Kapitel 10 – Xelus

Kapitel 10 – Xelus

 

Xelus

Mein Pferd trabte preschend durch die Lade. Seit drei Tagen war ich unterwegs und es zogen Wälder, Strassen, Dörfer, Bäche und Seen in einem Zug an mir vorbei. Bald würde ich auch schon den Treffpunkt erreichen, wo Aurelius hoffentlich heute noch und sonst spätestens Morgen auftauchen würde, um Bericht zu erstatten.

Der Grund für meinen Auftrag war einfach und nervtötend zugleich. Die Feinde meines Königs hatten sich immer mehr in gegnerisches Gebiet zurückgezogen. So weit, dass wir hier keine vertrauenswürdigen Männer mehr vor Ort hatten. Aus diesem Grund mussten sich Informant und gesandter Spion in den letzen Jahren stets persönlich treffen. Und das war riskant. Dieses Treffen war ein Spiel mit dem Feuer. Würde Aurelius verdächtigt werden, Spionage zu betreiben, wäre sein Auftrag gescheitert. Im schlimmsten Fall sogar sein Leben verwirkt, sollte er nicht rechtzeitig fliehen können.

Doch darüber sollte ich mir eigentlich keine Sorgen machen. Aurelius war bereits seit über fünf Jahren dort im Einsatz. Noch nie war er aus seiner Rolle gefallen. Dafür hatte ich ihn zu gut ausgebildet.

 

Am Zielort angekommen, ein kleines Dorf, Nudril genannt, einen zweistündigen Ritt von der momentanen Wohnstätte der verstosenen Verräter entfernt, setzte ich mich in die hiesige Schenke und wartete. Ich hatte nicht vor, mich zu betrinken, immerhin war ich auf einem Auftrag. Dennoch bestellte ich mir, allein des Auffallens wegen, einen Humpen Bier. Aurelius verspätete sich scheinbar. Und so musste ich mir irgendwann ein zweites Bier bestellen, denn man sass keinen halben Tag in einer Schenke mit nur einem Krug vor der Nase. Als Aurelius auch zum Abend hin noch nicht in Sichtweite war, hatte ich meinen sechsten Krug gelert.

Vielleicht war er momentan einfach nicht in der Lage, ungesehen zu verschwinden. Oder aber er war aufgeflogen. Das glaube ich aber eigentlich nicht. Sollte er es heute nicht schaffen, würde er es morgen probieren. Von mir wurde jetzt erwartet, dass ich mir unauffällig ein Zimmer nahm und am morgigen Tag erneut auf meinen Mittelsmann watete, in diesen wundervollen Räumlichkeiten voller Alkohol. Kein Problem. Einem solchen Auftrag war ich ganz grundsätzlich nicht abgeneigt. Ich war kein Trinker, nein … ich trank nur gerne von Zeit zu Zeit einen über den Durst hinaus. Genoss des Lebens flüssige Freuden, wenn mir die körperlichen schon verwehrt blieben.



Da ich mich hier nicht mehr in den Vampirlanden befand, konnte ich schlecht zum nächsten Menschen hin und ihn um eine Ader bitten. In den Vampirlanden war es Gesetz. Die Vampire unterstützten die Menschen bei Hungersnöten oder anderen Katastrophen und beschützten sie. Dafür boten die Menschen an, von sich trinken zu lassen, wenn ein Vampir auf Reisen vorbeikam und darum bat. Gerade auf langen und unvorhersehbaren Reisen war das von grossem Vorteil.

Hier gab es diese Gesetze leider aber nicht. Ganz im Gegenteil, der ignorante König dieses abscheulichen Landes verleugnete sogar unsere Existenz! Und so müsste ich jetzt jagen gehen. Tierblut schmeckte zwar ätzend, doch es stillte vorübergehend den Hunger. Spätestens in zwei Tagen bräuchte ich aber wieder Menschliches.

Ich zahlte, verliess die Schenke mit einem Luftkuss in Richtung Schankwirt und lief schwankend einige Schritte aus dem Dorf heraus, nur um hinter dem nächsten Hügel mein Pferd zu beschwören.

„Stork, alter Freund!“ Etwas zu fest klopfte ich dem längst verstorbenen Pferd auf den Hals, sodass es laut schnaubte. Seine Nüstern bebten und witterten den Alkohol, woraufhin er leise brummte. Dieser Gaul war mein wohl ältester Freund. Er kannte mich. Und wusste, dass es keinen Sinn hätte, mir die Leviten zu lesen. Ausserdem war ich viel zu gut zu ihm, als dass er mir jemals böse sein könnte.

Ich brauchte nicht lange zu reiten. Das Dorf war grösstenteils von Wald umgeben, doch um nicht von irgendwelchen nachtaktiven Dorfbewohnern im Wald überrascht zu werden, und mich versehendlich am Ende noch als Vampir zu offenbaren, hatte ich beschlossen, mich für meine Jagd einige Ellen vom Dorf zu entfernen. Die Menschen hier hatten höchstens Schauergeschichten von uns gehört, aber sie glaubten nicht wirklich an die blutsaugenden Monster, die nur des Nachts wandelten. Naja, Letzteres war ja auch völliger Quatsch. Abgesehen von Jungvampiren hatten Vampire absolut kein Problem mit der Sonne und selbst Jungvampire gewöhnten sich innerhalb ihres ersten Lebensjahres, mal mehr, mal weniger schnell, daran.

Nach einer Weile brachte ich das Pferd zum Stehen, löste dessen Beschwörung und machte mich auf den Weg ins Innere des Waldes. Langsam und vorsichtig ging ich durchs Gestrüpp und horchte dabei aufmerksam, ob sich schon ein Tier in meiner Nähe befand. Die Vögel waren bereits verstummt; die Nacht hereingebrochen. Dafür zirpten die Grillen ihr Lied.



Ich folgte dem Rascheln eines Hasen bis in etwas weniger dichtes Terrain, um ihn da anzugreifen. Als ich aber plötzlich einen Aufschrei hörte, blieb ich wie angewurzelt stehen. Nach kurzem Umsehen erfassten meine Augen ein Mädchen. Mitten im tiefen Wald. Aber das war längst nicht das Seltsamste an ihr.

Bevor ich mir weiter Gedanken darüber machen konnte, stemmte sie sich auf ihre zitternden Beine und wankte langsam auf mich zu. Schnell und lautlos machte ich mich aus dem Staub, sodass nur noch ein Hauch meiner selbst zurückblieb. Als sie die Stelle erreichte, hob sie leicht schnüffelnd die Nase und runzelte dabei die Stirn. Sie hatte mich gerochen! Also war sie vermutlich ebenfalls nicht menschlich. Aber es konnte auch sein, dass der Geruch des Alkohols doch etwas penetranter war als gedacht. Ich hätte mir die Hand an die Stirn geklatscht und den Kopf, enttäuscht über mich selbst, geschüttelt, hätte ich mich nicht gerade in den Baumkronen festhalten müssen.

Sie zog sich zurück, setzte sich zu Boden, an einen Baumstamm gelehnt, und vergrub ihren Kopf in ihren Händen, welche sie auf ihre Knie bettete. Grundsätzlich wäre sie ein ausgezeichnetes Mahl. Sie war allein und es war keine Seele weit und breit, die ihr zur Hilfe eilen könnte. Nur der Fakt, dass sie eventuell ebenfalls nicht menschlich war, liess mich zögern. Ausserdem war das Mädchen nicht einfach nur seltsam, weil sie mitten im Wald war, ohne irgendeinen Schutz, und das mitten in der Nacht. Sie schien hier nicht einmal einer Aufgabe nachzugehen, wie etwas zu sammeln, nein. Was das Ganze wirklich seltsam machte, war, dass sie nackt allein im Wald herumlief. Sie hatte noch nicht einmal Schuhe an und es war offensichtlich, dass sie bald ihre Erschöpfungsgrenze erreichte, wenn das denn nicht schon geschehen war. Dabei nahm es mich wirklich wunder, was ein Mädchen hier so ganz allein trieb. Nackt. Noch interessanter allerdings war, was mir aufgefallen war, als sie für kurze Zeit gestanden war.

Jetzt war nichts mehr davon zu sehen, da ihre angewinkelten Beine ihren Bauch verdeckten. Doch als sie nach dem Geräusch, welches der Hase verursacht hatte, sehen wollte, da hatte ich Narben gesehen. Silbern hatten sie im Mondlicht geleuchtet. Die Narben per se waren auch nicht das Problem, es war viel eher die Anzahl besagter. Ihre ganze Vorderseite, Bauch und Brust, waren übersät davon. Dann hatte sie sich umgedreht und ich musste aufpassen, dass ich nicht erschrocken aufkeuchte und mich verriet. Ihre Vorderseite war direkt milde, im Vergleich zu dem, was an ihrem Rücken prangte! Dazu kam, dass sie nur aus Haut und Knochen bestand.



Sie hatte kaum eine Brust und ihr Bauch sank gefährlich tief ein. Hätte man den Abstand zwischen da, wo der Rücken anfing und da, wo der Bauch aufhörte, gemessen, wäre das Resultat etwa so lang wie der Zeigefinger eines kleinwüchsigen Mannes oder der einer Frau. Lange, dunkelbraune, aber ungepflegte und verfilzte Haare umrandeten ihr feines, aber eingefallenes Gesicht; ihre Augen konnte ich nicht sehen.

Normalerweise waren mir Menschen gleichgültig. Sie waren Nahrung und ich sprang des Anstands wegen freundlich mit ihnen um, doch ihre Lebensdauer war für mich nicht nennenswert. Gab es einen Menschen, der mich interessierte, verwandelte ich ihn. Doch das hatte ich bisher nur zwei Mal gemacht. Einer meiner Abkömmlinge hatte mich vorher gerade versetzt. Das war auch der einzige Grund, warum ich mir ernstahft Gedanken um Aurelius machte. Er war für mich fast wie ein Sohn.

Augenbrauenfurchend legte ich meinen Kopf schräg. Das Mädchen rührte sich nun schon länger nicht und langsam machte ich mir Sorgen. Über diesen Gedanken wiederum musste ich den Kopf schütteln. Ich kannte das Kind doch nicht einmal. Wieso sollte es mich sorgen? War es der Alkohol? Hatte er mich sensibel gemacht? Es war offensichtlich, dass das Mädchen bisher ein äusserst schweres Schicksal zu tragen gehabt hatte. Und aus irgendeinem Grund wollte ich ihr helfen.

„Gibst du schon auf?“, fragte ich neckisch aus meinem Versteck heraus. Ich hatte wirklich einen über den Durst getrunken. So viel dazu, ihr zu helfen. Jetzt hatte sie Angst.

Ihr Kopf schnellte von ihren Händen hoch; suchend sah sie sich um. Natürlich fand sie mich nicht. Ich hätte mein Alter nicht erreicht, wüsste ich nicht, wie man sich ordentlich verborgen hielt. Jedoch überraschte sie mich. Denn sie legte, ohne mir weiter ihre Aufmerksamkeit zu schenken, ihren Kopf wieder in ihre Hände und ignorierte die mögliche Gefahr, die von mir ausging. Ich hatte, zugegeben, mit einem etwas stärkeren Überlebensinstinkt gerechnet. Doch vielleicht war sie einfach zu müde für meine halb betrunkenen Spielchen.

„Einfach wieder gehen werdet Ihr wohl nicht“, murmelte sie in ihre Hände hinein, doch durch mein Vampirgehör verstand ich die Worte trotzdem. Die Aussage brachte mich einerseits zum Schmunzeln, andererseits sammelten sich die Sorgenfalten auf meiner Stirn.



In Vampirgeschwindigkeit bewegte ich mich vom Baum hinunter und stellte mich genau vor sie hin. „Und?“, fragte ich. Wo ich jetzt schon damit angefangen hatte, konnte ich auch weiterspielen. Nun gut, vielleicht sprach da auch minimal der Alkohol aus mir, aber ich hatte ja nicht vor, ihr etwas anzutun. Nicht mehr. Der Gedanke daran, mich an ihr zu nähren, grauste mich nun eher, als dass er mich durstig machte. Aber der Effekt des Alkohols würde deutlich schneller nachlassen, wenn ich etwas gegessen hätte, dachte ich mir genervt.

„Was?“, ihre Stimme war kratzig, so als ob sie sie schon lange nicht mehr richtig gebraucht hätte.

„Gibst du schon auf?“, wiederholte ich also meine Frage spielerisch. Offenbar war sie nicht die Aufmerksamste, dachte ich amüsiert.

„Ja“, krächzte sie mit dünner Stimme und legte den Kopf seitlich auf ihre Knie ab, wobei sie mich vorher gründlich gemustert hatte. „Tötet mich.“

Was? Mit einem Mal war ich vollkommen ausgenüchtert und spürte absolut keinen Alkohol mehr in mir. Offenbar war mein vampirischer Beschützerinstinkt angesprungen. Das war die einzige Möglichkeit, so schnell nüchtern zu werden.

Ihr Körper zeigte immer mehr Anzeichen dafür, dass sie demnächst restlos zusammenbrechen würde. Ausserdem konnte ich diese Worte nicht so auf mir sitzen lassen. Schneller als ihre Augen mich verfolgen könnten, ging ich vor ihr in die Hocke, um mich auf ihre Höhe hinunterzubegeben, nahm ihr Kinn in meine Hand und hob sanft, aber bestimmt ihren Kopf an. Überrascht keuchte sie auf, doch als ich ihr in die Augen sah, stiess ich selbst erschrocken die Luft aus.

Ich hatte recht. Sie war kein Mensch. Zumindest nicht mehr. Sie war ein Jungvampir! Und wenn ich das richtig sah, war sie nicht älter als einen Tag! Erkennen konnte ich das zum einen an ihren Augen, welche noch dabei waren, sich für eine Farbe zu entscheiden. Zum anderen waren ihre Reisszähne noch kaum ausgebildet, denn das geschah erst nach der ersten Nahrungsaufnahme.

Gleich nach der Verwandlung, sobald der Sprössling aufwachte, sollte er von seinem Meister an die Blutaufnahme herangeführt werden. Offensichtlich war das hier nicht geschehen. Der Grund dafür, dass man das nicht auf die lange Bank schob, war offensichtlich. Sie war mittlerweile frei jeglicher Körperspannung und hielt nur noch mit letzter Kraft ihren Blick auf mich gerichtet. Wenn sie nicht bald – sehr bald – menschliches, frisches Blut bekäme, würde sie den nächsten Tag nicht mehr erleben.



„Wer hat dir das angetan?“, fragte ich gepresst. Ich war entrüstet und enttäuscht darüber, dass es ein Vampir tatsächlich wagte, eines der wichtigsten und grundlegendsten Grundsätze der vampirischen Gesellschaft zu brechen! Einen Jungvampir, dazu ein gerade erst Erwachter, allein zu lassen, vollkommen auf sich allein gestellt! Es schmerzte allein der Gedanke daran. Es war nicht nur unüblich oder unanständig. Es ging nicht nur gegen irgendeine Moral oder Ethik. Es war schlichtweg grausam und es war ein Verbrechen an der vampirischen Rasse! Ausserdem erinnerte es mich an einen Fehler, den ich vor sehr sehr langer Zeit einmal begangen hatte.

Ich konnte sie nicht hier lassen. Streng genommen war sie nicht meine Verantwortung und oblag nicht meiner Obhut. Und doch wäre es ein Vergehen an jeglicher Moral und insbesondere an meinem Gewissen, sie ungeschützt und ohne Erklärung hier zu lassen. Einen neu geschaffenen Vampir einfach allein in die Weltgeschichte zu schicken …! Wahrscheinlich war sie sogar allein aufgewacht, ohne überhaupt zu wissen, was man mit ihr gemacht hatte. Zutrauen würde ich es ihrem Erschaffer, so wie sie hier vor mir sass, gebrochen und bar jegliches Lebenswillens.

Ich nahm meinen Mantel ab, wickelte ihn um ihre zarte Gestalt und hob sie in derselben Bewegung hoch. Erst krallte sie sich ängstlich fest, doch es dauerte nicht lange, da fanden ihre Arme den Weg zu meinem Nacken. Und kurz darauf schlief sie auch schon, tief an meine Brust gekuschelt, und irgendein undeutliches Zeug murmelnd, ein.

Ich schnaubte leise. Mein Essen musste dann wohl warten. Vor allem  musste ich aber frisches Blut für sie besorgen. Das würde hier zwar schwer werden, allerdings hatte ich nicht wirklich eine Wahl. Das Dorf war sehr zu meinem Bedauern auch nicht wirklich gross. Nur gerade gross genug, um eine Kneipe mit heruntergekommener Schlafmöglichkeit zu bieten. Ich konnte also nur hoffen, dass den Dofbewohnern das Verschwinden von einem der ihren nicht augenblicklich auffallen würde.

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