtlich von einigem Gewicht, klackernd und klirrend über die Schulter warf. Ein kleiner Kanister war dabei gewesen, eine etwa faustgroße Batterie, etwas, das wie ein löchriger Blasebalg ausgesehen hatte, ein Drainagerohr, zwei offensichtlich nicht mehr funktionstüchtige Kameras und diverse Speichermedien – zersplitterte Disks, Sticks und eine kleine Festplatte. Anschließend stand sie eine Sekunde still, dann wandte sie sich um und schien den Heimweg anzutreten.
Leise nun! Ein vorsichtiger Schritt nach dem anderen, folgte ich ihr. Wie konnte dieses Mädchen barfuß in dieser Geschwindigkeit über die Trümmer schreiten, die scharfkantig waren und voller Scherben? Eine bewundernswerte Geschicklichkeit war das, mit der das Mädchen den Weg fand, zumal sie in ihrer Bewegung schließlich beeinträchtigt war.
***
Ich folgte ihr weiter, in grauer Nacht nun, dem grauen Kleid nach, so lange, dass ich das Gefühl für die Zeit verlor. Die ersten Anzeichen von Erschöpfung machten sich bei mir bemerkbar, das Mädchen aber setzte ihren Weg mit unverminderter Geschwindigkeit fort, und so blieb mir nichts anderes übrig, als den Brand in meinen Muskeln zu ignorieren, so gut es ging, und kontrolliert zu atmen. Es war dunkel geworden, und das Donnergrollen und der Maschinenpuls leiser und leiser, sodass ich noch vorsichtiger vorangehen musste, um nicht durch ein Geräusch die Aufmerksamkeit des Mädchens auf mich zu ziehen, das sich allerdings zu meiner Verwunderung, auch nachdem wir das gefährliche Terrain des Schrottplatzes hinter uns gelassen und ebene Straßen erreicht hatten, nicht ein einziges Mal den Kopf wandte, nicht zurück und nicht einmal zur Seite blickte.
Das Grollen und der Puls verklangen gänzlich. Als schließlich auch der Schwefelgeruch verblasst war und ich mich durch den nun wahrnehmbaren Duft der Sommernacht an meine Jugend zurückerinnern ließ, erschien in der Ferne eine Reihe gewaltiger schwarzer Quader. Wir waren weit in den Norden gelangt, und mir wurde klar, dass es sich um die Umrisse der Fabrikhallen handeln musste, in deren Nähe ich – was meine nostalgische Stimmung nur vertiefen konnte – meine Assistenz absolviert hatte.
Wir näherten uns den schwarzen Umrissen, die sich vor uns erhoben. Eine laue Brise erhob sich, die einen Ahnung von Nacht und Staub mit sich brachte. Das Mädchen setzte seinen Weg fort und begab sich geradewegs in eine der Hallen hinein. Ich zögerte einen Moment, verharrte in der Stille, doch konnte ich nun, da ich so weit gekommen war, nicht mehr kehrt machen. Ich musste wissen, wohin das Mädchen ging.
Schnellen Schrittes überquerte ich also den Vorplatz. Mich hinter der Mauer verbergend, blieb ich stehen und blickte ins Innere der Halle. Sie war von gewaltigem Ausmaß, doch nichts befand sich darin. Das Mädchen durchquerte die Leere in noch immer gleichbleibender Geschwindigkeit. Als sie das andere Ende erreicht hatte, kletterte sie in abrupten Bewegungen eine Leiter hinauf und verschwand mit einem Sprung durch den glaslosen Fensterrahmen. Ich wartete einen Moment, dann lief ich rasch hinterher, dass es unvermeidlich war, in der Leere der Halle mit jedem Schritt hallende Geräusche zu verursachen, doch mir blieb nichts anderes übrig. Ich konnte nicht zulassen, dass ich das Mädchen nun, nachdem ich es so lange verfolgt hatte, aus den Augen verlor. Ich erklomm die Leiter, die rostüberzogen war, und spähte nach draußen.
Ich sprang hinab, wie es das Mädchen getan hatte, und landete im Staub. Einen Moment lauschte ich, doch noch immer herrschte völlige Stille. Wohin mochte sie gegangen sein? Rechts oder links an der nachfolgenden Halle vorbei, oder, auch wenn das Tor geschlossen war, geradewegs hindurch?
Während ich noch unschlüssig war, mit welchem Weg ich mein Glück versuchen sollte, vernahm ich Geräusche aus einem nahegelegenen Schuppen. Metall klirrte auf Metall. Kleine Gegenstände. Werkzeug? Ich kam näher und sah, dass die Tür, überzogen von einem Rohrschachmuster aus Rost, einen Spalt offen stand, gerade genug, um hineinzublicken.
Es schien sich um ein Labor zu handeln. An den Wänden standen lange Tische mit Computern und technischen Gerätschaften, mit Erlenmeyerkolben und Reagenzgläsern und Chemikalien in verschieden großen Fläschchen. In der Mitte des Raumes stand das Mädchen in ihrem weißen, blutbefleckten Kleid, und blickte auf ein dunkles Etwas, das mir im schwachen Schein einer einzelnen nackten Glühbirne zunächst wie ein großer Sack voll Schrott erschien, in dem sie nun die Beute der Nacht verstauen würde. Bei näherem Hinsehen aber erkannte ich, dass es sich um die Silhouette eines anderen Menschen handelte, um einen Mann, der auf seinem Stuhl zusammengesunken war, und im ersten Impuls tat ich einen Schritt nach vorn, die Tür mit einem leisen Quietschen aufstoßend, das in einem glücklichen Zufall mit dem Absetzen der schwerbeladenen Tasche und dem Klackern und Klirren der Komponenten darin einherging, sodass ich zwar auf der Stelle erstarrte, doch weiterhin unentdeckt blieb. Der Mann hatte, wie ich nun sah, weißes Haar und einen weißen Bart, und sogleich kam mir der Gedanke, dass es sich um den Großvater des Mädchens handeln könnte. Er saß regungslos dort, vornübergebeugt und den Kopf gesenkt, und gab keinen Ton von sich. Das Mädchen trat näher an ihn heran, betrachtete ihn – nicht anders, als sie die Maschinenteile, die Apparaturen und die Bleche betrachtet hatte – und schien mit ihm zu sprechen, so leise, dass es auf der Entfernung nicht zu hören war, doch der Mann, der vielleicht ihr Großvater war, zeigte keine Reaktion.
Wenn ich nur helfen könnte!, dachte ich. Wenn ich nur die Möglichkeit hätte, der Enkelin ihren Großvater zurückzubringen! Müsste sie da nicht unweigerlich Vertrauen schöpfen, ja, mir in größter Dankbarkeit um den Hals fallen, statt, wie ich es mir ausgemalt hatte, furchtsam, mit einem Ausdruck des Schreckens auf dem Antlitz vor meiner Gestalt zurückzuweichen? Wäre ich nicht beinahe wie ein Engel für sie, der das göttliche Licht des Lebens bringt und den Großvater von Gebrechen und Schmerzen heilt?
Dann aber, ehe ich mein Glück versuchen konnte, mit den medizinischen Kenntnissen eines angehenden Arztes den Patienten zu untersuchen und eine Diagnose zu stellen, trat das Mädchen einen weiteren Schritt vor, die Tasche mit dem Schrott in der Hand, und betrachtete den Großvater aus der Nähe. Dann griff sie neben sich, nahm etwas von dem Tisch, der sich dort befand, nahm ein Werkzeug von den vielen, die sich darauf häuften, kniete sich auf den Stuhl und das Bein des Großvaters und begann ohne das geringste Zögern mit ihrem blutigen Werk.
Ich konnte nichts anderes tun, als dazustehen und mit dem größten Entsetzen zu beobachten, was wenige Schritte entfernt von mir vonstatten ging. Die Handgriffe des Mädchens, die zunächst erstaunlich brachial anmuteten, stellten sich als präzise Operationen heraus, denn es waren nicht viele notwendig, da hatte das Mädchen bereits den Bauch aufgeschnitten, den Magen und Teile des Gedärms ohne große Vorsicht herausgerissen und den kleinen Kanister hineingestopft. Sie wandte sich um und griff nach anderen Werkzeugen. Zunächst versuchte sie, die breite Klinge mit Schwung in den Brustkorb zu rammen, stieß zwar die Spitze weit genug hinein, dass das Messer stecken blieb, doch durchdrang das Brustbein nicht. Also nahm sie den Hammer hinzu und schlug mit Wucht gegen den Messergriff. Dann zog sie die Klinge wieder heraus, schob die Finger in den Spalt, vier oben, vier unten, und mit einem markdurchdringenden matschigen Knacken brach der Brustkorb auf. Das Mädchen riss dem toten Mann auch Herz und Lunge heraus, griff in die Tasche, entnahm den Blasebalg und platzierte ihn in der Brust. Dann nahm sie die Batterie zur Hand, und mit Bewegungen, die noch mechanischer anmuteten als bisher, stattete sie den Leichnam mit einem neuen Herz aus. Als zöge sie ein Kabel aus der Wand, entfernte sie nun auch die Luftröhre und schob stattdessen das Drainagerohr hinein. Als sie schließlich aufstand, die Tasche nahm, die Speichermedien auf dem Tisch ausschüttete und zur Säge griff, wandte ich den Blick ab und hielt mir die Ohren zu. Erst als die Geräusche verklungen waren, die auch gedämpft noch meine Übelkeit verstärkt hatten, wagte ich es, wieder hinzusehen.
Das Kleid nahezu vollständig blutgetränkt, stieg das Mädchen soeben vom Schoß des Toten, und mit den nackten Füßen trat sie in die Pfütze aus Blut, die sich unter und vor dem Stuhl angesammelt hatte. Die Schädeldecke des Toten war geradlinig entfernt worden, und wo sich zuvor das Gehirn befunden haben mochte, erblickte ich, zu einem Haufen aufgeschüttet, die Disks und Sticks und, an der Position des präfrontalen Kortex hineingesteckt, die kleine Festplatte. Einen Moment lang betrachtete auch das Mädchen das groteske Konstrukt, das sie aus Fleisch und Metall angefertigt hatte, ehe sie sich entfernte, mit eiligen Schritten den Raum durchmessend, und an schräg hinter ihrem Großvater – der kaum mehr Mensch zu sein schien, sondern eine mit Fetzen von Haut und Gewebe überzogene Maschine – und betätigte einen Schalter an der Wand. In der nächsten Sekunde leuchteten die Augen der Maschinengestalt auf, und ich erkannte dass es nicht die toten Augen, sondern die Linsen der Kameras waren. Die löchrigen Lungen weiteten sich. Das Lithiumherz schlug.
Und als wäre das alles nicht bereits genug des Horrors gewesen, als hätte nicht die Übelkeit mich – mich! – vollständig durchdringen, dass ich kaum mehr an mich halten konnte, begab sich die rotbekleidete Enkelin mit leerem Blick, doch breitem Grinsen zurück, blieb einen Moment vor dem Großvater stehen, als betrachtete sie mit tiefstem Stolz ihr abgeschlossenes Projekt – und tat, was kein Mensch von gesundem Verstand hätte vorausahnen können.
Was haben Menschen hervorgebracht! Es liegt mir fern, jemals zu irgendjemandem davon zu sprechen, welcher Szene ich am Ende dieses Albtraums ansichtig wurde. Die Abscheu, so viel sei gesagt, ergriff mich vollkommen, ließ mich erzittern, als ich mich, einen Schritt nach dem anderen, rückwärts von der Szene entfernte, die sich vor meinen Augen abspielte. Ich musste mich zwingen dazu, denn eine verdrehte Faszination hatte mich gefesselt, und all meine Willenskraft aufwenden, denn Entsetzen lähmte mich beinahe.
Oh, wie könnte ich getreu den Empfindungen, die über mich hereinbrachen, wiedergeben, was ich sah? Es ist ganz und gar unmöglich. Das menschliche Leben, wenn es einigermaßen innerhalb der Grenzen der Normalität verbleibt, lässt sich in hellen Momenten in geeignete Worte fassen, die tiefsten menschlichen Abgründe hingegen vermögen selbst die besten Schriftsteller und Redner nicht mehr als anzudeuten, den Leser oder das Publikum ahnen lassen, wie es wäre, ohne es – zum Glück! – in der gesamten Intensität erleben zu müssen. Eine mächtige Waffe wären Worte, die solche Abgründe fühlbar machen, den damit Ausgerüsteten in die Lage versetzten, anderen gegen ihren Willen der Darstellung solcher Abgründe auszusetzen, als wäre es ein unentrinnbarer Albtraum. Und dieser Abgrund, mit dem ich nun konfrontiert war, übertraf in seiner Tiefe alles, was ich kannte, denn das Bild, das sich mir unauslöschlich einbrennen sollte, erschütterte meine Hoffnung bis ins Fundament. Was mich derart in einen traumatischen Zustand versetzte, war symbolischer Natur. Es war nicht der Anblick des Mädchens bei dem, was sie tat, der durch seine groteske Komposition – die waren ihm durchaus inne, und niemals im Leben wollte ich auch nur eine gekritzelte Skizze davon zu Gesicht bekommen – oder die widerwärtigen Elemente derselben entsetzte, sondern durch die Bedeutung des Bildes, das nicht in visuell, sondern psychologisch erklärlicher Weise so intensiv auf mein Bewusstsein und mein Unterbewusstsein gewirkt haben musste, dass es mich erstarren ließ, weinen, zusammenbrechen.
Ich weiß nicht, wie es mir schließlich doch gelingen konnte, mich fortzureißen, doch nun rannte ich, so schnell ich konnte. Ich rannte noch, als ich meine Beine nicht mehr spürte, als meine Lungen sich jeden Atemzugs mit Flammen füllten. Über Asphalt ging es, über Staub, über Trümmer und über den Bach, über Aluminium und Plastik und Scherben, bis ich schließlich an die Tür des Hauses gelangte, die ich, zusammenbrechend, aufstieß.
Als ich, noch längst nicht zu Atem gekommen, die Augen öffnete und mir den Schweiß vom Angesicht wischte und ins Innere sah – da waren all die Engel fort, und es standen an denselben Stellen graue, unförmige Klötze, in denen nichts mehr zu erkennen war, und von der Decke hingen sie an dünnen Fäden, und das Antlitz des Engels, der gleich vor meinen Augen hing, zeigte kein Lachen mehr. Es war verzerrt wie mein eigenes, und all die anderen Engel hatten den gleichen Ausdruck angenommen, und es blieb noch dabei, als ich mein Gepäck zusammengesucht hatte und, noch einmal hineinblickend, die Tür des Hauses schloss.

























































