Kapitel 19 – Carina

Kapitel 19 – Carina

 

Cyrus

Mit beiden Händen die sich gelösten Strähnen meiner Frisur zurückstreichend, eilte ich durch die Gänge dieses verdammten Schlosses. Als Carina und ich zwei Tage vor dem Bankett im Schloss eingetroffen waren, hatte irgendjemand veranlasst, dass sie in einem anderen Bereich des Gästetrakts untergebracht wurde. Viel zu weit entfernt von meinen eigenen Räumlichkeiten. Natürlich hatte sie immer in meinem Bett geschlafen. Aber seit unserem letzten Zusammentreffen im Thronsaal fehlte von ihr jede Spur!

Bei dem Gedanken daran, wie ich sie auf dem Thron vögelte, wurde mein kleiner Freund munter und zuckte erwartungsvoll. Der Wunsch, mich in den warmen Schoss einer Frau zu versenken, wurde beinahe übermächtig und ich blieb einen Moment stehen. Während ich meine Hose richtete, vernahm ich den verführerischen Duft einer menschlichen Frau. Sofort fuhren meine Fangzähne aus und ich stöhnte unterdrückt auf.

Nein!, ermahnte ich mich. Ich hatte den Menschen versprochen, dass sie hier zu nichts mehr gezwungen würden! Mit schnellen Schritten entfernte ich mich von diesem Duft, der mir selbst im nächsten Gang noch in der Nase lag. Ihr Herzklopfen vernahm ich allerdings nicht mehr, was es mir einfacher machte, klar zu denken.

Ulras kam mir entgegen und ich stoppte ihn sofort. „Wo ist Carina?“

„In den Gemächern der Königin, mein Fürst“, erwiderte der Grigoroi monoton mit einer kleinen Verbeugung.

Natürlich … Wo auch sonst! Ich liess Ulras stehen, kehrte um und ging zum Flügel, in dem die Königsfamilie ihre Zimmer hatte. Wieder stieg mir der Duft der Menschenfrau in die Nase und das Pochen ihres Herzens drang an mein Ohr. So schnell, so verführerisch! Als ich in einen neuen Gang einbog, sah ich gerade noch rote Haare um die nächste Ecke wehen und war kurz davor, die Frau aufzuhalten, damit ich mir Erleichterung verschaffen konnte.

Der sexuelle Trieb war in meinen Augen blanker Hohn unserer Spezies. Wir waren nicht besser als wilde Tiere, die nur die Fortpflanzung im Sinn hatten. Als Mann war ich dadurch durchaus in der Lage, mehrmals am Tag bei einer Frau zu liegen oder mehrere Frauen hintereinander zu nehmen.

Ich blieb stehen und atmete tief durch, im Versuch, meine Triebe im Zaum zu halten. Denn ich musste unbedingt mit Carina reden und die nächsten Schritte einleiten. Der Gedanke, mir zuvor noch kurz Erleichterung zu verschaffen, war verlockend. Aber ich verdrängte ihn.



 

Wenig später fand ich Carina tatsächlich in den Gemächern der Königin. Sie stand vor einem riesigen Fenster mit Balkon. Das Kleid, das sie trug, musste der Königin gehört haben, denn rote Fäden durchzogen den schwarzen Stoff.

Carina drehte sich zu mir um und strahlte mich an. Ihre wunderschönen Haare fielen weich auf das Kleid und ihre Augen glänzten vor Freude. „Cyrus, sieh nur! Die Kleider der Königin passen mir perfekt!“ Sie ging ein paar Schritte auf mich zu und legte ihre Hände in meinen Nacken, stellte sich auf die Zehenspitzen und ihre Lippen suchten meinen Mund.

Ich gab mich dem Moment hin und erwiderte den Kuss. Hart prallten meine Lippen auf ihre und ich schob meine Zunge in ihren Mund. Unsere Zungen tanzten wild und leidenschaftlich miteinander, und Carina stöhnte leise auf. Bevor ich jedoch noch die Kontrolle verlor, löste ich mich von ihr, zog sie auf ein gepolstertes Sofa und zog sie dabei auf meinen Schoss. Der Stoff ihres Kleides raschelte unnatürlich laut.

„Wir müssen reden“, begann ich und nahm Carinas Hände, die verführerisch über meinen Brustkorb fuhren.

„Wollen wir uns nicht erst vergnügen? Hier in diesem Zimmer? Während ich dieses Kleid trage?“ Carina beugte ihren Kopf zu meinem Ohr, leckte über mein Ohrläppchen und flüsterte leise: „Ich trage nichts, bis auf das Kleid.“

Mein Griff um ihre Hände wurde fester und ich bereute es schon, sie auf meinen Schoss gezogen zu haben, denn dadurch konnte sie nur zu deutlich spüren, welche Reaktion ihre Worte ausgelöst hatten. Natürlich stand mein Geschlecht stramm und drückte gegen ihren Oberschenkel.

„Nein!“, herrschte ich sie eine Spur zu grob an, sodass sie irritiert zusammenzuckte. „Es haben sich leider einige … Probleme entwickelt, über die wir reden müssen.“

Carina lehnte sich ein Stück zur Seite, sodass sie mich besser ansehen konnte. „Gut. Dann reden wir.“ Ihr Blick pendelte irritiert zwischen meinen Augen hin und her.

„Die Prinzessin lebt.“

Carina riss die Augen auf. „Prinzessin Aurelie? Unmöglich! Sonst wäre sie doch auf dem Bankett gewesen und hätte neben ihrem Bruder, Prinz Alexander gesessen! Der König gab vor Jahren bekannt, dass sie verstorben ist!“



„Nein“, erwiderte ich möglichst ruhig. „Das war eine Lüge. Vermutlich auf die Scham über ihre ausgebliebene Reife zurückzuführen. Immerhin ist sie weit über einhundert Jahre alt.“

„Aber jetzt ist sie erblüht? Was will sie?“

„Nein. Sie ist immer noch ein Kind. Und sie will nichts. Dennoch muss ich sie heiraten.“

Carina erhob sich von meinem Schoss und entfernte sich ein paar Schritte von mir. Dabei durchbohrte sie mich mit ihrem Blick und schüttelte leicht den Kopf. Tränen schimmerten in ihren Augen. „Nein, das ist nicht wahr!“

„Der Hohepriester hat ihre Identität bestätigt. Er wird nur sie zur Königin krönen.“

„Dann waren all unsere Pläne umsonst! Sie darf nicht Königin werden!“, erwiderte Carina heftig.

Ich sparte es mir, sie darauf hinzuweisen, dass dies mein Plan war und ich die letzten drei Jahre alles in die Wege geleitet hatte, um ihn umzusetzen. „Sie wird es aber und ich kann nichts dagegen tun. Da sie aber noch ein Kind ist, ergeben sich daraus sowohl Vor- als auch Nachteile.“ Da Carina nur schnaufte, fuhr ich fort: „Ich sprach mit dem Hohepriester. Er ist bereit, Prinzessin Aurelie und mich diese Nacht am heiligen Ort zu empfangen, wo Aurelie und ich den Blutpakt eingehen werden.“

„Aber sie ist ein Kind!“, schrie Carina aufgebracht.

Mahnend hob ich eine Hand und sie verstummte sofort, sodass ich mit meinen Erläuterungen fortfahren konnte. „Am morgigen Tag folgt eine Hochzeit für das Volk. Im Anschluss wird Prinzessin Aurelie zur Königin gekrönt. Danach wird sie mich krönen müssen. Da sie noch ein Kind ist, werde ich die Regierung übernehmen.“

Carina lachte bitter auf. „Niemals! Sie wird dich nicht krönen! Und sobald sie ihre Reife hinter sich gebracht hat, wird sie selbst regieren und dich vom Thron werfen! Sie ist immerhin vom Blut der Ignis-Robur! Du hast selbst gesagt, dass dieses Geschlecht durch und durch verdorben ist und diese Prinzessin wird nicht anders sein!“

Ein Problem, das ich selbst schon bedacht hatte, daher fielen mir meine folgenden Worte leichter als gedacht. „Aktuell ist Prinzessin Aurelie in einem schlechten geistigen Zustand. Ich vermute, dass sie von ihrer eigenen Familie nicht sehr gut behandelt worden ist. Sie ist labil und schwach, und diesen Umstand werde ich nutzen, um sie zu unterdrücken. Wenn ich ihr genug Angst mache, wird sie einknicken und nachgeben.“



„Und dann?“ Carinas Stimme wurde leiser. Mit zusammengepressten Lippen schlang sie sich ihre Arme um den Bauch und blickte bedrückt zu mir hin. „Willst du sie töten, sobald du von ihr hast, was du willst?“

„Ich töte keine Kinder, Carina.“ Wobei ich mir durchaus bewusst war, dass ich ohnehin schon viel zu viele Grenzen übertrat, was die Prinzessin anging. Grenzen, die einem Vampir heilig sein mussten. Denn auch mein erster Reflex war es, dieses Vampirkind zu beschützen und zu behüten. Es war der natürliche Instinkt eines Vampirs, die Kinder seiner Spezies zu umsorgen, da sie bis zu ihrer Reife körperlich schwächer noch als Menschenkinder waren. Nun musste ich lernen, diesen Instinkt zu unterdrücken. Ich würde Dinge tun müssen, die entgegen meinen eigenen Moralvorstellungen waren.

Carina wandte sich von mir ab und ging zu der vergoldeten Frisierkommode. Dort hob sie etwas auf und legte es in eine hölzerne Schachtel.

Neugierig erhob ich mich und ging auf Carina zu. Bevor sie die Schachtel schloss, legte ich zwei Finger auf eine goldene Halskette mit blutroten Rubinen. „Hübsch“, kommentierte ich. Dabei achtete ich bei Frauen nie darauf, womit sie sich schmückten. Für mich war Schmuck kein Symbol für Reichtum, sondern ein Beweis der Ausbeutung der Menschen.

„Ja, es ist wunderschön. Ich habe es vorhin gereinigt und dachte, es würde mir gut stehen.“ Carina schloss den Deckel und reichte mir die kleine Schmuckschatulle. „Gib es der Prinzessin. Es ist immerhin der Schmuck der Königin, und sie wird morgen gekrönt.“

Ich nahm Carina die Schachtel ab und atmete erleichtert auf. Sie hatte es besser aufgenommen als angenommen. Es war bestimmt nicht leicht für sie in dieser Situation. Immerhin hatte sie bis eben geglaubt, bald selbst die Königin zu werden, obwohl ich bisher kein Wort darüber verloren hatte. Aber die Tatsachen, dass sie in diesen Gemächern war und ein Kleid der verstorbenen Königin trug, sprachen eine deutliche Sprache.

Wir hatten in den letzten fünfzig Jahren unserer Liebschaft nie ein Wort darüber verloren, dass wir einen Blutschwur eingehen wollten, obwohl sie durchaus eine gute Partie wäre. Wir wollten das Leben geniessen, ohne Zwänge, ohne Regeln. Es war immer unkompliziert mit Carina und sie forderte nie etwas. Nichts Übertriebenes zumindest. Andere Frauen hätten nach fünfzig Jahren gewiss den heiligen Bund gefordert. Es wäre nur gerecht gewesen, wenn sie an meiner Seite zur Königin gekrönt worden wäre. Und Carina hatte das offensichtlich genauso empfunden.



Ich zog Carina wieder zum Sofa, hob sie auf meinen Schoss und griff ihr in den Nacken. Meine Lippen prallten auf ihren Mund und so nahm ich mir endlich, wonach mein Körper so sehr verlangte, zeigte Carina aber im selben Zug, dass sie mir, nur weil sie nicht meine Königin würde, nicht weniger bedeutete.

 

Nachdem ich mich endlich erleichtert hatte, zog ich mich wieder an, nahm das Schmuckkästchen und ging zu Leeander, um ihn über die nächsten Schritte zu instruieren. Meine Pläne hatten sich nicht geändert, nur ein wenig verschoben. Ich würde morgen zwar nicht vom Hohepriester zum König gekrönt, dafür aber von Aurelie. Aber das Ergebnis war dasselbe.

Die restlichen Stunden bis Mitternacht verbrachte ich damit, mich auf den neuesten Stand zu bringen. Es waren einige der befreiten Sklaven verzweifelt zurückgekehrt und arbeiteten wieder im Schloss. Zudem halfen die Diener, die ich aus meinem Fürstentum mitgebracht hatte, tatkräftig mit. Die Leichennahme der Grigoroi, die seit dem Ableben der Königsfamilie nach und nach dem Tode zum Opfer fielen, wurden entfernt.

Es war ruhig in den Gängen geworden. Nichts erinnerte mehr an das geschäftige Treiben, das hier vor wenigen Tagen noch geherrscht hatte. Dennoch war die Stimmung mehr als angespannt. Die Menschen hatten immer noch Angst und ich konnte es ihnen nicht verübeln. In ihren Augen lag eine ungewisse Zukunft vor ihnen. Sie sahen ihr kurzes Leben aus ganz anderen Augen. Ich hingegen nahm es hin, dass die ersten Jahrzehnte schwierig und chaotisch werden würden.

Ich betrat meine Gemächer und steuerte direkt das Schlafzimmer an, in dem sich Aurelie mittlerweile einquartiert hatte. Ich erblickte Emili und Aurillia, die ich mit einer Geste sofort aus dem Zimmer jagte. Danach wandte ich mich Aurelie zu und streckte ihr eine Hand entgegen.

„Komm, ich möchte dir etwas zeigen.“

Ich konnte beobachten, wie sich ihr Kehlkopf hob und wieder senkte. Seit meinem unangekündigten Eintreten war sie wieder einmal gespannt wie die Seiten einer Laute. Ihr Blick blieb einen stillen Moment auf meiner dargebotenen Hand ruhen. Dann streckte sie ihre kleine Hand zittrig aus und ergriff meine, die im Gegensatz so unglaublich viel grösser wirkte.



Bei den Göttern, sie war wirklich noch ein Kind! Ausserdem war ihre Haltung gebeugt, ihren Kopf hielt sie gesenkt und ihr Blick war zu Boden gerichtet. Innerlich konnte ich nur den Kopf schütteln.

Langsam führte ich sie zu der gläsernen Tür, die zum Balkon hinausführte. Dabei legte ich sachte eine Hand auf ihre Schulter. Wieder spürte ich das Verlangen, sie zu beschützen und zu behüten. Verflucht! Schnell sah ich hinauf in den Himmel. Meinen Leitstern fand ich sofort und streckte eine Hand danach aus. „Sieh hoch. Da oben leuchtet Ora-Fides. Der Hohepriester meint, dass die Sterne heute besonders günstig stehen. Auch deiner.“

Ich riss den Blick vom silbernen Stern los und deutete auf den Roten, der diese Nacht besonders nahe an Ora-Fides stand. „Dort ist Ignis-Robur. Siehst du? Beide Sterne berühren sich fast. Es ist selten, dass sie sich so nahekommen.“ Ich senkte den Blick und sah, dass Aurelie hinauf in den Himmel schaute. In ihren Augen konnte ich die Reflexion der beiden Sterne sehen, silbern und rot. „Du wirst heute den Blutschwur mit mir eingehen, Aurelie. Morgen wirst du mich zu deinem König krönen oder ich schwöre dir, dass du dir den Rest deines Lebens eine Zelle mit Ashur teilen wirst!“

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