Kapitel 13 – Nein, das tun sie nicht

Kapitel 13 – Nein, das tun sie nicht

 

Cyrus

Ich betrat das Badezimmer und ging einen Schritt beiseite, um die Kräuterhexe hereinzulassen. Dabei sah ich, wie Ulras sich halb über die Badewanne beugte. „Alles in Ordnung?“, fragte ich mässig interessiert. Wenn das dritte Mädchen im Bunde jetzt tot war, hätte ich die Kräuterhexe umsonst rufen lassen.

Ulras erklärte knapp, dass sie wohl drohte, ohnmächtig zu werden. Nun, dann konnte ich sie jetzt auch nicht mehr absaufen lassen.

„Hol sie aus dem Wasser raus.“

Es plätscherte kurz und wenig später drehte Ulras sich um. Das Mädchen lag nackt und zitternd in seinen Armen. Als sie mich erblickte, wurden ihre Augen gross, aber das war ich gewohnt. Sie verspannte sich noch etwas stärker als sowieso schon – wenn das denn überhaupt möglich war. Woran mein Blick allerdings hängen blieb, war das erbärmliche Bild, welches ihr ausgemergelter Körper abgab.

Die Kräuterhexe sog scharf die Luft ein, als sie das schiere Geflecht aus Narben auf dem Körper des Mädchens sah. „Aufs Sofa mit ihr!“

Meine Zähne mahlten. Kräuterhexen waren nicht mein Fall. Eigentlich waren sie keines Vampirs Fall, aber manchmal kam man nicht an ihren Diensten vorbei. Ich deutete wortlos ins Wohnzimmer und nickte Ulras zu. „Trag sie rüber.“ Die Hexe eilte dem Grigoroi hinterher. Als ich folgte, hielt ich Abstand. Sollte sie ihre Arbeit verrichten und wieder gehen. Ich hatte nicht sehr viel für diese Art von Mensch übrig. Auch wenn sie als Heiler in unserer Gesellschaft unverzichtbar waren. „Da hin!“, kommandierte sie meinen Grigoroi und eilte zu dem Mädchen hin. Welches nicht mehr war als ein kleines Kind. Mit anfänglichen Anzeichen des Erwachsenwerdens.

Die Kräuterhexe positionierte sich vor dem Mädchen, scheuchte Ulras unwirsch beiseite und tupfte die Kleine zuallererst, mit der Decke, die sie dreisterweise einfach von meinem Bett geholt hatte, ab. Danach legte sie diese, mit einem strengen Blick zu mir, über sie, um ihre Scham zu mindern.

„Eile dich“, brummte ich unzufrieden und sah zu der offenstehenden Tür zum Ruheraum. Dort sassen die anderen beiden Mädchen und assen Obst. Es war alles, was meine Diener auf die Schnelle gefunden hatten. Dann richtete ich meine Aufmerksamkeit kurz auf Ulras und ich nickte ihm zu. „Danke, du kannst dich entfernen.“ Mein Blick glitt zurück zu der Hexe. Diese wirkte einen Moment tatsächlich überfordert. „Bist du überhaupt, was du vorgibst zu sein, Weib?“, verlangte ich ungeduldig zu wissen.



Sie warf mir einen bösen Blick zu. „Wäre ich das nicht, würde die Kleine hier in ihrem Zustand vermutlich nicht einmal mehr den nächsten Tag überleben. Also lasst mich gefälligst meine Arbeit tun. Fürst.“

Wie sie sich mir gegenüber gab, gefiel mir überhaupt nicht. Weder zeigte sie Respekt noch Angst. Das war beleidigend. Ich war ihr nächster König! Allerdings galten diese weisen Frauen schon immer als unverfroren und, je nachdem, auch hinterlistig. Wenn man ihnen schlecht kam, konnte es gut sein, dass der nächste Wein, die nächste Mahlzeit oder der nächste Mensch, von dem man trank, einem eher zusetzte, als stärkte. Und doch waren sie in der Gesellschaft akzeptiert. Weil ihre Heilkunst für das Volk unabdingbar war.

Die Hexe legte ihre Hand auf die Stirn des Mädchens und stockte dabei unversehens.

Langsam ging mir ihre ständige Unsicherheit auf die Nerven. Ich knurrte, die Frau liess sich aber nicht mehr von ihrer Patientin ablenken. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und sah auf das dünne Mädchen herab. Dann glitt ihr Blick langsam zu mir, ehe er noch langsamer, fast schon wie in Trance, wieder zu dem Mädchen zurückkehrte. „Wie heisst du, meine Liebe?“

Bisher hatte sich das Kind nur ängstlich umgesehen. Nun, eigentlich hatte sie ihren angsterfüllten Blick nicht eine Sekunde von mir abgewandt. Nur, dass die Kräuterhexe sich immer wieder zwischen uns schob. Jetzt aber liess sie ihren Blick von mir zu der etwas älteren Frau vor sich gleiten. Fast schien es, als hätte sie diese bis gerade eben noch nicht einmal wahrgenommen.

„Was?“, quietschte sie leise, unsicher.

„Dein Name, Kindchen?“, fragte die Frau mit einer Stimme, plötzlich weich und einfühlsam. So ganz anders, als sie es bei mir gewesen war.

„A…sha.“

„Nun denn Asha. Ich würde gerne etwas überprüfen. Dürfte ich kurz einmal deinen Finger haben?“

Das Mädchen, Asha, biss sich unsicher auf die Unterlippe, streckte der Alten aber nach kurzem Zögern ihren Finger vertrauensvoll entgegen. Auf einmal schoss die Hand der Alten vor und noch ehe auch nur irgendjemand hätte begreifen können, was sie tat, schrie das Mädchen auf.

Ich hob die Augenbrauen und trat einen grossen Schritt näher heran. Das Kind tat ja nun so, als hätte die Hexe ihr den Finger abgehackt. Dabei sah ich nur einen Tropfen Blut, der sich langsam auf der Fingerkuppe bildete.



Auf einmal agierte die Hexe überraschend flink und routiniert. Sie griff in ihre Tasche und holte mehrere Beutelchen hervor. Eines davon öffnete sie und holte zerhackte, stinkende Kräuter heraus.

Ich rümpfte die Nase und machte wieder einen grossen Schritt zurück. Nur am Rande bemerkte ich, dass auch das Mädchen ihre Nase kräuselte. Kaum berührte der Blutstropfen das Kraut, verfärbte es sich. Zuerst wurde es rot und dann schwarz.

„Unglaublich!“, flüsterte die Hexe leise und drehte ihren Kopf in meine Richtung.

Ich blieb still. Dass sich ein Kraut färbte, war interessant? „Willst du mich zum Narren halten? Sprich!“

Die Frau streckte ihr Rückgrat durch und blickte mir kalt in die Augen. „Die Kräuter können einem interessante Fakten aufzeigen, Vampir. Die Natur weiss oft mehr, als sie es Unwissenden glauben machen will.“ Mit diesen Worten drehte sie sich wieder zu dem Mädchen um und holte erneut irgendwelche Kräuter hervor. Diese aber kannte sogar ich! Diese violetten Blüten würde ich niemals wieder vergessen können.

„Was willst du damit?!“, knurrte ich gefährlich. Wieso hatte sie Vampirgift mit dabei?!

„Was des einen Untergang ist, ist des anderen Freund“, murmelte sie. Konnte diese Frau auch einmal nicht in Rätseln sprechen? „Wisst Ihr, wieso dieses Kraut der Tod eurer Spezies ist, Fürst?“

Ungläubig zog ich eine Augenbraue hoch. Es war giftig. Es tötete uns. Was gab es da mehr zu wissen?

Sie seufzte, erhob sich und nahm eines der bereitgestellten Kristallgläser an sich, die neben dem Gin auf der Anrichte standen. Zurück beim Sofa zerbröselte sie die getrockneten Blüten der Giftpflanze und goss sie zusammen mit ein wenig Wasser aus ihrem Trinkbeutel auf. Dann gab sie dem Kind das Gemisch in die Hand, mit der Anweisung, es zu trinken. Erst als das fiebrige Mädchen das Gebräu unter ihren wachsamen Augen geschluckt hatte, richtete die Hexe ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich. „Es ist euer Tod, weil es euer Gift zerstört.“

Ich starrte die Frau lange einfach nur an, wartete auf weitere Ausführungen. Aber dann wurde mir bewusst, dass sie genug gesagt hatte. Jeder Vampir hatte sein ganz eigenes Gift und doch war es gleich. Es wurde kontinuierlich im Körper produziert, bei jedem Biss injiziert und bei jedem Geschöpf hatte es eine andere Wirkung. Vampire schwächte und lähmte das Gift. Auch Menschen wurden damit kurzfristig gelähmt und gefügig gemacht. Und zeitgleich wurden sie süchtig danach, um sie zu perfekten Blutspendern zu machen. Dazu gerann ihr Blut schneller, wodurch die Bisswunde schneller schloss.



„Warum geht es ihr dann so schlecht?“, fragte ich stirnrunzelnd. Als Mensch sollte sie kein Problem damit haben. Oder war es zu viel Gift gewesen? Hatte jemand versucht, sie in eine Grigoroi zu verwandeln? Die richtige Dosis an Gift zu finden, war tatsächlich nicht einfach. Immerhin musste es genug sein, damit der Mensch dabei starb.

Ungläubig, als könne sie nicht fassen, dass ich nicht selbst der Antwort Lösung gefunden hatte, schüttelte die Hexe ihren Kopf. „Ich bin hier fertig. Lasst sie ausruhen, kümmert euch um sie. Und wenn ich meine, ihr sollt euch um sie kümmern, dann heisst das, so wie man sich um ein unselbstständiges Kind kümmert! Das schliesst den Kerker aus!“

„Sie ist eine Sklavin. Ich werde mich sicher nicht um sie kümmern!“, protestierte ich sofort. Kind hin oder her, sie war nur ein Mensch. Meine einzige Aufgabe wäre höchstens, sie in ein Waisenhaus zu bringen. Gleich nachdem ich ausgeschlossen hatte, dass sie die Sklavin aus der Vision war. Mein Blick glitt zu dem Kind. Sie hatte etwas mehr Farbe bekommen, ihre Wangen wurde rosig. Aber sie hielt den Blick gesenkt. Ihr Herz klopfte ganz aufgeregt, kräftiger als noch vor wenigen Augenblicken.

„Das werdet Ihr“, fuhr mich die Alte an, war aber noch nicht fertig. „Ausserdem meine ich, gehört zu haben, Ihr hättet die Sklaven befreit. Somit kann Eure Aussage kaum stimmig sein.“

„Was ist denn hier los?“

Blitzschnell wandten wir beide den Kopf herum. Ich war so auf die Hexe und das Kind hinter ihr fokussiert gewesen, dass mir doch tatsächlich die nahenden Schritte entgangen waren.

„Das hat dich nichts anzugehen, Aurillia. Ich kann mich daran erinnern, dich und deine Freundin angewiesen zu haben, im Ruheraum Platz zu nehmen, nicht?“

„Eh, ja schon. Aber du machst hier einen riesigen Lärm. Und das da ist auch so was wie meine Freundin, also pisst du dir mit dieser Aussage selbst ans Bein. So wie ich gehört habe, gerade zum zweiten Mal, da du Ahsa als Sklavin bezeichnet hast.“ Das Mädchen machte nicht einmal eine Atempause. „Denn immerhin hast du uns alle freigelassen. Bevor du dich entschlossen hast, uns grundlos in den Kerker werfen zu lassen!“

„Hei, hei!“, tauchte plötzlich auch noch die Zweite, Emili, hinter Aurillia auf und griff nach deren Arm, um sie zu sich und weg von mir zu ziehen. „Entschuldigt, Fürst …“



„Cyrus“, half ich ihr auf die Sprünge.

Das ruhige Mädchen räusperte sich leise und nahm die Hand ihrer aufbrausenden Freundin. „Komm, Aurillia.“

Ich knurrte leise. Im nächsten Moment stand ich hinter Aurillia. Ich legte ihr eine Hand an ihre Kehle und neigte meinen Kopf zu ihr herunter. Drohend hob ich meine Oberlippe an und fuhr meine Fänge aus. „Ich bin ein verdammter Fürst, bald der König dieses Landes und es liegt an mir, ob ich eine Entscheidung wieder rückgängig mache oder nicht.“

Würgend schlug sie auf mich ein. Ihre Fäuste flogen, trafen meine Brust aber nicht einmal ansatzweise. Dafür waren ihre Arme zu kurz.

Ein Grinsen breitete sich auf meinen Lippen aus, während ich dabei zusah, wie ihr Gesicht immer roter wurde und sie dennoch nicht den Hauch einer Absicht zeigte, aufzugeben. Irgendwann aber würde sie es, und dieser Moment war nicht mehr fern.

Emili trat neben Aurillia und legte beide Hände auf meinen Unterarm. Sie versuchte nicht wirklich, meinen Griff zu lockern, und trotzdem hatte ich kurz das Gefühl, die Kraft in meiner Hand würde mich kurz verlassen.

Mit grossen Augen sah sie mich an. Tränen liefen über ihre Wangen. „Nein, bitte nicht. Es sind schon zu viele Menschen in diesem Schloss gestorben.“

Ich liess den Griff etwas lockerer und sah in das hochrote Gesicht von Aurillia. Es war so leicht, ein Menschenleben zu nehmen, und ich war wirklich versucht, dieses undankbare, vorlaute Geschöpf für immer zum Schweigen zu bringen.

Als Fürst der Ostlande hatte ich in meiner über dreihundertfünfzig Jahre langen Zeit als Herrscher immer darauf geachtet, dass die Menschen unter mir nicht leiden mussten. Ich selbst sah mich als gerechten, wenn auch strengen Fürst. Fleiss und harte Arbeit wurden belohnt, Respektlosigkeit hart bestraft. Die Menschen hatten ihre Grenzen und Regeln zu beachten, sowie auch die Vampire und Grigoroi.

Die Augenlider von Aurillia begannen zu flattern und ich wartete auf diesen bestimmten Blick. Darauf, dass dieses Mädchen die Machtverhältnisse erkannte und endlich Reue empfand für ihr unverschämtes Verhalten.

Ihre Bewegungen und Versuche sich zu wehren hatten gestoppt, ihre Arme hingen schlaff neben ihrem Körper. Das mutige Inferno in ihren Augen war zu einem kaum noch vorhandenen Funken geschrumpft. Bis zu dem Moment, wo er schliesslich erlosch und sie sich mir ergab.



Ich liess von ihr ab. Keuchend und nach Atem ringend, kam sie auf dem Boden auf. „Habe ich mich verständlich ausgedrückt?“ Erhaben stand ich vor ihr, die Arme ineinander verschränkt.

„J…a, mein …Fürst“, stiess sie hustend hervor.

Genugtuung breitete sich in mir aus, erfüllte mich mit Zufriedenheit. Zu Emili sprach ich: „Jetzt verschwindet.“ Sofort tat sie wie geheissen und zog ihre noch immer keuchende Freundin mit sich. Nun wandte ich mich wieder der Kräuterhexe zu.

Diese sah mich tadelnd und vorwurfsvoll an. „Es sind noch Kinder!“

„Auch die müssen ihren Platz kennen!“, erwiderte ich gefährlich leise und kniff meine Augen genervt zusammen. Auch dieses Weib lehnte sich gefährlich weit aus dem Fenster und strapazierte meine Geduld. Es war Zeit, sie endlich loszuwerden, denn offensichtlich hatte sie getan, weshalb ich sie hatte rufen lassen. „Du bist fertig?“

„Mit ihr, ja. Aber jetzt muss ich mich darum kümmern, dass das andere Mädchen nicht doch noch erstickt, weil ihr, ob Eurer Grobschlächtigkeit, der Hals anschwillt!“

Ich machte mit der Hand eine leichte Geste, dass sich die Hexe endlich entfernen möge. Was sie zu ihrem Glück auch tat, denn sonst hätte ich mich vermutlich nicht mehr zusammenreissen können.

Ich ging ein paar Schritte im Zimmer auf und ab, um meine aufkeimende Wut zu kontrollieren. Lag es an der Natur der Menschen im Goldenen Reich, so respektlos einem Vampir gegenüber zu sein? Hingen sie nicht an ihrem Leben? Mein Blick glitt zu dem Mädchen auf dem Sofa, das mich mit grossen Augen anstarrte und dabei die Finger völlig verkrampft in die Decke grub. Gab es denn keinen vernünftigen Mittelweg? Musste es immer ein Extrem sein? In meinem Reich war das doch auch möglich! Ich sollte die drei Kinder einfach töten. Bei den Göttern, ich hatte wahrlich genug zu tun! Gäste im Schloss, die meiner Aufmerksamkeit bedurften! Ich musste mich in die bisherige Arbeit des alten Königs einlesen. Und wir brauchten neue Diener, die sich um das Schloss und seine Bewohner kümmern würden! Aber mit dieser Wut im Bauch würde ich riskieren, falsche Entscheidungen zu treffen. Daher blieb ich in meinem sinnlosen Lauf stehen, legte die Hände hinter meinen Rücken und schloss einen Moment die Augen, um tief durchzuatmen.



Leise Schritte näherten sich, allerdings öffnete ich erst wieder meine Augen, als ich ein leises Räuspern vernahm. Die Kräuterhexe stand vor dem Sofa und sah mich an.

„Bist du jetzt endlich fertig?“, fragte ich genervt. „Meine Geduld ist endlich.“

„Natürlich“, erwiderte sie zögerlich, immer wieder zwischen mir und dem Mädchen hin und her blickend und den Eindruck vermittelnd, sie wolle etwas saen. Im Endeffekt tat sie es aber nicht und drehte sich nach einer kleinen Verbeugung um, um zu gehen.

Ich lief ihr hinterher. Getrieben von einem Gefühl, welches ich mir nicht erklären konnte. Kurz vor der Tür, die zum Flur hinführte, sprach ich den einen Gedanken aus, der schlichtweg nicht ins Bild zu passen schien.

„Menschen reagieren nicht so auf Vampirgift.“

Sie sah mich an. Wissend. Mit ungeheuer alten Augen, dafür, dass sie doch eigentlich nur ein einfacher Mensch war. „Da habt Ihr völlig Recht. Das tun sie nicht.“

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