Epilog
Epilog
Rjna
„Vater, guten Morgen“, sagte ich, fröhlicher als sonst. „Mutter!“ Ich sprang förmlich auf sie zu. Sie zwang ein schmales Lächeln auf ihre Lippen und erwiderte meinen Gruss kalt.
„Hast du gut geschlafen?“, fragte sie, wobei es klang, als würde sie jetzt lieber auf dem Feld schuften, als mit mir auch nur ein Wort zu wechseln. So wie immer. Ihre Stimme klang immer hohl, wenn sie mit mir sprach. Sie schaffte es nicht einmal, mich anzusehen. Und wenn sie mir einmal in die Augen sah, war dort keine Liebe oder Gutmütigkeit, sondern lediglich versteckte Abscheu. So ganz anders, als wenn sie mit Fredi sprach.
„Riri! Riri ist jetzt vierzehn, Riri ist jetzt vierzehn!“, sang Fredi fröhlich und sprang um mich herum. Sie war erst fünf. Und doch hatte sie so viel mehr Herz als eines meiner beiden Elternteile. Bedrückt über den Ausdruck in Mutters Augen, versuchte ich mir dennoch wieder ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, einfach meiner kleinen Schwester wegen. Sie war glücklich und ich wollte mich mit ihr freuen. „Riri ist erwachsen, Riri ist erwachsen!“, sang sie weiter und erinnerte mich mit ihren Worten unbedacht daran, was auf mich zukommen würde.
Als hätte Vater darauf gewartet, stand er bei diesen Worten auf und kam mit grossen, einschüchternden Schritten auf mich zu. „Wardst du endlich zur Frau?“, gab er grollend von sich, ein zorniger Funke in seinen Augen aufflackernd, als ich kleinlaut verneinte.
Jemand strich mir über die Wange, vorsichtig und sanft. Die Berührung war weich und meine Wange schmiegte sich an die grosse Hand. Sie hielt inne. Liess mich ihren Duft einatmen.
Xelus. Es musste ein Traum sein, doch es roch vertraut und heimelig. Meine Augen flatterten auf. Und da sass er, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. Er roch nach Wald und Schweiss. Nach Staub und Erde. Und Blut. An seiner Gewandung prangte das Wappen des Königs. „I…hr seid …“
„Gerade zurückgekommen. Und du bist wach.“ Erleichtert lächelte er. „Man hat mir gesagt, du solltest noch nicht reden.“ Leicht bewegte sich sein Kopf hin und her. „Dir wurde ein Mittel gespritzt. Du kannst dich noch nicht bewegen. Und wirst die nächsten Stunden mehr schlafen als wach sein. Aber die Wirkung wird nachlassen.“ Seine Hand glitt hinunter zu meinem Hals, wo die Berührung plötzlich von Stoff abgeschwächt wurde. „Und du wirst wieder gesunden.“
Ein Wimmern bahnte sich meine Kehle hoch und passierte meine bebenden Lippen. Ich wollte es zurückhalten. Wollte ihn, jetzt, wo ich ihn wieder hatte – und wenn es nur ein Traum war –, nicht verschwommen sehen. Doch die Tränen sammelten sich ungeachtet meines Kampfes in meinen Augen. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich mich in ein leise heulendes, kleines Mädchen verwandelt.
Er zog seine Hand von meinem Hals, beugte sich herab und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Danach legte er seine Stirn an meine. „Ich habe dich vermisst, meine wunderschöne, starke Tochter. So unglaublich fest …!“
Meine Lider begannen bereits wieder schwer zu werden. Und so verabschiedete sich mein Vampirvater, mit den Worten, er wäre bald wieder hier, um mich mit sich nach Hause zu nehmen. Nach Hause.
„Nein! Das tust du nicht!“ Ein leises Keuchen war zu vernehmen und brachte mich mit halbem Bewusstsein in die echte Welt zurück. Doch schaffte ich es nicht, die Augen zu öffnen. Zu schwer wog die Müdigkeit, die noch an meinen Liedern hing. Zwei schnelle Herzschläge erfüllten den Raum.
„Wieso beschützt du sie?! Sie ist ein Feind!“, rief es aufgebracht von ein wenig weiter weg.
„Nicht sie ist der Feind, wenn du mit Mordlust in den Augen und einem Messer in der Hand ihr Gemach betrittst.“ Bitterkeit klang in dieser Stimme mit.
„Ich bin nicht die Einzige mit einer Klinge.“
„Stimmt.“
„Ich dachte, wir wären Freunde.“
„Und ich dachte nicht, dass du dich dazu herablassen würdest, jemanden im Schlaf zu morden. Schon gar nicht an ihrem Namenstag. So kann man sich irren.“
Jemand lachte auf. „Ihr Namenstag? Am Ersten eines Mondes erblickt nie ein Kind das Licht der Welt, das ist allgemein bekannt!“ Scharf atmete sie aus. „Aber selbst wenn es so wäre, es spielt keine Rolle. Das ist meine letzte Warnung, Sillia. Geh mir aus dem Weg. Ich werde beenden, was die Zwillinge nicht geschafft haben. Das ist mein Auftrag. Mein Beitrag zur Gesellschaft.“
„Du wirst dafür getötet werden!“
„Das weiss ich. Aber es wird nicht umsonst gewesen sein. Und jetzt“, die Stimme wurde lauter, „geh mir aus dem Weg!“
„Nein.“ Eine tiefe Traurigkeit schwang im Klang dieses einen Wortes mit. „Ich werde nicht zulassen, dass du Hand an meine Freundin legst.“
Die zweite Stimme spuckte: „Freundin! Wie ein Hund leckst du ihr die Füsse! Eine Schande bist du, Sillia!“
„Womöglich. Aber diese Schande ist dir überlegen.“
„Ach ja? Wie willst du in einem Kampf gegen mich gewinnen? Wenn ich meine Klinge auf dich zurasen lassen würde? Wenn ich dich in der Luft in zwei Teile reisse? Gerade du, Seherin der Wahrheit, solltest wissen, dass ich nicht lüge, wenn ich sage, dass ich meinen Auftrag erfüllen werde. Ganz egal, wer sich mir in den Weg stellt.“
Sillia zischte abschätzig, während ich bereits wieder tiefer in den Schlaf driftete. „Die Wahrheit hat viele Facetten, Elindra.“
Ein Fluch erklang. „Was…?! Was machst du?! Was … was ist mit meinen Augen?! Verdammt, Sillia!“
Leise Schritte erklangen. „Du glaubst stets der Wahrheit, die dir deine Augen vorgaukeln. Sie ist meine Freundin. Und ihr wolltet sie töten.“ Es erklang ein Geräusch, das am ehesten noch als ersticktes Keuchen zu definieren war. Rasselnder Atem schallte durch den Raum und der Geruch von Blut erfüllte ihn bis in die letzte Ecke. „Ich lasse nicht zu, dass mir jemand meine Freundin nimmt, Elindra.“ Ein dumpfer Schlag kündete vom Fall eines Körpers. „Möge dich die Klinge meiner Vorfahren in die Arme des Hellen geleiten und dir Frieden bringen. Schwester.“































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