Kapitel 21 – Die Reise beginnt
Kapitel 21 –Die Reise beginnt
Xelus
Ich … Rjna … sie … und Tadurial!
Als sie Tadurial und mir befohlen hatte, sie loszulassen, dachte ich erst gar nicht daran, doch als ich sah, wie mein Freund ihr gehorchte, folgte auch ich. Noch weitaus eindrücklicher war aber ihre Augenfarbe, welche ich auch für den Rest dieser Szene nicht mehr aus den Augen lassen konnte, obgleich ich den Drang verspürte, den Kopf zu neigen.
Ihre Augen hatten auf einmal geleuchtet! Als wären sie aus geschmolzenem Kupfer, brennend und eine Macht ausstrahlend, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Jetzt stand ich aller Fassung beraubt am Kerkereingang, eine flackernde Kerze in der Hand. Der Junge, von dem sich mein Schützling genährt hatte, war bei seinen Freunden und wurde versorgt. Sie würden noch dableiben, denn zwei von uns mussten sich noch nähren, aber das war jetzt wirklich meine kleinste Sorge.
Dank des schwachen Lichts in meiner Hand, war ich fähig, etwas zu erkennen. Und das Bild, das sich mir bot, war sowohl erschreckend als auch eindrücklich zugleich.
Da war der mittig liegende Gang, umgeben von Zellen, zwei auf jeder Seite, also vier an der Zahl. In der Hintersten rechts hatte vor zwei Tagen noch Tadurial gelegen – schwach, ausgelaugt, angekettet und dem Tode nah. Relativ mittig im Gang standen jetzt Tadurial und mein Schützling, Rjna. Oder … ich sollte sagen: Rjna stand. Denn Tadurial kniete vor ihr, den Kopf zu ihr emporgehoben. Rjnas Hände lagen beide auf seinem unbekleideten Oberkörper – die linke an seiner Stirn, die rechte direkt über seinem Herzen. Sein Gewand lag zerrissen am Boden zwischen ihnen. Das schien aber keinen der beiden zu kümmern.
Rjnas Augen sandten ein Leuchten aus, welches ich nur mit der aufgehenden Sonne in Vergleich setzen konnte und ihre ganze Körperhaltung strahlte reinste Macht und Erhabenheit aus, aufgrund derer ich beinahe selbst das Knie gebeugt hätte.
Verwunderlich war es trotzdem, dass Tadurial vor ihr kniete, denn … zum einen war es Verrat am König, zum anderen war sie ein Jungvampir! Auch wenn man ihr das momentan nicht zugetraut hätte.
Ein von brachialem Schmerz zeugender Schrei durchschnitt die andauernde Dunkelheit, woraufhin Tadurial zusammensackte. Seine Augen schlossen sich und sein Kopf fiel leicht zur Seite. Sich bewegen oder fallen tat sein Körper aber nicht. Wie festgefroren blieb er in Position, wie auch Rjna.
Einige Minuten mussten so vergangen sein. Noch immer stand ich regungslos in der Tür. Normalerweise hätte ich, was auch immer hier lief, längst unterbrochen, meinen Schützling zurechtgewiesen und aus diesem Kerker geschleift. Und wenn es an den Ohren wäre! Bei den Göttern, was dachte sie sich nur?
Doch irgendetwas hinderte mich daran. Ich konnte nicht benennen, was genau es war. Wieso ich diesem Hokuspokus nicht längst ein Ende gesetzt hatte, aber tief in mir sagte mir eine leise Stimme, dieselbe Stimme, die auch gerne das Knie vor meinem Schützling beugen wollte, dass ich das hier auf gar keinen Fall unterbrechen durfte.
Nach einer weiteren Minute zog sich Rjna zurück, das Leuchten ihrer Augen verschwand und ihr Körper sackte kraftlos in sich zusammen, lediglich noch einen Laut der Erschöpfung von sich gebend.
Schon war ich vor Ort und hob sie in meine Arme, bevor sie ganz zu Boden gehen konnte. Tadurial krachte ungebremst auf dem Boden auf.
Beide, erst Rjna, dann Tad, trug ich nach oben in die Wohnstube und legte sie auf je eines der gegenüber liegenden Sofas. Die Menschen waren tatsächlich noch immer hier, was ich ihnen hoch anrechnete. Wenn sie nun auch eher einen verwirrten und etwas pikierten Gesichtsausdruck trugen.
Nach wie vor waren beide bewusstlos. Ich setzte mich. Was war das gewesen? Warum hatte sie mir nicht erzählt, dass sie Magie beherrschte? Wenn es denn Magie gewesen war, doch etwas Besseres fiel mir nicht dazu ein. War es das, was sie mir hatte verschweigen wollen? War das der Grund, wieso sie sich immer so verschwiegen und scheinbar gefühllos gab? Stammten ihre Narben vielleicht … von Jägern?
Der Gedanke liess mich erschaudern. Davon hatte ich schon gehört. Es gab nicht viel, was man über sie wusste. Nur, dass sie Menschen mit der Veranlagung zur Magie jagten und töteten. Und, dass sie dabei keine Gnade kannten.
Ich wollte nicht behaupten, dass es den Magiern in der Stadt besonders gut ginge, aber sie wurden zumindest nicht gefoltert. Nicht, wenn sie sich benahmen.
Rjnas Narben aber kamen nicht von Nirgendwo her und sie waren auch unmöglich binnen weniger Tage entstanden, ohne dass sie direkt daran zugrunde gegangen wäre. Die Verletzungen mussten ihr über längere Zeit zugefügt worden sein und mit den Jägern passte das nicht zusammen, denn die töteten zwar grausam, aber schnell. Zumindest, wenn man logisch darüber nachdachte … keiner wollte einen wütenden Magier lange unter seinem Dach wissen.
Ich bat den anderen Mann zu mir zu kommen, öffnete sein Handgelenk mithilfe meiner Fänge und deutete ihm, es an Tad’s Mund zu drücken. Die Szene kam mir dezent vertraut vor. Auch die junge Frau winkte ich heran, deren Hals noch immer leicht blutete, versenkte meine Fänge in ihrer Haut und unterdrückte ein genussvolles Stöhnen. Schliesslich gab ich sie wieder frei, kümmerte mich um die Wunden der drei Menschen und drückte jedem von ihnen eine Münze in die Hand, woraufhin sie sich dankend verabschiedeten.
Praktischerweise hatte der Herr Dorfvorsteher wohl ein Pferd gehabt, welches im Stall eines in der Nähe lebenden Bauers untergebracht gewesen war. Dieses würde Tad nutzen, denn zwar war er wieder auf den Beinen, aber die letzten zehn Jahre hatten deutliche Spuren hinterlassen. Wobei, wenn ich ihn mir so ansah, seine Haut keinerlei Spuren von Folter aufwies. Körperlich würde er aber, allein wegen des Blutmangels die ganzen Jahre durch, kaum in der Lage sein, sein eigenes Pferd zu beschwören.
Nachdenklich ging ich im Raum auf und ab.
„Xel!“
Überrascht wandte ich mich um. Tadurial war erwacht. Gerade rieb er sich stirnrunzelnd die Augen.
„Geh hoch und zieh dir ein neues Hemd über, Tad“, sprach ich streng, woraufhin er verwirrt an sich hinabblickte.
„Was zum …“
„Ja. Das habe ich mir auch gedacht“, stellte ich, leicht angesäuert, klar. Er war ein guter Freund, ja, aber Verrat am König? Konnte ich das einfach so durchgehen lassen? Andererseits, wenn ich ihn anprangerte, müsste ich auch Rjna verraten. Diesen Teil würde ich dem König in meinem Bericht also zweifellos verschweigen. Es gab schon genug, wofür er Rjna mit Misstrauen begegnen könnte. Wie zum Beispiel ihre Vampirgeschwindigkeit. Die aber keineswegs der eines Jungvampirs entsprach. Und doch hatte ich sie erst vor vier Tagen im Wald gefunden und sie ihrer ersten Blutmahlzeit zugeführt. An ihrem Alter gab es also keinen Zweifel. Viertägig. „Und Tad“, wandte ich noch einmal das Wort an ihn, allerdings in einem deutlich mahnenderen Ton, „Wenn ich dich nochmal unbekleidet mit meinem Schützling in einem Raum vorfinde, und sei es auch nur dein Hemd …“ Meine Stimme kam böse knurrend über meine Lippen, woraufhin er mit einer beschwichtigenden Geste die Hände hob.
„Xel, ich habe keinerlei derartiges Interesse an dem Mädchen. Ausserdem würde ich eine solche Beziehung zu ihr nie wagen, ohne dein Einverständnis! Das gebietet mir allein schon die Ehre. Und das weisst du auch“, entgegnete er ruhig, wirkte aber immer noch desorientiert. Nach einem knappen Nicken meinerseits, das aber noch immer von einem warnenden Knurren begleitet wurde, schritt Tadurial schliesslich die Treppe hoch, um sich der Garderobe unseres verstorbenen Gastgebers zu bedienen. Diese war ihm zweifellos zu klein, denn auch wenn der Mann mollig gewesen war, so war Tad, auch nach all den Jahren Kerkeraufenthalt, noch sehr gut gebaut. Im gleichen Verhältnis wie die Kleidung ihm zu klein war, war sie Rjna zu gross, was an ihr aber schon irgendwie wieder niedlich wirkte.
Nichtsdestotrotz gehörte eine Frau nicht in Hosen gekleidet! Und das würde ich auch gleich, sobald wir die Königsstadt erreichten, in Ordnung bringen. Während der Reise zu Pferd allerdings würden Hosen deutlich praktischer und für das kühle Wetter auch wesentlich besser geeignet sein.
Schon kam Tadurial wieder die Treppe hinunter. Ich erhob mich. Rjna war noch immer ohne Bewusstsein. Wortlos hob ich sie mir in die Arme und verliess das Haus – Tadurial direkt hinter mir. Wir alle hatten uns frisch genährt und konnten so die lange Reise zur Königsstadt getrost fortsetzen. Und mit etwas Glück würde der König, in Anbetracht der Rettung Tad’s, sogar milde gestimmt sein, trotz meines misslungenen Auftrags.
Plötzlich fiel mir ein, was ich in dem ganzen Trubel vergessen hatte. Der Junge! Mit dem magischen Blut! Wir konnten ihn nicht einfach bewusstlos hier zurücklassen, ohne Nahrung oder Weiteres. Die Menschen, die vorhin hier gewesen waren, hatten ausgesagt, dass er hier keine Familie habe und immer nur mit dem Dorfvorsteher in Kontakt gestanden habe. Demnach würde ihn niemand suchen. Am liebsten hätte ich ihn hiergelassen, immerhin stand er mit einem Verbrecher im Bunde. Vielleicht hätte ich ihn auch einfach richten sollen, doch ich wusste nicht, ob der Tod für seine Taten gerecht war. Und dann war da auch noch sein Blut.
Seufzend wandte ich mich zu Tad um, der gerade sein Pferd beschwor?! Woher hatte er die Energie dafür? „Tadurial, kannst du jemanden bei dir mitreiten lassen?“ Bestätigend nickte er, woraufhin ich ihm kurzerhand die bewusstlose Rjna in die Arme drückte. „Warte einen Moment hier.“ Also holte ich den Jungen von oben herab, trug ihn nach unten und hinaus. Seine Bisswunde hatte ich die letzten Tage hindurch gut im Blick behalten und auch den Verband immer wieder gewechselt. Wer wusste schon, welche Rolle er noch einnehmen würde. Im schlimmsten Fall wäre er eine Notration für unterwegs, im Besten eine neuentdeckte Unterrasse der Magier.
Also hievte ich ihn auf Tad’s Pferd, nahm diesem Rjna wieder aus den Armen, beschwor Stork und setzte mich mit Rjna auf. Meinen Schützling legte ich mit dem Rücken an meine Brust gelehnt an mich an, sodass sie es möglichst gemütlich hatte.
Schliesslich sassen wir beide auf unseren Reittieren, jeweils eine bewusstlose Person vor uns haltend, und verliessen endlich dieses von den Göttern verfluchte Dorf.
Stillschweigend ritten wir nebeneinanderher. Tadurial hielt den Jungen vorbildlich vor sich, sodass er nicht vom Pferd fiel, obwohl es ihm offensichtlich nicht sehr behagte. Der Junge roch noch immer stark nach Vampirblut. Sehr wahrscheinlich hatte er sogar welches von Tad in sich, wenn ich mit meiner Vermutung richtig lag und er tatsächlich Vampirblut geschluckt hatte. Wieso auch immer man sowas tun sollte.
Auch ich drückte Rjna fest an mich, sodass sie es möglichst bequem hatte. Seit Stunden ritten wir bereits durch Wälder, über Steppen und Felder, und sie bekam nichts davon mit. Noch immer war sie ohne Bewusstsein.
Was hatte sie getan? Hatte sie ihre Magie vielleicht … zu fest angezapft? Was hatte sie damit bewirkt? Und diese ganzen Gedanken basierten darauf, dass es auch wirklich Magie gewesen war. Dass sie wirklich zu den magisch Begabten zählte. Zu einer Rasse Ausgestossener, zu den Geächteten der Gesellschaft.
Gänzlich sicher war ich mir dessen aber nicht. Noch nie hatte ich von einem Vampir gehört, der zugleich Magie beherrschte, exklusive der Totenmagie, mit der wir unsere Pferde beschworen. Auch die Theorie mit den Jägern wollte mir nicht mehr aus dem Kopf. Es passte alles zusammen. Bliebe nur noch die Frage, wer sie verwandelt hatte. Die Jäger waren es bestimmt nicht gewesen, denn die standen nicht nur gegen Magier, sondern waren generell gegen alles, was ihrer Meinung nach nicht in diese Welt gehörte.
Doch die Jäger gingen nicht gegen uns Vampire vor. Ihre Verachtung mochte jeder Spezies ausser dem Menschen gelten, doch ihre Jagd konzentrierten sie lediglich auf das Magiergesindel. Und aus diesem Grund, und da keiner die Magier so richtig leiden konnte; sie in den vereinigten Vampirterritorien noch nicht einmal als Mitglieder der Gesellschaft anerkannt wurden, wurde gegen die Jäger nichts unternommen.
Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont entgegen, als wir beschlossen, Rast zu machen. Nicht nur meines Schützlings und des Jungen wegen, die anständig ruhen sollten, sondern auch, um selbst jagen zu gehen – heute mit Tieren auf dem Speiseplan. Zudem sollte Tadurial sich noch zurückhalten und sich ausruhen, denn so gut er sich jetzt auch fühlen mochte, hatte ich doch die Befürchtung, dass das nur ein momentanes Hoch war. So lange unterernährt zu sein, hatte Auswirkungen auf einen Vampir.
Wir ritten ein kleines Stück vom Wege weg in den Wald hinein. Dort stiegen wir von den Pferden und legten unsere Schützlinge vorsichtig ab, wobei ich erst meinen Mantel als Lager für Rjna auf dem Boden platzierte und sie dann darauf ablegte.
„Ich gehe jagen“, bestimmte ich. Tadurial hatte sich heute, mit der Beschwörung seines Pferdes und dem langen Reiten schon genug verausgabt. Auch wenn es mir nicht vollends behagte, Rjna mit Tadurial nach dem Vorfall im Kerker des Dorfvorstehers noch allein zu lassen.
Mein Gegenüber nickte. „Ich versorge seine Wunden neu und organisiere das Feuer. Ich nehme zumindest an, dein Schützling ist noch nicht kältefest?“
Ich grollte leise. „Sie ist ein Jungvampir!“
„Und hat eine Vampirgeschwindigkeit demonstriert, die einem Jungvampir definitiv nicht zu Eigen ist.“
Jetzt knurrte ich leise, einen Anflug von Wut verspürend, konnte ich mir das doch selbst nicht erklären. „Wir schreiben den elften Sexdos, Tadurial. In fünf Tagen läutet der Sepdis bereits offiziell den Frost ein. Natürlich brauchen wir ein Feuer.“ Sorgsam begab ich mich neben Rjna auf die Knie, platzierte einen Kuss auf ihrer Stirn und rappelte mich schliesslich wieder auf und wandte mich mit einem letzten Blick zu meinem Schützling hin ab, um jagen zu gehen.





























































Kommentare