Kapitel 11 – Ein Traum?
Kapitel 11 – Ein Traum?
Aurelie
Den Kopf auf die warme, kuschelige Schulter meines Gatten gebettet, kam ich langsam zu mir. Timm hatte uns zum Aufstehen bewegen wollen. Den Göttern sei Dank war er mittlerweile wieder gegangen.
Einen seltsameren Traum hatte ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht ausgemalt. Und mir war nicht sonderlich nach Aufstehen, nachdem ich mich fühlte, als hätte ich keine Sekunde die Augen zugetan. Ich regte mich leicht und kuschelte mich wieder an die Wärmequelle unter mir. Dabei rieb Haut auf Haut. Meine Stirn furchte sich verwirrt. Wieso war ich nackt?
„Haben wir …?“, wollte ich mit rauer, verschlafener Stimme wissen. Denn ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern. Hoffentlich nahm er das nicht als Beleidigung. Oder hatte er mir wieder diesen süßen Wein zu trinken gegeben? Dieses Mal mit Absicht, um mich zu nehmen, weil ich nicht gewollt hatte? Bei dem Gedanken versteifte ich mich. Ich wusste schon aus seinen Erzählungen, dass ich nach zu viel dieses Weines sehr zutraulich wurde. Hatte er das etwa ausgenutzt?
„Ich weiß es nicht“, murmelte er. „Ich weiß nicht mal, wie wir ins Bett gekommen sind.“ Seine Hand streichelte über meine Seite und meinen Rücken. „Generell erinnere ich mich kaum noch an gestern. Du?“
Unter seinen sanften Berührungen entspannte ich mich tatsächlich wieder. Dennoch ließ ich vorsichtshalber meine Hand von seiner Brust gleiten und schlüpfte damit unter die Decke zwischen meine nackten Beine. Zufrieden stellte ich fest, dass ich nicht auslief. Aber was, wenn es jetzt schon länger her war? Und sein Samen eingetrocknet war?
„Ich hatte einen merkwürdigen Traum“, murmelte ich, als ich meine Hand wieder aus der Decke holte, leicht feucht nur von meinem Inneren. „Deine Augen waren silbern.“
„Wirklich? Aber ich hatte auch einen seltsamen Traum. Wir waren am See und dort … waren die Götter.“ Er lachte leise, streckte sich. Verführerisch spannten sich seine Muskeln an.
„Genau!“, gab ich gezwungen belustigt von mir. „Und ich habe Ignis-Robur persönlich auf den Armen getragen.“ So weit käme es noch.
Cyrus brummte. „Wir wollten zur Reliquienkammer, stimmt. Aber dann waren wir in einer anderen Kammer.“ Er drehte sich zur Seite. „Haben wir dasselbe geträumt, kann das sein?“
Eine Weile sah ich ihn verstört an. Wieso wusste er das? Schließlich schüttelte ich den Kopf und stemmte mich auf. „Ich gehe Lyssa unsere Entscheidung mitteilen. Wann gedenkst du, sie gehen zu lassen? Musst du dafür noch etwas vorbereiten?“
„Ich muss auch noch mit ihr reden. Über ihren Verlobten. Aber das hat Zeit.“ Cyrus setzte sich ebenfalls und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Kommst du dann runter zum Reitplatz? Oder willst du morgen erst weitermachen?“ Er schlug die Decke zurück und starrte einen Moment auf meinen entblößten Körper. Dann stand er wortlos auf und ging Richtung Bad.
„Ich …“ Hatte absolut keine Lust, jetzt noch aufs Pferd zu sitzen. Ich seufzte. „Natürlich. Ich ziehe mich an und komme dann gleich. Wir treffen uns unten.“
Ich verschwand durch die Verbindungstür, schloss sie hinter mir und lehnte mich schwer ausatmend mit dem Rücken dagegen. Ich hörte, wie Schritte sich vom Wohnzimmer näherten. Vorsichtshalber rief ich: „Galdi, bleib draußen!“ Dieser Grigoroi verfolgte meine Freundin wirklich überallhin. Und ich war nackt. Einmal vor ihm bloßgestellt, hatte mir gereicht.
Lyssa trat ein, sah an mir herab und schloss gleich wieder die Tür hinter sich. „Du warst lange weg.“ Ihr Blick glitt über meinen Körper. „Also lässt du ihn jetzt doch ran?“
Ich verdrehte die Augen. „Was ist das für ein vorwurfsvoller Ton? Er fasst dich nicht an, das ist das Wichtigste. Und eigentlich … habe ich keinerlei Erinnerungen mehr an diese Nacht. Ich bin aufgewacht und nackt auf ihm gelegen“, brummte ich verstimmt. Ich stieß mich von der Tür ab und lief zum Schrank. Mit Hosen, Hemd und Gürtel in der Hand ging ich zum Bett, warf die Kleider darauf und begann, mich anzuziehen. „Und sein Samen läuft nicht aus mir raus, also sollten wir die Nacht wirklich das Bett geteilt haben, ist er hoffentlich zumindest nicht in mir ausgelaufen.“
„Also verbringst du jetzt nur so viel Zeit mit ihm, damit er mich nicht anrührt?“ Ihre Stimme klang argwöhnisch, nicht mehr ganz so vorwurfsvoll. „Oder hat es vielleicht einen anderen Grund?“
Ganz leise brummend gestand ich: „Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich mich bei ihm unglaublich wohlfühle.“ Ich wurde lauter: „Was aber völliger Schwachsinn ist! Er hat mich einfach genommen, ohne jede Rücksicht! Wie kann ich ihm vergeben, Lys? Das geht doch nicht …! Wieso fühle ich mich so wohl? Und das, obwohl er mich zu alledem gezwungen hat? Die Hochzeit, die Krönung, der Blutpakt, die ersten … Male, als wir uns … vereinigt haben!“ Ich schnaufte schwer, während Tränen in meinen Augen aufstiegen. „Ich verstehe das nicht! Ich sollte ihn hassen! Abgrundtief! Stattdessen bringt es mich aus der Fassung, wenn er davon spricht, ein gemeinsames Kind zu haben! Oder wenn er mich nur hauchzart berührt! Es ist, als ob sich mein Verstand einfach ausschaltet und ihm alles vergibt, sobald ich bei ihm bin!“ Jetzt weinte ich.
„Weil ihr miteinander verbunden seid, Naya. Und vielleicht gibt es ja auch ein paar schöne Momente mit ihm.“ Sie setzte sich vor das Fenster und blickte hinaus.
Ich schloss den Gürtel und setzte mich zu ihr. Schniefend setzte ich ein Lächeln auf. „Ich habe aber auch mit ihm geredet.“
„Wenn er verspricht, sich zu bessern, glaube ihm nicht. Wer einmal Gewalt angewendet hat, wird es wieder tun.“ Lyssa sah mich nur kurz an, dann blickte sie wieder aus dem Fenster.
„Das … meinte ich nicht“, sagte ich zähneknirschend. „Ich meinte, über dich.“
Ganz langsam drehte sie den Kopf wieder zu mir; ihr Gesicht wurde zu einer ausdruckslosen Maske. „Und?“
„Ich konnte ihn überreden, dich – unter gewissen Bedingungen – gehen zu lassen.“ Ich lächelte leicht. „Und ich finde, die Bedingungen sind … naja, fair sicher nicht, aber es ist das Beste, was ich für dich herausschlagen konnte. Und irgendwo hat er schon recht. Wir können dich nicht plötzlich und ohne jegliche Erklärung zurück in die Gesellschaft eingliedern.“
„Welche Bedingungen?“ Sie riss ihren Kopf herum und sah mich mit großen Augen an. „Was will er von mir?“
„Dass du so tust, als hättest du dein Gedächtnis verloren. Die Geschichte wäre die, dass er dich bei der Hausdurchsuchung des Heims von einem der Aufständischen gefunden habe. Der Mann hätte dich die letzten Jahrhunderte bei sich gefangen gehalten. Mittlerweile ist er tot, also kann er nichts mehr dagegen sagen. Als Cyrus und Galdi hereinkamen, hieltest du sie für Feinde und hast sie angegriffen. Dabei hättest du dir den Kopf gestoßen und das Gedächtnis verloren.“
Ich setzte mich zu ihr hin und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ich weiß, es ist nicht optimal. Aber das Reich braucht Beständigkeit. Wenn jetzt ans Licht kommt, was mein Onkel alles getan hat, dann bekomme ich das Problem. Cyrus würde vermutlich sogar gefeiert werden, dafür, dass er den bösen König besiegt und vom Thron gestoßen hat, aber ich als Nachkomme der Ignis-Robur würde geächtet werden.“ Ich schluckte. Das war wirklich keine erstrebenswerte Vorstellung. „Jedenfalls war der Gedanke, dass du die letzten Wochen zur Genesung im Schloss verbracht hättest und dich bald auch schon wieder an Details von früher erinnern könntest. So wäre dein Verschwinden, dein mutmaßlicher Tod und dein plötzliches Wiederauftauchen erklärt. Und auch, wieso du nicht erklären kannst, was die letzten Jahrhunderte passiert ist.“
„Also muss ich meine Tochter vergessen?“, fragte sie mit Tränen in den Augen. „Fenna und die anderen Frauen? Und deren Kinder?“ Sie blinzelte, sodass ihr Tränen über die Wangen liefen.
Ich bejahte traurig. „Du darfst nicht nach ihr suchen.“ Bedrückt zog ich Lyss in meine Arme und vergrub mein Gesicht in ihrem Nacken. „Aber du wirst frei sein, Lys“, murmelte ich und zog mich ein wenig zurück, sodass ich ihr ins Gesicht sehen konnte.
Ihre Lippen bebten und immer neue Tränen liefen über ihre Wangen. „Also will er, dass ich die letzten zweihundert Jahre vergesse.“ Sie holte tief Luft und räusperte sich, damit ihre Stimme etwas fester wurde. „Dafür darf ich leben? Meine Familie besuchen?“
Ich nickte. „Das sind die Bedingungen, ja“, bestätigte ich leise.
Lyssa schloss die Augen und blieb einen Moment reglos sitzen. „Wenn es nach mir ginge, würde ich die letzten zweihundert Jahre wirklich gern vergessen. Kann ich trotzdem noch in Ruhe darüber nachdenken?“
„Natürlich. Er möchte sich später auch noch mit dir unterhalten … über deinen Verlobten.“ Ich stand auf und legte ihr nochmal eine Hand auf die Schulter. „Ich komme nachher kurz zurück, um mich umzuziehen. Aber zum Reden habe ich erst abends wieder Zeit. Kommst du so lange klar?“
„Ja. Galderon ist übrigens nicht da. Aber ein anderer. Ikzil. Der ist wenigstens etwas gesprächiger.“ Sie lächelte gezwungen und wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht.
„Oh, na dann. Ikzil, du darfst reinkommen!“ Mit etwas Glück würde Galdi jetzt mit seinem Spitznamen aufgezogen werden, dachte ich amüsiert. „Ich muss gehen.“ Ich gab Lys einen kurzen Kuss, den sie zärtlich erwiderte, wodurch er doch etwas länger wurde.
Ikzil hatte eine Augenbraue nach oben gezogen, als ich an ihm vorbeiging. Er räusperte sich kurz und neigte seinen Kopf, um eine Verbeugung anzudeuten. „Meine Königin.“ Er sagte nichts weiter, sondern betrat wie selbstverständlich mein Schlafzimmer und sah zu Lyssa. „Möchtet Ihr wieder auf den Balkon, Lady Lyssa?“
Lyssa stimmte zu. Ich war froh, dass Ikzil da war und nicht Galdi. Zwar kannte ich den Grigoroi nicht besonders gut, aber er war mir deutlich sympathischer als dieser schwarzhaarige, dunkeläugige Miesepeter.
Bei der Reitstunde sprach mich Cyrus schon wieder auf Emili und Aurillia an. Götter, wie sehr ich diese beiden vermisste! Doch wieder überging ich seine Andeutungen. Wenn er wirklich wüsste, wo sie waren, wären sie bereits wieder hier. Oder tot. Denn irgendwo hatte Lyssa recht. Wer einmal Gewalt anwendete, tat es auch ein weiteres Mal.
Als ich vom Pferd sprang – gerade als er mich herunterheben wollte – knurrte Cyrus auf. Ich grinste ihn frech an, wurde gleich darauf aber ernst. „Wann gibst du mir Irina zurück?“ Er hatte den Befehl, dass sie nicht mit mir sprechen durfte, noch immer nicht aufgehoben.
„Wenn du Emili und Aurillia zurückholst“, erwiderte er. „Willst du dich noch vor der Ratssitzung umziehen?“
Wütend presste ich die Zähne aufeinander. „Ich weiß aber nicht, wo sie sind!“ Zumindest wusste ich nicht, in welchem Zimmer sie sich bei Darleen im Schloss aufhielten …
„Natürlich weißt du es. Und ich weiß es auch. Also spare dir deine faulen Ausreden, Aurelie!“ Mit den Worten ließ er mich stehen und ging zurück zum Schloss.
In meinen Gemächern zog ich mich rasch um, noch immer aufs Äußerste angespannt. Zwar wollte Lyssa wissen, was los war, doch ich vertröstete sie auf später. Ich hatte keine Zeit, die Ratssitzung hatte vermutlich sogar schon begonnen. Aber so ganz verschwitzt wollte ich dort nun mal auch nicht auftauchen.
Die Türen zum Ratssaal waren bereits geschlossen, sodass Irina, die mich wieder einmal gezwungen stumm begleitet hatte, mir die Türen öffnete. Mit stolzerhobenem Haupt trat ich ein. Zu meiner Überraschung saß der Hohepriester wieder an der Tafel. Dann war er wohl von seiner Reise zurück. Glücklich sah er allerdings nicht aus.
„Verzeiht meine Verspätung.“ Ich warf jedem der Minister und Berater einen Blick zu. Mit Respekt und Anstand wurde er erwidert. Kein Wunder, immerhin trug ich, wie es so lange gewünscht worden war, endlich diese einengenden Ungetüme von Kleidern.
Cyrus stand auf und schob meinen Stuhl zurück. „Wir haben noch nicht angefangen. Bitte, setz dich.“ Er trug immer noch dieselbe Kleidung wie heute früh und roch daher noch ein wenig nach Pferd. „Willst du anfangen?“






















































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