Kapitel 18 – Das Gefühl der Freiheit und die Plage des Erinnerns
Kapitel 18 – Das Gefühl der Freiheit und die Plage des Erinnerns
Rjna
Am ganzen Leib zitternd und völlig verschwitzt wachte ich auf. Ich fühlte mich getrieben, gestresst, müde und ausgelaugt. Und doch war da ein Geschmack von frischen Beeren auf meiner Zunge, der mich gleich nach dem Aufwachen mit meiner Zunge über die Lippen fahren liess, mir ein wohliges Stöhnen entlockte und den leisen Wunsch nach mehr in mir entfachte. Die Sonne linste durch die zugezogenen Vorhänge und zwang mich zu Blinzeln. Ein schöner Tag. Sonne. Wind. Regen. Sogar Gewitter wäre mir recht. Die Abwechslung, die einem das Wetter bot, hatte ich die letzten Jahre sehnsüchtig gemisst.
Vorsichtig richtete ich mich auf und wurde sogleich von überwältigenden Muskelschmerzen zum Stöhnen gebracht. Was hatte ich gestern getrieben? Ich mochte mich nur an ein Gespräch mit Meister Xelus erinnern, in dem ich sämtliche Antworten nach Strich und Faden umgangen war und an einen irgendwie süssen Jungen, unten im Eingangsbereich. Aber er hatte kränklich ausgesehen. Meister Xelus hatte mich aber sofort wieder hochgeschickt. Daraufhin musste ich wohl wieder eingeschlafen sein.
Wundern tat’s mich ja nicht. Die letzten Tage war alles drunter und drüber gegangen. Ausserdem waren die vergangenen Nächte nicht wirklich erholsam gewesen, insbesondere die Letzte. Und bevor ich jetzt darüber nachdachte – denn mein Unterbewusstsein war schon mit Leib und Seele dabei, die Erinnerungen wieder hochzuholen und mir vor mein inneres Auge zu projizieren – stand ich schnell vom Bett auf, wandte mich der Balkontür zu und öffnete diese. Einen kurzen Moment blieb stehen – mein Griff um die Klinke der Balkontür festigte sich, als mir schwarz vor Augen wurde.
Einmal noch dreht sich alles, ehe die Konturen sich wieder verschärften. Beinahe überraschte es mich, dass Meister Xelus nicht schon hinter mir stand und mich festhielt oder umarmte, aber es war wohl besser so. Ich sollte nicht anfangen, mich auf ihn oder sonst wen zu verlassen. Vertrauen war ein seltenes Gut, so hatte ich einst der Stimme eines alten Händlers vernommen. In meinem Fall aber war Vertrauen ein Gut, welches sich nur die Sorgenfreien zu leisten vermochten. Die Ahnungslosen, die Leichtgläubigen. Nichts davon traf mehr auf mich zu. Diese Zeit lag schon so weit in der Vergangenheit, dass ich mich noch nicht einmal mehr daran erinnern konnte.
Mit beiden Händen auf dem Balkongeländer abgestützt, genoss ich den frischen Wind, der meine vom Schlaf verunstalteten Haare, noch etwas mehr durcheinander brachte, mein Gesicht lieblich umarmte und meine Haut mit einer angenehmen Gänsehaut überzog. Ich genoss die Sonnenstrahlen, welche mir sanft, wie eine Liebkosung, die Haut erwärmten, mich mit ihren Strahlen kitzelten und mir ein willkommenes Gefühl vermittelten. Ich genoss den frischen Duft von Gras, Büschen, Bäumen und leichtem Regen, der in der Nacht gefallen sein musste und seinen reinigenden, belebenden Geruch für mich hinterlassen hatte.
Das alles hatte ich so lange schon nicht mehr getan. Denn frische Luft schnappen zu können, die Sonnenstrahlen auf seiner Haut spüren zu können, das waren Luxusgüter, die nur kannte, wer frei war. Verträumt starrte ich zur Sonne hinauf. Man sollte meinen, es schmerzte die Augen, und tat es vielleicht auch ein wenig, aber noch viel schöner war das Gefühl, endlich wieder die Sonne sehen zu können!
Ich hatte begonnen ein Lied zu summen. Eines, das ich kannte, seit ich denken konnte. Doch während die Melodie so eingängig war, dass ich sie selbst in Jahrzehnten noch wüsste, war mir der Text nur noch zu Teilen präsent. Und so ersetzte ich die Worte, die ich nicht mehr kannte, einfach durch eigene.
„Der Wind er lauscht auf deinen Befehl,
die Sonne sie strahlt rein ganz ohne Hehl,
das Feuer will dir zu eigen sein,
der Himmel erstrahlt wie zu keiner Zeit.
Und wirst du dann mächtig und wirst du erhabn,
So werdn dich der Helle, der Dunkle auch plagn,
doch bleibst du bescheiden den Herrn ganz treu,
so wird die die Macht nicht verwehrt von neum.“
Eine ganze Weile summte ich so vor mich hin, starrte in den Himmel hinauf und beobachtete, wie die Vögel friedlich ihre Kreise zogen, den strahlend blauen Himmel durchquerten und ihn zu ihrer Leinwand machten. Sie waren der Inbegriff von Freiheit. Sicher spürten sie ihre grenzenlosen Möglichkeiten in den Winden unter ihren Flügeln.
Ich war so tief in meine Gedanken abgetaucht, dass ich erst mitbekam, dass mir jemand zuhörte, als es plötzlich dunkel vor meinen Augen wurde und sich eine Hand zwischen mein Gesicht und die Sonne schob.
„Das heisst den Herrn ganz treu, nicht dem Herrn“, berichtigte die Stimme meines Vampirmeisters hinter mir schmunzelnd. „Möchtest du erblinden, oder was sollte das werden?“, raunte er mir dann ganz nah ins Ohr. So nah, dass es mich unweigerlich an Vaters Atem erinnerte, wenn er mir bei seinen Bestrafungen etwas zuflüsterte wie: Wieso lebst du noch? Oder: So etwas wie du hätte nie geboren werden sollen!
Die Worte meines Vampirmeisters waren nur gut gemeint, da war ich mir sicher, aber die aufkommenden Erinnerungen konnte ich nicht unterdrücken. Meine Hände klammerten sich augenblicklich fester um das Geländer. So fest, dass meine Knöchel rein weis wurden und keine Spur Hautfarbe mehr zu sehen war. Mein ganzer Körper wurde steif und bewegungsunfähig. Mein Blick ging leer geradeaus, ohne dass ich noc etwas wahrgenommen hätte. Die Vögel am blauen Himmel verschwammen zu undeutlichen Schemen.
Einige Tage war es her, seitdem Vater mich und Fredi bestraft hatte. Mich, für meinen Ungehorsam länger geschlafen zu haben, Fredi, für ihre Dreistigkeit, ihm in meine Disziplinarmassnahme reinzureden. Sie hatte mich beschützen wollen. Nach wenigen Schlägen hatte sie Einspruch gegen meine Züchtigung erhoben und musste zur Strafe, die Meine teilen.
Zusammen knieten wir an der Wand und zitterten am ganzen Leib. Sie, weil sie es nicht kannte und die Angst vor Vater ihren kleinen Körper übernahm – ich, weil ich meine kleine, dreijährige Schwester nicht einer solchen Straffe zugeführt wissen wollte.
Doch unweigerlich kam sie und übermannte unsere Schmerztoleranz.
An diesem Abend lagen wir beide zusammengebrochen am Boden in unserem kleinen Wohnraum. Unsere Rücken vor Blut verschmiert, unsere Haut mit einer Schicht Gänsehaut überzogen. Es war kalt, wir frohen. Doch traute sich keiner von uns, sich zu bewegen. Unsere geschundenen Körper vermittelten nun nicht mehr den akuten Schmerz, sondern nur noch ein straffendes Pochen, welches wir tunlichst akzeptierten.
Am Morgen riss ich mich zusammen und bevor Vater aufwachte, versorgte ich Fredi so gut wie möglich. In dieser Nacht war unser geschwisterliches Band unzerstörbar geworden.
So dachten wir damals zumindest.
In den letzten Tagen hatten die Wunden zu heilen begonnen, unser Gang wurde wieder natürlicher und war nicht mehr nur von Schonhaltungen geprägt. Doch diese paar Tage waren auch alles, was uns vergönnt war, an Regeneration.
Ohne ersichtlichen Grund kam Vater diesen Abend früher nach Hause. Er torkelte und ihm schien schwindelig. Vor allem aber wirkte er wütend. Er trug die Aggression offen zur Schau und Mutter flüchtete sich schnellstens ins Schlafzimmer. Fredi hatte sie dabei auf dem Arm und brachte damit auch sie in Sicherheit.
Ich war an diesem Abend zu langsam. Völlig erstaunt ab des agressiven Wesenszugs Vaters, sah ich im Moment der Entscheidung die Gefahr nicht kommen und stand noch zum Küchentisch gerichtet, als sich von hinten eine Hand um meinen Hals legte und mich in die alt verhasste Ecke schleuderte. Röchelnd versuchte ich noch meine Lungen wieder zu füllen, als sich Vater schon vor mir aufbaute. Es gab keinen Grund, keine Tat, keine Missetat, die ich begangen hatte, doch schon löste er den Gürtel um seine Hüfte und fing an, unerbittlich auf mich einzuschlagen. Davor riss er mir, mit allen Künsten der Gewalt, mein Kleid vom Leib, sodass ich wieder einmal unbekleidet vor ihm lag. Ich schaffte es nicht, mich aufzurichten, mich hinzuknien und die Schläge – wie Vater es stets erwartete – würdevoll entgegenzunehmen. Ich konnte mich nur zusammenkauern und beten.
Nach dem ersten Schlag hörte ich Mutter im Türrahmen aufkeuchen, denn so hatte Vater noch nie geschlagen. Er holte weit aus und liess den Gürtel auf meinen gekrümmten Rücken nieder preschen. Die Luft sirrte, als der Gürtel sie durchschnitt und trug das Geräusch warnend an mich heran. Fast hätte ich geglaubt, die Welt wolle mich verhöhnen. Vielleicht tat sie das auch.
Ich wimmerte auf, setzte zu einem Versuch an, das Missverständnis zu klären. Es musste ein Missverständnis geben! „Vater! Ich habe nich…“ Durch das aufkommende Leder seines Gürtels auf meiner Haut, wurde mein Versuch im Keim erstickt. Ich hatte nichts getan!
„Du willst mich belehren?“ Er brüllte und versuchte noch nicht einmal leise zu sein, wie er es sonst immer zu tun pflegte. Langsam nickte ich. Doch diese Antwort gefiel ihm nicht. Das hätte ich vorher wissen sollen. Doch, man sollte nicht lügen. Man sollte auch seine Eltern respektieren, doch das Gesetz der Lügen hatte für mich immer über dem der Eltern gestanden. Mit grobem Griff packte er mich an der Hüfte, zog mich nach hinten und drückte meinen Oberkörper zum Boden hinunter. Dann hörte ich ein Rascheln, woraufhin ich dann reflexartig den Blick zu ihm schweifen liess. Seine Hose war weg.
Mein Blick fiel auch auf den mittlerweile leeren Türrahmen. Mutter musste Fredi weiter ins Schlafzimmer gebracht haben, damit sie das hier nicht sah. Gut so.
Mit schwieligen Händen drückte Vater meinen Oberkörper wieder zu Boden, der sich beim Umsehen im Raum ansatzweise angehoben hatte, griff mit beiden Händen nach meiner Hüfte, zog sie hoch und … dann schrie ich.
Ich sah keine Möglichkeit mehr, es nicht zu tun. Es war so schmerzhaft! Er drückte etwas immer und immer wieder in mich hinein und hinaus, nur um es dann wieder zu wiederholen und es fühlte sich an, wie tausend Schläge zugleich. Die Tränen traten mir in die Augen, meine Stimmbänder gaben bei jedem Eindringen einen kehligen, schmerzverzerrten Laut von sich. Dann, irgendwann, als ich längst nicht mehr sagen konnte, wie lange das schon ging, hörte es auf.
Vater gab ein erleichtertes Seufzen von sich und ich wurde wieder leer. Nach diesem Schmerz fühlte sich diese Leere fast schon falsch an. Was war passiert? Hat er mir etwas genommen? Wieso fühlte es sich jetzt so an? Wieso empfand ich so? Was hatte er gemacht? Dennoch war ich über alle Massen froh darüber, dass es nun endlich zu Ende war.
Wie ich mich doch getäuscht hatte.
„Hat dir das gefallen, du Missgeburt?“, raunte die Stimme Vaters in mein Ohr, bevor er sich umwandte.
„Frederike!“, rief Vater. Den Geräuschen nach zu urteilen, zog er sich seine Hose wieder über. Fredi erschien im Türrahmen und schaute schockiert zu mir hin. Ich lag zusammengebrochen auf dem Boden. Irgendetwas Nasses lief mir am Gesäss hinunter. Vermutlich Blut.
„Vater?“, fragte Fredi.
„Ausziehen und neben deine Schwester.“
„Nein!“ Der Schrei glitt über meine Lippen, noch ehe ich überlegen konnte, was ich da tat. Ich war aufgesprungen und ging auf Vater los. Meine Beine zitterten unter mir und liessen mich taumeln. Vater war viel grösser als ich, reichte ich ihm doch gerade einmal bis zur Sculter! Ich hatte keine Chance.
„Jetzt bekommt deine Schwester doppelt so viele Schläge wie du und du wirst im Anschluss wieder so gezüchtigt wie eben! Sie wird genau zusehen und lernen! Sie wird lernen, Respekt ihrem Vater gegenüber zu empfinden, nicht so wie ihre wertlose Schwester!“, spuckte Vater und warf mich mit einer Bewegung seines Arms in die Ecke, in der ich für einen Moment das Bewusstsein verlor.
Zu ihren Schreien wachte ich wieder auf. Ich nahm wahr, wie sie in die andere Ecke des Raums geschleift wurde und Vater mich erneut vor sich positionierte. Seine schwieligen Finger an meiner Hüfte. Die Wärme seines Körpers an meinem.
Das Brennen begann von Neuem. Das eindringliche Keuchen Vaters drang an meine Ohren. Es hörte nicht mehr auf. Es dauerte an. Immer noch. Meine Welt bestand nur noch aus Schmerz und Pein. Und irgendwann, da zog mich die Dunkelheit in ihre liebliche Umarmung, liess mich vergessen, zumindest für einige Stunden.
Das Balkongeländer unter meinen Fingern fühlte sich an wie das raue Holz des Fussbodens unserer Hütte. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Nach dieser Nacht hatte ich zwei gebrochene Rippen und einen gebrochenen Arm gehabt.
Keuchend liess ich los, wandte mich um und lief direkt in meinen Meister hinein. Schnell duckte ich mich unter seinem Arm hindurch und rannte ins Badezimmer, die Sicht verschwommen. Die Tür fiel krachend ins Schloss, ehe ich mich an ihr zu Boden gleiten liess und bitterlich zu weinen begann. Schluchzend drückte ich meinen Kopf in meine Arme und fand mich für kurze Zeit wieder in meiner ganz persönlichen Dunkelheit. Aber diese konnte ich kontrollieren. Diese war meine eigene Entscheidung, meine eigene Wahl.
Der Schmerz aber wurde nicht weniger und wühlte nur immer mehr Erinnerungen auf, bis sich mein Körper schliesslich verselbstständigte, ich den Kopf in den Nacken warf und mir die Seele aus dem Leib schrie.





























































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