Kapitel 20 – Schlummernde Mächte
Kapitel 20 – Schlummernde Mächte
Rjna
Ich war wieder allein. Tief atmete ich aus und wieder ein. Auch wenn es kein zwingendes Bedürfnis mehr war, so trug es doch dazu bei, dass ich mich beruhigte.
Meister Xelus war, wer weiss wohin gegangen und ich sass seit Stunden in diesem grauenvollen Badezimmer. Selbst meine Tränen liessen mich im Stich, denn auch sie hatten mittlerweile den Dienst versagt und verweigerten mir ihre Gesellschaft.
Erschöpft raffte ich mich irgendwann auf, richtete grob mein Haar vor einem Spiegelbild, so unglaublich klar, wie ich es noch nie gesehen hatte, und öffnete die Tür. Zu Hause hatte ich mein Spiegelbild immer nur in der spiegelnden Wasseroberfläche eines Eimers oder im Fluss begutachten können. Doch da war es stets leicht verschwommen und verzerrt gewesen. Hier allerdings spiegelte die Fläche genau das wider, was vor ihr lag, und zwar genau so, wie es auch vor ihr lag.
Im Zimmer erwartete mich gähnende Leere und Dunkelheit. Es musste inzwischen Nacht oder später Abend geworden sein. Wie viele Stunden ich da wohl gesessen war? Ins Bett wollte ich nicht noch einmal zurück, denn mit den Träumen kamen die Erinnerungen. Mit den Erinnerungen kam der Verlust. Mit dem Verlust … kam der Schmerz. Es war schon schwer genug, meinen Geist im Wachzustand vor den Geistern meiner Vergangenheit zu schützen. Auf den Balkon wollte ich aber auch nur ungern. Auch da war die Gefahr der Erinnerungen zu gross. Zeitgleich … gab es da aber auch frische Luft.
Mit leisen tapsenden Schritten bewegte ich mich ganz langsam auf den Balkon zu, fast so, als könnte er mir gefährlich werden. Vorsichtig öffnete ich die Tür nach draussen und trat den ersten Schritt hinaus. Der Mond stand hell und kalt am Himmelszelt und strahlte, als strahle er einzig für mich.
Ein vorsichtiges Lächeln zog sich behutsam über die Winkel meines Mundes und mein Herz fühlte sich voller als je zuvor. Beinahe platzte das Gefühl der Ruhe in mir, so sehr erfüllte mich der Mond damit. Leise seufzend legte ich meine Hände auf das Geländer und streckte meinen Kopf genussvoll dem hell erleuchteten Himmelskörper entgegen. So wie die Sonne mich wärmte und stärkte, so beruhigte und erdete mich der Mond.
Verwirrt blickte ich zu meinen Händen hinunter, als ich dort plötzlich eine Unebenheit zu spüren glaubte. Trotz des nur geringen Mondlichts konnte ich Fingerabdrücke auf dem Metall erkennen, welche ich jetzt auch bewusst mit den Händen erspürte. Einen Moment blieben meine Augen im schwachen Mondschein an diesen Verformungen haften.
Schulterzuckend wandte ich mich dann aber um, ging zurück ins Zimmer und weiter, auf den Flur hinaus. Ob Meister Xelus wohl wütend würde, verliesse ich das Zimmer? Immerhin hatte er mich zuletzt, als ich ihn mit dem Jungen drunten sah, ausdrücklich angewiesen, zurück ins Zimmer zu gehen. Ob das noch immer zählte?
Doch nun schien er nicht hier zu sein und so konnte er seine Anweisung schlecht zurücknehmen. Die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, beschloss ich, die Treppe hinabzugehen und mich dort erst einmal umzusehen. Vielleicht war Meister Xelus ja dort und ich könnte ihn fragen, wie es fortan weiterging. Mit mir. Was er mit mir wollte, wohin er mich bringen würde, und vielleicht hatte er auch schon eine Idee, welcher Arbeit ich dort nachgehen konnte. Wirklich gelernt hatte ich zwar nichts, denn eine Lehre zu besuchen war eine Obliegenheit der Männer gewesen, aber sicher konnte ich irgendwo mithelfen. In einem Haushalt etwa.
Plötzlich kam mir ein erschreckender Gedanke. Was, wenn er mich verheiraten wollte? So, wie Vater es vorgehabt hatte? Würde ich wie Mutter enden? Geschlagen und bestraft, weil ich nur Mädchen gebar? Würde ich, wie sie, immer wieder guter Hoffnung werden, nur um dann fast jedes meiner Kinder, schon im Mutterleib, den Herrn opfern zu müssen? Würden meine totgeborenen Kinder an der Seite meiner Geschwister stehen, die ebenfalls nie das Licht des Lebens erblickt hatten? Und würden sie mich dann an den Pforten des Todes empfangen, gemeinsam mit Fredi, die nun sicher unseren Brüdern und Schwestern zur Seite stand? Doch was, wenn die Götter auch Vater zu sich gerufen hatten?
Alsbald jedoch wurden meine wirren Gedankengänge von einem penetranten Geruch abgelenkt. Viel sehen konnte ich nicht, wenngleich besser als früher. Stimmt. Ich war ja nicht mehr menschlich.
Leicht bedrückt – doch voller Ungeduld – jagte ich dem Geruch nach, welcher das unwohle Gefühl von jetzt auf gleich ausradierte, als wäre sie nie da gewesen. Sämtliche Konzentration lag einzig auf diesem lockenden Geruch. Meine Sinne führten mich eine weitere Treppe hinab, wo es aber keine Fenster mehr zu geben schien, durch die der Mond noch etwas Licht hätte spenden können, weshalb ich mich an der Öllampe nahe dem Eingang bediente, bevor ich, wieder ein Stockwerk tiefer, vor einer grossen Tür stehenblieb. Die Tür stand weit offen und von dem Raum dahinter ging der lockende Geruch aus, welcher meine Nasenschleimhäute sowohl zu reizen als auch zu liebkosen wusste.
Etwas in mir wurde, wachsend mit der Intensität des Geruchs, unfassbar wütend, rasend, doch da ich diesem Gefühl keinen Ursprung zuordnen konnte, schob ich es vorerst beiseite. Aufgeregt ging ich schnellen Schrittes, und ohne einen weiteren Gedanken an Regeln oder Konsequenzen zu verschwenden, in das schwarze Nichts vor mir. Stück für Stück erleuchtete die Öllampe den Raum.
Ich erstarrte, mein ganzer Körper heftig zitternd. Die Metallstäbe, oder vielmehr, die Zellen dahinter … Erinnerung über Erinnerung fluteten meinen Verstand und übermannte mich, ohne Hemmung, ohne Stopp, ohne Gnade.
Dieses dumme Ding!
Stirb endlich!
Wage es nie wieder, mir Widerworte zu geben!
Frederike, komm her, stell dich neben deine Schwester!
Nein!
Schmerz.
Hat dir das gefallen, du hässliches Ding?
Ririiiii, da bist du ja endlich wieder!
Es muss nicht so schmerzhaft sein, Kleine. Teile mit mir das Bett, dann werde ich sanft sein, versprochen.
Nein!
Nun wird Frederike deine Strafe doppelt erhalten und du wirst …
Ich spürte, wie ich das Gleichgewicht verlor. Sämtliches Blut war mir aus dem Gesicht geschwunden. Kerker, Blut, es roch nach …
Wankend stolperte ich nach hinten, die Augen weit aufgerissen. Die Öllampe fiel klirrend zu Boden. „Nein“, hauchte ich krächzend. Meine Beine zitterten unstet. Und gerade als ich nicht mehr wusste, wie ich mich aufrecht halten sollte, umfingen mich zwei starke Arme und hoben mich hoch.
„Hab dich“, brummte Meister Xelus mit einem Anflug Erleichterung in der Stimme und hielt mich fest, während meine Arme sich um den Nacken des Vampirs schlangen und ich mein Gesicht wimmernd an seiner Brust vergrub.
Fertig angezogen und bereit sass ich am nächsten Tag auf dem Sofa im Wohnzimmer. Was ich gestern entdeckt hatte, hatte mich diese Nacht kein Auge zu tun lassen. Entsprechend müde und erschöpft war ich jetzt. Und dennoch war ich bemüht darum, mein undamenhaftes Gähnen zu verstecken. Der Plan war, dass wir noch den Rest erledigten, was auch immer das sein sollte, und uns dann wieder auf den Weg machten. Die Königsstadt, so unser Ziel. Die Königsstadt Genrals, ein für mich fremdes Land mit ungewisser Zukunft.
Meister Xelus hatte mir gleich nach dem Aufwachen einen alten Freund von sich, Tadurial, vorgestellt. Grüne Augen, schwarzes Haar bis hin zu den Schulterblättern und ziemlich schlechter Stimmung. Zwar hatte er mir zugelächelt, als die Namen bei der Vorstellung fielen, doch war sein Lächeln in etwa so echt gewesen, wie das des Dorfvorstehers bei unserer Ankunft. Keine Minute nachdem Meister Xelus uns miteinander bekannt gemacht hatte, fragte der Grünäugige mich nach dem Grund, weshalb ich mich nach da unten begeben hätte. In den Kerker. Meister Xelus hatte mir diese Frage nicht gestellt. Wofür ich ihm wirklich sehr dankbar war. Zumal ich auf Tadurials Fragen keine Antwort wusste.
War es der Geruch gewesen, der mich nach da unten gezogen hatte? War es dieses fremde, wütende Gefühl, welchem ich keine Herkunft hatte zuordnen können? Oder vielleicht Neugierde? Ein neu entdeckter Wesenszug an mir, den ich aber noch mit ordentlicher Vorsicht zu erkunden versuchte.
Als Tadurial mich nahezu umgehend auszufragen begann, unterband Meister Xelus dies gleich zu Beginn schon mit den Worten: ‚Mein Schützling, meine Massnahmen‘. Daraufhin hatte Tadurial geschwiegen, das Thema schien, den Blicken nach zu urteilen, aber noch nicht aus der Welt.
Woher unser neuer Reisebegleiter stammte und woher er auf einmal kam, wurde mir zwar nicht zugetragen, doch war ich auch nicht blöd. Die Leichenblässe, die sowohl meine als auch seine Haut nach wie vor zierte, sprach für einen langen Kerkeraufenthalt fern jeden Tageslichts. Diesen Gedanken bestärkte auch der Kerker im Untergeschoss sowie das Drama bei unserer hiesigen Ankunft, welches mir teils immer noch einen Schauder über den Rücken jagte. Und an dessen Ausgang mir noch immer sämtliche Erinnerungen fehlten.
Was ich nicht wusste, war, wie lange er da unten gesessen hatte. Und wieso er mich nicht mochte, doch überraschen tat mich das wenig. Meister Xelus war die einzige Person seit Fredi, die mich zu mögen schien. Wahrscheinlich erhoffte er sich aber auch etwas davon, so gut zu mir zu sein. Anders konnte ich mir seine Güte nicht erklären.
Meister Xelus kam, gefolgt von drei weiteren Menschen, hinein. Obwohl, weder ich noch einer der anderen beiden hier war ein Mensch. Also traf es das Wort ‚weitere’ wohl nicht so ganz. Unzufrieden schüttelte ich den Kopf. Mit diesem Gedanken würde ich mich wohl nie abfinden. Geschweige denn, ihn verinnerlichen können. Ich war …, was ich nie sein wollte. Was ich gefürchtet hatte mit Leib und Seele.
„Rjna, möchtest du lieber eine Frau oder einen Mann?“
Ich erstarrte. Nein. Nein! Ich würde … garantiert … nicht …! Mein entsetzter Blick lag auf den drei Menschen. Ihre Herzschläge donnerten in meinen Ohren und ein leicht säuerlicher Geruch ging von ihnen aus.
Seufzend, meinen Gesichtsausdruck musternd, deutete er der Frau, die zwischen den beiden Menschenmännern stand, näherzukommen und sich neben mich zu setzen. Sogleich sie sich gesetzt hatte, schreckte ich aus meiner Starre hoch und sprang auf meine Beine, um mich im nächsten Augenblick am anderen Ende des Zimmers wiederzufinden. Dort strauchelte ich, überrascht mein Gleichgewicht suchend, bevor ich böse zu Meister Xelus aufsah. Wenn Blicke töten könnten …
Dieser sah mich allerdings nur ziemlich perplex an. Auch Tadurial’s Gesicht zeigte eine grosse Menge Fassungslosigkeit und … Misstrauen?
Ich jedoch war nur froh, von der blutigen Versuchung weg zu sein, welche, nebst dem säuerlichen Geruch, unfassbar lieblich duftete und meinen Magen laut zum Knurren brachte. Wütend wandte ich meinen bösen Blick von meinem Meister ab und meinem Magen zu.
„Verräter!“, brummte ich leise. Beim nächsten Aufblicken zierte ein Grinsen das Gesicht meines Meisters.
Die Frau sah mich unsicher an. „Habe ich … etwas falsch gemacht?“, wollte sie mit leiser Stimme von Meister Xelus wissen, welcher aber beruhigend den Kopf schüttelte.
„Nein, nur keine Sorge. Sie ist nur neu.“
Daraufhin spannte ich mich an. Meinem Mund entwich ein fauchender Laut, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Sofort schlug ich mir die Hand vor den Mund. Was war das gewesen? Wieso konnte ich … oh, Götter!
„Rjna, du musst trinken. Wir haben eine lange Reise vor uns und werden die nächsten paar Tage sicher nur von Tierblut leben können“, erklärte er mit weichem, aber bestimmtem Blick.
„Nein! Ich tue keinem Menschen weh! Wenn wir auch von Tieren trinken können, wieso soll ich dann einem Menschen etwas zuleide tun?!“, warf ich entrüstet ein, worauf er, sehr zu meiner Überraschung, mit verständnisvollem Nicken reagierte.
„Wir können uns nur vorübergehend und auch nicht sehr ausgewogen von Tieren ernähren. Ihr Blut beinhaltet nicht alles, was wir brauchen. Es dient höchstens zum kurzen Überleben, bis man wieder unter Menschen ist.“
„Die hatte ich als Mensch auch nicht und ich lebe noch! Ich sehe darin kein Problem.“ Erst als ich den Satz ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, was ich gerade gesagt und was ich damit über mich verraten hatte. Doch da bildete sich sogleich noch eine ganz neue Frage in meinem Kopf: Lebte … ich denn noch? Meister Xelus hatte mir erklärt, dass ich weder einen Herzschlag hatte noch atmen musste. Also …?
„Und du sagtest, du hättest sie aufgeklärt“, höhnte der wieder etwas gefasstere Tadurial.
„Ich … habe ihr das Nötigste erklärt“, wehrte Meister Xelus ab und fuhr mit seiner Erklärung, oder wohl eher Belehrung, mir gegenüber fort. „Vampire haben einen ganz anderen Organismus als Menschen, Rjna. Als Mensch versucht dein Körper, die fehlenden Nährstoffe mit anderem zu kompensieren, was auch über einige Jahre hinweg funktionieren kann. Als Vampir funktioniert diese Kompensation maximal vier Tage lang, insofern man sich vorher regelmässig und gut genährt hat. Was in deinem Fall aber beides nicht der Fall ist.“ Mit einer unmissverständlichen Handbewegung deutete er auf die immer nervöser werdende Menschenfrau.
„Nein!“, brüllte ich fast schon, verschränkte die Arme vor der Brust und fühlte mich wie ein störrisches Kind. Nichtsdestotrotz würde ich sicher nicht diese arme Frau aussaugen! Zu sehr erinnerte sie mich an mich selbst, vor nicht allzu langer Zeit.
„Gut, dann nehme ich sie mir. Sie riecht köstlich“, entschied Tadurial, lehnte sich vor und sass im nächsten Moment neben der langhaarigen Brünette, die immer unsicherer zu werden schien. „Darf ich, meine Liebe“, flüsterte er, woraufhin sie vorsichtig nickte. Schon schob er ihr Haar beiseite und schlug ihr seine Fänge tief in den Hals hinein.
„Nein!“, brüllte ich entsetzt, doch es war zu spät. Mit seinen Fängen hatte er ihr schmerzhafte Wunden in die Haut gerissen und labte sich nun an ihrem Blut. Doch folgte kein schmerzhafter Aufschrei, sondern lediglich ein tiefes Stöhnen ihrerseits.
Verwirrt über diese Reaktion runzelte ich die Stirn. Lange konnte ich darüber aber nicht nachdenken. Der Geruch ihres Bluts drang direkt zu mir hin, blumig und rein. Immer mehr nagte der Hunger an mir und das Bedürfnis, diese Fangzähne in meinem Mund zu nutzen und … Nein! Nein, nein, nein, nein, nein!
Mit mir selbst im Kampf fasste ich mir mit beiden Händen seitlich an den Kopf und schüttelte ihn ruckartig hin und her. Als das keine Wirkung zeigte, fiel mir wieder ein, dass ich ja keinen Atem benötigte und so hielt ich mir im nächsten Moment mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft die Hände vor Mund und Nase. Es fühlte sich zwar unangenehm an, aber ich spürte keine Atemnot. Mehr, ein schwaches, belegtes Gefühl in der Brust. Meine Augen waren fest zugekniffen und so nahm ich absolut gar nichts mehr um mich herum wahr.
„Rjna.“
Nein, nein, nein, nein, nein.
„Rjna.“
Nein, nein, nein.
„Verdammt, Rjna! Mach die Augen auf und trink endlich, oder ich zwinge dich dazu!“, dröhnte Meister Xelus’ Stimme an meine Ohren. Doch meine Augen blieben zu und verkrampft, mein Atem blieb unterdrückt, denn so nahm ich das Blut und dessen Geruch nicht dermassen intensiv wahr. Meinen Kopf drückte ich nur noch weiter in mein Brustbein hinein. Diesen Instinkt unter Kontrolle zu halten, erforderte alles an Konzentration und Energie, was ich aufzubringen vermochte, ansonsten wäre ich wohl längst, auf die nun offen blutende Wunde der Frau zugestürmt und hätte meine eigenen Fänge tief in ihrer Haut vergraben. Denn natürlich hatte Tadurial nicht wirklich getrunken, sondern nur eine ordentlich blutende Verletzung an ihrem Hals hinterlassen, sodass ich freie Sicht darauf hatte.
Wann genau ich meine Augen wieder geöffnet hatte, wusste ich nicht. Doch jetzt starrten sie weit aufgerissen und mit einer unbändigen Gier auf die rote Flüssigkeit, welche der Frau aus dem Halse lief. Meine Hände befanden sich ebenfalls nicht mehr vor meinem Gesicht. Und so kam es, dass ich es beim nächsten unwillkürlichen Atemzug roch und meine Konzentration brach.
Mit unbändiger Geschwindigkeit stürmte ich auf die Frau zu, welche noch nicht einmal die Zeit hatte, sich zu ängstigen, geschweige denn, die Augen aufzureissen. Doch als es Zeit geworden wäre, zu bremsen, vor ihr zu halten und meine Fänge in ihr zu versenken, riss ich mich zusammen und nutzte diese Geschwindigkeit, um hier wegzukommen.
Der einzige Ort, von dem ich wusste, dass er diesen Geruch überdecken würde, war mir zwar nicht sehr lieb, doch nun mal auch der einzige Ort, der mir einfiel. Und so landete ich keine Sekunde später unten im Kerker, umhüllt von durchdringender Dunkelheit und dem süss-sauren Geruch, der den des Menschenbluts im Nu aus meiner Nase tilgte.
Meine Gefühle übermannten mich dieses Mal nicht, vielleicht, da ich einem Kerker nun das erste Mal überhaupt etwas Gutes abgewinnen konnte. Der Geruch hier war so penetrant, dass er alles andere überdeckte. Und gerade deshalb konzentrierte ich mich mit all meinen Sinnen auf diesen Geruch. Es roch nicht besonders gut. Aber eben auch nicht besonders schlecht. Irgendwie … faszinierend. Aber zugleich machte er mich auch rasend vor Wut.
Mit meinen Augen versuchte ich irgendetwas hier unten zu erkennen, obgleich es da vermutlich nicht viel Spannendes zu sehen gab. Auf einmal jedoch sah ich gestochen scharf, die Wut in mir stieg an und ich fühlte mich brennend heiss! Was bei den Göttern sollte das?
Gerade wollte ich mich mit meiner neu erlangten Sehfähigkeit umsehen, als mein Plan radikal durchkreuzt wurde. Von beiden Seiten wurden meine Arme gepackt und ich wieder zum Ausgang des Kerkers geschleift.
„Nein! Nein, lasst mich! Ich will hier bleiben!“ Stimmte nicht ganz, aber dennoch brachte es mir die Aufmerksamkeit der beiden.
Beide Vampire sahen mich aufmerksam und ernst an, wobei sie in der nächsten Sekunde ein Gesicht machten, als hätten sie die Götter persönlich vor sich. Ich konnte ihre Gesichtsausdrücke gestochen scharf sehen. Jedes dümmliche Detail davon. Fast hätte ich losgelacht. Fast. „Was ist los?“ Mein Blick glitt hinter Xelus. Schlagartig sank meine Stimmung noch eine Etage tiefer, als ich in der Zelle hinter ihm ganz bestimmte Werkzeuge erkannte.
„Loslassen“, befahl ich. Und das nicht mehr mit der Stimme von Rjna, der kleinen Vampirin. Die Befehlsgewalt in meiner Stimme war nicht zu überhören. Ich duldete keine Widerrede. Nur Gehorsam. Und das spürten auch die beiden Vampire vor mir. Zeitgleich hob ich meine Hand und bestaunte, dass sie dem Befehl doch tatsächlich nachkam. Ich hatte … Kontrolle. Gestern, für einen unglaublich kurzen Augenblick, der mir mehr vorgekommen war, wie ein Traum – und heute! Das erste Mal in meinem Leben war ich nicht bloss ein zu Handeln unfähiger Gast in unserem Körper!
Die beiden Vampire gehorchten aufs Wort und liessen mich los, der Rotäugige aber eher zögerlich. Eine Präsenz der Überraschung kam in mir auf. Die Vampirin? Sah sie etwa zu? So wie ich all die Jahre zuvor? Ein böswilliges Grinsen zuckte an meinen Mundwinkeln. Ich nahm ihre Gefühle wahr, doch erreichten sie mich nicht. Einzig die Wut in mir wurde immer grösser, als ich mit festen Schritten und ohne zu zögern in die Zelle hineinlief und mich der Werkzeuge besah. So einiges davon hatte ich schon gesehen, mit gewissem bereits selbst die Ehre gehabt. Drego war erfinderisch gewesen, wenn es darum gegangen war, uns zu quälen. Meine Finger glitten gekonnt über die Folterinstrumente, die fein säuberlich vor mir lagen.
„Was sieht sie da?“, wollte der Grünäugige wissen.
„Was tut sie da?“, fragte die Stimme des Rotäugigen zurück, doch Beine interessierten sie mich nicht. Meine Finger erspürten die Widerhaken einer Peitsche, das kühle Metall eines Messers und die filigranen Ausarbeitungen eines Schlagrings. Mein ganzer Fokus lag auf den Folterinstrumenten vor mir und aus Wut wurde unbändiger Hass. Er loderte in mir auf, verschlang mich.
Ganz plötzlich wandte ich mich um und blieb direkt vor Tadurial stehen. Mein Blick blieb scharf auf den Grünäugigen gerichtet, während ich mich an den Rotäugigen wandte: „Xelus hole einen Menschen.“
Er jedoch, konnte sich gut gegen meinen Befehl durchsetzen und tat dies auch.
Ich will keinen Menschen!
Mit einer Hand fasste ich mir genervt an die Schläfe. „Geh und tu es, wenn ich leben soll“, herrschte ich der kleinen Vampirin auserwählten Meister wieder an.
Einen Moment blieb er noch an Ort und Stelle, in der nächsten war er im Wohnbereich, bei den Menschen. Kurz darauf vernahm ich die Schritte eines Menschen, der die Treppe hinabkam und sich die Nase hielt. Sogar für Menschen war der Geruch hier penetrant. Unglaublich.
Kaum war er unten, näherte ich mich ihm, drückte seinen Kopf in seinen Nacken …
Nein!
… und biss zu. Meine Fänge schnitten wie durch Butter und öffneten das Organ, um mir den Weg zum Blut zu ebnen. Stöhnend legte ich meine Lippen an seine Haut und schluckte. Schluck für Schluck glitt mir die warme Flüssigkeit den Hals hinab, stärkte mich. Als ich fertig war, schubste ich den Menschen zu Xelus, mit der Anweisung, ihn versorgen zu gehen und mit ihm oben zu bleiben. Er ging, doch bezweifelte ich, dass er oben bliebe, denn er unterstand nicht meinem Befehl.
„Dein Hemd!“, herrschte ich Tadurial an, woraufhin er mich äusserst seltsam, verwirrt und beinahe schon ängstlich betrachtete. Ein Knurren liess meine Lippen erbeben, bevor ich sein Gewand mit meinen Händen in der Mitte fasste und es problemlos auseinanderriss.
Ein wimmerndes Geräusch in meinem Kopf liess mich zusammenzucken. Aber ich ignorierte es, so wie auch schon ihre Proteste zuvor.
Zahlreiche Narben fanden sich auf seinem Körper, und das war erst die Vorderseite. Tadurial sah sichtlich verwirrt zu mir, denn ich war das Einzige, was er in dieser tiefen Schwärze sehen konnte.
„Umdrehen!“, herrschte ich wieder, doch Tadurial wehrte sich gegen meinen Befehl, was ihm anhand der angestrengten Gesichtszüge auch deutlich anzusehen war. „Dreh. Dich. Um. Tadurial Terrosque!“, fauchte ich erneut, dieses Mal mit mehr Intensität, woraufhin er aufs Wort gehorchte. Der Schock in seinen Zügen verlieh mir Genugtuung.
Analytisch schweiften meine Augen über jede Narbe, jeden Streifen, jedes Mahl. Es war seltsam, ein Gefühl, das mich trieb, ein Wunsch, der tief aus meinem Innern kam. Aus meinem Innern. Nicht aus ihrem, wie sonst immer.
Verängstigt warf Tadurial einen Blick über seine Schulter zu mir. „Was bist du?“, formten seine Lippen bebend, doch aussprechen tat er die Worte nicht. Hören konnte ich sie trotzdem.
Auf meine Anweisung hin drehte er sich wieder um. Der Vampir war grösser als ich. Er überragte mich sicher um mindestens einen Fuss. Aber vor meiner Präsenz wirkte er fast wie ein kleines Kind.
„Auf die Knie“, forderte ich, meine Stimme keinen Widerspruch zulassend. Versuchen tat er es. Er wollte nur vor seinem König knien, doch liess ich ihm keine andere Wahl.
Mit einem Knie am Boden, dem anderen im rechten Winkel vor mir aufgestellt, senkte er den Blick, welchen ich mit meiner Hand unter seinem Kinn wieder anhob. Sein Gesicht zierte Überraschung und Furcht, denn ich erlaubte ihm, mir ins Antlitz zu sehen. Das war ebenso eine Ehre wie ein mögliches Todesurteil. Doch das war es nicht, was mich interessierte. Nicht heute.
Mit einer Hand an seiner Stirn und einer Hand an seiner nackten Brust, direkt über seinem Herzen, liess ich die Hitze in mir aufkommen, die Wut, den Zorn, den Hass. Alles, was dieser Ort in mir hervorbrachte und meiner Existenz zugrunde lag. Die Hitze floss in meine Arme, durch sie hindurch in meine Hände, bis hin zu meinen Fingerspitzen … und weiter.
Als der Schwall an Zorn und Hitze in den Grünäugigen eindrang, schrie er gepeinigt auf und verlor im nächsten Moment das Bewusstsein. Gut so. Der Strang aus purem Hass, den ich durch ihn fliessen liess, hielt ihn aufrecht. Hätte er nicht das Bewusstsein verloren, wäre das für den Magier in ihm tödlich ausgegangen. Diesen verlangte es mich zwar auszulöschen, doch widerstand ich diesem Drang, denn es würde den Vampir mit in den Tod reissen. Und das wiederum war nicht mein Wille.
Ich hatte in seinen Gedanken gehört, welch Magie er besass. Die Erde gehorchte ihm, sprach mit ihm und war ihm zu Diensten. Eine mächtige Gabe. Eine, die ich auf meiner Seite wissen würde.
Mit all der Willenskraft, die mir zu eigen war, entzog ich ihm die letzten neun Jahre und vierzehn Monde seines Lebens und liess sie in mich zurückfliessen. Ich spürte alles, jedes Quäntchen des Schmerzes. Die Wunden, die Schreie, den Schmerz, die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung, der Groll, die Angst, die Wut, der Zorn, das Ewige, das Endlose, die Leere.
Dann zog ich mich zurück. Die Wut verschwand mitsamt allem anderen und die Welt wurde schwarz.



























































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