Kapitel 12 – Seiblings Entscheid

Kapitel 12 – Seiblings Entscheid

 

Aurelie

Gegen Mittag wollte ich die Familie erneut aufsuchen. Erst galt es aber, mich mit den Grigoroi zu besprechen. Schon deutlich entspannter als vorhin im Thronsaal saß ich nun auf einem Sessel in meinem Wohnzimmer. Lee und Elok saßen mir gegenüber auf dem weich gepolsterten Sofa, und Irina hatte es sich auf einem Sessel zu meiner Linken bequem gemacht.

„Was könnt ihr mir berichten? Haben sie sich benommen? Noch etwas gesagt? Hat vielleicht sogar das Kind geredet?“ Ich sprach von einem Kind, dabei war ich selbst noch nicht viel mehr. Zwar war ich sicher um die zwei oder drei Jahrzehnte älter als sie, doch das spielte an diesem Entwicklungspunkt keine Rolle mehr. Sie könnte genauso gut schon bald in die Reife kommen, wie ich.

Die Augen von Irina und Elok richteten sich auf Lee, der zuerst anfing, zu reden. „Meirina war völlig aufgelöst. Ihr Sohn hat sie auf dem Weg zu den Gästezimmern gestützt. Dort hat sie sich direkt hingelegt.“ Lee lehnte sich ein wenig zurück und überschlug die Beine. „Der Sohn meint, die Verbindung seiner Eltern sei sehr eng und sein voraussichtlicher Tod würde sie stark mitnehmen. Er fragt daher, ob die Möglichkeit besteht, dass sie mit ihrem Gemahl sprechen kann, bevor er hingerichtet wird.“

Elok nickte zustimmend. „Er schien sehr gefasst. Beinahe so, als hätte er damit gerechnet, dass dieser Tag irgendwann kommen musste.“

Ich nickte knapp und sah zu Irina.

„Sharifa war ängstlich, aber auch neugierig und fasziniert vom Schloss. Wir sind auf dem Weg zur Küche deinen Zofen begegnet, die Kaldor dabei hatten. Sharifa wollte sofort mit ihm spielen und hat ihn gestreichelt. Als wir dann aber in der Küche waren, fragte sie, wie lange sie bleiben müssen. Sie will wieder nach Hause zu ihren Spielsachen. Von denen sie, mit Verlaub, viel zu viele hat. Sharifa hat ein eigenes Spielzimmer. Sie scheint das Lieblingskind ihres Vaters zu sein. Ich habe sie gefragt, wie sie zu ihrem Bruder steht. Und sie meinte, er sei immer nur am Lesen und Lernen. Selbst ihr Vater habe ihn zwischenzeitlich ein paar Rechnungen nachrechnen lassen und Aufgaben übertragen.“

Die Berichte über Gilead ließen mich stutzig werden. „Sein Vater hat ihn also bereits teilweise in sein Geschäft eingeführt?“, fragte ich noch einmal nach. Denn wenn dem so war, hatte ich ein Problem. Wenn auch er involviert war, konnte ich ihn nicht frei herumlaufen lassen. Ich hatte es mit Gnade versucht. Hatte Achos laufen lassen, trotz seiner offensichtlichen Abneigung mir gegenüber. Das hatte sich als Fehler herausgestellt. Noch einmal würde mir das nicht passieren.



„Ich weiß es nicht, Naya. Ich bezweifle auch, dass Sharifa mehr darüber weiß. Aber ich könnte sie möglichst unauffällig befragen. Vielleicht bei einem Spaziergang im Garten.“

„Oder wir stellen den jungen Seibling direkt zur Rede“, schlug Elok vor.

Allerdings schüttelte Lee den Kopf. „Nein, Er ist klug. Wir brauchen einen anderen Plan. Wenn wir ihn direkt konfrontieren, wird er sich rauswinden.“

„Und wenn wir stattdessen Seibling fragen und ein Treffen mit seinem Weib in Aussicht stellen?“

„Oder generell mit seiner Familie. Und dann sehen wir, ob er verlangt, eine Person unter vier Augen zu sprechen“, stimmte Lee meinem Plan zu und nickte nachdenklich.

Irina gab ein Brummen von sich. „Während Seibling das Angebot unterbreitet wird, könnte ich mich lautlos in eine der Zellen schleichen und dort verbleiben. Dann kann ich das Gespräch belauschen.“

„Wir könnten Achos auch aus dem Kerker holen und bereits zum Hinrichtungsplatz schaffen. Durch den Tumult, wenn Achos abgeholt wird, können wir überspielen, dass Irina in eine leere Zelle geht. Dadurch würde Seibling davon ausgehen, dass niemand mehr im Kerker ist“, schlug Lee vor.

Elok schüttelte kurz den Kopf. „Mach es nicht so kompliziert, Lee. Achos wird auch sterben. Es kann Seibling egal sein, ob Achos ein paar Stunden vor seinem Tod noch interessante Informationen erhält.“

„Seibling könnte aber glauben, dass Achos begnadigt werden könnte, wenn Achos meint, er habe wichtige Informationen und würde diese gegen Strafminderung tauschen“, hielt Lee dagegen. „Wir schaffen vor dem Gespräch mit der Familie den einen Weg und danach den anderen. Morgen bei Sonnenaufgang sterben sie sowieso.“

Diese Ideen waren ja schön und gut. Aber ich wollte das Mädchen nicht im Kerker haben.

„Nein.“ Alle drei Grigoroi sahen mich stirnrunzelnd an. „Die Hinrichtungen können morgen erfolgen. Dafür wirst du, Lee, aber erst noch einen Plan mit Graf Targes ausarbeiten, was die Stationierung der Stadtwachen betrifft. Ich will unter keinen Umständen Aufstände riskieren. Außerdem musst du, als rechte Hand des Königs, das Urteil vollstrecken. Nun, du oder ich.“ Ich atmete kurz durch. „Obendrein werde ich sicher nicht zulassen, dass das Kind in den Kerker geht. Wenn wir Seibling ein Gespräch mit der Familie zugestehen, dann in einem anderen, gesicherten Raum.“ Kurz dachte ich nach, sagte dann aber zögerlich. „Die ehemaligen Sklavenquartiere. Es gibt keine Fenster. Aber eine Abhörmöglichkeit. Das werde ich übernehmen.“



Irina nickte nachdenklich und auch Lee und Elok stimmten meinem Plan zu. Lee stand auf und verneigte sich kurz. „Dann werde ich mit Graf Targes die Details besprechen und Vorkehrungen treffen, damit die Gefangenen sicher zum Hinrichtungsplatz gebracht werden. Oder benötigt Ihr noch meine Dienste, um Seibling das Angebot zu unterbreiten, mit seiner Familie zu reden?“

„Das kann ich übernehmen“, wandte Elok ein.

Irina seufzte. „Gut. Dann halte ich mal den Gästetrakt im Auge und schaue, was seine Familie macht.“

„Wurden Wachen vor ihrem Quartier abgestellt?“, fragte ich vorsichtshalber nach.

Lee schmunzelte. „Natürlich.“

Irina verzog die Lippen zu einem schmalen Strich. „Sie sind trotzdem als Gäste im Schloss und könnten ihre Zimmer verlassen. Ich gehe also hin und beobachte nur, was sie tun.“

„Ja, sie dürfen sich im Schloss frei bewegen“, stimmte ich Irina zu. „Aber nur in Begleitung.“ Ich erhob mich. „Na gut. Dann haben alle etwas zu tun.“

Die Grigoroi verneigten sich und verließen gemeinsam das Zimmer. Elok drehte sich um. „Ich warte draußen.“

Kaldor, der auf dem großen Teppich vor dem Kamin lag, hob nur kurz die Augen, als sie gingen. Dann gähnte er und schlief desinteressiert weiter. Als die Tür wieder ins Schloss fiel, kniete ich mich für einen Moment neben den jungen Wolf und streichelte ihm gedankenverloren über den Kopf. „Weißt du“, flüsterte ich leise, „ich habe keinen Schimmer, was ich da eigentlich mache.“ Ich seufzte tief und erhob mich. Wieder ließ ich meine Gesichtszüge einfrieren, sodass man mir nicht ansehen konnte, wie es in meinem Inneren aussah. „Und los.“

 

Vor dem Kerker angekommen, erblickte ich einen Vampir, an den ich mich noch gut erinnern konnte. Sofort schlich sich ein schwaches Lächeln auf meine Lippen. „Amond Algeres, wie ich sehe, hast du wieder Schicht.“

„Ja, meine Königin.“ Er verbeugte sich tief. Als sein Kollege mich nur stirnrunzelnd anblickte, verpasste Algeres ihm einen Ellbogen in den Bauch. „Das ist die Königin, Bols!“

Nach einem kurzen Schockmoment verneigte sich auch Bols. Wenn auch zögerlicher. „Verzeiht, meine Königin.“

Ich nickte lediglich.

„Wieder ein Besuch bei den Gefangenen?“, wagte Algeres zu fragen.



Elok spannte sich an, blieb jedoch noch ruhig.

„Ja, Algeres.“ Ich deutete auf die Tür. Augenblicklich drehte er sich um und öffnete sie für mich.

„Ich werde Euch begleiten, meine Königin.“

„Das … wird nicht nötig sein, Algeres. Dankeschön.“ Er brauchte nicht zu sehen, wie ich wieder verzogenes Kind spielte. Es war mir schon zuwider, dass Elok das nun vielleicht mitansehen musste. Mit Elok hinter mir schritt ich durch die Tür am oberen Ende der Treppe, die Stufen hinunter und schließlich durch die zweite Tür. Sowohl die Treppe als auch der Kerker wurden lediglich durch das schwache Licht einiger Fackeln beleuchtet. Sobald man die zweite Tür hinter sich gebracht hatte, fing der Gestank erst richtig an, dessen Penetranz jedes einzelne Mal überwältigend war. Vor Seiblings Zelle angekommen, ergriff ich das Wort. „Seibling, guten Tag. Sag, behandelt man dich auch gut?“

„Spar dir den Mist und komm zur Sache, Kind!“, knurrte er abfällig. Er machte sich nicht mal die Mühe, sich von der dünnen Pritsche zu erheben.

„An deiner Stelle wäre ich ja nicht so vorlaut. Es obliegt allein deinem Verhalten, ob du deine Familie noch einmal sehen darfst, bevor du morgen hängst.“

Nun richtete sich Seibling doch auf und setzte sich auf die Pritsche. Dabei beugte er den Oberkörper vor. „Sie sind hier? Im Schloss?“

„Ich habe sie in meiner Gewalt, ganz recht. Dein Eheweib, deinen Sohn und deine kleine, verwöhnte Tochter.“ Ich setzte ein gehässiges Grinsen auf.

In einer schnellen Bewegung kam er auf die Gittertür zu und umgriff die Stäbe mit beiden Händen. Dabei drückte er sein Gesicht dagegen. In seinen Augen glimmte die Wut. Und die Angst. Sein Mund verzog sich mehrmals und er kämpfte sichtlich mit sich. „Was wollt Ihr?“, fragte er und schaffte es kaum, die Wut aus seiner Stimme zu verbannen. Das merkte er wohl selbst und fügte etwas leiser hinzu: „Meine Königin.“

Ich beschloss, mit einem kleinen Test anzufangen. „Standest du mit irgendwelchen hochrangigen Personen Kontakt?“

Seine Lippen formten sich zu einem schwachen Lächeln. „Natürlich. Das blieb in meiner Position als Minister nicht aus.“

„Welchen?“

Nun ließ er sich mit seiner Antwort deutlich mehr Zeit als zuvor. „Ich hatte Kontakt zum König und der Königin, natürlich auch zum Kronprinzen. Darüber hinaus mit den anderen Ministern, den Fürsten, sowie anderen Personen aus dem Hochadel.“ Der Mann nannte zahllose bedeutende Namen.



„Gut. Ich sehe, so kommen wir nicht weiter. Besser, ich verbringe die Zeit mit deiner Familie. Die sind gesprächiger.“ Ich wandte mich um und machte mich auf den Weg nach draußen. Elok folgte mir entschlossen.

Seibling rüttelte an den Gitterstäben und schrie, als ich ging. „Nein! Ich will meine Familie sehen!“, brüllte er aus Leibeskräften. Mit aller Kraft warf er sich gegen die Gitter, sodass die Scharniere an der Wand protestierend quietschten. „Stellt vernünftige Fragen! Fragt, was Ihr wirklich wissen wollt, verdammt!“

Ruckartig wandte ich mich um. „Ich will wissen, mit welchem der Fürsten du in Kontakt standest! Welchen von ihnen du bezahlt hast und wieso! Ich will wissen, wen du als Gatten für deine Tochter vorgesehen hast und schließlich, wo das ganze Gold des Königs ist, welches nicht an dich gegangen ist. Wo ist diese verfluchte Kammer, Seibling?“ Die Worte platzen wütend aus mir heraus. Ich war so unglaublich zornig! Nichts funktionierte, wie es sollte, und irgendwie schienen alle immer gegen mich zu arbeiten! „Woher hat Eber das Gold genommen, um die Handelsbeziehungen beizubehalten?“

Seiblings Oberlippe zog sich arrogant nach oben; seine Mundwinkel verzogen seinen Mund zueinem selbstgefälligen Grinsen. „Ziemlich viele Fragen und so viele Geheimnisse, nicht wahr?“ Er trat vom Gitter zurück. „Und ich werde diese Geheimnisse mit in den Tod nehmen. Allerdings werdet Ihr selbst auch nicht mehr lange genug leben, um all diese Fragen zu beantworten. Ich habe genug Vorkehrungen getroffen.“

„Dann also kein Treffen mit deiner Familie? Mit deiner Gattin? Das wird ihr das Herz brechen. Sie ist vor mir auf die Knie gesunken und hat bitterlich geweint. Und deine Tochter erst … tse.“ Ich machte eine kurze Kunstpause und musterte sein Gesicht ausführlich. „Nur deinen Sohn interessiert dein Schicksal scheinbar kein Stück.“

Seibling schnaufte verächtlich. „Mein Sohn weiß, was er zu tun hat!“

Ich kehrte um. „Ach ja, bevor ich es noch vergesse …“ Noch einmal wandte ich mich zu den Zellen um. „Achos, du wirst morgen ebenfalls hängen.“ Mit diesen Worten verließ ich den Kerker. Dieses Mal endgültig.

Auf dem Weg zurück zu meinen Gemächern schwiegen Elok und ich. Erst, als wir fast vor der Tür zu meinen Gemächern waren, durchbrach Elok die Stille. „Glaubt Ihr, der Sohn weiß etwas?“



Stumpf bewegte ich mich zur nächsten Wand und lehnte meine Stirn dagegen. „Was weiß ich schon? Keine Ahnung.“

Elok blieb in der Nähe stehen und räusperte sich kurz. „Soll ich den Sohn zu Euch bitten? Oder möchtet Ihr Euch morgen mit ihm befassen?“

Ich verdrehte die Augen. „Ich gehe dann schon mal in den Thronsaal. Ich will ihn nicht in meinen privaten Gemächern. Außerdem soll Irina an meiner Seite stehen und du bei ihm.“ Die Morddrohung Seiblings war mir nicht entgangen. Ebenso wenig die Andeutung, was seinen Sohn betraf.

Elok verneigte sich knapp und entfernte sich.

Es ging dauerte Weile. Ich saß auf dem Thron und dachte nach. Seibling war sich sicher, dass ich sterben würde. Er hatte meinen Tod geplant, doch wann? Schon bevor ich ihn seines Amtes enthoben hatte? Oder war das Ganze nur eine verzweifelte Lüge gewesen? Aber seine Worte …, sein Sohn wisse, was er zu tun habe, ließen mich nicht mehr los. Was sollte er zu tun haben?

Die großen Flügeltüren öffneten sich erneut und Elok betrat mit Gilead zusammen den Thronsaal. Dicht hinter ihnen folgte Irina. Während Elok den Sohn des ehemaligen Ministers der Münze bis kurz vor das Podest führte, betrat Irina dieses und stellte sich wieder schräg hinter den Thron, auf dem ich saß. Diesmal ging Gilead sofort auf ein Knie und senkte sein Haupt.

„Gilead ich …“ Ich zögerte. Nicht zögern! „Euer Vater hat entschieden, mir lieber zu drohen, anstatt seine Familie noch einmal zu sehen. Es tut mir leid.“

Der Kopf des Sohnes ruckte hoch und er sah mich mit einer Mischung aus Unglauben und Resignation an. „Ich werde es meiner Mutter möglichst schonend beibringen“, erwiderte er.

„Außerdem“, ich blickte ihm ernst in die Augen, „werdet Ihr aufgrund des Verdachts, mit Eurem Vater zusammen gearbeitet zu haben, auf unbestimmte Zeit hier bleiben. Eure Mutter und Schwester werden nach der Hinrichtung morgen früh das Schloss verlassen, ihre Habseligkeiten holen und hingehen, wo sie möchten. Ich habe gesagt, ich übernehme die Mitgift Eurer Schwester und daran werde ich mich halten. Aber Ihr werdet sie nicht begleiten.“

Gileads Mund öffnete sich, schloss sich aber kurz darauf wieder. Seine Hände verkrampften sich und er ballte sie zu Fäusten. Einen tiefen Atemzug später entspannte er sich wieder und nickte leicht. „Das heißt, ich darf das Schloss nicht verlassen?“



Ich nickte. „Ganz recht. Außer zur Hinrichtung Eures Vaters morgen werdet Ihr das Schloss nicht mehr verlassen. Zudem werdet Ihr stetig von einer Wache begleitet werden und unter Beobachtung stehen.“ Es war ein Spontanentscheid, ihn hierzubehalten. Aber es schien mir das Klügste. Nur so konnte ich ihn und allfällige verdächtige Handlungen im Blick behalten. Sei deinen Freunden nah, halte deine Feinde noch näher.

Unzufrieden presste er seine Lippen zusammen und sah mich abschätzend an. „Darf ich meine Familie darüber informieren?“, fragte er mit deutlich resigniertem Unterton. „Und wie sieht es mit Besuch aus? Korrespondenz? Ist mir das erlaubt?“

Taktisch gesehen sollte ich ihm alles davon verbieten. Aber konnte ich ihm wirklich jeglichen Kontakt zu seiner Familie verwehren?

„Du darfst mit ihnen darüber sprechen, ja“, entschied ich. „Allerdings wird dich ab sofort eine Wache begleiten. Solltest du oder deine Familie so leise sprechen, dass deine Wache es nicht mehr hört, werdet ihr auf der Stelle getrennt und jeglicher weiterer Kontakt wird euch verboten, bis ich mir deiner Unschuld sicher bin. Dasselbe gilt für Korrespondenz. Du darfst ihnen Briefe schreiben und welche empfangen. Aber beides wird vor Versandt und Erhalt durchgelesen. Besuche erlaube ich vorerst nicht. Also verabschiede dich. Spätestens morgen früh. Die Hinrichtung findet noch vor Mittag statt.“

„Nein, ich meine…“ Gilead kam ins Stocken. „Ich meine Besuch und Korrespondenz mit Freunden. Also, natürlich auch mit meiner Familie, ja. Aber ich habe viele Freunde. Und natürlich dürfen die Briefe gelesen werden. Ich habe, was das angeht, keine Geheimnisse.“

Natürlich … er war ein Vampir. Etwas älter als Cyrus. Er musste wohl … regelmäßig … oh, Götter! Was sagte ich denn jetzt? Ich räusperte mich unbehaglich, entschied aber schließlich: „Nein. Besuche sind Euch nicht erlaubt. Korrespondenz nur mit der Familie.“ Wenn er sich nichts zuschulden kommen ließ, konnte ich die Regeln immer noch lockern.

Er atmete tief durch und verzog wieder unzufrieden das Gesicht. Allerdings schwieg er und nickte nur knapp.

„Gibt es noch etwas, das Ihr mir sagen möchtet?“

„Nein, Eure Majestät. Ich akzeptiere die Bedingungen.“



Ich nickte. „Elok, würdest du ihn begleiten? Du wirst vorerst den Posten seiner Wache übernehmen.“

Elok spannte sich an. „Aber Majestät! Der König hat mich beauftragt…!“

„Der König ist jetzt gerade nicht hier! Nimmst du den Befehl deiner Königin an?!“, fragte ich, die Stimme streng und erhoben. Ich konnte es nicht gebrauchen, wenn er meine Autorität in der Öffentlichkeit untergrub!

Einsichtig nickte der Grigoroi. „Natürlich, meine Königin.“

 

Nach diesem Tag war ich ausgelaugt. Dennoch folgte am Abend noch das verschobene Schwerttraining mit Targes. Wenn mir dieser Vampir jemals sympathisch war, dann nahm ich hiermit diese Aussage zurück. Als Lehrer war er grauenhaft. Vor allem grauenhaft streng! Nichts machte ich richtig und kein gutes Haar ließ er mir auf dem Kopf! Diese Bewegung, falsch. Jede Bewegung, falsch. Haltung, falsch. Angriff, zu langsam. Verteidigung, zu lasch.

Ich lag in meinem Bett und starrte an das Deckenbild in meinem Zimmer. Es war schön. Aber ich hatte ihm noch nie Beachtung geschenkt. Wieso auch? Wenn ich mich hinlegte, dann doch zum Schlafen. Wieso gab sich jemand so große Mühe, mit etwas so Unnötigem?

Kaldor sprang aufs Bett und leckte mir übers Gesicht. Normalerweise hätte mich das jetzt sicherlich zum Kichern gebracht. Aber mir war nicht nach Kichern. Oder Lachen. Oder Sprechen. Stillschweigend fand meine Hand sein süßes Köpfchen und strich langsam darüber. Umständlich drehte ich mich auf die Seite und sah in die großen, unschuldigen Augen des jungen Wolfs.

Morgen würde ich zur Mörderin.

Eine einsame Träne rann mir die Wange hinunter, während ich Kaldor näher an mich zog und mein Schluchzen in seinem Fell erstickte.

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