Kapitel 13 – Tyra

Kapitel 13 – Tyra

 

Cyrus

Am nächsten Morgen weckte mich ein kleines Erdbeben. Ein schneller Reiter kam auf den Hof; das Hufgetrappel versetzte den unbefestigten Boden in Bewegung. Alarmiert verliessen die Zwillinge die Scheune. Kurz darauf hörte ich den spitzen Schrei einer Frau und ging noch ziemlich verschlafen selbst hinaus, um nachzusehen, wer hier in aller Götter Frühe angeritten kam.

Eine schmächtige Frau wurde von meinen Grigoroi soeben unsanft vom Pferd gezogen. Eran presste sie mit dem Gesicht voran auf den matschigen Boden, während Aron die Zügel vom Pferd übernommen hatte.

„Wer bist du?“, fragte Eran und packte die Frau am Schopf, sodass ihr Gesicht nicht mehr in den Schlamm gedrückt wurde.

Sie hustete und keuchte. Ihr ganzes Gesicht war verdreckt. Dessen ungeachtet konnte ich helle, blaue Augen sehen, die sie panisch aufgerissen hatte. „Tyra! Mein Name ist Tyra!“, rief sie und spuckte dabei Dreck. Selbst ihre Zähne waren schwarz vor Schlamm.

Aus dem Wohnhaus kam Timm geeilt. Bei ihm, die Gutsherrin dieses Hofes. Als diese die Frau im Dreck sah, schrie auch diese spitz auf. „Tyra!“

Ich nickte Eran zu, der sofort von unserer Besucherin abließ und ihr auf die Beine half. Die Gutsherrin war kein Vampir und konnte daher nicht gehört haben, mit welchem Namen sich Tyra vorgestellt hatte. Also hatte die Reiterin nicht gelogen was ihren Namen betraff. Ausserdem kannte sie die Gutsherrin.

Eben diese kam mit schnaufendem Atem bei uns an und wollte wohl aus Reflex die Reiterin umarmen, hielt dann aber inne, als sie sah, dass die komplette vordere Seite voller Schlamm und Dreck war. „Bist du gestürzt?“, fragte sie besorgt. Offenbar hatte sie die Situation nicht so recht erfasst.

„Nein!“, knurrte Tyra und warf den Zwillingen und mir einen wütenden Blick zu. „Wir müssen reden, Tarya.“ Wieder ging ihr Blick zu Eran. „Alleine!“, beharrte sie. Die Frauen entfernten sich. Timmok trat respektvoll einen Schritt beiseite, um sie durchzulassen.

„Wer sind diese Männer?“, wollte Tyra leise zischend von der Gutsherrin wissen.

Diese entgegnete ihrer verschmutzten Begleitung: „Vampire auf der Durchreise. Ich habe ihnen wegen des Regens eine Bleibe für die Nacht gegeben.“



Sofort versteifte sich Tyra und griff mit einer dreckigen Hand den Unterarm der Gutsherrin. „Nein!“, rief sie entsetzt. „Wo sind deine Kinder?“

Tarya blieb stehen und warf einen Blick über ihre Schulter zu uns, dann sah sie wieder zu Tyra. „Im Haus. Warum?“ Mittlerweile waren die beiden Frauen fast an der Tür angekommen.

Timmok trat an mich heran. „Soll ich sie belauschen?“

Erst wollte ich abwinken. Menschen im Goldenen Reich waren nicht gut auf Vampire zu sprechen. Es störte mich nicht, dass Tyra uns so offen und unverhohlen mit Hass begegnete. Doch dann schluchzte Tyra laut auf. Ihr Körper brach unter diesem Laut beinahe zusammen. „Bring sie weg!“, schluchzte sie. „Bring sie in Sicherheit!“

Nun nickte ich Timmok doch zu. Und als die beiden Frauen im Wohnhaus verschwanden, setzte sich Timmok in Bewegung, war innerhalb kürzester Zeit an der Hausmauer und drückte sein Ohr gegen die Tür.

Mein Blick ging zu den Zwillingen. „Versorgt das Pferd. Und seht in der Umgebung nach, ob es weitere Reiter gibt.“ Ich sah hinauf in den Himmel. Die Wolken zogen weiter. Mit etwas Glück würde es wieder wärmer. Dann würde der Schlamm trocknen und Spuren wieder lesbar machen.

Wir sollten möglichst bald aufbrechen. Der Regen hatte uns zu viel Zeit gekostet. Vielleicht gab es in dieser Siedlung eine Taverne. Das war oft die beste Möglichkeit, um Informationen zu sammeln.

Eine Bewegung riss mich aus meinen Überlegungen. Timmok hatte an der Tür gewunken, also überbrückte ich die Distanz und stand kurz darauf neben ihm. „Was ist?“

Anstatt zu antworten, öffnete Timm die Tür, betrat das Haus und sah direkt zur Wohnstube, in der die beiden Frauen standen. Tyra hielt mittlerweile ein Handtuch, mit dem sie sich grob über die Kleidung wischte.

Beide Frauen zuckten heftig zusammen und sahen zur weit aufgerissenen Tür. Tyra fand ihre Stimme zuerst wieder. „Zu spät“, keuchte sie. Ihr fast sauberes Gesicht wurde bleich und ihre Schultern sanken herab. Schlieren von Tränen verliehen dem Gesicht ein fast wildes Aussehen.

„Wiederholt das, was Ihr eben gesagt habt!“, verlangte Timmok und trat auf Tyra zu, die ängstlich zurückwich.

„Timm!“, mahnte ich meinen Grigoroi. Ich schloss die Tür hinter mir und machte nur einen Schritt auf die Wohnstube zu. Der Gutsherr fehlte, doch den Lauten im Haus nach zu urteilen befand er sich zusammen mit seinen Kindern im Obergeschoss.



Timmok drehte sich nur zu mir um, sah dann wieder zu den beiden Frauen und spannte sich sichtlich an. Dann drehte er sich erneut zu mir um und sank auf ein Knie, wobei er das Haupt senkte. „Majestät! Ihr müsst die Geschichte dieser Frau hören!“

Meine Fangzähne glitten sofort heraus und ich knurrte ungehalten. Timmok wusste doch, wie wichtig es war, unerkannt zu reisen! Warum tat er das?!

Die Herzen der beiden Frauen schlugen augenblicklich höher. Das von Tyra mehr. Ihr Herz stolperte fast und auch ihre Atmung wurde hektisch.

„Ma…Majes…“ Die Gutsherrin schnappte nach Luft und sank auf beide Knie. Sie beugte den Oberkörper vor und vergrub ihre Nase in den schlichten Teppich.

„Tyra!“, knurrte Timm und sah die Frau strafend an, die immer noch stand. Als Mensch hatte sie vor mir niederzuknien. Dinge, die mir nie wichtig waren, weswegen ich mit einer Hand eine wegwischende Geste machte. „Bitte steh auf, Tarya. Und du, Tyra, erzähl mir bitte, was du Tarya erzählt hast.“ Langsam ging ich auf die beiden Frauen zu, während Timmok immer noch mitten im Raum kniete. Kurz tippte ich ihm auf die Schulter und er erhob sich. Dann ging ich zu Tarya und ergriff ihren rechten Oberarm, um ihr aufzuhelfen.

Tyra wich so weit zurück, dass sie mit dem Rücken gegen eine ungeschmückte, hölzerne Wand stieß und erschrocken zusammenzuckte.

Ich sah zwischen den beiden Frauen hin und her. Und obwohl Tyra immer noch dreckig bis zum Haaransatz war, erkannte ich die Ähnlichkeiten in ihrem Gesicht. Die Augenbrauen waren gleich geschwungen; Nasen- und Kinnpartie ähnelten sich stark.

Als die Gutsherrin wieder stand, trat ich beiseite und legte locker beide Hände hinter meinen Rücken. Dabei richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Tyra. „Ich werde weder dir noch deiner Schwester oder ihrer Familie etwas antun. Aber ich möchte wissen, was du gesagt hast.“

Neue Tränen liefen Tyra über die Wangen. Laut schluchzte sie auf. „Er hat mir alles genommen …! Er brach meinem Mann das Genick, trank das Blut meiner Tochter, bis sie ihren letzten Atemzug tat und entführte meinen Sohn!“, sprach sie mit erstickter Stimme.

„Hatte er mein Alter, meine Statur? Braune, lockige Haare, blasse Haut?“, erkundigte ich mich.



Tyra nickte und wischte mit ihrem Ärmel die Tränen weg. Allerdings schmierte sie sich dadurch wieder Schlamm ins Gesicht.

„Sagte er, woher er kommt oder wohin er will?“

Wortlos, dafür aber schniefend, schüttelte sie den Kopf. Ihre Lippen zitterten und ihr ganzer Körper bebte unter dem Schmerz, den der Tod ihrer Familie in ihr hinterlassen hatte.

„Hat er irgendwas gesagt?“, bohrte ich weiter. Am liebsten hätte ich die Frau gepackt und ihr befohlen, mir jede Einzelheit zu erzählen. Aber ihr Verlust war grausam. Keine Zeit der Welt würde diese Wunde heilen.

„Er sagte nur, es sei sein Recht, sich zu nehmen, was er will. Und ich solle dankbar sein … dankbar sein, dass…“ Tyras Stimme brach vollends und sie sackte kraftlos in sich zusammen. Sofort war Tarya bei ihr und nahm sie in den Arm, obwohl auch ihre Kleidung dadurch dreckig wurde.

„Wo ist dein Hof?“, wollte ich von Tyra wissen. Aber diese weinte so stark, dass ich keine Antwort mehr von ihr erwarten konnte. Daher wandte ich mich an Timmok. „Frag den Gutsherrn. Danke den Menschen für ihre Gastfreundschaft und dann kommst du in den Stall.“

Mein Grigoroi nickte und nahm die Treppen nach oben. Ich verließ das Gutshaus wieder und ging zurück in die Scheune. Eran und Aron hatten Tyras Pferd versorgt und unsere Pferde bereits gesattelt. Ich nickte ihnen zu und schwang mich auf meinen Hengst.

„Timmok kommt gleich. Sehr wahrscheinlich ist Ashur in der Nähe. Er hat eine Familie überfallen, Vater und Tochter getötet. Den Sohn hat er laut Aussage der Mutter entführt.“

Eran legte die Stirn in Furchen. „Warum? Ein Mensch würde ihn nur langsamer machen. Meinst du, er will ihn, um sich von ihm zu nähren?“

Aron schnaufte kurz. „Blödsinn, er würde sich zur Not sicher von Tieren ernähren oder einfach von einem anderen Menschen trinken, der ihm über den Weg läuft. Vielleicht will er einen Grigoroi erschaffen.“

„Aber das würde ihn schwächen und zeitlich in Verzug bringen“, warf Eran ein. „Doch besitzt er auch ein Pferd. Er könnte den Knaben einfach damit transportieren.“

Ich nickte nachdenklich. „Ashur weiß nicht, wie dicht wir ihm auf den Fersen sind. Er geht sicher davon aus, dass er einen guten Vorsprung aufgebaut hat. Einen Grigoroi zu erschaffen, macht daher durchaus Sinn. Eine helfende Hand, die zur Not Spuren verwischt oder falsche legt.“



Timmok trat auf uns zu, stieg auf sein Pferd und reichte mir einen Bogen Papier, den ich direkt entfaltete. Eine simple Karte der Umgebung sprang mir ins Auge. Im Mittelpunkt lag das Schloss. Südlich war die Siedlung, in der wir uns gerade befanden, eilig eingekreist worden. Und mit einem X war eine andere Siedlung markiert, die etwas weiter östlich lag. Vermutlich nur einen halben Tagesritt von hier entfernt.

Meine Augen huschten über die Karte. Würde Ashur weiter nach Osten reiten, käme er bald zum Toten Wald. Ein Ort, den selbst Tiere mieden. Wenn Ashur den Jungen als Nahrung mitgenommen hatte, würde er wohl nach Osten fliehen. Allerdings lagen im Süden mehr Menschensiedlungen. Und in den Westen würde er wohl kaum reiten. Dort, wo Gebirge hoch in den Himmel ragten und angeblich Rebellen und Kannibalen lebten.

„Reiten wir erst mal zu diesem Hof und suchen dort nach weiteren Spuren. Dann sehen wir weiter“, entschied ich, rollte das Pergament zusammen und steckte es in eine Satteltasche. Wir folgten den Spuren von Tyras Pferd. Der Schlamm war jedoch so tief und rutschig, dass die Pferde nur beschwerlich vorwärtskamen. Erst in einem kleinen Wald wurde es besser und wir konnten den Pferden die Sporen geben.

Am Nachmittag erreichten wir den Hof, der Tyras Heim darstellte. Ein Mann lag in der offenen Tür. Der Kopf war unnatürlich verdreht und die Augen starrten offen und entsetzt in die Wohnstube. Dort fanden wir das tote, blutleere Mädchen. Sie war kaum älter als Aurillia, die jüngste Zofe meiner Gattin. Noch ein halbes Kind.

Wut überkam mich. Auch ich hatte schon Menschen getötet, allerdings nie aus reinem Blutdurst heraus. Ich verurteilte dieses Verhalten! Wenn Menschen durch meine Hand starben, dann hatte dies immer einen Grund. Gier war definitiv keiner davon.

„Sucht nach Spuren“, wies ich meine Begleiter an. Während sie ausschwärmten, sah ich mich weiter im Haus um. Jedoch gab es hier nichts von Bedeutung, außer der Tatsache, dass die Küche geplündert wurde. Auch das sprach für die These, dass Ashur versuchen würde, durch den Toten Wald zu fliehen. Ein mehr als dummes Unterfangen.

Kopfschüttelnd trat ich aus dem Haus. Kurz darauf waren wir wieder auf den Pferden. Eran deutete nach Osten. „In der Scheune waren zwei Boxen für Pferde. Eines fehlt, wenn Tyra das zweite genommen hat, um zu Tarya zu reiten. Vermutlich transportiert Ashur auf dem zweiten Pferd ihren Sohn.“



„Und Nahrung“, fügte ich hinzu. „Es sieht aus, als ob Ashur sich und den Jungen für eine Weile am Leben halten will.“

„Der Tote Wald“, ächzte Timmok. „Wir werden zwei, eher drei Tage brauchen, bis wir ihn durchquert haben.“

„Sofern wir uns nicht verirren“, fügte Aron hinzu.

Ich knurrte unwirsch. Ja, um den Toten Wald kursierten viele Legenden, Sagen und Mythen. Es hieß, dass nichts darin überleben konnte. Wer hineinging, würde diesen Wald nicht mehr lebend verlassen.

Ein Vampir könnte, dem nach, was die Legenden erzählten, zweifellos sein Leben lassen. Ein Grigoroi würde elendig verdursten und ein Mensch wäre ein Narr, würde er auch nur einen Fuß in den Wald setzen.

„Wir könnten außen rum reiten“, schlug Eran vor.

„Das würde uns zwei oder drei Wochen kosten“, entgegnete ich. Zumal wir keine Gewissheit hatten, dass Ashur wirklich diesen unendlich dummen Plan in die Tat umsetzen wollte. Sollte er wirklich den Wald betreten, bräuchte ich gar nicht nach ihm zu suchen. Allerdings musste ich mir sicher sein, dass er wirklich tot war. Sollte Ashur also wirklich den Wald betreten, müsste ich es auch tun. Und sei es nur, um seine Überreste zu finden. Und vielleicht … nur vielleicht … wäre Tyras Sohn noch leben. Und doch haderte ich. Ich wollte meine Männer nicht in den sicheren Tod führen. „Timmok. Reite zurück, finde Golderon und informiere ihn über alles. Sorge dafür, dass Tyra Hilfe bekommt.“

Timmok presste die Lippen zusammen. Ich spürte, dass er an meiner Seite bleiben wollte. Aber Golderon musste informiert werden. Die Zwillinge würden sich bei der Aussicht, dass wir wohl den Toten Wald durchqueren würden, nicht voneinander trennen lassen.

„Aber…“

Sofort wurde mein Blick ernst. „Timmok! Reite zurück, finde Golderon und informiere ihn über alles. Dann sorgst du dafür, dass Tyra Hilfe bekommt! Das ist ein Befehl!“

Sofort senkte Timmok den Blick. „Ja, mein König“, entgegnete er, zog an den Zügeln und ritt in entgegengesetzter Richtung davon.

Ich sah ihm nach und seufzte leise. Ich hasste es, meinen Grigoroi einen verpflichtenden Befehl geben zu müssen. Aber er hatte seine Familie auf ähnliche Art verloren, wie Tyra. Timmok würde sich auf der Jagd nach Ashur von seinen Gefühlen leiten lassen. Seine Wut würde ihn übermannen und ihn blind werden lassen. Das konnte ich nicht riskieren. Ich seufzte schwer und verdrängte den Gedanken aus meinem Kopf. Wir mussten uns wieder dem Spurensuchen widmen. Spuren, die hoffentlich nicht zum Toten Wald führten. Tief einatmend wandte ich mich zu meinen verbliebenen zwei Grigoroi. „Los. Suchen wir Ashur!“



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