Kapitel 16 – Beutelschneider
Kapitel 16 – Beutelschneider
Cyrus
Ich ging alleine über den kleinen Markt, um mich mit Lebensmitteln einzudecken. Leider war das Gedränge groß, sodass ich nicht riskieren wollte, dass Eran und Aron als Grigoroi aufflogen. Es gab ohnehin schon zu viele Gerüchte. Und ich wollte nicht riskieren, dass sie den Menschen auffielen. Immerhin atmeten Grigoroi nicht und ihre Körper waren kalt. Aufmerksamen Menschen konnte das durchaus auffallen.
An einem Obst- und Gemüsestand blieb ich stehen und inspizierte die Äpfel. Sie würden Hunger und Durst zugleich stillen. Und die Qualität war gut.
Hinter mir, am Fleischstand, redeten zwei Frauen miteinander. Als das Wort ‚Vampir‘ fiel, spitzte ich meine Ohren.
„… Tyra alles genommen.“
„Ja. Es gibt Gerüchte, der König wäre unterwegs.“
„Oh, wie schrecklich! Es heißt, er sei ein skrupelloser Mörder! Ihm will ich ganz gewiss nicht begegnen!“
„Ich auch nicht. Er hat die ganze Familie abgeschlachtet. Tyra ist am Boden zerstört.“
Also hatte sich die Information verbreitet, dass ich inkognito reiste. Nur leider wurden nun die Vergehen, die Ashur begangen hatte, auf mich geschoben. Das hatte ich nicht kommen sehen.
„Ich hatte ja erst geglaubt, es würde besser werden mit dem neuen König und der Königin“, seufzte eine Frau schwer.
„Ach was, die Vampire sind doch alle gleich. Ganz gleich, wer gerade auf dem Thron sitzt!“
„Ja. Und nun sitzt seine Frau auf dem Thron, die angeblich noch ein Kind sein soll!“
„Ja, das habe ich auch schon gehört“, stimmte die andere zu.
Nun mischte sich die Stimme eines Mannes ein, der sich wohl dazu gesellt hatte. „Ja, das Kind des alten Königs. Sie soll genauso verrückt sein wie er. Sie hat zwei ihrer Minister hängen lassen!“
„Nein! Wirklich?“, machte eine der Frauen erstaunt und bestürzt zugleich.
Die andere dagegen schnaubte nur verächtlich. „Mir doch egal, wenn sich die Vampire untereinander töten. Je weniger es von denen gibt, desto besser!“
Die anderen beiden stimmten dem zu.
Ich nahm ein paar Äpfel an mich, bezahlte diese und ging ein paar Schritte weiter zum Bäckersstand.
Ein kleiner Junge stellte sich dicht neben mich. Seine Augen flogen gierig über die Auswahl an Gebäck und ich hörte seinen Magen knurren. Zeitgleich vernahm ich aber auch, dass sein Herz schneller klopfte als normal. Im selben Moment schob er sich an mir vorbei und rempelte mich dabei an. Das unauffällige Geräusch klimpernder Münzen erregte meine Aufmerksamkeit. Dieser kleine Gauner war ein Beutelschneider!
Sofort packte ich den Jungen am Arm. Dieser sah mich völlig schockiert an. Das Messer, mit dem er meinen Goldbeutel aufgeschnitten hatte, lag noch in seiner Hand.
„Gib mir mein Eigentum wieder!“, knurrte ich.
„Welches Eigentum?“, fragte er scheinheilig. Aber schon im selben Moment schrie er laut nach Hilfe. „Ein Vampir! Hilfe! Er will mich töten!“ Er trat mir gegen das Schienbein und erwartete wohl, dass ich ihn losließ, denn er rannte im selben Moment los.
Jedoch hatte ich ihn immer noch fest im Griff, sodass er strauchelte und wieder gegen mich prallte.
Die Männer und Frauen auf dem Markt wandten sich uns zu. Einige der Männer trugen Messer und Dolche. Ihre Gesichter waren vor Wut verzerrt.
„Ein Vampir? Tötet ihn!“, schrie ein Mann lauthals und hob ein Schlachtbeil.
Einen Moment überlegte ich, alles abzustreiten. Der Junge konnte nicht wissen, dass ich ein Vampir war. Er musste ins Blaue geraten haben. Oder …
Mein Blick fiel auf mein Schwert. Nein, er hatte sich ganz bewusst an mich geschlichen. Denn der Knauf meiner Waffe war zwar nicht mit Edelsteinen, dafür mit einer filigranen, silbernen Gravur geschmückt. Das Leder, das um den Griff gewickelt worden war, war blau, eine Farbe, die sich nur der Adel leisten konnte. Blau und Silber. Ich fluchte innerlich, denn ich hatte dieses Detail vollkommen übersehen in meiner Routine, dieses Schwert ständig bei mir zu tragen.
„Kluger Junge“, meinte ich daher und packte mit der anderen Hand seinen Nacken. „Zumindest bis vorhin.“
Sein Blick ging unsicher zu mir hoch. Sein Gesicht war verdreckt, die braunen Augen vor Angst geweitet; sein Körper völlig abgemagert.
Kein Wunder, dass die Menschen nicht gut auf Vampire zu sprechen waren. Ich könnte versuchen, die Situation friedlich zu lösen. Aber das waren diese Menschen nicht gewohnt. Sie hatten Jahrhunderte unter dem alten König gelitten. Entsprechend war mein Entschluss binnen Sekunden gefasst. „Kein Schritt weiter oder ich breche dem Jungen das Genick!“
Die Menge hielt inne, wurde aber nur noch lauter. Rufe wie ‚lasst das Kind los!‘ oder ‚elender Vampir, verschwinde gefälligst!‘ wurden laut und bekamen von allen Seiten her Zuspruch. Der Junge wehrte sich noch immer fieberhaft gegen meinen Griff. Ob ihm bewusst war, dass ich ihm innert weniger als einer Sekunde ein schnelles Ende bescheren konnte?
„Bitte!“, hörte ich ihn auf einmal flehen. Dicke Krokodilstränen rannen seine Wangen runter. „Ich muss doch meine kleine Schwester ernähren!“
In dem ganzen Trubel um uns herum war es fast nicht zu hören, aber ich war mir doch sehr sicher, dass sein Herz ihn soeben verraten hatte. Er hatte keine kleine Schwester. Allerdings hörte ich auch seinen Magen hungrig knurren.
„Gib mir mein Gold wieder. Dann gehe ich und niemandem passiert etwas!“, knurrte ich. Ich beobachtete die Umgebung, auf dass es niemand wagte, sich von hinten heranzuschleichen. Nach kurzem konnte ich Eran und Aron hinter der Menge ausmachen, die sich soeben einen Weg durchs dichte Getümmel bahnten. Sie hatten die drei Pferde dabei, an welche kleine Tiere in platzsparenden Holzkäfigen angebracht waren. Kaninchen, Marder oder auch Vögel. Genug, um ein paar Tage zu überleben, sollten sich keine Tiere zur Jagd finden lassen. Als die beiden die Bedrohung sahen, machte ich eine eindeutige Geste, dass sie an Ort und Stelle bleiben sollten.
„Los!“, drängte ich den Jungen und rüttelte leicht an ihm, sodass die Münzen hörbar klimperten.
Er presste die Lippen aufeinander; sein Gesicht wurde grimmig. Noch ehe er ein Wort sagte, wusste ich, seine Entscheidung war gefallen.
„Wer’s findet, darf’s behalten!“, rief er, das Kinn in falschem Stolz erhoben.
Ich beugte mich zu ihm hinab und raunte ihm zu: „Na, was ein Glück, dass ich einen so fähigen Dieb gefunden habe.“ In einer schnellen Bewegung packte ich ihn und warf ihn mir über die Schulter. Hörbar wurde ihm die Luft aus der Lunge getrieben.
Er zappelte, aber ich ignorierte seinen Widerwillen stoisch und ging an den Menschen vorbei, die es nicht wagten, mich anzugreifen. Der Junge schützte meinen Oberkörper.
„Kinder schmecken ganz vorzüglich, wusstest du das?“, raunte ich ihm nahe an sein Ohr, was ihn für einen Moment ins Stocken brachte. Dann jedoch fing er wieder wild an zu zappeln, schrie sich die Seele aus dem Leib und flehte die Dorfbewohner um Hilfe an. Allerdings schien sich keiner so richtig für ihn zu interessieren. Tatsächlich galt ihre Aufmerksamkeit, ihr Interesse, viel eher mir. Dem Vampir.
Ich nickte den Zwillingen zu, die mir nun mit den Pferden entgegenkamen. Dabei glitten meine Fänge heraus und ich drehte mich noch einmal zu den Dorfbewohnern um. „Bei einem Kampf, Mensch gegen Vampir, setze ich mein Gold immer auf den Vampir. Selbst, wenn die Menschen ihm zehn zu eins überlegen sind.“
„Wir sind mehr als zehn!“, meinte der Kerl mit dem Schlachtbeil.
„Und ich reise nicht alleine.“ In dem Moment kamen Eran und Aron näher, sodass auch die Menschen ihre scharfen Fangzähne sehen konnten.
Die Meute wich zurück und ich setzte meinen Weg fort. Eran übernahm den Jungen, sodass ich mich in den Sattel ziehen konnte. Dann reichte er mir den Quälgeist wieder, den ich vor meinem Schoß setzte. „Wenn du springst, wirst du unter die Hufe geraten. Also rate ich dir, ruhig zu bleiben.“
„Warum nehmen wir ihn mit, Majestät?“, fragte Eran.
Bevor ich antworten konnte, lachte Aron auf der anderen Seite laut auf, während er ebenfalls auf sein Pferd stieg. „Sieht lecker aus, der Kleine. Bisschen dürr vielleicht, aber genug, damit wir uns an ihm satt trinken können.“
Der Dieb versteifte sich vor mir. „Oh … Heilige Scheiße … Der König …“, flüsterte er.
Eran verzurrte noch die Tasche mit den Äpfeln, dann stieg er ebenfalls auf sein Pferd und wir ließen die letzte große Menschensiedlung hinter uns.



































Kommentare