Kapitel 12 – Lyssas Verlobter

Kapitel 12 – Lyssas Verlobter

 

Cyrus

Meine beiden Berater, die aus den Ostlanden hierher gereist waren, ergänzten den Rat überraschend gut. Besonders heute konnten wir im Rat gute Fortschritte erzielen, die sich langfristig positiv auf das Goldene Reich auswirken würden. Wahrscheinlich brachte auch die Wahl von Aurelies Garderobe ihre Wirkung mit sich, denn die Königin trug ein Kleid statt Hemd und Hose. Immer wieder sah ich hinüber, zu Aurelie, die heute souverän und selbstsicher wirkte. Auch der Hohepriester warf ihr ernste und zuweilen nachdenkliche Blicke zu.

Nach der Ratssitzung brachte ich Aurelie in ihre Gemächer und bat sie darum, Lyssa herauszurufen. Kurz darauf stand ich der jungen Frau gegenüber, deren Augen noch völlig verquollen waren. Sie hatte viel geweint. „Folgt mir“, bat ich sie, und ging vor.

In meinem Arbeitszimmer bat ich sie, Platz zu nehmen, was sie tat, wenn auch unsicher. Mit mir allein in einem Zimmer zu sein, schien ihr nicht zu behagen. Ich beschloss, ohne Umschweife auf den Punkt zu kommen. „Ich nehme an, die Königin hat Euch von meinem Plan berichtet“, eröffnete ich das Gespräch und setzte mich ihr gegenüber.

Sie schluckte hart, dann antwortete sie beinahe flüsternd: „Ja.“

„Nun, dann habe ich eine gute und eine schlechte Nachricht für Euch, Lyssa. Euer Verlobter, Gilead Seibling ist derzeit im Schloss.“ Ich überlegte einen Moment, ob ich noch mehr erwähnen sollte, entschied mich allerdings dafür, sie nicht mit zu vielen Informationen zu fluten.

Die junge Vampirin erstarrte, als sie den Namen des Mannes hörte, für den ihr Herz noch immer schlug. Hörbar sogar, denn ihr Puls erhöhte sich einen Moment merklich. Wieder schluckte sie. Ihr ganzer Körper schien vor Anspannung regelrecht zu vibrieren.

„Er ist …“ Ihre Stimme brach. „Er ist … doch aber mittlerweile sicher verheiratet …!“ In ruckartigen Bewegungen schüttelte sie ihren Kopf von rechts nach links, als weigerte sie sich zu glauben, was ich ihr soeben offenbart hatte. „Mein König, spielt keine Spielchen mit mir! Bitte …“ Ihre vorher zumindest noch einigermaßen stolze Haltung brach in sich zusammen. Gekrümmt saß sie auf dem Sessel und drückte sich mit dem Rücken stärker ins Polster.



Kurz gingen meine Augenbrauen hoch. Hielt sie dies für die schlechte Nachricht, von der ich gesprochen hatte? Wieso sollte es sie stören, wäre Seibling mittlerweile verheiratet? Es war eine arrangierte Verlobung gewesen, nahm ich an. Warum also der Schmerz in ihrem Gesicht?

Ich schüttelte leicht den Kopf. „Er ist nicht verheiratet. Und ich habe auch nicht vor, Spielchen mit Euch zu treiben. Seibling hat nie geheiratet.“

Überrascht sah sie auf, in ihren Augen ein kleiner Funke Hoffnung aufblitzend.

„Allerdings ist sein Aufenthalt im Schloss nicht ganz freiwillig, müsst Ihr wissen. Sein Vater griff die Königin an und wurde für seinen Verrat hingerichtet. Sie nahm der Familie sämtliche Vermögenswerte, Ländereien, Häuser und den Titel. Gilead Seibling ist also weder von Adel, noch hat er Gold. Zudem wird er noch eine Weile als Gast im Schloss verbleiben müssen.“ Ich lehnte mich zurück und überschlug locker die Beine.

Hatte ihre Anspannung zuvor abgenommen, saß sie nun wieder angespannt wie die Seiten einer Violine auf dem Sessel. „Naya hat die ganze Familie ihres Vermögens beraubt?“, stieß sie entsetzt aus, mäßigte sich in nächster Sekunde aber wieder. „Naja, das hätte ich wohl auch getan, wenn mir mein eigener Minister nach dem Tod getrachtet hätte …“ Sie blickte auf. „Und was bedeutet das jetzt? Lasst Ihr mich zu ihm? Darf ich ihn treffen? Ich kann sagen, dass er das Erste war, an das ich mich erinnert habe?!“, begann sie euphorisch, ehe ihre Augen sämtliches Strahlen wieder verloren. Als wäre ihr ein Gedanke gekommen, der ihr auch die letzte Lebensfreude nahm, sackte sie wieder zurück in die Lehne. „Vergesst es …“, murmelte sie leise.

„Ich habe tatsächlich eine andere Idee“, begann ich, führte diese jedoch nicht weiter aus. „Aber ich will Euch Zeit geben, um über das Angebot nachzudenken. Vier Wochen, Lyssa. Kein Tag weniger, auch wenn ich weiß, dass es wie Folter wirken muss, weil Ihr Eure Freiheit wollt. Aber ich möchte, dass Ihr genug Zeit habt, um über das Für und Wider nachzudenken. Ihr sollt Euch jeder Facette der Übereinkunft bewusst sein.“ Während ich weitersprach, beugte ich mich etwas vor. „Ihr könnt immer noch angeben, Eure Erinnerungen vollständig zurückgewonnen zu haben. Nur die letzten zweihundert Jahre müssen auf ewig vergessen bleiben.“



Sie nickte. „Das verstehe ich. Ich würde Euch, aber vor allem wohl Naya schaden, wenn ich kein Stillschweigen darüber bewahre. Aber meine Tochter …“ Flehentlich erwiderte sie meinen Blick. „Wieso darf ich mein kleines Mädchen nicht wiederhaben? Oder sie zumindest sehen?!“ Tränen glitzerten in ihren Augen. Vor meinen Füßen warf sie sich zu Boden und blickte mit verschleiertem Blick zu mir empor. „Bitte, lasst mich nur mein Mädchen wieder im Arm halten!“, wimmerte sie.

Ein eiserner Griff legte sich um mein Herz. Das Mädchen, das tot auf dem Grund des Sees lag. Ein Mädchen, das ein Anrecht auf den Thron hätte, mehr als Aurelie, deren Vater ein Mensch gewesen war. Dennoch schmerzte diese Entscheidung. Götter, ich wünschte, ich könnte diesen Mord rückgängig machen. Und dennoch war es notwendig gewesen. Zumindest versuchte ich mir das einzureden.

Ganz sacht legte ich eine Hand auf ihren Kopf und seufzte. „Es ist unmöglich, Lyssa. Ich gab dieses Kind zwei Vampiren und sagte, sie müssten dieses Land verlassen. Sie sollten ihr einen Namen geben und das Goldene Reich oder eines der Fürstentümer niemals wieder betreten.“

Luft holend und gleichzeitig schluchzend, was zu einem kehligen, schleimigen Geräusch führte, lehnte sie sich mit dem Rücken an den Sessel an, auf dem sie vorher noch Platz genommen hatte. Sie hielt die Augen geschlossen, weinte und verabschiedete sich von der Hoffnung, ihre kleine Tochter je wiederzusehen.

„S…onst noch w…as?“

„Sonst wäre es ihr aller Tod“, erwiderte ich ernst. „Lyssa, das Kind von Euch und König Alaric ist reinblütig. Aurelie ist es nicht. Wenn Euer Kind jemals zurückkehrt, muss es sterben.“

Die Vampirin sah mich ohne erkennbare Gefühle an. Ihr Gesicht war nicht mehr von emotionalem Schmerz verzogen. Nur ihre Augen litten weiter. „Ich verstehe. War es das?“, fragte sie bemüht nüchtern und emotionslos, während die Tränen auf ihren Wangen ihre scheinbare emotionale Kälte Lüge straften. Sie raffte sich auf, sodass sie vor mir stand und auf mich hinabblicken konnte.

Ich nickte. „Ich werde Euch in vier Wochen aufsuchen und fragen, ob Ihr das Angebot annehmt.“ Langsam erhob ich mich, wodurch sie einen Schritt zurück machte. Wortlos ging ich zurück in den Flur, hielt Lyssa die Tür auf und führte sie zurück in die Gemächer der Königin.



Das Wohnzimmer war leer, bis auf Galderon, der dort wartete. Er begegnete meinem Blick und deutete mit dem Kinn auf die Tür zum Schlafzimmer der Königin. Mit einem knappen Nicken verließ ich das Wohnzimmer und betrat wieder den Flur. Eigentlich hatte ich noch einige Dinge zu erledigen. Aber in mir stieg das Bedürfnis, Aurelie zur Rede zu stellen. Ich ging den Umweg über meine Gemächer, betrat mein Schlafzimmer und öffnete kurz darauf die Verbindungstür zu ihrem.

Aurelie saß entspannt auf dem Bett, vertieft in ein Buch. Sie registrierte mein Eintreten, machte aber keine Anstalten aufzusehen oder etwas zu sagen. Als ich sie da völlig ruhig und entspannt sitzen saß, fing mein Inneres an zu brodeln. Obwohl einige Dinge vom gestrigen Tag noch im Dunkeln lagen, kam mir eine Sache nun völlig klar und unmissverständlich in Erinnerung. „Du sagtest, du warst schon mal bei dem Ei. Bevor wir zum Ball gingen. Da warst du allerdings noch im Harem eingesperrt.“

„Richtig“, sagte sie ruhig, sah aber noch immer nicht von dem Buch auf. Das musste ja wirklich unglaublich spannend sein!, dachte ich sarkastisch und ballte meine Fäuste, sodass die Knöchel knackten.

„Und wie oft hast du dich in dieser Zeit mit deinem Liebhaber getroffen?“ Ich blieb bewusst an der Tür stehen, um ihr nicht zu nahe zu kommen oder gar etwas zu tun, was ich nachher noch bereuen würde. Als Ausgleich umgriff ich mit einer Hand die Tür, sodass das Holz bedrohlich ächzte.

Jetzt hob sie langsam den Kopf und sah auf. Allerdings ging ihr Blick nicht zu mir, sondern geradeaus zu ihrer Zimmertür. Jede Silbe, einzeln betont, sprach sie: „Gar nicht.“

„Wie soll ich dir das glauben, Aurelie?!“, fragte ich schärfer als beabsichtigt und ging nun doch auf sie zu. „Und dann bringe ich dir auch noch so viel Vertrauen entgegen, dass ich dir gestatte, ganz offiziell die Geheimgänge zu erkunden!“

Ihr Atem stockte kurz. Dann ging ihr Blick ganz langsam zu mir. „Wie bitte?“ Sie hob beide Augenbrauen. „Mir ‚gestattet‘ die Geheimgänge zu erkunden?“ Trotz des Spotts in ihrer Stimme blieb sie ruhig. „Du bist so versessen auf diese Schatzkammer, Cyrus! Ich kann mir durchaus Schöneres vorstellen, als stundenlang von undurchdringlicher Dunkelheit umgeben zu sein!“ Damit war das Gespräch für sie dann wohl beendet, denn ihre Aufmerksamkeit wandte sie wieder ihrem Buch zu.



Ich konnte nicht fassen, wie gleichgültig sie dieses Gespräch sah. Innerhalb eines Wimpernschlages war ich bei Aurelie, riss ihr das Buch aus der Hand und warf es gegen die Wand. „Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“

Kurz kniff sie ihre Lippen zusammen, dann blickte sie hoch. „Ach, wir reden noch? Hast du dann auch einmal etwas beizutragen, oder lässt du mich alle Argumente sowie die Führung des Gesprächs ganz allein übernehmen, so wie bei der Ratssitzung heute? Fällt dir eigentlich auf, dass du deine Arbeit immer wieder auf mich abschiebst?“ Mit einem genervten Laut strich sie sich das lange, offene Haar über die Schulter und setzte sich bequemer hin. „Du nimmst mir die Entscheidungsgewalt? Fein! Wenn du alles selbst machen willst, habe ich nichts mehr dagegen einzuwenden! Ich bin schließlich nur zum Schein da, nicht? Und für einen gelegentlichen Fick, natürlich. Aber dann halse mir nicht die Arbeit auf, auf die du keine Lust hast!“ Sie schlug die Decke von ihren Beinen und offenbarte ein viel zu kurzes Nachthemd. Eigentlich war es eher ein Negligé. Seit wann trug sie dergleichen freiwillig? Und für wen?!

Sie stand auf und ging zu ihrer Zimmertür. „Die Gänge darfst du dann fortan auch selbst erforschen. Nicht, dass ich plötzlich noch einen anderen Mann in mein Bett lasse und mir in Sachen Treue ein Beispiel an dir nehme!“ Sie öffnete die Zimmertür. „Wenn du reden willst, bitte, aber dann anständig. Meine Gemächer, meine Regeln.“

Mit einem Satz war ich bei ihr, zog sie von der offenen Tür weg und knallte diese zurück ins Schloss. „Ich versuche, dir entgegenzukommen, indem ich dir mehr Freiheiten gebe, dich aktiv an den Ratssitzungen mitmachen lasse und trotzdem hast du daran noch etwas auszusetzen? Zudem hast du nie auch nur mit einem Wort erwähnt, dass du keine Lust darauf hast, die Geheimgänge zu erkunden!“

Am liebsten hätte ich sie durchgeschüttelt. Diese Frau legte sich die Situation einfach so zurecht, wie sie es gerade brauchte. Anscheinend störte es sie enorm, dass ich im Harem einmal erwähnt hatte, sie sei nur noch zum Schein Königin. Sie wollte alles oder nichts. Für sie gab es nichts dazwischen. Und jedes Zugeständnis, jeden Freiraum, den ich ihr gab, störte wohl ihr Weltbild, indem es nur Schwarz und Weiß gab. „Du bist mittlerweile erwachsen, Aurelie! Also benimm dich gefälligst wie eine erwachsene Frau!“



„Tu das doch selbst!“, zischte sie mir entgegen. Jetzt ebenfalls wütend stampfte sie davon, direkt durch die Verbindungstür in meine Gemächer und von dort aus in Richtung Ausgang.

In meinem Schlafzimmer holte ich sie ein. Ich packte sie grob an den Armen und warf sie auf das Bett. „Rede Klartext, Aurelie! Du hast gesagt, ich soll dich sexuell nicht mehr bedrängen. Das habe ich getan! Was willst du noch? Wieder eine symbolische Krone auf dem Kopf tragen? Herrje! Dann nehme ich meine Worte zurück und du bist die Königin! Zufrieden?“

„Nein! Symbolisch zählt nicht! Es geht auch nicht um das, was du sagst, sondern was du tust!“ Mühsam rappelte sie sich auf und kletterte von meinem Bett. „Naja, nicht nur um das, was du sagst. Deine Worte sind auch verletzend“, murmelte sie mit einem Anflug von Traurigkeit. „Vielmehr aber sind es deine Taten.“ Nun klang ihre Stimme bedrückt. „Du hast mir Irina genommen. Sie kann seit Monaten kein Wort mit mir sprechen! Außerdem vertraust du mir kein bisschen! Wer lässt denn jeden Schritt, den ich außerhalb der Gänge tue, akribisch überwachen?! Ich war nur ein einziges Mal mit einem anderen Mann im Bett und du führst dich auf, als würde ich davon gleich geschwängert! Darüber hinaus: Hast du überhaupt überlegt, was die Verbindung unserer Blutlinien zur Folge haben könnte? Vielleicht fällt dann auch einer der Sterne vom Himmel, weil es die Blutlinien nicht mehr einzeln gäbe!“

„Du wirst mehr als ein Kind haben und das zweite Kind kannst du zeugen, mit wem du willst.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Und du weißt, wie wichtig es ist, die Schatzkammer zu finden. Wir können die Änderungen und Verbesserungen für die Menschen sonst erst in dreißig, vierzig Jahren umsetzen.“ Ich schloss die Augen und deutete mit einer Hand lose in Richtung Verbindungstür. „Schön, tu und lass einfach, was du willst. Galderon und Ikzil werden nur noch darauf achten, dass Lyssa sich nichts antut. Wenn sich auch hier zeigt, dass sie keine Selbstmordgedanken mehr hat, werde ich sie komplett abziehen. Und jetzt geh.“ Natürlich ließ ich unerwähnt, was ich mit Irina tun wollte. Ich könnte sie wieder an Aurelie binden. Oder die Bindung komplett aufheben, wie ich es bisher nur bei Leeander getan hatte. Der Gedanke an Leeander schmerzte. Und mit einem Mal fühlte es sich nicht mehr so schlecht an, meiner Gattin ihren Grigoroi zu nehmen. Also würde ich dies vorerst so belassen.



Aurelie blieb noch einen Moment stehen. Ihre Fäuste hatte sie geballt, die Lippen zusammengepresst. „Ich will aber keine Kinder. Gar keins!“ Auf dem Absatz machte sie kehrt. Auf dem Weg zur Verbindungstür fauchte sie noch einmal leise: „Niemals!“ Ehe sie in ihre eigenen Gemächer hinüberging, drehte sie sich nochmal abrupt um. „Und ich habe gesagt, nenn mich nicht mehr bei meinem ersten Namen!“ Wild wie eine Furie drehte sie sich wieder um und knallte die Tür ins Schloss.

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