Kapitel 19 – Eine tragische Geschichte

Kapitel 19 – Eine tragische Geschichte

 

Xelus

Verwirrt starrte ich auf das metallene Balkongeländer. Rjna war an mir vorbeigestürmt, unter meinem Arm hindurch und ins Zimmer hinein. Ich wollte ihr folgen, das gewiss, doch etwas anderes hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Fingerabdrücke hatten sich im Metall des Balkongeländers eingebrannt, klar und deutlich. Als ich aber selbst meine Hand auf das kühle Metall legte und zudrückte … geschah nichts. Eine kleine Delle bildete sich dort ab, wo mein Daumen soeben noch gelegen hatte. Kein Vergleich zu Rjnas Abdrücken gleich daneben.

Irritiert und mit gerunzelter Stirn kehrte ich dem Balkon den Rücken zu. Ein markerschütternder Schrei hallte durch das grosse Haus und liess mich erstarren. Welch unsäglicher Schmerz musste sie quälen? Welche Dämonen suchten sie heim? Ich gab ihr einen Moment, hoffte, dass sie gleich wieder herauskommen würde. Doch die Tür blieb zu und das Schluchzen dahinter steigerte sich nur immer mehr.

„Rjna?“ Vorsichtig klopfte ich an die Badezimmertür, hinter der sich mein Schützling verbarrikadiert hatte. „Rjna bitte mach auf.“

Wimmern und Schluchzen drang durch das dünne Holz und machte mich ganz wahnsinnig. Ich wollte ihr helfen! Ich musste ihr helfen, aber sie liess mich nicht!

„Rjna, entweder du kommst da jetzt freiwillig raus, oder ich breche die Tür auf“, drohte ich leise, wenngleich ich es ja doch nicht tun würde. Sie sass genau hinter der Tür, lehnte sich vermutlich sogar daran an. „Kleine, bitte“, versuchte ich es nach einem Moment noch einmal. Doch es kam keine Antwort, ganz gleich, was ich versuchte. Ganz gleich, was ich sagte. Was war nur passiert? Was hatte ich falsch gemacht, sodass sie vom Balkon gestürmt war, sich im Badezimmer eingeschlossen und dann aus voller Kehle geschrien hatte?

Ich sank an der Tür hinab und seufzte leise auf. „Ich möchte dich nicht drängen. Ich wollte dich nicht in eine unangenehme Situation bringen, Rjna. Bitte … verzeih.“

Nach einer Weile erhob ich mich tief seufzend und wandte mich in Richtung Zimmertür. Noch einmal drehte ich mich um und murmelte: „Weisst du, du kannst mir wirklich alles sagen. Ich werde dich nie für irgendetwas aus deiner Vergangenheit verurteilen und dir immer meine Hilfe anbieten, wo du sie nur akzeptierst.“



Traurig verliess ich das Zimmer, nur um dann etwas planlos im Gang zu stehen. In guten drei Stunden dürften die meisten hier im Dorf in der Taverne beim Feierabendbier sitzen. Da würde ich noch versuchen, an Informationen zu kommen. Aber morgen in der Früh, da wollte ich weiterreisen. Der Aufenthalt hier war gar nicht geplant gewesen. Eigentlich hatte ich nur etwas zu Trinken besorgen und gleich im Anschluss weiterreiten wollen. Und jetzt war hier so vieles passiert.

Noch immer mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust, entschied ich mich schliesslich, Tadurials Zimmer zu betreten, wo ich mich leise auf die Bettkante setzte und in das ausgemergelte Gesicht blickte. Zwar war er einer meiner Lehrmeister gewesen und würde es stückweit auch immer bleiben, doch waren wir in meiner Jungvampirzeit auch gute Freunde geworden. Die letzten Jahrhunderte hatten wir beide jedoch viel Zeit unserer Zeit in Aufträge des Königs gesteckt, waren unterwegs gewesen und uns nur noch selten über den Weg gelaufen.

„Xelus“, sprach die schwache, raue Stimme Tadurials.

Überrascht fokussierte ich meinen Blick. Der grünäugige Vampir hatte die Augen geöffnet, dir Stirn in trübe Falten gelegt und den Mund leicht geöffnet. Ausserdem versuchte er sich aufzusetzen, was ich schnellstens unterband. „Tad, ruh dich aus.“ Meine Hand lag streng auf seiner Brust und drückte ihn wieder nach unten. „Du darfst dich noch nicht anstrengen.“

Ein müdes Knurren verkündete seinen Unwillen. Schliesslich liess er sich von mir aber wieder zurück in die Kissen drücken. Etwas anderes wäre ihm auch nicht übriggeblieben. „Wer war das?“

„Wer?“

„Wer hat da geschrien?“, hakte er nach.

„Oh …“ Traurig senkte ich meinen Kopf und blickte grübelnd auf meine Hände.

„Sieh mir in die Augen, Xelus! Das da habe ich dich nicht gelehrt“, bemängelte er kritisch und deutete dabei auf meine gebückte Haltung. Das war wohl etwas, was immer bleiben würde. In den Augen seiner Lehrmeister blieb man irgendwie doch immer der Schüler, selbst wenn die Lektionen schon 1800 Jahre in der Vergangenheit lagen.

„Da hast du recht, alter Freund“, sprach ich, konnte mich aber dennoch nicht dazu durchringen, meine Haltung aufzubessern.



„Was ist los, Xel?“

Bedrückt und mit schwerem Ausatmen gestand ich schliesslich: „Sie ist mein neuer Schützling. Ich…“ Weiter kam ich nicht, denn seine Augenbrauen schnellten in die Höhe.

„Du hast einen neuen Schützling? Wie kam es dazu? Und dann auch noch weiblich? Hat sich dein innerer männlicher Vampir etwa endlich gebunden? Wieso schreit sie, als ob jemand gestorben wäre? Hast du …“, er stockte, „Hast du sie etwa unfreiwillig gewandelt?“ In einem Schwall kamen die Worte aus ihm heraus, wobei sein letzter Satz vor Missgunst und Unglaube nur so triefte. Und seine Fragen waren berechtigt. Normalerweise verwandelten wir Frauen, ausser sie hatten unser Herz für sich gewonnen – denn ansonsten gab das ewige Leben für eine Frau wenig Sinn. Männliche Vampire lernten zu kämpfen und dienten dem König in der Armee oder anderweitig in seinen Truppen. Doch für eine Frau kam ein solches Leben nicht infrage. Entschied sich ein Vampir, einen Menschen zu verwandeln, brauchte er ihn nicht erst zu fragen. Das war die alleinige Entscheidung des Vampirs, denn er war der Stärkere. Doch bei Frauen wurde gefragt. Ob sie dieses Leben wollten. Unter anderem auch, da nicht jedes weibliche Gemüt mit dem Konsum von Blut klarkam. Ein Problem, welches sich auch bei meinem Schützling zeigte.

„Ich…“ Gerade wollte ich zu einer Erklärung ansetzen, wurde jedoch bereits wieder unterbrochen.

„Sag mir bitte nicht, dass du sie unfreiwillig verwandelt hast, das wäre nämlich …“

Dieses Mal war ich es, der ihn unterbrach: „Nein, habe ich nicht!“, stellte ich harsch klar. „Ich war es noch nicht einmal, der sie verwandelt hat, das hätte ich ihr nicht angetan, denn es war … ist ganz offensichtlich nicht das, was sie will!“

Kurzzeitig herrschte Stille. Aber nicht lange. „Aber, wie? Wer dann? Wieso nennst du sie dann deinen Schützling?“

Seufzend schüttelte ich den Kopf. „Ich weiss es nicht. Ich habe sie schätzungsweise einen Tag, nachdem sie aus dem Wandlungsprozess aufgewacht ist, gefunden. Sie lief verwirrt im Wald umher. Kaum habe ich sie entdeckt, hat das letzte Bisschen Kraft ihren Körper verlassen.“ Nachdenklich fasste ich mir an mein Kinn. „Ihr Unterbewusstsein hat sie wohl so lange wie nötig wachgehalten, bis sie in einigermassen sichere Umstände kam.“



Tadurial sah mich abwartend an, was mir wiederum ein Schnauben entlockte.

„Ich konnte sie nicht einfach da liegen lassen! Und mein innerer Vampir hat sie augenblicklich als seinen Abkömmling beansprucht“, fügte ich etwas leiser hinzu. „Also habe ich sie mitgenommen, ihr Blut besorgt und sie aufgeklärt. Danach hat sie sich dazu bereiterklärt, mit mir zu kommen.“ So weit zumindest die Kurzfassung.

Mein ehemaliger Lehrmeister starrte mich gleichermassen entsetzt wie sprachlos an.

„Nun erzähl mir“, wechselte ich das Thema, „wie bist du hier gelandet?“ Kein guter Themenwechsel, offensichtlich, denn Tads Gesicht verfinsterte sich im Nu.

„Das ist keine schöne Geschichte“, wehrte er stumpf ab, doch er wusste genauso gut wie ich, dass er es mir, oder spätestens dem König, erklären müsste. Gerade, wenn man hinter dieses Netzwerk von Schwarzmarkt kommen wollte.

„Sie wollten auch uns gefangennehmen, respektive, mich. Meinen Schützling…“ Am liebsten hätte ich laut los geschrien und das ganze Dorf in Schutt und Asche gelegt. Aber es hatte keinen Zweck. Denn sie schienen unschuldig. „Wollten sie verkaufen und …“ Meine Stimme klang gepresst. Die Wut sammelte sich in meinem Bauch und liess mich kein weiteres Wort sprechen.

Verstehend nickte Tadurial. Auch ihm war klar, was unanständige Männer mit jungen Mädchen zu tun gedachten. „Wie hast du euch verteidigt bekommen?“, fragte er, den Kopf schiefgelegt.

Bevor ich ihm das aber erzählte, wollte ich, dass er sie kennenlernte. Ansonsten wäre die Wahrscheinlichkeit, dass er sie, selbst als Frau, als gefährlich einstufte, zu hoch. Daher erwiderte ich scherzhaft: „Wie hast du dich nicht verteidigt bekommen?“

Das brachte mir einen extra finsteren Blick ein, aber daran war ich gewöhnt. Solche hatte ich auch schon früher, nach dem ich den einen oder anderen Mist gebaut hatte, häufig zugeworfen bekommen. Dagegen wurde man irgendwann resistent. Nach kurzem Seufzen setzte er aber zu einer Antwort an: „Ich war auf der Durchreise. Ich hatte einen Auftrag des Königs und sollte dafür in ein Dorf in Mornem reisen, welches nahe der genralischen Grenze lag. Damals befanden wir uns im Kalten Krieg …“

Die unausgesprochene Frage verstehend, antwortete ich: „Nein. Der Kalte Krieg ist vorbei, einen wirklichen Kampf hat es nie gegeben. Wir leben momentan mit einem sehr brüchigen ‚Nicht-Angriffs-Pakt‘ auf den aber keine Seite wirklich etwas geben kann, da zwischen den Ländern nur Misstrauen herrscht. Die Existenz von Vampiren, die Mornem’s König dem Volk noch immer verschweigt, macht diplomatische Verhandlungen beinahe unmöglich.“ Mit einem Seufzen schloss ich und fülle damit seine Wissenslücken der letzten … ja wie viel eigentlich? „Wie lange warst du hier?“



„Ich weiss nicht. Es ist nicht so, dass ich ein Fenster gehabt hätte. Zur Zeit des Auftrags war ich 2489 Vampirjahre alt. Du müsstest da 2180 auf dem Buckel gehabt haben, wenn ich richtig liege.“ Einen Moment herrschte Stille, dann gestand ich schliesslich betreten und mit scharfem Einatmen: „Du warst neun Jahre hier drin, Tadurial. Oder fast zehn, denn du hast in fünf Tagen Geburtstag, wenn ich mich recht entsinne.“

Nun war es an Tad, scharf einzuatmen; die Augen hatte er vor Schock geweitet. Nach einer weiteren Minute, die er brauchte, um diese neuen Informationen zu verarbeiten, sprach er: „Nun, dann lade ich dich hiermit herzlich ein, in fünf Tagen meinen 2500 Vampirgeburtstag mit mir zu feiern. Na, was sagst du?“ Abwartend und mit aufgesetztem Lächeln blickte er mich an. Die Anspannung konnte er vor mir aber nicht verbergen. „Oh und deinen kleinen Schützling natürlich auch“, fügte er noch hinzu, als wäre es ihm kurz entfallen. „Aurelius natürlich auch, sollte er nicht anderweitig beschäftigt sein.“ Die Anspannung in seinem Blick lag nicht in der Unsicherheit, ob ich mit ihm feiern würde oder nicht. Sie war das Ergebnis der letzten zehn Jahre Gefangenschaft, Folter und Einsamkeit. Und der damit einhergehenden Unsicherheit, wo er jetzt im Leben stand. „Weisst du, es kam mir nicht vor wie zehn Jahre“, gestand er schliesslich kleinlaut. Verstehend nickte ich und nahm ihn wortlos in den Arm. Keiner von uns beiden würde jemals ein Wort über diese Umarmung verlieren. Weder über die Umarmung noch über die Tränen, die ihm nun die Wangen nässten.

Nach einer oder vielleicht auch zehn weiteren Minuten in dieser Umarmung löste er sich und wischte sich die Wangen ab. Wir beide schauten uns einen Moment fürsorglich in die Augen, bevor wir wieder die Männer wurden, die wir waren und unser Gesicht keine Regung mehr zeigte.

Ich sollte ihn heute nicht weiter zu den Geschehnissen ausfragen. Aber die Neugierde sah man mir wohl an, denn er grunzte leise. „Ist ja gut. Ich mache schon weiter.“ Bedächtig und ohne ihn zu drängen, nickte ich. „Nun denn. Bis nach Mornem habe ich es geschafft. Ich habe den Auftrag ausgeführt, wurde dabei aber verletzt. Mit den Informationen gelangte ich schliesslich über die Grenze und fand mich in diesem Dorf wieder. Ich hatte drei Tage nichts getrunken und die Verletzungen zerrten an meinen Kräften.“ Verstehend nickte ich und gab ihm das Zeichen, fortzufahren. „Ich kehrte hier also ein, mein Gold war mir aber abhandengekommen und dieser Gauner bestand auf eine Entölung.“ Erschöpft liess er den Kopf hängen und schüttelte ihn dabei leicht. „Ich hätte ihn einfach gleich töten sollen, aber meine Verletzungen … nun, ich konnte kaum mehr stehen. Und so war es ihm und seinem Kind ein leichtes, mich zu überwältigen. Er liess wirklich seinen kleinen Jungen von hinten antanzen und mich abstechen.“ Nun schaute er mir in die Augen und schien dabei erst ihre Farbe zu erkennen. „Bei den Göttern, deine Augen!“



Bedrückt lächelte ich. Das war nach dieser Geschichte wohl die angenehmere Variante als eine erdrückende Stille. „Vielen Dank. Es ist zwar schon fast vier Jahrhunderte her, aber wir haben uns wahrlich lange nicht mehr gesehen“, bemerkte ich mit einem Nicken, in welches er auch sogleich einstieg.

„Wohl wahr.“

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