Epilog

Epilog

Ashur

Die Dunkelheit und Kälte des Kerkers waren mir nach wie vor Freunde. Nie hatte ich sie gefürchtet. Weder sie noch den falschen König, der sich einbildete, er könnte mich brechen und mein Königshaus stürzen. Ohne Durchsetzungsfähigkeit, ohne Verstand würde er dieses Land höchstes in den Ruin treiben. Ich hatte von seinem lächerlichen Unterfangen, seiner blasphemischen Vorstellung von Gleichheit gehört. Selbst hier unten. Wände flüsterten, die Stimmen meiner Getreuen drangen zu mir hin, auch durch die Dunkelheit, auch durch die Stille. Die Wände wisperten mir zu, die Götter standen auf meiner Seite.

Als sich die Kerkertür wie angekündigt öffnete, schlich sich ein schwaches, kraftloses Grinsen auf meine Lippen.

„Mein König. Die Zeit ist gekommen“, sprach mein Untergebener und trat auf mich zu. Er reichte mir einen Becher mit Blut. So, wie er mich auch schon die Tage davor mit Blut versorgt hatte.

Ich nahm ihm den Becher ab und leerte ihn gierig. Die Stelle, an der mein Fangzahn fehlte, schmerzte. Aber einen hatte ich noch. Und einer würde reichen, um bald von meinem rechtmäßigen Eheweib zu trinken! Und sie für immer zu meinem zu machen. Diese kleine, miese Schlange hatte sich doch tatsächlich ins Bett des Thronräubers gelegt! Dafür würde ich sie bestrafen. Hart!

Der Mann vor mir half mir auf und ich schleppte mich, geschwächt wie ich war, zur Zellentür. Langsam glitten meine Hände über das kalte, vertraute Metall. „In diese Zelle werde ich Asha sperren!“, schwor ich. „In dieser Zelle wird sie weinen, betteln und bluten!“ Unsägliche Wut breitete sich bei dem Gedanken in mir aus, dass sie für den falschen König die Beine breit machte. Ich war ihr König! Ich! Sie gehörte mir! Schon seit Ihrer Geburt war sie mein!

„Mein König, wir haben nicht viel Zeit. Wir müssen das Schloss verlassen“, beharrte der niedere Lakai. Doch er hatte mir nichts zu sagen! Er durfte noch nicht einmal so mit mir reden! Dennoch musste ich für den Moment über diese Dreistigkeit hinwegsehen, was mich wütend mit den Zähnen knirschen ließ. Ich war zu schwach. Entkräftet! Ich spukte angeekelt auf den Boden und lachte leise auf. Würde er es noch einmal wagen, mich zu befehligen, würde er es bitter bereuen! Jeder in diesem Land hatte mir zu dienen! Jeder! Mir war egal, ob es Vampire, Grigoroi oder Sklaven waren, sie alle standen unter mir und hatten mir zu gehorchen! Mein Wort war Gesetz und ich duldete keinen Widerspruch!



„Ich will zu Asha!“, verlangte ich und schleppte mich in den Gang. Mit dem Körper musste ich mich an der Wand entlang schieben, weil meine Beine mich kaum halten wollten.

„Der falsche König lässt sie bewachen. Wir können nicht zu ihr.“

Oh, wie ich Widerworte hasste! Sobald ich erst wieder an der Macht war, würde ich jedem die Zunge herausschneiden, der es wagte, mir zu widersprechen oder sich erdreistete, mir sagen zu können, was ich zu tun oder zu lassen hatte! Diese minderwertigen Speichellecker würden vor mir kriechen und darum flehen, mir zu dienen! Sie würden mich anbetteln und flehen, damit ich dem Land zu alter Stärke verhalf! Ich war ihre Rettung! Ihr Erlöser!

Obwohl mein geschwächter Körper mir nicht gehorchen wollte, fing ich an zu lachen. Bald wäre meine Zeit gekommen und ich nähme meinen rechtmäßigen Platz ein. Ich würde Cyrus einen langsamen, qualvollen Tod schenken, obwohl ich ihm eigentlich dankbar sein sollte. Er hatte meine Thronübernahme erheblich beschleunigt. Hatte Vater ermordet und mir somit den Weg geebnet! Ja, eigentlich müsste ich diesem widerlichen Vampir danken! Denn gleich nach seinem Tod lag mir die Welt zu Füßen!

Meine Schritte wurden immer sicherer und die Kraft kehrte in meine müden Knochen zurück. Dennoch musste der Lakai die schwere Tür öffnen. Bei der Treppe bot er seine Hilfe an, ein heiseres Fauchen war meine Antwort. Niemals würde ich mir auf diese entwürdigende Weise helfen lassen! Endlich im Flur angekommen, starrte ich aus dem großen Fenster. Es war mitten in der Nacht und der Stern des Ora-Fides strahlte silbern, als würde er mich verhöhnen. Im Schloss war es ruhig. Zu ruhig. Sofort witterte ich eine Falle und sah mich nach dem Grigoroi um.

„Wo sind die ganzen Wachen?“, fragte ich misstrauisch. War Cyrus wirklich so leichtsinnig?

„Der Schoßhund Eurer Schwester ist entlaufen. Der König und einige Wachen suchen ihn.“

Ein Schoßhund? Wie lächerlich! Aber die perfekte Ablenkung für meine Flucht. Dieser Köter wäre das Erste, was ich meiner kleinen Schwester wegnehmen würde! Vor ihren Augen würde ich ihn ausnehmen, gleich nachdem ich sie gezwungen hatte, sich an seinem Blut zu ergötzen und es wieder auszuspucken!



Ich ging weiter, zum Seitenausgang, den für gewöhnlich die Sklaven nutzten, und verließ durch die kleine, unauffällige Tür das Schloss. Wie versprochen, wartete dort ein Pferd auf mich. Es war beladen mit zwei großen Satteltaschen. Blut, Proviant, Decken, ein kleines Zelt und mehr. Genug, um ein paar Tage oder Wochen zu überleben. Lange genug, bis ich wieder meine volle Stärke erreicht hatte.

Der Grigoroi verschwand wieder im Schloss. Er würde seinem Erschaffer mitteilen, dass meine Flucht gelungen war. Und sein Erschaffer würde den nächsten Teil unseres Plans in die Tat umsetzen.

Als ich eine ganze Weile später von einer fernen Anhöhe zurück auf meine Stadt, mein Schloss, blickte, schwor ich mir noch ein letztes Mal Rache. Kein einziges Wesen würde meinem Zorn entkommen! Cyrus würde sich wünschen, nie geboren worden zu sein. Er hatte sich mit dem Falschen angelegt. Niemand forderte die königliche Familie heraus und überlebte es! Und niemand nahm mir mein angeborenes Recht weg, über dieses Land zu herrschen! Bald schon würde ich den Tod meiner Eltern rächen. Den Tod meines Halbbruders. Und dem Thronräuber würde ich jeden Finger einzeln brechen, dafür, dass er es gewagt hatte, mein Weib anzufassen! Und Asha … Asha würde die Meine sein! Sie würde zappeln, wenn ich mich in ihr versenkte und währenddessen ihr Blut trank. Sie würde schreien, wenn ich feinsäuberlich neue Muster in ihre Haut ritzte. Ihr Körper würde mein größtes Kunstwerk überhaupt werden, das schwor ich beim roten Stern am Himmelszelt.

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