Kapitel 17 – Ein alter Freund
Kapitel 17 – Ein alter Freund
Xelus
Mit schnellen Schritten rannte ich die Treppe hoch, bis zum Zimmer, in dem mein kleiner Abkömmling liegen sollte. Mein Blick glitt wachsam durch den ganzen Raum, doch entgegen meinen Erwartungen war sie nicht in Gefahr. Da war kein Eindringling oder jemand, der ihr Schaden zufügen könnte.
Mein Fokus richtete sich wieder auf sie. Schlafend, aber aller Anschein nach von einem Albtraum geplagt, lag sie im Bett. Sie wälzte sich hin und her, nuschelte, flehte und schlug um sich.
Lange konnte ich mir das nicht mitansehen. Meine Füsse trieben mich zu ihr ans Bett. Rjna musste noch ziemlich fertig von der Reise und den darauffolgenden Geschehnissen gewesen sein, so schnell wie sie wieder zu Bett gegangen und eingeschlafen war. „Rjna? Rjna, Kleine wach auf“, versuchte ich es sanft, doch sie schlief tief und fest. Vorsichtig beugte ich mich über sie und griff mit meinen Händen nach ihren Schultern, um sie zu schütteln. Jetzt lag sie völlig still. Erschreckend still; ihr ganzer Körper wie die Seite einer Laute gespannt.
„Nein! Vater bitte nicht!“ Sie zuckte zusammen, zitterte.
Vater? Träumte sie etwa davon? Von ihrer Familie? Die, die sie im Wald ausgesetzt hatte? Ihre Stimme war durchtränkt von Verzweiflung. Vielleicht war sie in dem Moment gefangen, in dem er sie in den Wald geschickt hatte? Aber wie war es dann zu der fehlenden Kleidung gekommen? Weiter kam ich mit meinen Gedanken nicht, denn ihr Flehen wurde eindringlicher und schmerzerfüllt. Ihr Körper begann zu zucken, als ob man auf sie einschlüge. „Nicht! Sie ist zu jung!“, wimmerte sie.
Meine Stirn runzelte sich besorgt. Ich wurde nicht schlau aus ihren Worten. Und auf meine Versuche, sie aufzuwecken, reagierte sie nach wie vor nicht. An ihren Schultern zu rütteln, brachte rein gar nichts. „Rjna! Rjna, verdammt, wach auf! Du hast einen Albtraum! Das ist nur ein Traum, hörst du?“ Frustriert raufte ich mir die Haare. Jetzt fiel mir nur noch eins ein, was jeden, und zwar wirklich jeden noch so müden Vampir wecken würde.
Schnell eilte ich hinunter in den Eingangsbereich, wo ich gerade Schritte vernahm, die sich auf die Tür zubewegten. Der Junge. Ich warf ihn mir über die Schulter und trug ihn nach oben, hin zu meinem Mädchen. Ohne zu fragen oder abzuwarten, griff ich nach seinem Handgelenk, biss kräftig hinein und drückte es an Rjnas zu einem stummen Schrei geöffneten Mund. Die Schreie des Jungen nahm ich nur am Rande wahr. Wichtiger war, dass sie endlich aufwachte.
E dauerte nicht lange, da setzte bei Rjna der Trinkreflex ein. Ihre Hände umklammerten den Arm des Jungen mit knochenbrechener Kraft. Die Augen noch immer fest zusammengepresst, liess sie nach kurzem fauchend von dem Handgelenk ab, nur um in einer blitzschnellen Bewegung seinen Hals in Reichweite ihrer Fänge zu bringen und sie da erneut zu versenken. In der Bewegung hatte sie sich leicht aufgesetzt und ihn auf ihren Schoss gezerrt.
Der Junge schrie abermals auf; Tränen rannen seine Wangen hinunter. Langsam fing er an, zu schwächeln. Vermutlich machten sich bereits die ersten schwarzen Punkte in seinem Sichtfeld breit.
Um Rjna die Pein eines weiteren Mordes zu ersparen, ergriff ich ihre Hände und öffnete ihren Klammergriff um den Oberkörper und Hals des Jungen. Zähneknirschend schaffte ich es, ihre Arme von ihm zu nehmen. Ihr Griff war fest, was aber nicht weiter verwunderlich war, denn gerade handelte sie rein instinktiv. Ich musste herausfinden, was sie so tangierte, dass sie sich dermassen verlor.
Den Jungen zog ich an seinen Haaren von ihr weg und warf ihn auf den Boden hinter mir. Aufstehen würde er vorerst sowieso nicht mehr, geschweige denn weglaufen.
Rjna fuchtelte wild herum, im verzweifelten Versuch, ihre Beute zurückzubekommen. Um sie ruhig zu stellen, setzte ich mich, die Beine über ihre Hüfte gespreizt, auf sie drauf und hielt ihre Handgelenke mit meinen Händen fest. War sie im Blutrausch? Nein, denn dann wäre sie noch stärker. Hatte ihr Traum vielleicht ihre Überlebensinstinkte geweckt? Zumindest schien der Traum sie rasend zu machen.
Ich keuchte leise. Ihre Ausdauer war enorm und ihr Wille ungebrochen, ganz gleich, ob sie selbst sich dessen bewusst war oder nicht. Auch jetzt noch, unter meinem Gewicht, hörte sie nicht auf, sich zu wehren. Immer wieder versuchte sie mich von sich runterzubringen und warf sich gegen mein Gewicht, um wieder zur Blutquelle zu gelangen.
Einen Moment überkamen mich Zweifel, ob sie nicht vielleicht doch in einen Blutrausch geraten war. Ein Blick zu dem Jungen verriet mir, dass er tatsächlich das Bewusstsein verloren hatte. Und als ich sein Blut roch, wurde mir auch klar, wieso sie so danach gierte. Es war nicht einfach menschliches Blut. Es strotze praktisch von Magie. Interessant.
Zwei lange Stunden später erschlaffte sie endlich unter mir und sank in einen tiefen Schlaf. Langsam löste ich mich von ihr und wandte mich dem Jungen zu, der den Boden nach wie vor tropfenweise vollblutete. Die Gerinnung schritt nicht in normalem Tempo voran. Wenn ich mich nicht langsam darum kümmerte, würde er mir hier elendig verbluten, was mein Schützling wiederum alles andere als gutheissen würde. Zwar hatte sie gestern keinerlei Problem damit gehabt, zu morden, aber offenbar erinnerte sie sich nicht mehr daran. Ihre Verblüffung war echt gewesen, daran hatte ich keinen Zweifel.
Versorgt und verbunden, brachte ich den Jungen schliesslich in eines der anderen Schlafzimmer. Insgesamt schienen es vier zu sein. Alle befanden sich im oberen Stockwerk und alle waren ausgestattet mit anschliessendem, persönlichem Badezimmer. An den zwei Zimmern, deren Fenster in Richtung Dorf ausgerichtet waren, prangte zudem jeweils ein ansehnlicher Balkon. Am Ende des Flurs befand sich die Treppe, die geradewegs ins Erdgeschoss und direkt in den Eingangsbereich führte. Unten gab es einen ausladenden Wohnraum, eine grosse Küche, noch ein Badezimmer und eine weitere Treppe. Diese führte hinunter, vermutlich in den Keller. Und genau dahin verschlug es mich auch als Nächstes.
Unten angekommen, fand ich mich vor einer verschlossenen Tür wieder. Sie war verstärkt, was sich schon dadurch zeigte, dass ich sie nicht ohne weiteres aufbrechen konnte. Doch das sollte mich nicht hindern. Mit voller Wucht warf ich mich einige Male gegen die Tür – und sie gab nach. Wie sagte man so schön? Mit Gewalt ging alles, nun … zumindest in meiner bescheidenen Version. Ausserdem war die Mechanik dieser Tür darauf ausgelegt, dass niemand rauskam und nicht, dass niemand reinkam. Der Grund dafür schoss mir direkt entgegen.
Der Geruch vieler, wirklich vieler verschiedener Vampire. Und ganz markant; der Geruch ihres Blutes. Neuere Gerüche gab es aber nur einen. Es musste also noch vor kurzem jemand hier gewesen sein. Oder sich noch immer hier befinden? Hören tat ich nichts, doch das musste nichts heissen.
Gleich beim Eingang fand sich eine Öllampe, nach welcher ich griff, um meine Umgebung etwas genauer in Augenschein nehmen zu können. Zwar war meine Nachtsicht als Vampir deutlich besser als die eines Menschen, dennoch sah ich nicht so viel wie bei Tag. Ausserdem war es hier unten stockfinster. Ganz ohne jeglichen Lichteinfall konnten auch Vampiraugen nichts mehr sehen.
Durch den Blutgeruch und das vorher erlangte Wissen hätte mir eigentlich klar sein müssen, was mich hier erwartete … trotzdem war es erschreckend, was ich sah. Nicht, dass ich noch nie jemanden gefoltert hätte. In den Diensten des Königs kam das durchaus das ein oder andere Mal vor, aber diese Kerker hier unten … Es war offensichtlich, dass man hier Vampire folterte und nicht die Vampire, diejenigen waren, die folterten. Ein Vampir, und mochte er noch so gerne Blut trinken, verbrächte hier unten keine Sekunde freiwillig seine Zeit. Der Blutgeruch drückte einem fast den Geruchssinn ab, so grauenvoll penetrant war er hier. Aber die Kerker waren gut gebaut, das musste man dem Architekten lassen. Ausbruchssicher für Vampire. Dicke Gitterstäbe, die auch unserer Kraft nicht nachgeben würden, aber einen uneingeschränkten Blick auf den Gefangenen zuliessen. Keine Fenster und ausserdem Kerkertüren, die man unmöglich von innen öffnen konnte, selbst wenn der Gefangene irgendwie an den Schlüssel herangekommen wäre. Denn um das Schlüsselloch befand sich Eisen, sodass man von innen, auch durch die Stäbe hindurch, mit der Hand nicht bis zum Schlüsselloch gelangen konnte.
Einige Schritte weiter, das schmatzende Geräusch, das der Boden von sich gab, wenn man darüber ging, ignorierend, kam ich bei einer Zelle an, in der sich tatsächlich eine Gestalt zusammengekauert in die Ecke presste. Die Gestalt regte sich nicht, doch musste sie meine Anwesenheit wahrgenommen haben. Männlich, von der Statur her. Vielleicht ein weiterer Jungvampir? Obwohl … dafür schien er zu selbstbewusst. Auch wenn er zusammengesunken an der Wand lag, strahlte er doch keine Unsicherheit aus.
„Wer bist du?“, fragte ich mit fester Stimme. Leider war ich auf seine Antwort oder zumindest seine Kooperation angewiesen, denn einen wildfremden, nach Blut dürstenden Vampir konnte ich nicht guten Gewissens auf das Dorf loslassen.
Langsam und bedächtig hob die Gestalt den Kopf und starrte mich aus tiefen grünen Augen an, die jedoch jeden Glanz verloren hatten. „Xelus?“, fragte eine tiefe, kratzige Stimme ungläubig. Das Organ klang trocken und eingerostet, als wäre es lange Zeit nicht mehr benutzt worden.
Verwirrt kniff ich die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, wer sich in diesem Kerkerabteil befand, der mich kennen könnte. Doch so weit hinten, wie die Person in der Dunkelheit sass, sah ich nur die grüne Augenfarbe, welche zwar nicht jeder zweite trug, aber doch auch keine Rarität war.
Jetzt regte sich die Gestalt langsam, was ein unangenehmes, klirrendes Geräusch verursachte.
„Wer bist du?“
„Fragen über Fragen. Du hast dich wirklich kein Stück geändert, alter Freund“, sprach die kratzige Stimme mit einem Anflug von Amüsement.
„Ta…durial? Bist … du es wirklich?“ Es gab nur einen alten Freund mit grünen Augen, der so mit mir sprechen würde. Unsere Freundschaft reichte zwei Jahrtausende zurück, in eine Zeit, als ich selbst noch ein grünschnäbliger Jungvampir gewesen war.
Die Antwort des Gefangenen war lediglich ein Grunzen, welches meine Annahme jedoch bestätigte. Wie hatten sie ihn gefangen nehmen können? Einen der verfluchten Hauptmänner des Königs?
„Bevor ich dich hier raushole … wie sieht es mit deinem Durst aus, Tad?“
Erneut war die Antwort ein Grunzen, dieses Mal ein ungeduldiges. „Ich schätze, vor vier Tagen hatte ich die letzten Tropfen.“
Nun, das war verhältnismässig gut. So könnte ich, im Falle, dass er der Raserei verfiel, gegen ihn bestehen. „Gut. Ich suche dir jetzt etwas zu trinken … und die Schlüssel.“ Der zweite Teil war mehr gemurmelt, denn in Gedanken war ich längst bei der Suche nach diesem verdammten Schlüssel. „Hast du vielleicht eine Ahnung, wo er den versteckt hat?“ Verneinend schüttelte mein alter Freund den Kopf und gab ein schlecht gelauntes Murren ab. Ein Seufzen entrang sich meiner Kehle. „Gut. Ich bin so schnell wie möglich zurück. Halte durch.“
Hastig machte ich mich auf den Weg hinauf, raus aus diesem stickigen Kerker. Tadurial war ein paar Jahrhunderte älter als ich, dementsprechend wäre ich unter fairen Umständen nie in der Lage, ihn im Kampf zu schlagen. Bei den Göttern, wie war es diesem Geldriol gelungen, ihn einzusperren? Wer weiss, vielleicht, wenn Rjna nicht gewesen wäre, sässe ich jetzt neben ihm? Oder aber ich hätte ihn nicht gefunden. Ohne regelmässige Blutzufuhr wäre er demnächst gestorben!
Wütend wühlte ich mich durchs Haus, auf der Suche nach diesem verdammten Schlüssel. Aufbrechen konnte ich die Zelle von aussen genauso wenig wie Tad von innen. Aber mit einem Dietrich könnte ich das Schloss von aussen bearbeiten. Nach einer halben Stunde hielt ich skeptischen Blickes eine dünne Haarspange in der Hand.
Damit bewaffnet eilte ich wieder in den Kerker hinunter und machte mich ans Werk. Ab den knirschenden und klirrenden Geräuschen stöhnte Tad müde auf. Auch ich hätte mir am liebsten die Ohren zugehalten. Vampire hatten ein sehr sensibles Gehör, und das war situationsbedingt nicht immer erfreulich. Dann jedoch machte es endlich das langersehnte ‚Klick‘ und ich begab mich zu meinem alten Lehrmeister und Freund hinein. Dort wollte ich ihn eigentlich auf den Arm nehmen, musste aber feststellen, dass er eine Fussfessel trug. Wie einen Hund hatten sie ihn angeleint!
Auch diese öffnete ich nach einigen Versuchen erfolgreich. Tadurial trug ich hoch ins dritte Schlafzimmer, wo ich ihn ablegte. Wenn das so weiterging, führte ich hier bald ein ganz eigenes Lazarett, dachte ich mir kopfschüttelnd.
Die Reste seiner Kleidung waren zerfetzt und sein langes, schwarzes, einst gepflegtes Haar, lag jetzt ungepflegt, spröde und verfilzt auf dem Kissen. Zahlreiche Blessuren und Einstichstellen waren noch gut zu erkennen und kaum verheilt, aufgrund des mangelhaften Blutkonsums. Seine Körperspannung ging gegen null. Die, selbst für einen Vampir, unnatürliche Blässe seiner Haut schrie regelrecht nach einem langzeitigen Kerkeraufenthalt. Bei seinem Anblick schon sich mir unwillkürlich ein Bild von Rjna vor Augen, wie sie da nackt und vernachlässigt im Wald sass, kurz vor dem Zusammenbruch, die Haut blass wie seine. Aber daran wollte ich nicht denken! Ausserdem hatte sie nichts mit dem hier zu tun!
Wir wechselten einige Worte, dann liess ich Tadurial zurück. Ich warf noch einen Blick in das Zimmer meines Abkömmlings, welche aber immer noch tief und fest schlief, und machte mich dann auf die Suche nach verdammt viel Blut. Drei Spender sollten es schon sein, wenn diese danach noch leben sollten.
Mit vier willigen, jungen Menschen im Schlepptau kehrte ich in das ehemalige Haus des Dorfvorstehers zurück. Den Eingangsbereich beäugten sie erst geschockt, dann schlichen sich wissende Blicke auf die Gesichter. Dennoch stellte keiner Fragen und auch ich brauchte sie nicht nach der Bedeutung ihrer Gesichtsausdrücke zu fragen.
Die Machenschaften des Dorfvorstehers schienen allgemein bekannt gewesen zu sein, aber wahrscheinlich hatte sich bisher niemand getraut, das Wort gegen ihn zu erheben. Was wohl auch gut so war, in Anbetracht dessen, dass er es geschafft hatte, selbst Vampire gefangenzunehmen. Er hätte seine Macht missbraucht und aufrührende Fragen mundtot gemacht. Die richtige Vorgehensweise wäre in diesem Fall ein Gesuch beim König gewesen. Aber so weit von der Hauptstadt entfernt, in einem Dorf, das von seinen hart erarbeiteten Ernten lebte, konnte man nicht einfach einen Mann entsenden und auf lange Reise in die Königsstadt schicken. Um die Reise in annehmbarer Zeit zurückzulegen, wäre ein Pferd vonnöten gewesen, doch der Unterhalt von Tieren war teuer. Keiner hier hätte das nötige Gold, auch nur einen Ochsen, der ihm das Feld pflügte, zu kaufen und zu ernähren. Den toten Dorfvorsteher ausgenommen.
„Bleibt bitte ruhig. Er hat schon länger nichts mehr getrunken und könnte daher gereizt sein. Er ist aber ein sehr alter Vampir und weiss sich zu zügeln, in Ordnung?“
Vorsichtig nickten die vier und folgten mir die Treppe hoch. Als wir Tadurials Zimmer betraten, atmeten die vier Menschen, drei Männer und eine Frau, kollektiv, scharf ein – die geweiteten Augen auf Tad gerichtet. Die eingefallenen Wangen und tiefen Augenhöhlen warfen dunkle Schatten über sein Gesicht.
Ruhig deutete ich dem ersten, mir sein Handgelenk zu reichen. Das Mädchen hinter ihm spannte sich kaum merklich an – wohl ein heimliches Paar. Die vier waren noch jung und stark. Als ich die Runde durchs Dorf gemacht hatte, auf der Suche nach jemand Freiwilligem, schienen sie mir erst ein wenig verschlossen und fühlten sich wohl auch in ihrer wenigen freien Zeit gestört, doch als ich mein Anliegen vortrug, nickten sie vorbildlich und stimmten zu.
Der Junge streckte mir vertrauensvoll den Arm entgegen. Ich zog ihn zum Bett, deutete ihm, sich zu setzen, nahm sein Handgelenk zu meinem Mund und biss vorsichtig hinein. Der junge Mann stöhnte unterdrückt. Das Mädchen verspannte sich weiter, woraufhin ich in mich hinein schmunzeln musste. Menschen waren doch immer eifersüchtig, ganz egal, wie sehr sie schworen, sich zu lieben. Tendenziell musste ich ja zugeben, dass ich dem Jungen nicht abgeneigt gewesen wäre, aber eine Konkurrenz stellte ich für seine Geliebte wahrlich nicht dar.
In unserer Gesellschaft waren die Folgen von gleichgeschlechtlichen Beziehungen Inakzeptanz und Tod. Folglich bliebe dieses Geheimnis schön bei mir.
Früher, in meinem menschlichen Leben, hatte ich einen heimlichen Geliebten gehabt. Eine Heimlichtuerei zweier Jungen, die nicht die Finger voneinander lassen konnten. Dachte ich heute daran zurück, fragte ich mich, wie wir nur so leichtsinnig hatten sein können. Unsere Blicke, diese rein zufälligen Berührungen, früher oder später hatten sie jemandem auffallen müssen. Und so war es auch gekommen. Meine erste grosse Liebe war schuldig gesprochen worden, während der Name meiner Eltern mich damals vor dem Galgen bewahrt hatte.
So lange war das schon her … Ich schüttelte leicht den Kopf und mit ihm die trüben Erinnerungen hinfort.
Prüfend blickte ich zu dem jungen Mann, der aber relativ gefasst wirkte, abgesehen von einer gewissen Ausbeulung in seiner Hose, die er selbst aber noch nicht bemerkt zu haben schien. Dies war überdies kein Zeichen dafür, dass er mich attraktiv fand, sondern war allein dem Biss zu verschulden. Ein Biss konnte schmerzhaft sein, oder eben nicht. Die Folge von letzterem war ein gewisses Mass an Erregung.
Ich führte das blutende Handgelenk an Tadurials Mund, welchen ich mit der anderen Hand öffnete. Tad gab ein leises Brummen von sich, öffnete träge die Augen und schloss sie wieder. Es dauerte einen Moment, bis Tads Instinkte übernahmen und er zu saugen begann. Plötzlich schossen seine Hände hoch, klammerten sich am Arm des jungen Mannes fest und hielten sein Handgelenk genau da, wo es sein sollte. Wie zu erwarten, trank er grosse, gierige Schlucke. Und da das Blut am Hals nun mal um einiges freier floss, würde er in drei, zwei, eins; jetzt! – vom Handgelenk zur Halsarterie wechseln wollen.
Schnell packte ich den Jungen, genau in dem Moment, als Tad seine Fänge rausgezogen hatte, um sie neu zu setzen. Den Jungen brachte ich hinter mich und winke schnell das Mädchen heran, welches mit zögerlichen Schritten auf mich zukam.
„Schnell!“, murmelte ich gedrängt, wirkte nach aussen hin jedoch wie die Ruhe selbst. Ich hatte ihnen geschworen, dass sie alle leben würden, und daran würde ich mich auch gerne halten.
Das Mädchen reichte mir ihr Handgelenk, welches ich schleunigst dem wahnsinnig werdenden Vampir an den Mund drückte. Bis jetzt hatte ich ihn mit meiner Hand am Hals auf dem Bett festgehalten. Noch kam ich auch gegen ihn an, aber wie das bei den nächsten beiden aussehen würde? Ich konnte nur hoffen, Tadurial kam schnell wieder zu Sinnen.
Augenblicklich biss dieser in das Handgelenk des zarten Mädchens hinein, nahm sich in seiner Gier aber nicht die Zeit, den Biss schmerzlos zu setzen. Somit kam sogleich ihr Schrei hinterher, was den Jungen, der jetzt mit blutendem Handgelenk am Boden sass, verwirrt und mit Sorge in den Augen aufschauen liess.
Das Mädchen war etwas kleiner und zierlicher, würde also weniger Blut spenden können. Und da zeigten sie auch schon die ersten Anzeichen von Schwindel. Allerdings funktionierte das nun nicht wie beim letzten Mal, denn Tad liess nicht von ihr ab.
Ich winkte den nächsten Jungen heran, gross gebaut, muskulös, strotzend vor Energie. Hier biss ich ihm wieder ins Handgelenk, gönnte mir selbst einen kleinen Schluck, bevor ich sein blutendes Handgelenk vor die Nase des hungrigen Vampirs hielt und ihm das des Mädchens vorsichtig entwendete. So weit, so gut.
Tad liess das Mädchen gehen und griff sich die nächste Zufuhr. Langsam kam er wieder zu Kräften und sein Instinkt zog sich zurück. Erneut schlug er die Augen auf, dieses Mal wacher. Die tiefgrünen Augen starrten erst mich, dann die Beute und dann die abgelöste Beute an. Nach ein paar weiteren Schlucken schien er so weit wieder da, dass er sich vorsichtig, von selbst von dem Handgelenk des Jungen loslöste und diesem ein dankendes Nicken zukommen liess. Auch den anderen drei warf er einen dankbaren Blick zu, bevor er zurück in die Laken sank und im selben Atemzug auch schon wieder schlief.
Als ich mich zu den Menschen umdrehte, sah ich sparsame, aber auch erleichterte Gesichter. „Kommt. Wir gehen das jetzt verbinden und dann schauen wir, was dieser Gledriol in der Speisekammer hat.“ Einstimmig, wenn auch etwas zögerlich, nickten die Menschen und folgten mir hinaus aus dem Raum. Unten in der Küche fand sich Verbandsmaterial, mit dem ich die drei versorgte, während sich der Vierte im Bunde an den Vorräten zu schaffen machte, die sonst sowieso nur verfaulen würden.
Als alle fertig verbunden waren, kam der vierte Junge zu mir und streckte mir wortlos sein Handgelenk entgegen. Ich fühlte mich fast, als wäre ich im Bluthaus in der Stadt des Königs.
Zwar kam mir das Verhalten etwas zu entgegenkommend vor, jedoch lehnte ich nicht ab. Auch ich brauchte Blut, um mich zu stärken, und der Schluck von vorher ging längst nicht als ganze Mahlzeit durch. Also warf ich ihm einen dankenden Blick zu, biss vorsichtig in sein Handgelenk und nahm mir ein paar Schlucke. Dann liess ich achtsam wieder davon ab, bedanke mich und verarztete auch seine Wunde.
Alle drei Jungs hatten dasselbe Problem. Ihnen allen entkam bei meinem Biss ein stöhnender Laut, und sie alle standen da, mit einer Erektion in der Hose. Dem Mädchen schien das sichtlich nicht geheuer.
Nach einem kurzen Austausch, in dem mir klar wurde, wie wenig die Dorfbewohner eigentlich von ihrem Dorfvorsteher hielten – oder viel mehr gehalten hatten –, liess ich die Menschen in der Küche allein, mit der Anweisung alles zu essen oder mitzunehmen, was sie finden konnten, und sei es Gold. Verdient hatten sie es sich.





































Kommentare